Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1909)
- Date
- 1909-08-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 81. 5. August 1909. ~ London. 23. Juli. Die Probevorträge für den bei der „Federation ol Synagogues“ zu besetzenden Posten eines Oberrabbiners, der auch seinerzeit im „Israelit" ausgeschrieben war, begannen diese Woche. Die Gesuche für diesen Posten^ waren in außerordentlich großer Zahl von allen Richtungen der Windrose eingelaufen, doch wurden vorläufig nur zwei Kandidaten zum Probevortrag berufen. Der erste dieser Herren, Dr. Seliger aus Krakau, hielt am Sabbat und Montag abends vor großer Zuhörerschaft in der Philpot Street-Synagoge sein» Probevorträge, die groß angelegt und zumeist in der in dem hiesigen East-End - Publikum am meisten verständlichen jüdischen Jargonsprache gehalten waren. Beide Reden waren in gesetzestreuem Sinne gehalten, und wie ich aus den hier erscheinenden Jargonzeitungen entnehme, wurden dieselben vom East-End - Publikum beifällig ausgenommen. Der zweite Berufene war der Rabbiner M. Duschinskv aus Rakospalvta bei Budapest, der am Dienstag den 20. unb am Mittwoch den 21. in derselben Synagoge sprach. Zu seiuenl am Dienstag gehaltenen Bortrage war Lord Swaythling-Montagnee, der allbekannte, gesetzestreue Präsident der .Federation of Synagogues'4, erschienen. Der Redner behandelte in der ersten Rede in schöner, hochdeutscher Sprache die hohen Aufgaben eines niirklich gesetzestreuen Führers in Israel und wodurch er seinem Wirken den Erfolg sichern kann. Der zweite Vortrag, der in dem in Ungarn üblichen Jargon gehalten war, fand ebenfalls B ifall, wurde, aber von der hiesigen russisch-polnischen Jargonpresse als „galizianisches Deutsch" bezeichnet. Es scheint, daß die maßgebenden Kreise der Federation für den gewesenen Preßburger Jeschiwahjünger, Herrn Rabbiner Duschink kv aus Rarospalota, sehr eingenommen wird. Wünschenswert wäre es jedenfalls, daß diese für die Zukunft des glaubenstreuen Judentums hier so wichtige Stellung von einem Manne besetzt iverde, der für die Interessen der pnifl mit ganzer Kraft wirkt. I. L. Melilla, 2.'). Juli. Unter den hier aus dem Rifgebiet eingetroffenen Flüchtlingen befinden sich auch viele Juden, die berichten, daß ihre Glaubensgenossen unter den Unruhen und dem Schrecken des Krieges ungemein viel zu leiden haben. vereinsamen. Hamburg, 28. Juli. Der „Verein zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer K i n d e r" (Ferienkolonien) hielt eine Versammlung unter Vorfitz des Herrn L. M a t h i a s o n ab. Der Vorsitzende wies darauf hin, daß auch diesmal das dem Verein gehörende Seehvspitz in Duhnen bet Cuxhafen sehr stark in Anspruch genommen sei, sodaß nur noch in der letzten am 15. August beginnenden Kurperiode für etwa 20 Kinder Platz vorhanden sei. Nachdem kürzlich zu Beginn der Sommerferten 150 Kinder Aufnahme gefunden haben, werden auch in diesem Jahre in der dreimaligen Kurperiode von Juni bis September an 340 schwache Kinder dort einen je vierwöchigen Aufenthalt gefunden haben. Wie der Vorsitzende weiter mitteilte, plant der Verein die Errichtung eines zweiten Hospizes in einem Solbade. Cassel» 2. Aug. Der hiesige „Verein für israelitische Armenpflege" versendet soeben seinen Bericht für das letzte Geschäftsjahr und zeigt seinen Mitgliedern und Gönnern ein erfreuliches Bild sozialen Wirkens. Die Jahresein nähme betrug 13,162 Mark 15 Pfg. Zu dieser Summe steuerten 380 Mitglieder bei, die israelitische Gemeinde 1000 Mark und der Krankenpflege-Verein 500 Mk. Ausgaben waren in der Höhe von 12,870 Blk. 93 Pfg. zu leisten) hiervon erhielten 1930 Durchreisende 4392 Mark 50 Pfg., auswärtige Arme 3124 Mk., hiesige Arme 2136 Mk. 4v Pfg. Die Arbeiterkolonie Cassel-Bettenhausen und die