Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1909)
- Date
- 1909-08-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der JSraeltt. No. 81 Sette 8 5. August 1SVS lungen ist. In der zionistischen „Welt" finden wir nun neuerdings einen von ganz anderer Seite stammenden Bericht aus Konstanttnopel, der als ein Nachwort zu der segensreichen Wirksamkeit der Kommission das Interesse weiterer Kreise verdient. Es heißt dort: „Wenn es eine Zeitlang schien, als hätte man sich in Paris und Berlin eines Besseren besonnen und darum die Jnspekttonskommisston in den Orient gesandt, so mußte das famose Ergebnis dieser Blitzzugs-Jnspektionskommission bald wieder jede Hoffnung täuschen. Erst kürzlich hat ja Rabbiner Israel Levy aus Paris, einer der drei Kommissäre, in einem sehr deutlichen Arttkel, den man, wie alle ähnlichen anationalen Verlautbarungen, möglichst schnell und möglichst weitum in der Türkei reproduzieren läßt, festgestellt, daß die Vorgefundenen Resultate im Hebräischen durchaus genügten, und daß nach wie vor die ausschließliche Bevorzugung des Französischen sich als das Zweckentsprechendste erwiesen habe, Um diese Feststellung zu illustrieren, sei angeführt, daß der hebräische Unterricht, oer einige Wochen oder Monate vor Ankunft der Kommission an den hiesigen Mädchenschulen der Alliance eingeführt worden war und in einem Einpauken französisch transskribierter hebräischer Gebete und der Erlernung des Lesens bestand, bald nach dem Verschwinden der gefürchtetrn Kommission vom Lehrplan wieder spurlos verschwunden ist." Wer jetzt noch nicht an die Unverbesserlichkeit der Alliance glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen. Rufflfdie Kulfur-Kuriofa. Zu den drückendsten Maßregeln, die eine raffinierte Gesetzgebung in Rußland gegen die Juden ausgedacht hat, gehört die sogenannte Prozentn orm, d. h. die Bestimmung, daß Juden nur bis zu einem gewissen Prozentsätze die Mittel- und Hochschulen besuchen dürfen. Der Vater dieses Gesetzes, wie aller noch trotz Duma und Konstitution zu Recht bestehenden Judengesetze, Jgnatjiew unseligen Andenkens, traf hier die Juden am empfindlichsten, indem er ihrem natürlichen Bildungsdrang einen Damm setzte und somit ihre angeborene Intelligenz, deren der Staat sich zu bedienen nicht verstand, herabzusetzen suchte. Seitdem hat sich diese Bestimmung zu einer wahren Misere im russisch-jüdischen Leben herausgebildet, die, wie wir erst neulich an Hand des Tolftoischen Werkes hervorgehoben, auch ihre Rückwirkung auf das gesamte Kulturleben des Landes nicht verfehlen konnte. Die kaufmännischen Berufe, auf die die Juden bislang zumeist angewiesen waren, werden durch die wilde Agitation des „Echt russischen Verbandes", der den wirtschaftlichen Kampf mit den Juden aus der ganzen Linie führt, immer mehr von der christlichen Konkurrenz in Anspruch genommen. Das Handwerk, das Hunderttausende von Juden schlecht und recht ernährte, hat durch die allgemeine Ungunst der Verhältnisse längst seinen goldenen Boden verloren. Der Staat, der, wie überall, die meisten Großbetriebe übernimmt und ganze Heere von Beamten beschäftigt, schließt die Juden systematisch aus. Der Eingang zu den intellektuellen Berufen wird aber dem Juden entweder schon in der Mittelschule oder bei seinem Versuche auf Grund seines glänzenden Reifezeugnisses