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Der Israelit · 1909-08-05 · Heft 31 (5.8.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 31 (5.8.1909)
Date
1909-08-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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4 V .WJ^ 5. August 1909. Hbrabam keiger'r religiöser Lkarairter. . Bon Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. (Fortsetzung.) Was hätte nun Geiger, wenn er ein ehrlicher Kämpfer gewesen wäre, seinen Gegnern antworten müssen? Er hätte etwa antworten müssen, daß er weder wie die Karäer oder Sadduzäer an eine göttliche schriftliche, noch wie die Pharisäer oder Rabbaniten an eine göttliche mündliche Lehre glaube. Was tut aber Geiger? Er erklärt, daß er „den Sadduzäismus und Karäismus auf das Bestimmteste verwerfe und ihnen gegenüber den Pharisäismus und Rabbinismus begründe. (S. 91)." Was ist das nun anders als ein listiges Spielen und Voltigieren mit Worten, als ein Täuschen und Augenblenden über seine wahre Neberzeugung, die in seinem oben zitierten Wunsche gipfelte: „Der Talmud muß weg, die Bibel, jener Komplex von . . . menschlichen Büchern muß als Göttliches weg." 2) Die Gegner hatten darauf hmgewiesen, daß Geiger die Tradition leugne. Sie sagten: „Tradition überhaupt will er gar nicht kennen, ignoriert oder deutlicher leugnet er ganz. Traditionelle Erklärung und Verständigung der Thora, traditionelles Gebot ist ihm eitle Erdichtung und Menschensatzung . . ." (Darstellung S. 28. 29). Diese Behauptung der Gegner war eine über allem Zweifel erhabene richtige, und nicht das geringste war davon abzubrechen. Geiger aber kriegt es fertig, ihre Richtigkeit zu bestreiten. Er beginnt seine Ausführungen über diesen Punkt mit den Worten: „Es ist wirklich schwer, Männern entgegenzutreten, welche Wörker gebrauchen, deren Bedeutung sie durchaus nicht verstehen und daher nun gegen andere, die einen Begriff mit Schärfe zu erfassen wissen, polternd einherfahreu." («. 92.) Er führt nun „einem jeden Sachkundigen" eine Stelle aus seiner Zeitschrift an, aus der angeblich hervorgehe, daß er wohl die Tradition anerkenne. Diese Stelle stammt nun etwa nicht, woran man unwillkürlich denken könnte, aus einer überwundenen Lebensepoche Geigers, in welcher er noch an die Göttlichkeit der Thora und der Tradition glaubte. Denn eine solche Epoche hat es im Leben des erwachsenen Geiger nicht gegeben. Sondern der Trick besteht darin, daß er mit dem Worte „Tradition" und „mündliche Lehre" einen andern Sinn verbindet, als der schlichten Wortdefinition nach damit verbunden werden kann, daß er diese Begriffe in ihr Gegenteil verkehrt, indem er darunter nicht Ulis einem Browning - Revolver," sagten sie trocken. „Biarum?" mußte sich das Kind fragen. Tie Polizeibeainten sprachen von Mördern, Anarchisten, Revolutionären, von einem Attentate, fremde schreckliche Worte, die der Junge nicht verstand, die ihn auch nicht interessierten. Er näherte sich leise und ganz in Tränen aufgelöst dein sterbenden Vater. Er fühlte dessen Hände unsicher auf seinem Haupte ruhen, er hörte seine bebenden Rippen flüstern und wieder weinte er laut .... _ Und als die Mutter ihn dann mit den Worten: „Lie haben Dir Deinen guten Vater genommen!" umhalste und stürmisch küßte, da fühlte er etlvas wie bittern .Haß und Rachlust. „Warum? 