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Der Israelit · 1909-08-05 · Heft 31 (5.8.1909) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 31 (5.8.1909)
Date
1909-08-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Hette 4 5. August 19C& Der Jrralltt Nr. 31 wir aber könnten erst dann auf eine vom jüdischen Pflichtgefühl beseelte akademische Jugend rechnen, die unter den heutigen Verhältnissen leider in Rußland noch völlig undenk- Tdora-Zuäettwm. Bon Rabbiner Dr. Kahn in Ehlingen. (Schluß.) VI. Wir können unseren Nachweis, daß ohne Thora ein jüdisches Volk nicht existieren kann, auch positiv führen. Kein menschliches Wesen, noch viel weniger ein Volk kann ohne Religion ein menschliches, zivilisiertes Dasein führen. Es ist dies eine allgemeine zugestandene Tatsache. Ganz besonders ist sie in unserer Zeit anerkannt; Hund allerorten hört man es aussprechen, daß die moderne Kultur auf der Grundlage des Christentums aufgebaut sei, also auf der Religion, oder noch besser auf dem Judentum. Denn sind nicht alle wertvollen Bestandtelle des Christentums dem Judentums entnommen? Wie sollte also eine spezifisch jüdische Kultur ohne Judentum hervorgebracht werden oder gar gegen es etwas ausrichten können!! Aber noch weiter. Die Thora, ihre Lehren und ihre 613 Gebote sind uns von Gott, also von außen gegeben worden. Aber sie bllden trotzdem ein innerliches Besitztum des jüdischen Stammes, das ganz seiner Eigenart entspricht. Einmal hat er sich in die Thora und ihre Anschauungen eingelebt und zwar nicht allein durch Gewöhnung und Erziehung, sondern darum, weil seine ganze Geistes- und Gemütsrichtung für ihre Aufnochme geeignet war und zu ihr sich drängte: „Das Gebot, das ich Euch heute befehle, ist Dir nicht widersprechend und nicht fernliegend, vielmehr nahe liegt Dir die Sache in hohem Maße, in Deinem Munde und in Deinem Herzen liegt der Trieb, sie auszuführen." Uno noch ein ein weiteres. Israels Geistesleben ist von der Thora beeinflußt und von ihr geschaffen. Umgekehrt hat aber auch die Thora durch den jüdischen Geist manches empfangen. Gewiß, die Thora und ihre Auslegung, die mündliche Lehre, stammen vom Sinai, aber nicht allein aus den Empfang eines Gutes, insbesondere eines geistigen Gutes, kommt es an, sondern auch auf die Aufnahme desselben, d. h. auf die Auffassung, wie man es versteht und wie man es dann, wenn es Eigentum des Geistegeworden ist, gestaltet. Daß wir die mündliche Thora geradeso besitzen, wie sie heute vor uns liegt, das ist mit Ursache und Wirkung der Eigenart des jüdischen Geistes. Steht doch die Tatsache fest, daß die Sprache und die Methode der mündlichen Lehre, wie wir sie im Talmud und Midrasch vor uns haben, Israels Sprache und Lehrmethode sind. Auch daß wir gewissenhaft alle Vorschriften beobachten, daß wir sie bis zu den äußersten Konsequenzen erfüllen und demgemäß ausgebildet und ausgestaltet haben, schreibt sich von der dem jüdischen Geiste eigenen Schärfe des Denkenher. Auch die Griechen und Römer waren gute und geübte Denker, aber sie hätten aus der Thora sicher etwas anderes gemacht. Ferner müssen wir bedenken, die Thora, sowohl die schriftliche, wie die mündliche, hat ihren Jüngern noch Raum genug gelassen, Bestimmungen zu treffen, Lücken auszufüllen, Gebote und Verbote zu erlassen usw. Und die Generationeu der jüdischen Gesetzeslehrer haben reichlich von dieser Ermächtigung Gebrauch gemacht, nicht zu reden vom agadischen Midrasch, welcher nur Erzeugnisse der menschlichen Auffassung und des jüdischen Geistes birgt. Kommen ja selbst philosophische Untersuchungen jüdischer Geister, welche „voraussetzungslos" ihre Forschungen betrieben, wie „Hiob" und „Kobeleth" auf die Grundwahrheiten der Thora heraus. Wir erkennen also, daß unser religiöses Besitztum, unbeschadet dessen, daß es uns geschenkt worden ist, doch zugleich mit ein Produkt des jüdischen Geistes darstellt. Würde also irgend jemand einfallen, die Thora aufheben oder vernichten zu wollen, am andern Tage würde sie wieder aufleben, man würde nach ihr verlangen, man würde sie zu erzeugen suchen, soweit es in der Macht des Menschen ist. Schon mehr als einmal in der jüdischen Geschichte haben sich menschliche Mächte gegen die Thora verschworen, alle ihre Träger auszurotten