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Der Israelit · 1909-08-19 · Heft 33 (19.8.1909) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 33 (19.8.1909)
Date
1909-08-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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--^v -.ft-? •■ Gelte 1 fft. 88. dernden Massen geöffnet bleibe, haben ein Interesse daran, dieses möglicherweise erst in seinen Anfängen begriffene Mißtrauen überwinden zu helfen. Das kann unseres Erachtens weder nach der Methode der „Alliance Jsraelite" geschehen, noch nach derjenigen der zionistischen Parteipresse. Die erster« scheut sich nicht, durch zweideutige Wendungen und in Form der üblichen Selbst-Beräucherung dem Verdacht gegen die Loyalität der zionistischen Politik immer neue Nahrung zu geben. Wenn die zionistische Presse darüber in Wut gerät, so ist das ihr gutes Recht, und unsere Sympathien stehen in diesem Falle völlig auf ihrer Seite. Wir halten es aber andererseits auch nicht für taktisch klug, wenn von Zionistischer Seite da- Bemühen obwaltet, die eigene Politik nun ä tont prix als Ausfluß durchaus einheitlicher und geradliniiger Gedankengänge, als die verkörperte Konsequenz darzustellen. Man sollte vielmehr offen und ehrlich bekennen, was doch nicht geleugnet werden kann, sollte darauf Hinweisen, daß gegenüber dem verrotteten alten türkischen Staatswesen der Gedanke einer jüdischen Autonomie außerordentlich naheliegend und berechtigt war, daß aber mit den veränderten Verhältnissen naturgemäß grundstürzende Aenderungen der eigenen politischen Anschauungen auch im Lager des Zionismus Platz greifen mußten und Platz gegriffen haben. Die Zionisten sollten ohne Bedenken den sogenannten politischenZionismus für abgetan erkären und ausschließlich die wirtschaftliche und humanitäre Seite ihrer Palästina-Arbeit auf den Schild erheben. Ein solches Vorgehen würde unseres Erachtens von dem schwerwiegenden allgemeinen Interesse der Palästina-Freunde selbst dann verlangt werden, wenn unter den zionistischen Massen dadurch eine gewisse Ernüchterung Platz griffe. Das ist aber unseres Erachtens nicht eineinmal zu befürchten. Die Hoffnung auf Wiederaufrichtung des jüdischen Staates auf dem Wege praktischer politischer Arbeit ist selbst im dunkelsten Ghetto des AnsiedelungsrayonS heute ja ohnedies längst nicht mehr vorhanden. Dennoch aber lebt mächtig und ungebrochen in Hunderttausenden die von der unsterblichen jüdischen Gotteslehre tief ins Herz gesenkte Liebe zum HeiligenLande fort, und dieses ideale Moment, in Verbindung mit der Aussicht, auf heiligem Boden eine menschenwürdige wirtschaftliche Existenz zu finden, wiegt tausenofach schwerer und ist praktisch auch tausendmal wertvoller als die leeren Illusionen, unter deren Einfluß in der Kindheit des Zionismus arme jüdische Witwen ihre letzten Kopeken zur Wiederaufrichtung der jüdischen Staatsherrlichkeit in die Schekelkaffen trugen. Wir zweifeln nicht daran, daß unter dem Drucke der politischen Entwicklung diese „Oekono- . f,T ' misierung" des Zionismus und' die Abstreifung seiner politischen Ideale sehr rasche Fortschritte machen wird,- je rascher jedoch die Notwendigkeit dieser Entwicklung in das Bewußtsein der leitenden zionistischen Kreise tritt, desto besser für die Gesamtheit und, wie wir glauben, auch für den Zionismus selbst. Ist die oben entwickelte Auffassung von der politischen Situation in der Türkei richtig, dann scheint uns — neben den zionistischen Körperschaften — gerade in diesem Augenblicke eine Organisation zeitgemäß zu sein, die in den letzten Wochen nach langem Stilleben wieder einmal an das Tageslicht getreten ist, und die bei tatkräftigem Vorgehen jetzt wie keine andere berufen wäre, alle Palästinafreunde um ihre Fahne zu sammeln: Wir meinen die „Allgemeine jüdische Kolonisationsorganisation", von der wir in der vorigen Nummer einen Bericht veröffentlichen konnten. Ohne die lästige Erbschaft einer politischen Vergangenheit kann diese Organisation mit ruhigem Gewissen ihren rein wirtschaftlichen Charakter behaupten und infolgedessen nicht nur in allen Kreisen der Judenheit Hülfsquellen sich erschließen, sondern auch der türkischen Regierung gegenüber, sobald die genügenden finanziellen Mittel beschaffen sind, als eine verhandlungsfähige und unverdächtige Macht auftreten. