Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1909)
- Date
- 1909-08-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449385--65762-2508418- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gelte 4 12, August 1*09 »ft SVSnrttt «t. 82 Herr Polizeichef erwies sich gleich vielen anderen seiner Gesinnungsgenossen als „ein Teil jener Kraft, die das Böse will, und das gute schafft," indem seine perfiden Verleumdungen eine von fachmännischer Seite eingeleitete eingehende statistische Untersuchung veranlaßten, die das überraschende Resultat ergab, daß die Juden, die durchschnittlich 10 Prozent aller Einwanderer ausmachen, sowohl in den Wohltätigkeitsanstalten wie in den Irrenhäusern und Strafanstalteu mit einen! nur ganz geringen Prozentsätze vertreten sind. Diese fatale Statistik, die die Wahrheitsliebe des Herrn Polizeichefs so offen an den Tag legte, und seine Stellung arg ins Wanken brachte, .führte letzen Endes zu seinem Sturze. Umso schmerzlicher muß es aber doch berühren, daß die von ihm ausgestreuten Saaten noch fortwuchern und Blüten zeitigen, die in einem Kulturlande wie die „Vereinigten Staaten Amerikas", sich einer liebevollen Pflege erfreuen — und zwar nicht allein in den Kreisen der Reaktionäre, sondern auch in denen der freien auf demokratischer Unterlage basierenden Arbeiterorganisationen. -!-->g "-M. .. - l'"- neue Wissenschaft — alte lvadrdeit. Der wissenschaftliche Jahresbericht der Zeitschrift der Morgenländischen Gesellschaft über die Alttestamentlichen Studien des Jahres 1907 enthält mancherlei, was für uns als Juden von Interesse und Wert ist. Ich teile einiges davon teils im Wortlaut teils inhaltlich mit. In einem Artikel über den Wucher bei den Hebräern betont der Berliner Universitätsprofeffor Strack, „daß die alttestamentlichen Ausdrücke rv>2">D und iY2->n statt wie häufig mit „Wucher" mit „Z i nL" zu übersetzen sind." Das ist für uns natürlich nichts Neues. Zum Schluß spricht Strack es als seine Ueberzeugung aus, „daß wirklich orthodoxe Juden" an dem spruchwörtlich gewordenen Wucher „verhältnismäßig wenig beteiligt sind." Auf Grund einer von Professor Graßmann Berlin veranstalteten Uebersicht über die modernen Palästinaausgrabungen wird als wichttges Ergebnis festgestellt, daß es mit dem „inschriftlich" bezeugten Monotheismus der Kananäer zur Zeit der Einwanderung Israels — wie vorauszusehen — nichts ist. Für die Kultur- und Religionsgeschichte Palästinas folgt aus den Funden (bei den Ausgrabungen in Megiddo, wobei acht Bauschichten,' die älteste um ca. 2500 v. d. g. Z. sich ergaben), daß bis zum 9. — 8. Jahrhundert der ägyptische Einfluß . . . vorherrschte, während der babylonische Einfluß (erst!) seit der 5. und 6. Bauschicht kräftiger einsetzt. Mit - dem seit ca. 2500 ganz Palästina nach manchen Keilschriftgelehrten beherrschen sollenden Panbabylonismus ist es also nichts." Einen kräftigen Vorstoß gegen die übliche Behandlung der Vorgeschichte Israels unternimmt Professor Erdmans: Die Patriarchengeschichten sind keine abgeblaßten Mythen (man denke an Jensen und sein Gilgamischepos!!), sondern die Personen der Patriarchen sind historisch rc. Man sieht auch hier, wie gegen die Wahnvorstellungen der Hypothesenschmiede eine gesunde Reaktion auf wissenschaftlicher Grundlage in erfreulicher Weise