Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1909)
- Date
- 1909-08-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 31 LR* Ci. orrespondenzen und Nachrichten. Derrtsttze» Dteirtz. Frankfurt a. M., 1. August. Durch die Tagespreise macht eine Mitteilung die Runde, wonach die „Freie Vereinigung für die Inte ressen des orthodoxenJuden tu ms" sich in Sachen der Sonntagsruhe um Gutachten über ihre Vorschläge zu Gunsten der gesetzestreuen Gewerbetreibenoen an die deutschen H a ndelskammern gewandt und von dleseü zuMTtzil ablehnende Voten erhalten habe. Auf unsere Anfrage wird uns aus dem Bureau der „Freien Vereinigung" mitgeteilt, daß die Nachricht erfunden ist. Die „Freie Vereinigung" hat bei ihren Bemühungen in Sachen der Sonntagsruhe-Gesetzgebung sich niemals an die Handelskammern gewandt und steht der betreffenden Notiz natürlich vollkommen fern. Berlin, 2. August. Der Verband der Deutschen Juden wird, wie schon mitgeteilt, seine diesjährige 3. Hauptversammlung in Breslau hallen, und zwar am 17. Oktober. Am 16. Oktober soll ein Empfang und eine Vorbesprechung stattfinden. Ans der Hauptversammlung, die öffentlich im großen (für ca. 1800 Per- Personen eingerichteten) Saal des Konzerthauses tagen wird, werden folgende Vorträge gehalten werden: von Herrn Rabbiner Dr. Guttmann, Breslau: „Die Idee der Versöhnung im Judentum." Von Herrn Justizrat Breslauer, Berlin: „Die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen." Von Herrn Abg. Justizrat Wolfs, Lissa: „Die Juden der Ostmarken; was haben sie dem preußischen Staat und was hat er ihnen geleistet?" Berlin, 1. August. Ein Kongreß für hebräische Sprache und Kultur wird hier von einem Komitee vorbereitet. Das Komitee Ter JSraeltt 5. August 1909 versendet einen Appell, der von Dr. Max Nordau-Paris, Achad Haam-London, Professor Leon Kellner-Czernowitz, Professor Joseph Halevy- Paris, Ch. N. Bialik-Odeffa, S. Dubnow-Petersburg, Dr. Martin Buber-Berlin und mehreren anderen jüdischen Gelehrten und Schriftstellern unterzeichnet ist und der die Notwendigkeit betont, eine Gesamtorganisation zu schaffen, die alle Kräfte des lebendigen Hebräismus in sich sammelt und zu organischer Tätigkeit vereinigt. Die Aufgabe des Kongresses soll darin bestehen! 1. Die Grundlagen und das Programm einer Gesamtorganisation zur Förderung der lebendigen hebräischen Sprache, der hebräischen Literatur und der hebräisch-sprachlichen Erziehung auszuarbeiten. 2. Eine sichere reale Basis — etwa in der Form der Begründung eines Fonds — zu finden, die allen Teilen dieser Tätigkeit den Bestand sichern soll. Die Tagesordnung und die in Aussicht genommenen Referate, sowie die genauen Angaben über Zeit und Ort werden demnächst bekannt gegeben werden. ■*«-£> - - * Straßb urg, 4. Aug. Bekanntlich wird j ‘ schon seit Jahren eine gründliche Reform der elsaß-lothringischen Konsistorialverfassung angestrebt, die noch aus der napoleonischen Zeit stammt und den Gemeinden keinerlei Selbständigkeit gibt. In letzter Zeit hat sich besonders der Mülhauser Rechtsanwalt Dr. Dreyfus der Sache angenommen und durch Vorträge in den Städten Straßburg, Metz und Colmar Stimmung für die Reform der Gemeindeverfassung zu machen gesucht. In jüdischen und politischen Zeitungen wird nun eine Unterredung zwischen einem Regierungsvertreter und einem ungenannten Interessenten veröffentlicht, wonach die Regierung, was übrigens Unterstaatssekretär Petri schon 1904 im Landesausschuß hervorgehoben hat, eine Reform für durchaus nötig hält. Gerade die in letzter Zeit stattgehabten Plenarsitzungen der drei Konsistorien hätten in unzweideutiger Weise bewiesen, daß die jetzige Verfassung stets versage und versagen müsse, sobald es sich um Angelegenheiten allgemeinerer Natur handle. Die Regierung werde aber abwarten, bis die Konsistorien oder die israelitische