Kolonie Weißensee wurden mit ca. 100 Mk. bedacht. Das Vermögen des Vereins betrug annähernd 24,000 Mk. Den Vorstand des Beretils bilden die Herren: H. R u b e n s o h n, N. A b r, Friedrich, vi o f f e v, 0). :K osenzweig und H. B l u m e n t h a l. Meran, 1. Aug. Die verfloffene Saison des Kur ortes übertras durch ihre Frequenz alle vorhergehenden, was ein Beweis für das Aufblühen Merans ist. Ebenso wie die Kurverwaltung für die Errichtung jener Institute sorgt, die ein moderner Kurort verlangt, so haben auch die K ö n i g s w a r t e r st i f tu n g und der Verein „A s h l f ü r mittellose kranke Israeliten" in Meran in diesem Fahre beiviesen, daß auch sie, soweit es in den Bereich ihrer Pflicht fällt, sich ihrer Aufgaben in dem Weltkurorte Meran bewußt sind. Die Königswarterstiftung hat ihre Sorge aus die Verwaltung der Kulmsangelegenheiten gelenkt, ebenso auf den Religionsunterricht und schließlich auf die Anlage des neuen Friedhofes. Noch größer ist das Verdienst des noch ganz jungen Vereines „Asyl für mittellose kranke Israeliten", der mit erstaunlicher Kraft und Energie das großartige Genesungsheim mit an 1>0 Bitten aus dem alten kleinen Asyl mit!4 Betten geschaffen hat. Seit 26. Jänner 1909 stand das Genesungsheim in vollem Betriebe und rechtfertigt' das Vertrauen, das der Vorstand in den ärztlichen Leiter Dr. med. .M ores und Den Vorstand gesetzt hat. Es waren in den wenigen Monaten der ersten Frühjahrssaison über IM Pfleglinge aus aller Herren Länder fast alle die ganze Saison hindurch im Hause in Pflege und darf sich die Anstalt rühmen, sehr günstige Resultate erzielt zu _ Der JSraelit. haben. Das Genesungsheim wurde von illustren Persönlichkeiten besucht, welche ihm übereinstimmend ungeschränktes Lob zollten. Die Anstalt wird mit 26. September wieder den Betrieb ausnehmen. (Wer beaufsichtigte das jYnE?3? Red.) Steiubach a. Gl., 2. Aug. Am versloffenen 12N2 rotP blickte der hiesige F r a u e n v e r e i n aus fünf Dezennien segensreichen Wirkens zurück. Der Tag wurde festlich begangen und die Mitglieder des Vereins stifteten zur Erinnerung ein kostbares rO'HSi- Die Armen wurden reichlich bedacht. Personalien* König, 28. Juli. Am 2rr '7 war es ein Jahr, daß ^2ITT Rabbi Benjamin Simon Oppenheimer aus König t. O. ab berufen wurde. Aus diesem Anlaffe entrollte Herr Lehrer Fröhlich ausMtchelstadt auf dem JT3 em getreues Lebensbild dieses wackeren Mannes Sein Scheiden auS seiner Gemeinde wird auch heute noch um so schmerzlicher empfunden, als solche Jehudim, die NNSV1 nKT2 stets im Dienste 'n stehen, auch hier leider sehr dünn gesät find. Sein Andenken lebt in lehren und zum Guten anspornend fort ttn Herzen all derer, die ihm näher standen. In ktnd licher Verehrung stifteten der Sohn Julius Oppenheimer und dessen Frau aus San Salvador am Jahrzeitstage ein *13 für die Synagoge in König. Birkenau Odenwald), 29. Juli, am pm trugen wir hier einen Mann zu Grabe, der weit über den Kreis seiner Heimatgemetnde bekannt war. Herr Moses Löb war in Heidelberg, wo er sich zwecks einer Operation aufhielr, an einem tückischen inneren Leiden gestorben. Die vielen Verwandten, Freunde und Bekannten, die seine Bahre umstanden und während der Ü'v' '7 das Trauerhaus besuchten, legten beredtes Zeugnis von dem Ansehen ab, das der Heimgegangene sich zu erwerben verstanden hatte. Mehr als 30 Jahre hat er allsabbatlich, jedem 2172.121' und an den E'K*113 das Amt eines unentgeltlich ausgeübt - ein n^Bfl bV2t der sich seiner klangvollen, geschulten Stimme nie rühmen wollte, dem es aber darauf ankam, durch die uralten, ehrwürdigen B'31D erbauend auf seine andächtigen Zuhörer einzuwtrken und den Gottesdienst auch ohne die neuzeitlichen Hilfsmittel zu verschönen. Mit ihm ist ein Mann de.hingeschieden, der