gesucht, nur ein kleiner Rest, wenige Köpfe sind übrig geblieben, und immer von Neuem hat sich die Thora die Gemüter und Geister des Volkes erobert. Wer die Bibel und die nachbiblische Geschichte kennt, fragt nicht nach Beispielen, erkennt deren die Menge. So erkennen wir, daß auch die Thora eine nationale Sache ist, die man auS dem jüdischen Volksgeiste ebenso wenig tilgen kann, wie das spezifische Geistesleben aus irgend einem menschlichen Individuum. VII. Fassen wir die Ergebnisse unserer Untersuchung zusammen. Die Grundlage der jüdischen Nationalität wird nicht durch Sprache und Abstammung gebildet, sondern einzig und allein durch die Thora. Das nationale Bewußtsein ist durch nichts anderes hervorgerufen, denn allein durch die Thora. Auch dessen einzelne Aeußerungen haben sowohl zum Urheber als zum Objekte nichts anderes denn Gegenstände, welche aus der Religion und dem religiösen Leben folgen. Ohne die Thora ist die Aufrechterhaltung eines nationalen Gefühles und eines nationalen Lebens in der Judenheit durchaus unmöglich, wie uns dies die Geschichte und das tägliche Leben mir nicht zu verkennender Deutlichkeit lehrt. Endlich ist die Thora so angepaßt dem jüdischen Geiste daß ein Schwinden derselben aus der Nation vollständig ausgeschlossen ist. Was ist demnach unsere Aufgabe innerhalb der Judenheit gegenüber den Kreisen, welchen die Erkenntnis noch nicht aufgegangen ist oder welche vielleicht gegen ihre bessere Einsicht die Thora und deren Forderungen vernachlässigen oder gar direkt bekämpfen? Sie ignorieren? Keineswegs, im Schmollwinkel kann man nichts wirken. Die Welt würde dann voll Freude, daß wir sie gewähren lassen, ganz einfach über uns zur Tagesordnung übergehen. Nein, mitten ins Leben müssen wir uns begeben. Richtige Kenntnis der Wahrheit verbreiten, Aufklärung schaffen auch den widerstrebenden Elementen. Mutig unsere Forderungen aufstellen, mit kraftvollem Nachdruck sie vertreten, mit Entschiedenheit und Klugheit ihre Verwirklichung durchzusetzen versuchen. Der Sieg wird uns ganz sicherzufallen. Denn auf unserer Seite ist die Wahrheit und das Recht. Auf die Dauer können sich unsere Gegner derselben nicht verschließen. Mögen auch Irrtum, Eigensinn und Widerspruch gegen das Göttliche sich im Augenblicke breit machen, die Geschichte lehrt uns, daß diese Mächte zu Grunde gehen und daß noch in allen Phasen der jüdischen Geschichte von Mosche ab, während der Richter- und Königszeit, während des Exils und der hellenistisch-makkabaeischen Epoche das eigentlich Jüdische, die Thora, den unbestrittenen Sieg über alle ihre Gegner davon getragen und sich nach jedem Niedergange mächtig entfaltet hat. Darum ist es unsere Pflicht, treu die Wacht zu halten und durchzusetzen, daß von den Leitungen der verschiedenen Korporationen und Vereinigungen nichts geschieht, was dem jüdischen Religionsgefetze widerspricht. Wir werden fest darauf dringen, daß sie auch in positiver Weise den Anforderungen des Religionsgesetzes bei ihren Maßnahmen entsprechen. Wir werden umsoeher die Hoffnung hegen dürfen, mit unseren guten Absichten durchzudringen, als auf unserer Seite das Recht, die Forderung der Thora ist, die über kurz oder lang den Sieg über alle ihre Gegner davontragen muß. Ter grüne lange Wagen rollte weiter und ich bog in das stille menschenleere Sträßchen ein. Zwei schmucke, umgitterte und im Schweizerstile gehaltene Häuser fallen aus. Sie stehen sich etwas schräg gegenüber und scheinen sich einander zuzulächeln. Es sind Brüder, einem Vaterhause entstammend, und in den Mußestunden scheinen sie sich Liebesworte zuznflüstern. „Das Schweizerisch Israelitische Hospital", lautet die Aufschrift auf der Stirn des einen. „Schweizerisches Israelitisches Waisenhaus", aus der des andern. Zu den Waisen führte heute mein Weg. Die Sonne senkte sich blutrot hinter den schwarzen Jurabergen, von denen der Kempen und der Blauen in hellichtem Bnnderschmucke friedlich lachend mir ein herzlich Willkommen zuzurufen schienen. Und da standen sie schon alle am offenen Gittertor, die kleinen, lieben Gesellen, um ihren alten Freund freudig und stürmisch zu begrüßen. Sie haben sich kaum verändert, etwas roter, dicker, vollwangiger sind sie geworden und in ihren blitzsauberen langen, grauen Kittelchen machen