'Warum? . . Tann fing er an in seiner kindlichen Art über die Lebensrätsel zu sinnen, über Gott, Welt und Mensch und deren Verhältnis zu einander. Ter bleiche stille Knabe wurde noch stiller und bleicher, lind eines Tages kam ein fremder Mann, den er nie zuvor gesehen hatte und rvollte sein Onkel sein . .. Unwillig folgte er dem fremden über die Grenze, über noch eine Grenze, in ein schönes stattliches Haus, wo er nun unter fremden Menschen, fremden Spielgenossen bleiben sollte. Was wollten all die fremden Gesichter, der Kleineu und Großen, um ihn? Sie hatten sicherlich etwas im Schilde gegen ihn, sie waren ihm alle feindlich gesinnt, llnd wieder weinte der Knabe, tobte, lärmte, ballte die Fäuste und wollte dem .fremden Hanse entfliehen. Aber die Türe führte in einen schönen Garten und dieser war so schön, blühte so duftig und freundlich ... * Tann kam der Hausvater, ein schöner, großer Mann und sagte, indem er ihn liebevoll streichelte: „Tob, wirst es gut bei uns haben!" Der Knabe aber sah ihn trotzig an und 'schwieg. Die Haus- _Der afgroeltl eine göttlich-mosaische Überlieferung und Lehre versteht, sondern eine menschliche,nichtmosaische Auslegung und Anweisung. Um Geigers oben zitierte Worte ähnlich auf ihn selbst anzuwenden, kann man von einem solchen Verfahren sagen: Es ist wirklich schwer einem Manne geziemend entgegenzutreten, welcher Wörter braucht, deren Bedeutung er zwar durchaus versteht, aber nicht verstehen will und daher gegen andere, die einen Begriff mit Schärfe erfassen wollen, polternd einherfährt." 3) Im folgenden Abschnitt will Geiger „den Urteilsfähigen Israels, euch, liebe Gemeinbemitglieder, wie allen, die für eine solche Angelegenheit sich interessieren, die Unklarheit jener Männer in Auffassung der jüdischen Religionsbegriffe mit Ruhe vorführen." (S. 94). Er sagt nun: „Alles, fahren sie fort, was im Talmud steht, ist Tradition, ja, das ist ein im Judentum bestehendes T o g m a (mit diesen! neuen Dogma wird das Judentum, das keine Dogmen kennt, vom Lissaer s. g Rabbinat beschenkt!) und das nimmt Geiger nicht au, er ist demnach ein Ungläubiger. Und dabei scheuen sie sich nicht, sich, auf Maimonides zu berufen! Hören wir doch auch, was dieser sagt." So weit Geiger. Er führt dann einige Stellen aus Maimonides an, uw zu zeigen, daß dieser' die im Talmud ver^eichneten Gebote klassifiziert, je nachdem sie göttlich-mosaischen oder rabbinischen Ursprungs sind. Das Lissaer Rabbinat, das den Ausspruch tat. Alles, was in Talmud stehe, sei Tradition d. h. göttlichmosaische Tradition, ist damit in seiner ganzen Beschränktheit und Unwissenheit bloßgeftellt. Was soll man aber nun dazu sagen, wenn man die Sache nachprüft und findet, daß das, was Geiger als Citat aus dem Gutachten des Lissaer Rabbinats mit Anführungsstrichen bringt, lediglich in seiner eigenen Phantasie besteht, daß das Citat aus den Fingern gesogen und erfunden ist! XVII. Man müßte viele Seiten füllen, wollte man alle Entstellungen'), Inkorrektheiten und Sophismen, die sich außerdem noch in der Geiger'schen „Ansprache" finden, aufzeigen und ausführlich beleuchten. Bei der Nachprüfung zerfließen alle Sätze in Nichts. Die Gegner, die sachlich nicht widerlegt werden können, werden von ihm mit großem Raffinement persönlich verunglimpft. Die;anze an seine „lieben Brüder" gerichtete „Anprache" ist ein Dokument der Unwahrheit, das um so befremdlicher wirkt, als darin Gott zum Richter aufgerufen wird, der „Schöpfer Himmels und