überall und immer die Jmereffen unserer Gemeinde wahrte, seinem ihm im Tode vorausgegangenen Bruder gleich, der jahrelang 1. Gemeindevorsteher war. Darum war die Trauer allgemein, der Schmerz so groß, alS wir ihn jetzt in unserer Trauerzeit verlieren mußten. Dem verstand auch Herr Lehrer Meyer aus Rimbach i.O. in seiner Grabrede wirkungsvollen Ausdruck zu verleihen. Brückenau, 1. August. Die hiesige israelitische Kultusaemetnde nahm dieser Tage Anlaß ihrem Lehrer Herrn D. Lehmann, für seine 3"jährige, auf Erhaltung von,-nin und nilvx gerichtete und in dieser Richtung vom glücklichsten Er,ol.qe gekrönte Wirksamkeit eine wohlverdiente — wenn auch vom Jubilar fm m gewollte — Ehrung zu bereiten. Die Verwaltung überreichte im Namen der Gemeinde dem völlig überraschten Jubilar? und seiner Gemahlin eine Dankadresse und ein kostbares Ehrengeschenk, denen noch reiche Blumenspenden und andere sinnige Ehrengaben seitens der Gemeindemitglied r folgten. Tha N, 24. Juli. In dem hohen Alter von 84 Jahren ist der Großkaufmann Abraham ^pirn von h er plötzlich gestorben. Lange Jahre warmer Verewigte ein eifriges Mitglied des Gemeinderats, wo er besonders in der Finanz- und Schulkommission mit vielem Erfolg tätig war. Als Vorstand der jüdischen Gemeinde hat er über 40 Jahre durch seinen religiösenSinn und lauterenEharakter das Vertrauen seiner Glaubensgenossen in vollem Maße besessen. Die Armen der Stadt verlieren in dem Verstorbenen einen Wohltäter, der bei den Werken der Nächstenliebe keinerlei Schranken kannte. Sein Andenken wird hier in Ehren gehalten werden. Nrteraltertbeim, 30. Juli. Herr Lehrer Joseph Wolframm in Oberaltertheim wurde zum Bolksschullehrer in Hrgenbach bei Germersheim (Rheinpfalz) ernannt Lorsch (Bergstraße), 29. Juli. Mit tiefem Schmerze erfüllte uns am 2X2 ytD die Trauerbotschaft von dem " bleben unseres teuren Gemeindemitgliedes, Herrn Leopold Oppenheimer aus Bad Loden. Wohl kam es für uns nicht überraschend, und doch war unsere Gemeinde in die größte Aufregung, in die tiefste Trauer versetzt worden, alS die Todeskmrde hier eintraf. Am 112773 war die Beerdigung auf dem großen Friedhof zu Alsbach, wo sich Juden und Christen versammelt hatten, um ihrem teuren Bruder und Freunde das letzte Geleite zu geben. Es blieb kein Auge tränenleer, als H rrr Lebt er I a f f ö in kurzen, kernigen Worten den 55jährigen Lebensweg des Heimgegangenen auSmalle. Wie der Erzvater konnte er die Jahre feines Lebens alS E'jni üpü kurz und leidvoll schildern. J"IK 2J1X „Liebe die Arbeit" war sein Losungswort. Hatten ihn die Werktage „hinaus ins feindliche Leben" gerufen, so verbrachte er den /12W im Kreise der Familie Seite 9 und der Gemeinoe. Da vergaß er nicht seinrn Gott: er nahm seinen Segen mit in die Alltagsbeschästtgung hinüberüber seinem Hause ruhte der Schein, den die beglückend' rHIXÖ auSstrahlen. Möge n"'V77 den trauernden Hintervticbenen und der Gemeinde die Fülle seines Trostes angedeihen laffen. Nagyszombat, 1. Aug. In dem hiesigen k. k. Garnisonsspital verschied diese Tage ein jüdischer Feldwebel Namens K 0 h n aus Bawrküß (Ungarn» »m 92. Lebensjahre. Kolm wurde als zwanzigjähriger Jüngling dem Heere zugeteilt, wo er es bis zum Feldwebel brachteer diente 72 Jahre treu und ununterbrochen feinem Vater lande, während welcher Zeit er manchen Feldzug mittnachte. Rabbiner Eduard Reich hielt dem Verblichenen in Ge genwart des gesamten Offizierkorps der Garnison einen tiefempfundenen Nachruf. Konstavtinopel, 2. Aug. Der israelitische Abge ordnete von Saloniki, C a r 0 s s 0 , ist zum Mali von Adana ernannt worden. Sprecdsaai. Meine Wichtigkeiten. (Wahrnehmungen an einein Badeort.» Das Essen und Trinken ist bei uns keine bloße- * M'ngensrage. II11 wenn unsere rKeligion daher auch