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Der Israelit · 1909-07-29 · Heft 30 (29.7.1909) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 30 (29.7.1909)
Date
1909-07-29
Page
– (sequence 21)
Language
German
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5. Jahrgang. M 7. ü die eher VolRQframd MosÄr-veilage zum „TsraenT V<r»atw»rttldx Redaktion« Rabbiner Dr« B. QQotf fa Köln. Cöln, 18. Juli. In der gestrigen Vorstandssitzung des Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands (E. V.) wurde ein Stipendienfond begründet zur Unterstützung gesetzestreu lebender junger Leute während ihrer Ausbildung ohne Unterschied des Berufes. Um häufige und reichliche Zuwendungen zu diesem Fond wird dringend gebeten! Es dient diese Kaffe einem jüdischen und sozialen Zweck ersten Ranges. Möge ihrer bei allen Familienanlässen gedacht werden. Die Eingänge zu dieser Kaffe werden wir stets an dieser Stelle veröffentlichen. Der Crost moderner meltanzcdanimg. Es ist ein Bedürfnis des Juden, nach der Trauer und der Klage Trost zu finden über Israels Leid und Schmerz. Kein Prophet schließt selbst die bitterste Anklage, ohne einen Ausblick auf eine hoffnungsreichere Zukunft. Wer will es uns verargen, daß wir in der fortgeschrittenen Zeit der Erkenntnis, verzweifelt die Verkennung gewahrend, die dem Judentum entgegengebracht wird, nach einem Ende dieser schmachvollen Behandlung des bedeutendsten Kulturelementes der Menschheit ausspähen? Droht doch immer mehr der Mensch der Menschheit verloren zu gehen, je mehr der Blick nach außen -sich wendet, sich der Entdeckung und Verwertung der Naturkräfte zukehrt, und nun gar in einer Zeit, in der die Natur um uns uns nicht mehr genügt, in der wir den Sphären über uns zustreben und den leisesten wehenden Windhauch schon im voraus ahnen und ihn der Fortbewegung in den Lüften immer mehr dienstbar zu machen lernen. Der Blick, auf die Außenwelt gerichtet, droht den inneren Menschen zu verlieren. Was hätte dann der Mensch der Menschheit geleistet, wenn er sich selbst der Menschheit geopfert? Und doch droht dem Vorwärtsdrängen und Weiterstreben der Menschenkraft und der Menschenmacht diese Ungeheuerlichkeit der Gefahr, sich selbst zu verlieren, weniger, denn früher. Die Anteilnahme der Masse an den überraschenden Erfolgen des geistigen und technischen Schaffens ist geweckt. Sie bildet sich und fördert sich. Jede mechanische Arbeit ist vertieft und wird zu einer geistigen Leistung erhoben, die planvoll mit Ueberlegung und nach der Erkenntnis bestimmter Gesetze ausgeführt wird. Der Mensch bewertet sich höher und stellt höhere Ansprüche an sich nnd die Menschheit. Die sittliche Pflicht wird geweckt. Da fragt sich der Mensch nach seinem Sein und Sollen. Er richtet in sich hinein seinen Blick. Genügend bleiben ihm der Weltenrätsel ungelöst. Im Streben, sich zu begreifen, tauchen immer mehr neue Fragen in ihm auf, und die Art und Weise ihrer Beantwortung liefert den Gradmesser für die Nähe und die Entfernung von der Gedankenhöhe des Judentums) das den Menschen auf der gleichzeitigen Höhe seines irdischen Strebens und seiner sittlichen Pflicht begrüßen möchte. Kann es da wunder nehmen, wenn im Geistesleben der Gegenwart die Religion durchaus nicht die Rolle eines überwundenen Standpunktes spielt? Allerdings überall mehr als in der Judenheit. In der Judenheit scheint ein Zerfall, in der Menschheit ein Aufbau vor sich zu gehen. Auch solche Zeiten wurden schon erlebt. Das Chazarenreich trat zum Judentum über, als im Schoße des jüdischen Staates der Väterglaube bedenklich ins Wanken geraten war. Die Tochterreligion wurde geboren, da die Mutter kreiste. Ueber diese ernsten Wendepunkte der Geschichte rettete das Judentum seine Verdichtung und Verinnerlichung in einem kleinen Kreis. Die Taube des Judentums entzog sich den Gefahren auf Erden durch einen hurtigen Flügelschlag des Geistes. Sie hob sich in die hohen Lüfte des Geistes empor und war den Nachstellungen entronnen und senkte sich nieder zu einem ernstern treuern Geschlecht. Auch heute gewahren wir im Kreise der Judenheit viele Anhänger eines mißverstandenen Freidenkertums. Dem Ungebildeten scheint Religionsverachtung einziges Bildungszeichen. Wie irrig. Nur wenig Fühlung braucht man mit dem modernen Erzeugnis ernster Wissenschaft zu haben, um zu wissen, daß die Fragen des religiösen Bewußtseins mit Ernst und tiefer Ergriffenheit gerade heute mit erneuter Kraft sich erheben. Von dieser modernen Weltanschauung her kommt