der Erde". x) So erschien z. B. eine von Dr. H. S>. Hirschrclb, Rabbiner in Wollstein, einem Schwiegersohn des Posener Oberrabbiners Salomon Eiger, Unterzeichnete öffentliche Aufforderung (Literaturblatt des mutter bot ihin Essen an, er gab keine Antwort. Die Kinder liebkosten ihn, er wies sie barsch ab und weinte. Ta näherte sicb ihm ein kleiner, rotwangiger Knirps und faßte ihn vertraulich an die Hand: „Ich had.a uch so geweint wie Du!" sagte der Kleine halb mitleidsvoll, halb amüsiert. „Wie heißt Tu? Wer bist Du?" „Ich heiße Bernhard, Benni und bin. wie Du, ein Waisenkind!" „Haben sie Deinen Vater auch erschossen, weil sie ihm das Geld abnehmen wollten?" „Rein," erzählte der Kleine, „mein Vater war Viehhändler zu Lang n a u. Weißt Du wo das ist? Im Berncrland, bei den Bergen. Die Kuh, die mein Vater dem H u g e l> a n e r verkauft hat, war, meine Seele, gesund, Hab' sie selber oft aus die Weide getrieben und beiin Melken zugeschaut. Der Hugebaüer hat sie krank gen,acht, weil er sie halt zu viel 'Plagt hat. Er sagte aber, der Vater hätte ihn betrogen. Und da gabs Streit. Der Bauer schlug mit dem Schirm ans meinen Vater und traf ins Auge und Gehirn. Und da war mein Vater bald tot. Und da war ich ein Waisenkind und kam her und »veinte wie Tu. Nachher lachte ich aber und freute mich, weil hier alles so gut und schön ist und weil eS am Samstag Torte mit Heibecrn gibt ..... Und nun standen die beiden, der Russe und der Schweizer, und tauschten ihre Erlebnisse aus. Langsam lernte auch der ersterc wieder lächeln. Das laute helle Kinderlachen kam nicht wieder. Aber auf dem bleichen Gesichlchen spielt jetzt etwas wie Zufriedenheit und Dankbarkeit: namentlich seitdem noch ein Landsmann, der temperamentvolle Kiewer Pogromwaise, sich noch zu ihnen gesellt hat, fühlt er sich sichtlich wohl „zu Hause." Und wenn diese drei in I No. 31. Sette & i Enige Wochen nach Erscheinen dieses Dokuments erhielt Geiger eine von vielen Mitgliedern unterschriebene Ehrenadrefse'), die mit folgenden Worten beginnt: „Aus der Mitte Ihrer Gemeinde, die Sie hoch verehrt und die in Ihrem frommen gottesfürchtigen Wirken sich beglückt' fühlt, nahen wir Ihnen aus freiem, innerem Antriebe, um bei den schweren Kämpfen, die Sie gegen die unheiligen Waffen der Verketzerung, wie gegen die vergifteten Pfeile der Verläumdung und "Schmähung leider zu bestehen haben. Ihnen einfach und schlicht unsere tiefe Verehrung und Hingebung, sonne nicht minder über die unwürdigen Angriffe, mit welchen blinde Leidenschaftlichkeit sich an Sie herandrängt, unsere tiefe Entrüstung auszudrücten. Die reine Glut der Begeisterung für das echte Judentum, das Sie entflammte usw." (Fortsetzung folgt.) nsn Orient 1X42 S. r>91) folgenden Inhalts: „An Herrn Dr. A. Geiger, Rabbiner! .... Sie zitieren mit Anführungsstrichen aus dem Gutachten (meines Schwiegervaters) Stellen, die da lauten sollen: (folgt Jn- Haltsangabe) .... Sie werden demnach anfgefori S, genau anzugeben, wo die angeführten Steilen in dem Gutachten befinden, wodurch Sie diese auptnng belegen, ober Ihren Irrtum öffentlich zu bekennen: widrigenfalls ich es der Welt überlasse, das Beste von Ihrem Charakter zu denken." Auf diese öffentliche Anfrage und Aufforderung reagierte Geiger nicht, er hüllte sich in vornehmes Schweigen. Etwa zwei Jahre später erschien nun im „Israelit de« IN. Jahrh." (1844 4tr. 14 S. 108 f.) eine längere