Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-07-29 · Heft 30 (29.7.1909) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 30 (29.7.1909)
Date
1909-07-29
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449383--65739-2508393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

TJf*vn . 5^7 "rswrevTT-; rrj* z? •r-w* 29. Juli 1909__ können und deren Verbände ihre eigenen Kaffen bilden, scheint uns dir einzig mögliche Organisation zu sein. Die Neologie hat die Einheitlichkeit der Preußischen Judenheit zerstört. Um sie nun doch mit Gewalt zusammenzuhalten, dazu bedarf sie jetzt des reaktionären Zwanges. Sie fügt zum Unrecht noch den Hohn und zeiht sich selbst,; der größten Rückständigkeit. Unrecht durch Unrecht erhalten, führt nicht zu gutem Ende. Recht ohne Zwang und Pflichthilfe ohne Opfer an Freiheit, das bleibt unser Wahlspruch im Kampfe um die Organisation! (UfeseiiscbaftlicMeit oder Eebenswabrbeit? Ein weit größerer Gegensatz, als er zwischen „Peschat" und „Drasch" bei den alten Bibelerklärern besteht, hat sich heute zwischen einer rein sprachlichen Auslegung des Textes herausgebildet und der Erfassung seines geistigen Inhaltes und der Beziehung dieses Gehaltes auf die Gegenwart. Früher hat derselbe Erklärer, der den einfachen Wortsinn darzulegen hatte, auch dem liefern Sinn sich nicht verschlossen. Was Zusammenhang und das ganze Ziel, die gesamte Anlage des zu bearbeitenden Stoffes lehrte, ward von demselben Erklärer dann im „Drasch" niedergelegt. Man „fragte" sich naturgemäß: was will der Verfasser hier sagen, man „erforschte" seine Absicht, nachdem der Sinn des Wortlautes festgestellt war. Wie konnte das anders möglich sein, wenn Thora, Propheten und Hagiographen nicht blos historische Denkmäler längst vergangener Tage sein, wenn vielmehr Moses und die Propheten auch unseren Tagen noch als Lehrmeister und Wegweiser gelten sollen? Nachdem man aber in die „wissenschaftliche" Schule bei denen gegangen war, denen Thora und der Kanon kein religiöses, nicht einmal ein moralisches Heiligtum bilden, denen sie vielmehr ausschließlich als Schriften von „Schriftstellern" eines vorklassischen Altertums gelten, hat man unbewußt die Profanisierung, die man durchaus nicht mitmacht, doch insofern in sich ausgenommen, als man jeden andern, jeden liefern Sinn ablchnt und mit dem ehrenden Namen der „Wissenschaftlichkeit" nur solche Arbeiten belegt, die sich lediglich mit der formalen Seite eines Gegenstandes beschäftigen und die den guten Ton eines wissenschaftlichen Modegewandes auch schon in der äußern Anordnung nicht verletzen. Daß es für jüdische Wissenschaft ganz andere Normen gibt, als für die Wissenschaft im Allgemeinen, scheint man nicht immer im Auge zu behalten. Die hermeneutischen Regeln der Auslegung, die doch von Moses tradiert sind, und die selbst und in ihren Folgerungen halachische Kraft besitzen, die mithin das Fundament der ganzen talmudischen Wiffenschaft ausmachen, sollen doch wohl nicht als unwissenschaftlich zum alten Eisen geworfen werden! Dieser Auslegungsmethode nahe steht die midraschische, deren Alter auch hoch hinaufreicht und die mit dem jüdischen Geist, ja mit der mündlichen Ueberliefevung vom Sinai unzertrennlich verwachsen ist. Ja, in den „h a l a ch i s ch e n Midraschim" verbinden sich die heterogenen Elemente der. Halacha und des Midrasch zu einem einheitlichen Begriff. Wenn das möglich ist, dann können die einzelnen Bestandteile nicht so sehr fremdartig sein. Die Arbeiten, die sich nun bemühen nachzuweisen, mit welchem Recht und welchem wohl begründeten und gehörig nachgewiesenen System die mündliche Lehre aus der schriftlichen erkannt werden kann, Erörterungen des Talmud selbst und zahlreiche Arbeiten bis hinab zu Malbim, Mecklenburg und Hirsch mögen in den Augen einer eine jüdische mündliche Ueberlieferung nicht kennenden