uns Trost. Wohl beklagen wir uns bitter, daß, wenn über Religion im allgemeinen gesprochen wird, die Religion Israels außerhalb der Besprechung bleibt. Heidentum und Christentum bilden die einzigen Betrachtungspunkte. Und doch ist es unS wiederum so recht. Denn so etwas wie jüdische Religion gibt es ja wirklich nicht. Solange man noch Religion als Ausfluß des Gefühlslebens ansieht, muß freilich das Judentum aus dem Vergleich ausgeschaltet werden. Denn es ist ein Gesetzbuch des Pflichtenlebens. Es erkennt das Recht des klaren Verstandes und nicht daS dunkle Gefühl des Gemütes als seine Grundlage. Aber diese klare Auffassung vom Judentum hat man nicht, man will es nicht kennen, sonst ginge man nicht ohne Beachtung an seiner Literatur vorbei. Die alten Römer hielten es wenigstens für der Mühe wert, sich mit jüdischen Großen über die Weltanschauungen aus einander zu setzen. Es reizte sie das Judentum als etwas Neues. Heute geht man von der vorgefaßten Meinung aus, im Christentum besäße man das geläuterte Judentum. Was bedarfs der Hefe, wenn man den Wein genießen kann. Die alten Römer studierten den ganzen Talmud, bevor sie ihr eorpus juris schrieben. Heute verhöhnt man ihn, ohne ihn zu kennen. Würde man sich von dem Vorurtell gegen alles Jüdische befreien, man würde seine besten Ideen zu positiveren Endresultaten ausbauen können, als es ohne Kenntnis des Judentums gelingt. Dort, wo z. B. Ibsen aufhört, setzt das Judentum ein. Was fehlt, hat Ibsen bemerkt, er vermag es aber nicht zu ergänzen. Er fühlt die Lücke und kann sie nicht ausfüllen. Nicht anders ergeht es Eucken. Seine Grundideen mögen sieghaft sich die Welt erobern! Sie sind Sendboten der jüdischen Weltanschauung. Leider geht er aber an Moses und den Propheten ohne Ahnung, ohne Acht vorüber, drum fehlt seiner Gedankenschöpfung die Krone. Wir finden den Trost über die Gegenwart bei dem Gedanken, daß Eucken ein volkstümlicher Denker werden könnte. Verbreiten sich seine Ansichten, dann ist die Grundidee des Judentums auf den Schild gehoben. Wir sehen wie leuchtenden Morgenstrahl jüdische Wahrheit durchbrechen und frohlocken in der sichern Hoffnung, daß, was heute noch Gut de^ Denker ist, in zwanzig Jahren Volksbesitz werden kann. Und die Judenheit wird ihren eigensten Schatz aus fremder Hand mit Freuden wieder empfangen.' Es jubelt das jüdische Herz wenn es bei Eucken liest: „Gibt es nur eine Wirklichkeit der Natur, und ist der Mensch ein bloßes Naturwesen, so ist für die Willensfteiheit in irgendwelchem Sinne kein Platz mehraber es gibt eben noch eine höhere Wirklichkeit. Mit der Wendung zur Geistigkeit scheint ein ursprünglicheres und selbsttätigeres Geschehen durchzubrechen und sich dabei das Sein auf ein fortlaufendes Tun zu begründen. Die Welt des Geistes erscheint hier als eine selbständige und wesentliche Wirklichkeit. Es bleibt dabei, daß die tiefsten Erschließungen der Wirklichkeit uns nicht von der großen Welt draußen, sondern aus der Innerlichkeit der Geisteswelt zugehen,' daß sie uns hier nicht fertig geboten werden, sondern daß nur unsere eigene Tat uns in eine Welt der Freiheit und Wahrheit versetztdaß aus solchen Wandlungen ein Ganzes von Ueberzeugungen entspringt, das durch die Wissenschaft wohl weiter entwickelt und als wirksam erwiesen, nicht aber deduziert und von persönlicher Tat abgelöst werden kann. An der Tat liegt demnach schließlich alle Vernunft des Lebens und alle Festigkeit der Ueberzeugung. Nur sie kann dem Menschen einen Rückhalt geben gegen eine fremde, ja feindliche Welt." Die Welt des Geistes, die Welt der Tat! Seele, göttlicher Hauch und freier Wille sittlicher Vorzug! Das ist die modernste Weltanschauung ernster und vornehmer Geister. Ist erst die Tat als Inhalt der Religion anerkannt, dann ist ein Rückgreifen auf das Judentum unumgänglich. Welch schöner Trost in diesen Tagen des Monats Aw. Aus seinen Trümmern ersteht Jerusalem. Phöniruleich ersteht auf des Tempels Asche die jüdische Weltanschauung als moderne Religion. Und was Israels Leben und Geschichte, was Israels Dasein nach aller Not erweist: Des Lebens Frohsinn aus dem Mut des Lebens — in Euckens Worten hören wir ihn widerhallen. Auch ihm ist das irdische Leben kein „Jammertal", in dem wir nur wehmüttg zu klagen und sehnsüchtig zu harren hättener stellt an den Menschen die Forderung einer mannhaften Einsetzung aller Kraft, einer heroischen Ergreifung und Festhal- ÜÜÜä iifntMtfiatfiiTitfi-iifiir

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