Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1909)
- Date
- 1909-08-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 81. Der J-raeltt. Ü. August isos nehmen mit den beteiligten Departements die Aufhebung jener Bestimmungen zu erwägen, die die Juden, denen durch diesen Akt der Aufenthalt in den Kosakenreservationen gestattet wird, hieran verhindert. Diese Konzessionen sind aber,' wie bereits berichtet, nie zum Gesetz geworden. Denn die echt russischen Leute sind einflußreicher als der gesamte Ministerrat. Zur Irsge. Petersburg, 1. Aug. Eine Gruppe jüdischer Politiker in Rußland bemüht sich jetzt, im Wege von Rundfragebogen verläßliches Material über die wirtschaftliche Lage derjenigen jüdischen Familien zu erlangen, welche von der berüchtigten Verordnung Stolypins vom 22. Mai 1906 betroffen wurden. Durch diese Verordnung wurden zahllose jüdische Familien aus den außerhalb des Ansiedlungsrayons befindlichen Städten, obgleich sie in denselben jahrzehntelang gewohnt hatten, vertrieben. Das gewonnene Material soll den jüdischen Duma- Deputierten zur Verfügung gestellt werden, um auf Grund desselben in der nächsten Dumasession gegen diese Politik Stolypins mit Erfolg auftreten zu können. Wie russische Blätter berichten, hat die russische Regierung an alle Gouverneure den Befehl erlaffen, keine zionistischen Vereine zu dulden, weil, laut den Informationen des Ministeriums des Innern, die Bundisten jetzt ihre revolutionäre Tätigkeit unter zionistischem Deckmantel betreiben. Nach Ansicht des „Rjetsch" wurde die Neuerliche strenge Verfolgung des Zionismus infolge einer vollständig aus der Luft gegriffenen Denunziation des „Vereins t es russischen Volkes", daß die Zionisten mit den Revolutionären gemeinsame Sache machten, angeordnet. In der Tat gelten aber die Bundisten von je her als die bittersten Feinde des Zionismus, als Deckmantel hat er den Bundisten nicht gedient. Dagegen Dient jetzt der Bundismus der Regierung als Deckmantel zur Verfolgung des Zionismus und zur Unterdrückung des jüdischen Vereinswesens. -1° -i- * Der Prozeß über den Mariopuler Progrom wurde nach mehrtägiger Verhandlung abgeschloffen. Bon den 61 Angeklagten wurden 16 zu Arreststrafen von 4 Tagen bis zu einem Monat verurteilt, alle übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. , eine IQdisdie fUiademie. 1 Wilna, 28. Juli. Bor kurzem hielt sich hier Baron David Günzburg auf und machte die Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde mit den von ihm in Petersburg begründeten jüdischen Kursen bekannt. Auf diesen Kursen werden Talmud, jüdische Geschichte, Religionsphilosophie usw. unterrichtet. Nach der Meinung des Baron Günzburg müffen diese Kurse sich nicht zu einem ^Lehrerseminar, sondern zu einer Akademie der jüdischen Wissenschaft herausbilden. Aus dieser Akademie sollen dann Rabbinen, Prediger und überhaupt jüdische Gelehrte hervorgehen. Die Erhaltungskosten für eine solche Akademie werden auf 30.000 Rubel jährlich eingeschätzt, die von den jüdischen Zentren aufgebracht werden sollen. Gegenwärtig werden die Kurse von 30 Hörern besucht, von denen jeder eine monatliche Unterstützung von 20—25 Rubel erhält. Die Dauer deS Besuches erstreckt sich auf 5 Jahre. Die Idee der jüdischen Akademie wird in der jüdischen Gesellschaft mit geteilten Gefühlen ausgenommen. Ist auch gegen die Gründung einer jüdischen Akademie mchts einzuwenden und ihr Nutzen mit Hinblick auf die Zurückweisung der Juden von dm Universitäten rHcht ganz in Abrede zu stellen, so kann doch von ihrem Charakter als Rabbinenschule, welchen sie scheinbar annehmen möchte, schon aus dem Grunde nicht ernstlich die Rede sein, weil von einer Mitwirkung der einzig Berufenen, der Rabbinen, an dieser Gründung bisher nichts zu hören war. Oder soll lediglich eine Schule für Krön rabbinen gegründet werden? Damit könnte