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie viel aussichtsvoller die religiöse Entwicklung der nach Palästina einwandernden Juden gegenüber dem Schicksal der amerikanischen Einwanderung ist, so scheint es uns Pflicht gerade der gesetzestreuen Kreise zu sein, ungeachtet aller Schwierigkeiten das Ihrige zu tun, um in möglichst großer Zahl gute, von jüdischem Geiste erfüllte Elemente aus dem ungastlichen Boden Rußlands ins Heilige Land zu verpflanzen. Hoffen wir, daß es den Bemühungen der AJCO gelingen wird, für diese Zwecke bedeutendere Mittel flüssig zu machen, als dies bisher der Fall war. KochmrvnWa». Jüöifdie Flfifchetien. Das soeben erschienene statistische Jahrbuch des Deutschen Reiches für 1909 bringt, wie gewohnt, auch eine Tabelle über das Religionsbekenntnis der Eheschließenden. Wir stellen die dort für 1907 gegebenen Ziffern mit den von uns 19 August'^,» s. Z. gebrachten Ziffern für 1906 zusammen. Es ergibt sich dann Folgendes: Es heirateten jüdische Männer: Bekenntnis der Frau: anderes Zahl der jüdisch, evangel., kathol., christliches Mischehen 1906 Bekennt«, insgesamt. i. Ganzen 4520 4080 330 87 18 485 1907 i. Ganzen 4546 4052. 389 84 21 494 Während also die Zahl der heiratenden jüdischen Männer nur um 26 zunahm, vermehrte sich die Zahl der Mischehen um 59! Bezüglich der jüdischen Frauen ergibt sich Folgendes: Es heirateten jüdische Frauen: ihre Männer waren anderes Zahl der jüdisch, evangel., kathol, christliches Mischehen 1906 Bekenntn. insgesamt 1 4080 297 90 22 410 4490 1907 * 4052 305 96 19 4 60 4472 Hier haben wir sogar eine Abnahme in der Zahl der Eheschließenden und trotzdem eine Zunahme der Mischehen! Zur besseren Veranschaulichung geben wir die obigen Ziffern nochmals in Prozent umgerechnet,- es ergibt sich dann Folgendes: Bon je 100 jüd. Männern heirateten jüd. Frauen Frauen christl. Bekenntn. 1906 . . 90,37'/° 9,63°/° 1907 . . 89,15°/° 10,85°/» Von je 100 jüdischen Frauen heirateten jüd. Männer Männer christl. Bekenntn. 1906 . . 90,87°/. 9,131. 1907 . . 90,6°/° 9,39'/» Es ist ein trauriges B ld, das diese wenigen Ziffern entschleiern. Eine langsame aber stetige Zunahme der Mischehen mit der sicheren Aussicht, daß *U der aus diesen Ehen hervorgehenden Kinder dem Judentum für imrner verloren gehen. Nehmen wir die ebenfalls feststehende Tatsache der ebenso stetig abnehmenden Fruchtbarkeit der rem jüdischen Ghen hinzu, so eröffnet sich für die Zukunft eine trübe Perspektive. Vielleicht aber haben diese Ziffern auch ihr Gutes,' wenn unsere Brüder von der neologen Seite sie aufmerksam ansehen, so kommen sie vielle cht zu dem Entschluß in Zukunft ihre Zeit und ihre Kraft weniger dem Kampfe gegen die „Hyper"- oder „Ultra"-Orthodoxie — mit der „Orthodoxie" allein tun sie es ja schon lange nicht mehr! — Der Grundstein des Gotteshauses. Rede gehalten zur Grundsteinlegung der Synagoge zu Kiel, von Oberrabbiner Dr. Lerner in Altona. Soeben sind die Psalmverse erklungen: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so mühen sich vergebens die daran bauen:" Im Anschluß an diesen Bers bemerkt einer unserer Erklärer, daß „das Fundament der Frömmigkeit und die Wurzel des Gottesdienstes, das Bewußtsein von des