in die Hochschule einzutreten versperrt. Der derzeitige Kultusminister mit dem gut deutschen Namen und echt russischen Herzen, Herr Schwarz, wäre, nach seinen Aeußerungen und Versuchen zu schließen, einer vollständigen Ausschließung der Juden aus den Hochschulen gar nicht abgeneigt. Das geht nun im modernen Verfassungsstaate Rußlano denn doch nicht, und so beschloß das Ministerium, wie wir kürzlich mitteilen kounten, es beim statue quo zu lassen. Danach dürfen in den beiden Hauptstädten Petersburg und Moskau 3 pCt., in der Provinz außerhalb des Ansiedelungsrayons 5 pCt. und im Ansiedelungsrayon 10 PCt. der Gesamtschülerzahl Juden sein. Natürlich erscheinen diesen Bestimmungen den extremen Reaktionären sehr liberal, und sie sprechen von einer „Berjudung der Universitäten", während sie de facto nicht im geringsten zu einer Besserung der jüdischen Lage beitragen und höchstens' nur, wie bisher, einer kleinen Gruppe von Bevorzugten zugute kommen, von der erfahrungsgemäß für Juden und Judentum nichts zu erwarten ist. Merkwürdigerweise verschließen sich dieser Erkenntnis auch die Judenfeinde nicht. Allerdings vermag ihr haßumflortes Auge nicht Ursache von Wirkung zu unterscheiden, und so sind sie denn auch außerstande, aus den traurigen Erscheinungen die richtigen Schlüffe zu folgern. Der bekannte Publizist Me nschikow schreibtz.B.in der„No wo Wremja", die Prozentnorm sei ein dummer und gefährlicher Einfall, dank welchem die Gefährlichsten unter den Juden privilegiert würden. Natürlich verurteilt dieser Vertreter der extremen Reaktion den Liberalismus der Regierung, die aus Furcht vor deu Juden nicht den Mut hätte, eine konsequente Politik der völligen Absperrung der russischen Bildungsquelle für Juden durchzuführen und hält die „judenfreundliche" Tendenz des Ministerums für staatsgefährltch. Man muß schon ein verbissener Judenfeind, von der Art eines Mens chikow sein, um die Tatsachen so zu verdrehen und die ins Auge fallenden Erscheinungen so zu mißdeuten. Aus der kleinen Gruppe der bevorzugten Juden ist in der Tat weder dem Staate noch ihrem Volke sonderlicher Segen entstanden. Schuld daran war aber nicht die Zulassung dieser, sondern die Ausschließung der andern, die Bevorzugung, wodurch sich schwache Naturen als außerhalb und über der jüdischen Masse stehend dünkten, und die Privllegien, in deren Besitz sie ganz unverdienter Weise kamen, auch nach innen unhettvoll geltend machten. In vielen Fällen verlangte die Regierung direkt den Abfall oder wenigstens den Abbruch der Beziehungen zu der jüdischen Gesamtheit als Preis für den Eintritt in die russische „Kultur", was sie aber andererseits nicht verhinderte, die gleichen Elemente, in Ermangelung anderer Staatsämter, jüdischen Gemeinden als Rabbiner (Kronrabbiner) aufzuzwingen. So wurde künstlich eine kleine Gruppe, eine sog. jüdische „Hochintelligenz" herangezüchtet, und zwar nicht, wie das Organ der Reaktion meint, durch die Berücksichtigung derselben an sich, sondern einzig und allein durch die Nichtberücksichtigung der steuerzahlenden jüdischen Bürger in ihrer Gesamtheit und die Bevorzugung einiger wenigen auf Kosten eines ganzen Volkes, dem alle Bildungsmöglichkeiten entzogen wurden. Daß die Bildungsbehörden durch eine solche Taktik in den meisten Fällen eine Prämie auf die Taufe setzen und