oder sie verleugnenden Welt als Phantasiestücke erscheinen, sie mögen als „unwissenschaftlich" in Acht und Bann erklärt werden. Im jüdischen Kreise stellt Der JSraeltt. talmudisches Wiffen zwar kein Doktordiplom, wohl aber unvermindertes Ehrenzeugnis wissenschaftlicher gründlichen und anerkennenswerten Gelehrsamkeit aus. Die Wiffenschaft kann nicht schablonisiert werden. Man kann von der Sprachforschung nicht verlangen, daß sie ihre Resultate mit einer Differenzialgleichung findet und von der Mathematik nicht, daß sie ihre Lehrsätze mit Grammatik beweist. Jedes Gebiet hat seine Eigenart, hat seine Methode. Was rm jüdischen Sinn wissenschaftlich ist, braucht es in nichtjüdischem Sinne nicht zu sein und umgekehrt. Für die jüdische Wissenschaft gilt aber noch ein anderer wesentlicher Faktor. Sie ist nicht Eigentum des Gelehrten, sie ist eine Volkswissenschaft, sie ist keine theoretische Wiffenschaft, sondern eine praktische. Ihre Lehren sollen ins Leben umgesetzr werden. Nur die Reden der Propheten wurden ausgezeichnet, die dauernde Geltung haben. Was wir also von ihnen besitzen, muß auf unsere jeweilige Gegenwarc bezogen werden, weil wir noch heute daraus lernen können und sollen. Das und nichts anderes hat der Midrasch zum Zwecker macht die alten Gedanken aufs Neue nutzbar. Etwas anderes ist es auch nicht, wenn auf der Grundlage des Midrasch an dre Erklärung der heiligen Schrift gegangen wird. Lebenswahr und nutzbringend erscheinen uns von neuem die alten Werke. Und der Dank des Volkes, sein Urteil, das sich freut mit den seinem Verständnis wieder nahegerückten Weltgrößen, das sich erhebt an ihren wieder verstandenen Gedanken, das sich belehrt durch ihre wieder vermittelten Wahrheiten, das sich belebt durch ihren wieder fühlbar gewordenen Geist, dieser einstimmige Beifall des Volkes wiegt mehr als ein Achselzucken eines Gelehrten, der mit der sprachlichen Erklärung dieses oder jenes Wortes nicht einverstanden ist. Bei dieser Wissenschaftlichkeit der Form konnte das Judentum zu Grunde gehen. „Mein Volk weiß nicht, was Gott rechtens ist. Wie wollt ihr da sprechen, wir sind Gelehrte, und die Lehre GotteS ist bei uns? siehe zum Abfall hat er gewirkt — der Lügen - Griffel der Gelehrten. Enttäuscht stehen da die Weisen, erzittern und geben sich dadurch selbst besiegtsiehe das Wort Gottes verachtet man — welche Gelehrsamkeit also besitzen sie?" (Jerem. 8). Das Erfassen der Thora muß zur Gottes erkenn tnis führen, die nur in ihrer Betätigung besteht. Lebenswahrheit gilt im Judentum mehr als „Wissenschaftlichkeit". Das sei das Geleitwort, mit dem wir die Uebersetzung und Erläuterung der „fünf Megilloth" von Dr. Raphael Breuer (Frankfurt a. M. bei A. I. Hofmann) allen Söhnen und Töchtern des jüdischen Volke s empfehlen möchten. Es sind bisher erschienen II. Teil „Ruth" und III. Teil „Klagelieder". Wir wünschen im Interesse des jüdischen Volkes, aber auch im Interesse der jüdischen Wissenschaft beiden Werkchen weiteste Verbreitung. ZsrarlNkcbe llönigsgescbicble. Die schlechten wirtschaftlichen Verhältniffe des israelitischen Reiches während der Zeit des Regenmangels machten sich im Familienleben des Volkes in den traurigsten Ereignissen geltend. Hohläugig und abgezehrt, krank und sorgenvoll schleppte sich alles einher. Hier eine arme Witwe, die für sich und ihren Sohn nur noch einen Löffel Mehl und einen Tropfen Oel im Hause hat und dann dem sichern Tod ins Auge schaut. Dort eine reiche Frau, deren Sohn verschmachtet, und die verzweifelt dem Propheten die Schuld an ihrem Unglück beimißt. Es genügen diese in den Königsbüchern geschilderten Beispiele, um uns das grausige Bild des Leidens und des Hungers mit all seiner unseligen Gefolgschaft zu zeichnen. Den Armen fehlt das Brot und den Reichen das Waffer. Krankheit und Tod bringen Kummer und Trauer in jegliches Haus. Nur der No. 30. Seite 23. 