der Sache nur wenig gedient sein und den Mißständen, unter denen das jüdische Gemeindeleben in Rußland so empfindlich zu leiden hat, kaum abgeholfen werden. Amerika. Me krictiwerung 9er Einroanäerung. New -Aork, 28. Juli. Ueber die Einwanderungsbeschränkung in Nordamerika wird weiter geschrieben: Für die jüdische Emigration scheint jetzt eine kritische Zeit einzusetzen. Den zehntausenden unglücklichen Juden, die ihrem Elend und der Entrechtung fliehen, um nach Ueberwindung der großen Auswanderungsmühen eine Zuflucht im freiheitlichen Nordamerika zu suchen, werden die Tore dieses Landes immer mehr geschlossen. Die Strömung gegen die Immigration greift hier immer mehr um sich und hat die weitesten und die höchsten Kreise erfaßt. Samuel Gompers, der Präsident der 2 Millionen Arbeiter umfaffenden „American Federation of Labor", hat sich entschieden gegen die Immigration erklärt,—und Gompers spielt hier eine bedeutende Rolle in dieser Angelegenheit. Ebenso hat sich vor kurzem auch der Oberprokurator von New-Aork in einer öffentlichen Versammlung gegen die Einwanderung ausgesprochen. Er sagte: „Die Immigration zerstört die Einheit der Nation, — und es ist mehr als billig, dieselbe einzuschränken." Solche feindlichen Summen gegen die Einwanderung werden fortwährend laut und finden ein Echo im ganzen Lande. So wird der Diktator von „Ellis-Jsland" — der „Teufelsinsel", wie es jetzt genannt wird — William Williams, in seinem geradezu barbarischen Vorgehen gegen die Einwanderer von mächtigen Schultern und einer starken Volksströmung getragen, — und dieses Vorgehen ist deshalb nicht als eine zufällige, vorübergehende, der Willkür eines Einzelnen entsprungene Erscheinung anzusehen. Es ist vielmehr der Ausfluß eines engherzigen nationalen Chauvinismus und einer egoistischen Arbeiterpolitik, und der Beginn eines fortgesetzten und systematischen Kampfes gegen die „unerwünschten Eindringlinge". Dieser „Kampf" hat gleich mit voller Wucht und Rücksichtslosigkeit eingesetzt. In der kurzen Zeit seit dem Erlaß der Bestimmung, daß nur Einwanderer mit dem Besitz von mindestens 25 Dollar das Land betreten dürfen, sind 800 Personen zurückgeschickt und fast 900 zur Zürückschickung „verurteilt" worden,' über 579 Personen ist die „Untersuchung" noch nicht abgeschloffen. Den Zurückgefchickten hat man nicht einmal erlaubt, sich mit ihren hiesigen 'Verwandten telegraphisch in Verbindung zu setzen. In den jüdischen Kreisen, namentlich in den aus den östlichen Ländern stammenden, herrscht hier darüber große Aufregung, die sich auch in der jüdischen Presse wiederspiegelt. Es werden verschiedene Schritte vorbereitet, wie die Veranstaltungen von Protest-Versammlungen und die Entsendung von Deputationen nach Washington. Man hegt aber nur wenig Hoffnung auf die Wirkung dieser Bemühungen. Montreal, 20. Juli. Unter dem Titel „Kanada gegenJmmigranten"veröffentlicht der Rabbiner der Vereinigten jüdischen Gemeinden dahier, Jesaias Glas e r in einem Newyorker Blatte einen aufsehenerregenden Artikel über die großen Hindernisse, welche den jüdischen Einwanderern in Kanada in den Weg gelegt werden. Herr Glaser hatte diesbezüglich eine Unterredung mit dem Ministergehilfen Robertson in Quebeck, doch erhielt er von demselben die barsche Antwort: „Nein, das Einwanderungsd e partement wird nicht warten, bis Sie die neeun Einwanderungsgesetze den Vertretern Ihrer Rasse in Europa bekanntgegeben haben. Alle Einwanderer, die ohne Familie hier ankommen, selbst Väter ohne arbeitsfähige Söhne, und Söhne ohne Eltern werden unbarmherzig zurückgewiesen werden, wenn sie außer ihrer Fahrkarte bis an ihr Reiseziel nicht wenigstens 25 Dollars baar aufweisen können. Es wird auch nichts nützen, wenn Verwandte sich erbötig machen, die 25 Dollars für die Ankömmlinge auszulegen. Kanada ist ein Land für Feldarbeiter. Wir haben schon