Bevölkerung mit einem Antrag an sie herantreten. Sie werde dann eine freie Kommission einberufen. Die neue Verfassung solle, nach Ansicht des Regierungsvertreters, auf der einen Seite eine Behörde schaffen, die die Befugnis habe, die gesamten israelitischen Kultusangelegenheiten des Landes zu regeln; andererseits müsse sie den Gemeinden die ihnen jetzt durchaus abgehende Autonomie verschaffen. Aus den verschiedenen Gemeinden je eines Rabbinates solle eine Art Konsistorium gebildet werden, dem die juristische Persönlichkeit zuerkannt und die Schlichtung vorkommender Streitigkeiten übertragen werden müsse. Die jetzigen Bezirkskonsistorien müßten abgeschafft werden. Dagegen wäre ein Zentralkonsistorium zu schaffen. Die Einmischung der Regierung in die Angelegenheiten der Israeliten wäre auf ein Mindestmaß zu beschränken,' die Bezirkspräsidenten würden überhaupt hier nicht mehr in Betracht kommen. Das Ministerium würde sich nur die Ernennung bezw. Abberufung der Rabbiner Vorbehalten. Für die Bestellung eines Ministeriälkommiffars wie in Baden sei die Regierung nicht zu haben. (Wir kommen ausführlicher auf die Angelegenheit zurück. Red.) Recklinghausen, 2. August. Nach langwierigen Verhandlungen sind nunmehr durch den Herrn Minister, dem „Vereine zur Wahrung der religiösen Interessen in Westfalen" die Rechte einer juristischen Person verliehen worden. Ein ausführlicher Tätigkeitsbericht der Vereinsleitung folgt demnächst. @e]ievveld}. Wien, 1. August 1909. Der österreichischungarische Generalkonsul in New-Aork hat dem ungarischen Minister des Innern einen interessanten Bericht über die Lage und die Arbeitsaussichten der nach Amerika ausgewanderten Arbeiter eingesendet. Der Generalkonsul betont in dem Berichte, daß die Arbeitsverhältniffe in Amerika sich nicht gebessert haben. Jetzt, im Sommer können zwar viele Arbeiter bei der Ernte und bei Eisenbahnbauten Beschäftigung finden, im Herbst werden jedoch die Aussichten auf Arbeit wieder schlimmer, da viele Betriebe die Zahl ihrer Arbeiter reduzieren dürften. Als intereffantes Moment hebt der Generalkonsul die Tatsache hervor, daß die „American Federation oi Labor", eine der mächtigsten Arbeiterorganisationen Amerikas, die bisher gegenüber den eingewanderten Arbeitern einen sehr liberalen Standpunkt eingenommen hat, in ihrer jüngsten Versammlung von diesem Standpunkt abgewichen ist. Die Organisation weist in ihrem einhellig gefaßten Beschlüsse darauf hin, daß die einwandernden Arbeiter selbst über die minimalsten Subsistenzmittel nicht verfügen und daher gezwungen sind, für die geringsten Löhne zu arbeiten, um nur das Leben fristen zu können. Dadurch werden aber die durch die Lohnkämpfe erzielten höheren Löhne wieder herabgedrückt. Die Versammlung beschloß demnach, daß dort, wo sich amerikanische Arbeiter in genügender Anzahl zur leer. Leute kamen und gingen. Die Vornehmsten der Gemeinde kamen mit ihren Damen, um zu gratulieren, Geschenke aller Art trafen ein, Briefe und Ansichtskarten häuften sich.. Und jedes Mal, wenn etwas neues eintraf, setzte cs einen Jubel ab, in den alle froh einstimmten. Die älteren stellten Vergleiche an mit den Geschenken, die sie erhielten, die Kleineren freuten sich schon mit den angenehmen Per- .spektiven, die ihnen der heutige Tag eröffnete. Die Mädchen teilten sich in zwei Gruppen. Die einen konnten und wollten ihren Neid auf die so geehrten Jungen nicht verhehlen, die andern erklärten mit der Philosophie des Fuchses, der die Trauben zu sauer fand: „Die Geschenke wären schon recht, aber P a r s cho lernen und die Aufregung in der Synagoge! Ich danke!" Nun ging es zum Festmahle. Nach den ersten Gängen, die die Festtafel sehr verheißungsvoll einleitete, wurden die Kinder sehr animiert und wollten singen. Natürlich zunächst die vorgeschriebenen „Semiros", dann auch andere