schwache Naturen in eine Versuchung bringen, der sie unterliegen, wollen wir noch nicht besonders betonen, da solche Prämien heute in dieser oder jener Art auch anderswo nicht gerade unbekannt sind. Bezeichnend für die russischen Verhältnisse ist höchstens der Umstand, daß diese.Art von Seelenfang, die durch die Hochschule zur Kirche führen möchte, bisher in den wenigen Fällen der russisch-orthodoxen Kirche zugute kam. Die meisten der Tauf- und Universitätskandidaten wandten sich an die evangelischen Geistlichen, die aber in richtiger Bewertung dieses Menschenmaterials in letzterer Zeit sehr vorsichtig geworden sind und ihnen allerlei Schwierigkeiten in den Weg legen. Dutzendweise gingen dann die lernbegierigen Religionssucher zum Islam über. Da verfiel eines Tages die Regierung auf den Gedanken, auch den Neu- Mohammedanern den Eingang in die Hochschule zu versperren. So bleibt jetzt denen, die den Taufschein als Eintrittskarte für die Universität benutzen wollen, nichts anderes Übrig, als zur russischen Kjirche überzugehen, die ihnen auf halbem Wege entgegenkommt und die so Ueberzeugten ohne weiteres und ohne jegliche Vorbereitung liebevoll aufnimmt. Das sind Kulturerscheinungen, unter denen heute — und vielleicht liegt darin ein kleiner Trost und eine Gewähr, daß sie nicht auf die Dauer anhalten können— nicht allein das jüdische, sondern das gesamte Kulturleben in Rußland ungemein zu leiden hat. Wird einmal die russische Regierung es verstehen, ihre Hochschulen auf demokratischer Grundlage so zu reorganisieren, daß sie der ganzen Bevölkerung, einschließlich der Juden, zugute kommen, dann wird sie, die Regierung in erster Reihe den größten Vorteil daraus ziehen, die Wirksamkeit entfatte, für die er ihn zum Heile seines Vaterlandes und der Menschheit besttn mt. So hat eS auch der große Erzieher der Menschheit, der Vater im Himmel, mit Israel gemacht. Im eisernen Schmelztiegel, in Egh.ten, ist Israel zum Stahle gehärtet worben. Dann hat eS Gott in die Wüste hinausaeführt, in jenen Himmelsstrich, wo auf einen harten, steinigen, nie beackerten kahlen Boden eine glühend heiße Sonne herabbrennt, wo bas Auge geblendet wirb durch das grelle Licht, welches die einförmige hellgraue Erde ungemilbert auf die müden entzündeten Augen zurückstrayit. Nachts aber herrscht eisige, trockene Kälte, Kein Quell sickert dort mitten zwischen den spitzen schroff« Steinen, kein Grün labt das Auge. Alles ist starr, alles Stein. Und kein Wasser, kein Brot. Müde und matt zieht die VolkSmaffe dahin. Nur ein Gedanke dämmert in d m stumpf gewordenen Gehirn: Wasser und Brot für meine Kinder, Wasser und Brot für meine Frau, Wasser und Weide für da» müde, abgetriebene Vieh. In einer solch« Lage lernt der Mensch sich selbst kennen Da fallen die Hüllen, mit welchen er sich sonst so kunstvoll zu verdecken weiß, da fällt das Kleid, das er so ann.utig um sich zu faltm weiß, damit er größer, bedeut nder, schöner und gefälliger erscheine. Da erscheint der bloße, nackte Mensch ganz so, wie er in Wahrheit beschaffen ist. Da tritt ungeschminkt zutage sein Herz, sein wahrer Charakter, sein innerstes Wesen. Denn seine Schätze, die ihn mit einem Glorienscheine verklären, dort glänzen sie nicht, dort haben sie keinen Wert, dort vermehren da» Gold und da» Silber nur die Menge der auf dem Boden