genug von den kleinen Kaufleuten und Schwitzarbeitern. Die Juden taugen für dieses Land nicht, da sie zum größten Teile der Feldarbeit fremd gegenüberstehen und wir brauchen keine ungewünschten Einwanderer." Im weiteren Verlaufe schildert Rabbi Glaser die herzzerreissenden Szenen, die sich an den Landungsstellen abspielen, wo zahlreiche jüdische Einwanderer in schmutzigen, feuchten Schuppen tagelang in Hangen und Bangen verbringen, um dann schließlich erbarmungslos deportiert zu werden. Herr Glaser schlägt die Gründung von jüdischen Einwanderer-Hilfsorganisationen vor, die ihre Vertreter an den Landungsstellen haben sollen, so, wie die Italiener, Japaner, Chinesen, Czechen k. bereits solche haben. Wie man hört, wird sich demnächst in Montreal eine solche Organisation konstituieren. llemstcbtts. Berlin, 28. Juli. Graf P ü ck l e r (Kletn-Tfchirne), von dem man eine Zeitlang nichts mehr gehört hatte, nachdem ihm ein weiteres Auftreten in politischen Versammlungen vom Minister des Innern untersagt worden war, hat in diesen Tagen in Gloqau über den Verkauf seines Gutes Klein-Ti tärne Verhandlungen gepflogen. Graf Pückler, der bisher zur Wiederherstellung seiner geistigen Gesundheit sich in einem Sanatorium befand, beabsichtigt angeblich sich in Brasilien anzufiedeln. Fürth, l. Aug. Die Frequenz der Israelitischen Realschule war bei Beginn des Schuljahres: 67 Borschüler und 74 Realschüler, insgesamt 141 Schüler. Im Laufe des Jahres »raren 3 Borschüler und 7 Realschüler aus, sodaß sich am Schluß ein Bestand von 134 Schülern, nämlich 64 Borschülern und 70 Realschülern ergibt. Die Schluß feter, die in der Aula der Anstalt stattfand, war von Eltern und Angehörigen der Schüler, Freunden und Gönnern der Anstalt gut besucht. Mülhausen, 81. Juli. Vor dem Kriegsgericht der 28. Division wurde die Anklage gegen den Gefreven S e u st e r von der 4. Eskadron des Jägerregiments zu Pferd in Mühlhausen wegen Beleidigung eines L orgcsetztcn und Achtungsverletzung unter dem Gewehr und versammelter Mannschaft verhandelt. Seuster war im bekannten Prozeß Bloch der HauvtbelastungSzeuge, besten Glaubwürdigkeit Graf Gersdorff durch den Vorwurf sozialdemokratischer Gesinnung zu mindern versuchte. Wie man sich erinnert, trat Seuster damals dem Rittmeister sehr entschieden gegenüberdie dabei gefallenen Arußerungen lagen der Anklage zu Grunde. Der Anklagevertreter beantragte zwölf Tage strengen Arrest, das Gericht kam jedoch zur Freisprechung. Norden, 28. Juli. Die israelitische Gemeinde kaufte einen Bauplatz an der Deichstraße, um darauf ein neues Schulgebäude zu bauen. Sulzbürg, 26. Juli. Mit dem verflossenen Pesachfeste haben wir in hiesiger Gemeinde mit der Einführung des Gemeindegesanges beim Gottesdienste unter strengster Wahrung der dem Religionsgesetze und der Ueberlieferung entsprechenden Form begonnen. Diese Neueinrichtung verdanken wir unserem Kantor, Herrn Harris Cohen, der sich mit unermüdlichem Eifer der Mühe unterzog, die Gesänge mit einigen jungen Lemrn einzuüben. Budapest, 23. Juli. Die Tagesblätter berichten folgenden pikanten Fall. Ein jüdtscher Bankier namens Ernst Fränkl restellie sich in einem vornehmen Gasthaus des Pester Stadtwäldchens Krebse zum Nachtmahl. Dies bemerkend, sagte ein beim nächsten Tische sitzender Husarenlcumant Paul Jeney zu seinem Nachbar, einem Geistlichen aus der Provinz: „Sehen Sie, Hochwürden, hier in Pest esien auch Juden Krebse." Die Folge dieser „Ehrenbelridigung" war ein Duell, wobei leider der Leutnant und nicht der krebscstende Jude verletzt wurde, und doch hätte letzterer eher die Züchtigung verdient. Lodz, 27. Juli. Im jüdischen Grcisenhnm an der Wolskastraße starb Jakob Baum stück im Alter von 104 Jahren. Bor einigen Jahren arbeitete der Greis in einer Schnetderwerkstätte. Er hinterläßt mehrere Urenkel. Seine älteste Tochter ist 85 Jahre alt.