sie den Eindruck gesunder, gut gepflegter und wohlerzogener Bürgerkinder. Nur wenige sind in der Zwischenzeit yinzugekommen. Aber auch diese kommen, angeregt durch die anderen, mir sehr zutraulich entgegen Die Kinder wissen einen Freund zu schätzen und jeder ist ihr Freund, der es gut mit ihnen meint. Sie kennen nur zwei Gruppen, die Kleinen, die schon früh der Menschen wilden Haß wie heiße Liebe kennen gelernt haben, Feinde, oie ihnen einst das Leben so verkümmerten, sie so arm an Glück und Freude machten und Freunde, die sie dann zum Ersätze für alle Leiden mit Liebe geradezu überhäuften. Gleichgiltig steht ihnen keiner gegenüber. Und, daß ich es sage, die Freundschaft der 25 Kinderseelen tut mir wohl, so wohl, daß sich mein Herz weitet und ich ui dem Momente keinen anderen Gedanken habe, als den lieben Kleinen irgendwie eine Freude zu bereiten. Und was sie nicht alles zu erzählen wissen und .die Menge von Fragen, mit denen sie mich bestnr- ‘ntcn. Ob es nicht zu schwer wäre, so viele Zeitungen auf einmal zu drucken? Ob ich sie auch alle in mein Blatt bringen wollte? Denn der Geschehnisse in dieser kleinen Welt sind ungemein viel und wichtig. Der kleine B e n i hat die Masern gehabt. Der Tob ist Barmizwoh und der Leo wird es bald, llnd dann die Schulerlebnisse und die Erfahrungen aus dem Spielplätze. Schwimmen und Turnen könnten sie auch schon. Und die Mädchen lernten kochen, nähen ... Ob ich nicht dies alles in meiner Zeitung genau beschreiben wolle? „Ja, gewiß! Nur munter weiter erzählt!" So versprach ich es ihnen und ich toills halten. Zwei Dutzend Kinder und jedes hat seine eigene Geschichte, voll Leid und Bitterkeit, die von der liebreichen Gegenwart gemildert, aber nicht ganz verwischt werden konnte. Tu ist der rotbäckige schwarzäugige Bursche von zwölf Jahren. Was er damals, als er in Kiew, im dumpfen Keller eingesperrt, die Ankunft der Mordgesellen erwartete, gesehen und erlebt hat, läßt sich nicht schildern. Aber er versucht es so oft und so gut er kann. Dann umringen ihn ehrfurchtsvoll die andern und lauschen aufmerksam auf die blutfarbenen, wortreichen Erzählungen des kleinen Pogromwaisen. In seinen Augen flanrmt ein seltsames Feuer und seine Fäustchen batten sich. Hier aber sieht er nur liebe, freundliche Gesichter um sich und da bricht sich des geweckten Kindes froher Mut durch all die trüben, schaurigen Erinnerungen bald Bahn und er lacht, singt und tanzt mit den andern . . . Aber sein Landsmann, der Tob bleibt, wie immer, ernst und schweigsam. Er hat keinen Pogrom gesehen, denn er stammt aus Littauen, das nicht von den schwarzen, sondern von den roten Banden, die den Mord im Kleinen betreiben, beherrscht wird. Allein das, was er erlebt hat, hat sich tiefer in des Kindes Gemüt eingeprägt und einen Zug dem fein geschnittenen, bleichen Gesichtchen verliehen, der etwas ergreifend wirkt. Mitten im muntern Gespräche oder im Spiele bricht oft der Knabe ab, als müßte er über etwas Nachdenken, über etwas unfaßbar Rätselhaftes, für das er keine Lösung zu finden vermag . . Das Leben hat den Kleinen zum Philosophen gemacht. Es war ein heiterer, schöner Morgen daknals. Ein lichter Sonnenstrahl spielte auf sein Bett und weckte ihn lachend aus den Träumen. Dann kam der Vater, gut und frohgemut wie immer, .und küßte ihn herzlich. „2ldie mein Kind! Ich habe auf der Bank für die Firma zu tun und komme wohl etwas später heim. Halte Dich brav und passe in der Schule gut aus!" dlber der Vater kam nicht später, sondern viel früher als sonst, fremde Männer brachten ihn auf einer blutigen Bahre heim, mit bleiche»-»», brs zur Unkenntlichkeit verzerrtem Gesichte. Er stöhnte kanni hörbar. Fremde Menschen drängten sich ins Haus und viele andere blieben draußen und umlagerten Türen und Fenster. Alles schrie, weinte und jammerte durcheinander. Auch er, der Knabe, schluchzte laut — weil Alle weinten und weil dies alles so unverständlich und unbegreiflich war und weil die Mutter ohnmächtig zusam»nenbrach und weil der Vater so bleich, so hilflos auf de»n Bette lag und so leise stöhnte . . . Polizeibeamte in goldblinkenden Uniformen kamener fürchtete sie heute nicht im geringsten vor ihnen und horchte auf die Aerzte. „Fünf Schüsse

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