verstreuten Steine, welche den Fuß des Wandernden schmerzen. Dort gibt es kein Ansehen, keine Ehre, keinen Ehrgeiz. Denn alle vungern, alle dürsten, und derjenige, der Juwelen und Edelsteine an sich trägt, kann sich noch nicht einen Schluck Wasser mit ihnen erkaufen, keinen Bissen hatten Brotes mir ihnen erwerben. Da ist gewichen der geheimnisvolle Zauber des sonst so begehrten Plunders. Nur eines ist dort von Ruhm und Wett' ein Herz voll Mut und Ausdauer, ein Herz voll Vertrauen und Zuversicht auf Gott und den Führer. Und nur, wer früher seine Gesinnung durch Entbehrung erzielt und befestigt hat, ist gegen Verzweiflung gefeit, denn wo Liebe gedeiht, gedeiht auch Berttauen: 'yVtötf So hat Gott dich alle» entbehren dich „arm sein lassen", baß du selber mtt dir eine Probe an. zustellen in der Lage warst und erkennen vermochtest, wa» eigentlich für ein Inhalt in deinem Herzen vorhanden ist. Aber, nicht bei dieser ihrer Selbstprüfung und Selbsterkenntnis sollte eS sein Bewenden haben, auch die Macht Gotte», die Liebe, die unendliche Liebe und Güte Gottes sollt« sie erfahren, kennen lernen: '■p'tf "VI “pm- Nachdem er dich hatte darben und hungern lassen und dich so genöttgt hatte, in dein Innere» etnzukehren und alles, waS an Dir an Schmuck und Zier zu deiner und anderer Täuschung, fahren zu lassen, „da Hai er dir da» Manna zu essen gegeben, das du nicht gekannt hast und deine Bäter nicht gekannt haben. Zweierlei wurde unseren Vätern durch da» Manna gezeigt. Einmal die Macht Gottes. Gott vermag alle». Wo Sat keine Aussicht war, Brot oder Speise zu ermgen, in jener furchtbaren Wüste, die wir vom geschildert haben, da läßt thnm Gott jene köstliche, gesunde, ganz und restlos in den Organismus übergehende Speise vom Himmel heravfallen, aller Erfahrung zum Trotz, allen bekannten Naturerscheinungen und Naturgesetzen zuwider. „Du Haft eS nicht gekannt , hattest eS noch nie gesehen, noch nie für möglich gehalten, ja e» dir gar nicht denken und vorstellen können. Auch deine Bäter, welche auf ewe so lange und reiche Erfahrung zurücksahen, die gewiß viel erlebt, viel gesehen hatten, Hab« eS nicht gekannt und nicht für möglich gehalten. Und doch hat Gott rin solches Wunder vermocht. Und nicht allein vermocht, sondern wirklich und in der Tat vollbracht. Er hat gezeigt, daß er eingreist in das Schicksal unb da» Leben der Mensch«, und zwar offen und allen sichtbar. Und da» sahen sie nicht nur einmal ober zweimal, sondern täglich. Nicht nur eine» Mmmt lang, nicht allein ein Iaht hindurch, sondern 40 Jahre hindurch wiederholte sich ihnen täglich die Ersahru g, daß Gott ihn« die Nahrung gab, nur Gott allein und sonst keine anbere Ursache auf der Welt. 40 Jahre, ein ganze» Menschenatter hindurch dauerte baS Erzieh-mgLwerk an dem Volke. 40 Jahre hindurch lernten fie eS kennen, daß nicht v m Geschäfte der Mensch lebe, 40 Jahre hmburch halten Reichtum und Schätze bet ihnen gar keinen Wett, sondern kam eS nur allein auf die Güte de» Herzen», auf die Reinheit des Willen», auf die Demut der Gesinnung an. (Schluß folgt.) Kleines Feuilleton. 6« Lsg bei <les Aals« in Basel. Bon Sch. „Gotthelf st raße!" rief der Schaffner in feierlichem Amtstone. Tann aber fügte er noch hilfsbereit mit einer gemütlichen Handbewegung hinzu: „Hier mein Herr, links erstes Haus!" v „Weiß es schon, danke!"