nachdrücklich einsetzt. So kommt auch der durch seine Ausgrabungen bekannte Sellin zu dem Ergebnis, „daß der alttestamentlichen Religion ihre Ueberlegenheit über die anderen Religionen gesichert werde. Sellin fühlt sich mit diesem Ertrage im Gegensatz zu den Anhängern WellhausenS." Sehr interessant ist, daß der Grammatiker und Bibel- Übersetzer Kautzsch, die in wissenschaftlichen Kreisen herkömmlichen Erklärungen von roR2X Ti vorwerfend, diesen Begriff erklärt als „den Gebieter und Ordner des Weltalls im anzen wie im einzelnen." Damit gelangt ieser Gelehrte in die Nähe der uns längst durch S. R. Hirsch geläufigen Fassung: „seineHeere, als von ihm geordnete, von ihm befehligte, von ihm gelenkte und geleitete Wesenschar, in seiner sie alle zu ihrem Heilesziele, liebend führenden Waltung" (Kommentar zu Pf. 24, 10). Nicht minder nähert sich der amerikanische Gelehrte Haupt dem richtigen Verständnis des Wortes K'2J, indem er zu dem Ergebnis kommt, das Wort bedeute nicht Vorhersager, sondern Verkünder. Man vergleiche dazu Mendel Hirschs (Die zwölf Propheten S. 4.) Ausführungen, wonach ^22 vor allem den Verkünder des Gotteswortes bedeutet. In glühender Begeisterung preist Haupt unsere Propheten. Wenn es auch unsere Anschauungsweise nicht ist, so mögen seine Worte doch hier Platz finden: „The early Hebrew prophets were no theologiana bnt patriotspatriot poets und national, social, ethical, religious reformers like connt Tolatoy. Er vergleicht sie ferner mit Heraclit, Parmenides, Augustin, Giordano Bruno, Rousseau, Carlyle. Mit dem Judentum in der Zeit nach Alexander dem Großen beschäftigte sich St aerk. Trotz aller Einflüsse sei, betont er, der Jude doch überall im wesentlichen Jude geblieben. „Er hatte seinen Halt an dem väterlichen Gesetze, dem Gottesdienst und der Anerkennung Jerusalems als geistigem Zentrum. Der Monotheismus, das Moralgesetz und der Vergeltungsglaube wurden die tragenden Fundamente und die Werbekräfte für Anhänger unter den Heiden." So erkennt Staerk im Judentum die Voraussetzung für das Christentum. Durch diesen Ueberblick dürfte gezeigt sein, daß, wo die moderne Wissenschaft ohne Voreingenommenheit die Dinge prüft, sie häufig zu uns längst vertrauten Ergebnissen gelangt. _— n — Abraham Seigers religiöser Charakter. Bon Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. (Schluß.) . Jedes kommentierende Wort würde die Wirkung, die diese Adresse auf den unbefangenen Leser ausübt, abschwächen. Eine groteske Illustration dazu bildet ein Brief, den Geiger ein Jahr vorher an Deknburg gerichtet hatte, in welchem seine wahre Herzensmeinung über das Judentum zum Ausdruck kommt. Geiger hatte keinen Glauben an die Zukunft des Judentums und kein Vertrauen zu ihm. Es fehlte ihm die innere, einheitliche Ueberzeugung, daß das Judentum etwas Lebensfähiges sei. Das Christentum schien ihm geeigneter, die Religion der Zukunft anzubahnen. Dies spricht er unumwunden in seinem Brief an Dernburg (20. Juli 1841 A. Z. d. I. 1896, S. 320 f) aus: „Dies eben ' agt an mir, daß ich nicht den Glauben habe, aus dem Judentum könne ein wahrhaft vollquellendeS, die Geister durchdringendes und beherrschendes Lebendiges erstehen, und so wäre alle Bestrebung in ihm eine außerhalb deS strömenden Leb nsprozeffes fich bewegende und höchstens dazu