ebensowenig eine speiseals .Hygienenreligion ist, sondern eine Weltanschauung, die altes umfaßt, was Geist, Seele und Körper in den Bereich ihrer alles versittlichenden Macht zieht, so^ erhebt sie auch dem leiblichen Geniis; ans eine höhere -stufe, um ihn zu veredeln, sogar zu vergeistigen. Wenn daher in jüdischen Zeitschriften, wie besonders in den letzten Jahren im „Israelit" häufig von jüdischen Gasthösen, Restaurants re. gesprochen wird, so hat das eine ganz andere Be Deutung, ist es von einer ganz anderen Wichtigkeit, als der Außenstehende zu beurteilen vermag. In der Erhaltung des besonders in jüdischen Speisehäusern, liegt ebenso wie in der Vermehrung jüdischer Hotels in allen vom Verkehr berührten Crtcii ein Stück unserer Zukunft. Warum und wieso? braucht Lesern jüdischer Blätter nicht weitläufig anseinandergesetzt zu werden. Leider scheinen aber gerade die Besitzer und Leiter jüdischer Restaurants und .Hotels nicht häufig von der Bedeutung ihres Berufes durchdrungen zu sein. Vielleicht deshalb nicht, weit sie ihr Geschäft als solches nicht erlernt, und großenteils nicht branchekundig sind. (Gerade hier liegt der Hase im Pfeffer, um ein nicht gerade „rituelles" Sprüchwort zu gebrauckn'n. Wenn ich nun in meinen heutigen Zeiten nur von Restaurants und vom Essen spreche, so will ich nicht schon häufig Beklagtes und Gesagtes wiederholen, sondern nur schärfer betonen, was, besonders von 0 r t h 0d 01; c r Seite aus unbedingt geschehen muß, um von der Pike auf geschulte Hoteliers heranzubilden. Solange ich keinen jüdischen Piccolo und keinen j ü d i s ch e n M c 11 » c r sehe, die nicht zufällig, sondern zielbewußt in ihren Beruf hineingekommen und hineingewachsen sind, so lange ist es. schwer. jüdische Reisende an den Gedanken zu getvöhnen, daß das rituelle Leben weder ein ungeheures Hpfer an Geld, Eomfort und Bequemlichkeit bedeute, noch auch gar einen Verzicht auf Annehmlichkeiten, die der christliche .Hotelier und Restaurateur nnnnterbrochen ersinnt, um Kundschaft anzuziehen und zu erhalten. Leute, wejche in dem törichten Glauben leben, daß sie als Kos ch c r restau r a t eu re ihren Gästen alles, das heißt möglichst wenig bieten und ihnen i h r en Willen aufoktroieren dürften, sind gerade zu für uns konservative Juden schädlich. Das aber sind eben gerade diejenigen „ Z ufa l ls restau r a t e u r e ", die da glauben, man brauche um Hotelier und Gasttvirt zu spielen, nur koscher zu kochen und koscher zu servieren, und die eben nicht ihr Geschäft auch erlernt haben. „Erster Klasse Preise, vierter Klasse Speise!" Ein Gast war es, der dies in höchster Erregung laut ausrief. Derselbe wünschte eine ihm Vorgesetzte Fleischspeise nrit einer andern zu wechseln, worauf ihm die Kellnerin erklärte, ivas einmal bestellt und serviert sei, werde nicht mehr zurückgenommen. „Schön", rief der Mann zornig, „dann zahle ich Ihnen fünfzig Pfennig Reugeld: aber in Wasser gelockten Kalbsbraten mag ich nicht essen: bringen Sie mir dafür gebratenes Huhn." Die Kellnerin lief zum Prinzipal, brachte den refüsierten Kalbsbraten zum zweitenmale, worauf der Gast das ganze noch nicht servierte Menü zahlte und mit seiner Frau den Saal verließ. Was soll man zu solchen Vorkommnissen sageu'e Ein christlicher Restaurateur hatte sicherlich klüger» gehandelt. Man rühmt nicht umsonst den Kellnern und Hoteliers (nicht den jüdischen!) große Menschenkenntnis nach. >sie erlangen diese in der Zeit in der sie ihr Geschäft erlernen, in dem ununtcrbroche,len Uutgang mit reisenden Menschen, ans allen Berufs- und Gesellschaftskreisen. Mit vollem Recht und ohne lieber treibung hat einmal ein berühmter Rechtslehrer geschrieben, Kellner und Hotelbedicnstete seien die trug sichersten Psychologen, die größten Menschenkenner.