Menschen Bestimmung auf Erden bildet." Von einer Wurzel und einem Fundament sprechen unsere Weisen. Me Religiosität, welche Eltern frühzeitig in ihrer Kinder Gemüt geweckt, ist gleichsam eine Wurzel, die in den Schoß eines fruchtbaren Bodens gepflanzt, unter den natürlichen Einwirkungen von Sonnenschein und Regen, von s e l b st sich entwickelt, allmählich aus sich s e l b st, durch eigene innere Triebkraft Stamm, Zweige und Früchte hervorbringt. Dieser Wurzel vergleichbar ist der innere Drang, der unter glücklichen Verhältnissen sich zu einer Feuerkraft entwickelt, die uns innerlich durchglühend anspornt, und antreibt, Gutes und Großes im Dienste Gottes und der Menschen zu schaffen. In einer anderen Hinsicht ist diese Religiosität mit einem Fundament zu vergleichen, auf welchem der Bau sich nicht von selbst erhebt, sondern unaufhörlicher Tat bedarf, all der unermüdlichen Arbeit, durch welche Stein an Stein gefügt wird, bis der himmelanstrebende Bau vollendet dasteht! Die Erkenntnis unserer Pflichten ist gleichsam nur ein Fundament, auf welchem der Ban der sittlichen Vollendung nicht von selbst ersteht, sondern nur durch unermüdlich wirkende Kraft, durch täglich sich erneuernde Arbeit an uns selbst aufgeführt werden kann. Der erste Stein, der heute in den Schoß der Erde gesenkt wird zum Fundamente eines Gotteshauses, legt Zeugnis ab von den Mühen und Sorgen und Opfern, welche die Mitglieder, vor allem der Vorstand dieser Gemeinde nicht gescheut, um hier eine dieser aufblühenden Gemeinde wiirdige Stätte zu errichten, in welcher der Name Gottes gepriesen und sein Wort verkündet werden soll für alle Zeiten! Indem wir heute das frohe Fest der Einweihung begehen, drängt sich uns die Frage auf: was ist das geistige Fundament, auf dem dieses Gotteshaus stehen soll? Welches ist die Idee, .deren Verwirklichung all Ihre Mühen, Sorgen und Opfer gelten? Ist es das Gesetz der Gerechtigkeit, von welcher unsere Synagogen selbst in den finsteren Zeiten des Mittelalters wiederhallte, in weicher die Lehre ertönte: '131 P|mn „Du Israel, ob man auch noch so ungerecht gegen dich verfährt, erstrebe Gerechtigkeit, Gerechtigkeit erstrebe ohne Unterschied ob Juden oder Nichtjuden gegenüber!" So mannigfällig auch die Vorschriften über Gerechtigkeit sind, beherzige Israel: es gibt nur eine Rechtschaffenheit, eine Ehrenhaftigkeit, die wir jedem Menschen gegenüber zu betätigen haben? Ist die Lehre der Nächstenliebe, von der die Weisheit der alten Völker nichts ahnte, die Israel zuerst der Welt verkündet, die Grundlage unseres Gotteshauses? Soll hier gepflegt werden die wahre Humanität, die nicht nur im ursprünglichen Sinne dieses Wortes die Eigenschaft eines höflichen Menschen bezeichnet, der gegen Niemanden Streit führt und in jeder Weise entgegenkommt, sondern die wahre Humanität, die jeden Menschen als Menschen lieben, im hilflosen des Menschen. Recht, im Sklaven des Menschen Freiheit, im Verbrecher selbst des Menschen Würde und dem Tiere ein Mitgeschöpf achten lehrt? Ist es die Förderung dieses herrlichen Gutes, durch welches Israel die Menschlichkeit bereichert, Zweck dieses ^nses? Oder heißt das Fundament, das wir heute gelegt, Vertrauen zum Allliebenden, der durch seine unsichtbare Hand uns ins Gotteshaus führt, durch sichtbare Freuden und Schmerzen, die sie uns bereitet? Sollen wir hier für Segnungen danken, die Gottes Güte uns gewährt? Sollen Lieblinge unseres Herzens an die Thorarolle herantreten. Gott preisen für die Lehre der Wahrheit, die er Ihnen offenbart oder bei schmerzlichen Geschicken Knie und Herz vor dem unfaßbaren Ratschluß beugen, rufend: Erhaben und verherrlicht werde Gottes Name und den tröstlichen Ruf der Gemeinde vernehmen: '131 "p3ü

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