Korrespondenz: „Aus Preußen", unterzeichnet M. R. In dieser Korrespondenz wurde eine Publikation, die der Rabbiner Tr. Hirschfeld veröffentlicht hatte, folgendermaßen bespöttelt: „Zuerst Hirschfeld unter dem doppelten Schutze des eigenen Doktorhuts und der Zobelmütze seines Schwiegervaters, des Rabbincn in Posen: wo jener nicht nützt, wird diese ihren Eindruck nicht verfehlen. Für diesen Schutz läßt Hirschfeld aber auch Eiger wieder seinen Schutz. angedeihen. Als dieser, Geiger sinnlos verketzernd, an Geiger seinen Mann fand und ohne viele Umstände persifliert wurde, trat Hirschfeld in die Schranken, aber mit »oelchen Waffen! Er schimpfte, verdrehte die Worte und sagte, daß, wenn Geiger nicht antworte, das Publikum nun wisse, was es von dessen Charakter zu halten habe -, ich tzenke, das Publikuin weiß dies auch, daß Geiger eine viel zu würdige Persönlichkeit ist, um solchen gemeinen Ausbrüchen Rede zu stehen." Der Anonymus M. R., der Unterzeichner dieser Korrespondenz, tritt also hier als Eideshelfec für Geiger auf und bestätigt unter Verhöhnung Hirschstlds, daß Geiger im Publikum als eine viel zu würdige Persönlichkeit bekannt sei, als daß er es nötig habe, sich zu rechtfertigen. Was sott man aber nun dazu sagen, wenn man zufällig dahinterkommt, daß das Ganze eine Farce ist, daß der Anonymus M. R., der Geiger dieses Würdigkeitsatteft ausstellt, kein anderer ist als — Geiger selbst! In einem Briefe Geigers (An Stern, 11. Juni 1841. Leb. i. Br. S. 175/ heißt es nämlich: „Die Artikel . . . (Israelit des 19. Jhrh. 1844) Nr. 14 S. 108 f. find, was Du als Mitteilung im Vertrauen betrachten mögest, von mir." '?) Leb. in B. S. 102. den freien stunden jo lieb und traut beisammen sitzen und von der Vergangenheit sprechen, da bilden die zwei Dutzend Kinder einen geschlossenen, andachtsvollen Kreis um sie, da lauscht angestrengt selbst die kleine blonde sechsjährige Französin, die, nachdem sie in der französischen Heimat auf irgend eine Weise ihre Eltern verloren hat, vor kurzem hergebracht worden ist und noch keine Silbe Deutsch versteht ... Heute aber sollten nicht die trüben Bilder der Vergangenheit beraufbeschworen werden. Eine Barmizwohfeier bedeutet ein frohes Fest für die ganze Anstalt. Und der Held des Tages war der ernste und bleiche' littauische Halbwaise, der Tob. In ihren schwarzen kleidsamen Anzügen mit den schneeweißen Strohhütchen auf dem Haupte machten sie einen wahrhaft festlichen Eindruck, die Kinder, die Brüder und die Schwestern des Gefeierten, die ihn im feierlichen Zuge ins Gotteshaus begleiteten. Etwas verschüchtert und leise fing der Knabe den >2egenspruch an. Dann sah er sich prüfend um, der Hausvater winkte ermutigend, die Betenden horchten erwartungsvoll. Auch der „fremde" Onkel hatte sich eingestellt und lächelte vergnügt. Ta wurde es dem Jungen weich ums Herz. Er glaubte jenen heiteren Morgenstrahl wiederzusehen und des Vaters Stimme zu vernehmen: „Adie mein Kind, ich komme bald wieder!" Wie süß war doch wieder des Vaters Kuß. Ta fing das Kind zu singen an, laut und schmelzend, mit wundersam ergreifender Betonung. „Hörst Du, Vater? . . ." Und die ltzemeinde horchte, erst neugierig prüfend, dann aufmerksam, hingerissen und des Hausvaters Gesicht glänzte vor Glück und Freude, vor Stolz auf sein Kind und seinen Schüler. Das Empfangszimmer der Anstalt wurde nicht

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