hebräische Gebete und Psalme. So hell und munter schallte der Chor, daß die wenigen Fahrgäste im oorüberrollenden grünen Tramwagen horchten und auf der sonnigen Veranda des schräg gegenüberliegenden Krankenhauses die Kranken vergnügt lauschten. „ A u s der Enge rufe ich Gott, es antwortet tnir aus der Weite Gottes" — „Gott ist bei mir, i ch fürchte nichts!" Der Gesang wurde immer heller, munterer, stürmischer und den Vorübergehcnden schien es, als käme er von den schlanken Tannen und stolzen Pappeln, dort am Jurarücken, lvo die Lonne jetzt so silberklar durch die Aeste leuchtete und goldene Streifen ins schwarze nebelumschwommene Waldflor wob . . . „Der liebe Gott geht durch den Wald,",und der Kempen und der Blauen sangen frohe Lieder . . . . Mit der „W aldesandacht" wurde die Reihe der deutschen Lieder begonnen, Andere heiteren und ernsten Inhalts folgten. Der Kiewer Pygroünvaise besinnt gern sein „liebes) holdes Simettal" und „Schweizer Heimweh" anpfindet er genau so wie den feierlichen Ämst der Landeshhmne „R u s st D u mein Vaterland.'" Dann kamen Duetts, Terzetts, Solovorträge. Ein jeder gab sein Bestes und bemühte sich, nach bestem Können das Fest des Kameraden zu verschönern. Langsam ging die Sonne aus. Tie Berge schlummerten noch in eine graue Nebeldecke gehüllt. Im Hause regte es sich, die größeren Mädchen standen auf, um an der Hand der geliebten .Hausmutter sich im Hauswesen zu betätigen. Tie Jungen lagen noch im anderen Schlafsaale in ihren blitzsauberen Bettcheu, von den ersten spärlichen Sonnenstrahlen friedlich beschienen. Es waren süße Träume, die ihr Geist umspannt hielten, denn sie lächelten, so hold und glücklich. Der Barmizwahjunge war jetzt nicht an des Vaters Sterbebett, denn sein bleiches Gesicht schien heiter, zufrieden und dankbar. „Adie, mein Kind, ich komme bald wieder!" Ich drückte ihm einen Kuß auf. Ta erwachten auch die anderen. „Adie! Glückliche Reise!" „Denken Sie an uns!" „Kommen Sie bald wieder!" „Und vergessen Sie nicht, uns in die Zeitung zu bringen!" Ich habe es nicht vergessen. (Bismarck und der Antisemitismus.) Ten „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" wird folgende Reminiszenz zur Verfügung gestellt: Am 29. Juni 1890 sandte Rabbiner Josef Nobel in Halberstadt ein Schreiben an den Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh, in welchem auf die TatsacK chingckviesen wurde, daß die Antisemiten seit dem Rücktritte Bismarcks, unter dessen Regirne die antisemitische Bewegung entfesselt worden, sich ' an ihn herandrüngtcn und seinen Namen für ihre Zwecke mißbrauchten. Tie Schlußworte lauteten: „Ew Durchlaucht! Ein kurzes Wort aus Ihrem Munde, und die Ritter des Antisemitismus werden es fürder nicht wagen, ihr giftiges Unkraut des Judenhasses für einen aus den Namen „Fürst Bismarck" zurückzuleitenden Stammbaum auszn geben. Ein Blitzstrahl von Ew. Durchlaucht, und der Schatten schwindet, der den einen Zug aus dem erhabenen Bilde verdunkelt, die Welt wird nicht nötig haben, den Mann vom Menschen zu trennen und die Menschheit wird dem großen Mann und großen Mensen ihre Verehrung und ihre Liebe bewahren!" Eine Woche darauf war in den „Hamburger Nach richten", dem dem Fürsten Bismarck nahestehenden Blatte, folgendes zu lesen: : „Wenn Fürst Bismarck dieser und jener Bereinsdeputation oder Festversammlung auf ihren an ihn gerichteten Ehrengruß in recht freund licher Weise geantwortet hat, so war dies einfach ein Akt der Höflichkeit von ihm, der in keiner Weise bekunden kann, daß -er sich zu den Prin zipien der betreffenden Mordner und Teilnehmer bekenne. Was die Israeliten betrifft, ist so viel sicher, daß der Fürst, so weit es an - ihm lag, nie zugegeben hätte, daß sie auch nur in einem einzigen der ihnen im Deutschen Reiche verfassungsmäßig zustehenden Bürgerrechte angetastct würden^