1 Prophet kann vor Sterben und Siechtum schützen, er kann Speise und Trank schaffen und beweist, daß nicht er Israel „betrübt", dass im Gegentell er Helfer und Retter in der Not und vor der Not werden kann, „daß er in Wahrheit ein Gottesmann und das Wort Gottes, des Lebenspenders, in seinem Munde in Wahrheit ist." Doch der König ließ auf sich warten und ließ Unglück und Trübsal sein Volk immer mehr heimsuchen und deffen Kräfte zerrütten. Wen schädigte dieser Trotz mehr, denn ihn selbst? Die Feinde hatten mit Schadenfreude die Schwächung des israelittschen Staates beobachtet und der Aramäer König Ben Hadad hatte geschickt den günstigen Augenblick benützt, um sein ganzes Heer zu sammeln. Zweiunddreißig Vasallenfürsten leisteten ihm Heeresfolge und mit Roß und Reiter zog er gegen Samaria und belagerte es. Er hatte geglaubt, es bedürfe nur "eines anmaßend schneidigen Wortes, und Achab würde sich unterwerfen Denn wenn Hunger und Perderben im Innern wütet, fehlts zur Verteidigung nach außen an Kraft und Mut, an Menschen und Mitteln. So ließ Ben Hadad dem Achab sagen : „Dein Silber und Gold ist mir, was gut und schön unter deinen Frauen und Kindern, gehött mir." Achab willigt ein. Er gehorcht gern. Denn Widerstand zu wagen, gestattet die innere Lage nicht. „Vom Nachgiebigen kann man mehr fordern" denkt aber Ben Hadad. „Dein Silber und dein Gold, deine Frauen alle und alle deine Söhne liefere auf der Stelle aus. Sonst schicke ich morgen meine Diener zu dir, sie werden dein Haus durchstöbern und alle deine Schätze, die materiellen und die geistigen, werden sie mit sich nehmen " Diese Sprache klang dem Könige von Israel denn doch zu herausfordernd. Er versammelte alle Gelehrten seines Landes und legte ihnen die Frage zur Entscheidung vor, ob er sich demütigen müsse oder die Zumutung zurückweisen dürfe. Und der Staatsrat bestand auf letzterem. Die Belagerung Samariens begann. Datrat ein Prophet—Micha — zum König und sprach zu ihm: „Siehst du dieses große Kriegsheer? Ich gebe es heute in deine Hand, damit du erkennest, daß ich Gott bin." Der Kampf begann von Israels Seite auf des Propheten Geheiß. Zweihundertzweiunddreißig Geiseln der tributpflichtigen Staaten griffen das aramäische Lager an. Der König und seine Vasallen saßen berauscht bei fröhlicher Zeche im Königszelt und hatten an Krieg und Feind vergessen. Da meldet man: „Männer kommen aus Samaria." Wenn sie in friedlicher Absicht kommen, so lautet des Königs Befehl, ergreifet sie — aber lasset sie leben, doch wenn sie Krieg im Schilde führen, dann laßt sie leben, doch nehmet sie für Schlimmeres als Tod gefangen. Zu spät. Das ganze Heer der Israeliten folgte auf dem Fuße. Fast ohne ernsten Widerstand wird mühelos das aramäische Heer geschlagen, Aram flieht und sein König entkommt mit genauer Not auf seinem Roffe. Da tritt dem siegreich heimkehrenden Achab derselbe Prophet entgegen und spricht zu ihm: „Nimm alle Kraft zusammen und wisse und siehe zu, was du tustdenn wiederum wird im nächsten Jahre Arams König gegen dich Heraufziehen." Achab war nicht schlecht, er war nur schwach. Und solcher Charakter, der in sich keine Festigkeit besitzt, und sich nur von außen bestimmen läßt, mag dem Unglück trotzen, doch den Erfolg des Glückes erkennt er an. Vielleicht auch Achab —? Es war das letzte Mittel, ihn zu retten — aus den Krallen seines teuflich schlechten Weibes. Wie prophezeit, so geschah es. Ben Hadad rückt wieder heran. Doch diesmal hatte er sich die große Ebene Jesreel ausersehen. Waren die Bergfexe Israels auch siegreich gewesen, so dachten die naiven Götzendiener, die Waldböcke der Flur werden es nicht sein. Auch gegen den Alkohol hatte man wirksame Schutzmaßregeln getroffen. Man nahm keine Fürsten mtt ins Feld, die man bewirten mußte. Man stellte Pascha-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.