geeignet, daß man die bischerigen Mitglieder desselben zu diesem Lebensprozefse htnführe, wo fie dann aber, von dessen Bewegung ergriffen, fich nun ganz und gar dem Judentum, als einem in diesem Prozeß nicht eingehenden Dinge, faktisch ober doch innerlich entziehen.... Du ftagst mich aber vielleicht, warum ich denn das Zutrauen in das Judentum eingebüßt habe, ob diese Verzweiflung an einer lebensvollen Zukunft desselben nicht vielmehr einer subjektiven Hypochondrie alS einer objektiven Erkenntnis entspringt? Die Beantwortung dief er Frage würde mich zu wett führen, daher nur kurz dieses: daS Judentum hat bet seiner Grundwahrheit von der GotteSetnheit, bet seinen edlen fittlichen Bestandteilen, teils durch nationale Einschränkung, teils durch zu starkes Hervorheben der Zeremonien niemals ein volles religiöses Leben entfalten, niemals fich an die Spitze der religiösen Erkenntnis stellen könnenes hat gewissermaßen große tote Schätze, die von einer andern Hand gehoben werden müssen und dann ihren Reichtum den erstaunten Blicken zeigen. DaS Christentum hat bei seinen Grundtrrtümern, von der Dreieinigkeit, dem stellvertretenden LeidenStode und dergl. teils durch die ihm gegebene Bestimmung für die ganze Welt, teils durch den Nachdruck, welcher auf die innere Entwicklung des Menschen gelegt wird, den Glaubm, die Liebe usw. ein vollpulfierendeS religiöses Lebm in fich getragen und bald auch die gesamte religiöse Entwicklung repräsentiert. Es rechnet Sand zu seinen Schätzen und hat diesen alS hohen Schatz verwandt, aber er kann als Sand erkannt und ausgeschieden werden, Israels" (Tosefta Xetbub. VII. 6). „Der ist ein Bösewicht, der es gleichgiltig mit ansieht, wie seine Frau mit entblößtem Haar auf die Straße geht, wie sie auf der Straße am Rocken spinnt und mit anderen Menschen zusaminen badet. Von einer solchen Frau ist es Pflicht, sich zu trennen." (Doseft. 8ota V, 5.) Ja, der Talmud findet den Gedanken, daß eine Frau mit fremden Männern zusammen baden sollte, so ungeheuerlich, daß man nach einer anderen Auslegung des Tosefta - Ausdruckes sucht. Ebenso kommentieren die Tosaphot: es ist ja garnicht denkbar, daß R. Mei'r ein Baden mit fremden Männern habe verbieten wollen; denn das würde ja auch ohnedies kein Ehemann von seiner Frau dulden, ganz abgesehen davon, daß es auch die allerleichtfertigste Frau i"6^) nicht tun würde. Das Baden an Stellen, wo die badende Frau von andern Menschen beobachtet werden kann, soll durch R. Meirs Verbot getroffen werden ((Gittin 90b). In dieser Form zitiert den Ausspruch auch der Midrasch (Numeri rabba IX 12). In den nachtalmudischen Gesetzessammlungen des Maimonides und des Schulchan aruch findet sich diese Bestimmung nicht mehr, obgleich die gemeinsamen Bäder niemals ganz aufgehört haben, und in Baden in der Schweiz z. B. noch im 15. Jahrhundert Männer und Frauen gemeinsam den ganzen Tag in dem heilsamen Wasser zubrachten. Waren unsere Rabbinen anderen Sinnes geworden? Sicherlich nicht: sicherlich war das Gesetz nicht mehr nötig, weil die Frauen selbst es als einen Hohn empfanden, daß sie, deren Züchtigkeit es nicht duldete, daß die Balken ihres Hauses ihr Kopfhaar sahen, nun sich von Jedermann aus nächster Nähe im Badekostum begaffen lassen sollten, weil, um mit den Worten der Tosaphot zu reden, selbst „die allerleichtfertigste Frau" das nicht jfc&foftjlfei.?«.,». -S -a -rmehr tat. Wie die .Halacha über die „Badekostüme" denkt, braucht hier nicht gesagt zu iverden. Aber bedarf es denn ausführlicher Beweise und Gesetze? Ist denn das Empfinden für das alte jpljrJiC/ auf das wir mit Recht so stolz sind, den jüdischen Frauen der Neuzeit abhanden gekommen? Bei manchen scheint es fast so. Medicus. Reisebriefe aus der Schweiz. IV. Heimweh-Gedanken dominieren seit mehreren Tagen so stark in meinen Entschlüssen, daß nicht einmal der Anblick der gigantischen Gebirgswelt, die, im bezaubernden -Schimmer des Alpenglühens, wie von einem purpurnen Mantel umflossen erscheint, sie gänzlich zu unterdrücken vermag. „Des ganzen Lebens Honigseim liegt in dem einen Wort Daheim!" hat ein Tourist in schnellem Vorübergehen an eine Sennhütte gekritzelt, und er hat Recht. Aus allen .Herrlichkeiten und Reizen strebt der Mensch zurück in die Kreise, die ihm lieb und vertraut geworden sind durch den täglichen und stündlichen Verkehr, in dem Moment des Friedens und Leids, seit den Tagen, da — um mit Goethe zu reden — „der Jugend schöne Flamme ihm das Haupt umlodert." Auch kehre ich in dem beruhigenden Bewußtsein zurück, auf meiner Wanderung in den lieblichen Schweizerbergen einen guten alten Bekannten wiedergefunden zu haben. Dieser ist niemand anders als ich selbst, meine nach Ruhe und Erfrischung lechzende Seele. Immer und immer wieder protestierte fie gegen die privilegierte Stellung ihres schwächeren Gefährten, des zerbrechlichen Körpers, aber der zermürbende Konkurrenzkampf des Lebens hat auch die machtvollsten Einwendungen entkräftet. In beschaulicher Ruhe, emporgctragen aus einer von dickem Geschäftsstaub umwirbelten Atmosphäre, singt die Seele ihr geweihtes Lied VL2 |12IPn nannten eg sinnig unsere Weisen sel. And., und sie meinten damit einen sich selbst abzulegenden Rechenschaftsbericht, eine unbarmherzige Selbstkritik. Sie tut uns ja heute mehr als je so bitter not. Wenn all die vielen Naturfreunde, welche alljährlich im Rausche des Entzückens die Alpenbcrgr -erklettern, einer gründlichen, vorurteilslosen Beobachtung ihres seelischen Verlangens, mit andern Worten, den Anforderungen des wunderbaren, durch Gottes Güte und Weisheit geregelten jüdischen Pflichtenlebens nur halb soviel Aufmerksamkeit schenken möchten, wie der Restaurierung ihres körperlichen Befindens, so wäre damit unendlich viel gewonnen. „Ein Tag kann eine Perle sein, und im Jahrhundert nichts!" sagt der große Schweizer Gottfried Keller. Doch ich will nicht länger verweilen. Ellul-Töne sind in der Ferne vernehmbar, die schreckend und sänftigend zugleich das Herz berühren, weil sie die heiligsten Gefühle in der Menschenbrust erwecken: Die Tschuwo, Rückkehr zu Gott, der Stätte unseres Ursprungs. — In raschen Schritten besteige ich die Bahn, die talwärts-zieht, zurück zur Sorge des Tages. Der Vierwaldstättersee präsentiert sich noch einmal in seiner ganzen unbeschreiblichen Schönheit, als wollte er mir den Abschied recht schwer machen. Er ist in einen sanften blauen Schleier gehüllt, eingewebt sind von Gotteshand die goldenen Linien sonniger Pracht. Im idyllischen Luzern, das von internationalem Gewoge erfüllt ist, drängt es mich doch zu kurzem Verweilen. Ich betrachte mit schnellen! Blick