Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1909)
- Date
- 1909-07-29
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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29. Juli 1909. Der JsraeUr Seite 20. No 3) aus und spielte Fangball mit ihm. Die alte, schöngeschweistc Schabboslanmpe, die nur am Freitag Abend im milden Lichte von sechs Flämmlein strahlte, schien jetzt noch einmal angezündet zu sein. Der sabbatliche, weißgedeckte Tisch strahlte in makelloser Reinheit und verbreitete festlichen Glanz um sich. Dieser teilte sich der ganzen Stube mit, die, wenn auch spärlich, doch recht gemütlich eingerichtet war. In 'einer Ecke der beschriebenen Stube, in die der ermunternde Sonnenstrahl noch keinen Weg gesunden hatte, saß auf der Ofenbank eine ältere Frau, deren festliches Aussehen ganz zu denr der Stube paßte. Das weiße Schabboshäubchen war auf die Seite gedrückt und ließ ein schwarzes Haarnetz sehen. Auf ihrem Schoß lag ein aufgeschlagenes Buch mit altem Einband und ebensolchen Bildern. Sic war darüber ein-" geschlummert. Gegenüber der Greisin, die dort am Ofen ihr Nachmittagsschläfchen hielt, saß, leicht gestreift vom goldenen Band, das die freundliche Sonne hereinwob, am weißgedeckten Tisch, ein blondes Lockenköpfchen ebenfalls über ein Buch geneigt. Hie und da sahen frische Kinderaugen aus, um die schlafende Großmutter zu suchen. Allmählich war der leise Sonnenstrahl immer weiter all der Wand vorgerückt, bis zu den schwarzgerahmten Bildern, die neben dem Ofen hingen, und jetzt guckte er auch schon neugierig in die dunkle Ecke, in der die Greisin schlief. Ta blinzelte er derselben auch schon ins Gesicht und von dem lvarmen Gruß erwachte Großmütterchen. Freudig sprang jetzt das Mädchen am Tische, das nur ungeduldig bei seinem Buche ausgeharrt hatte, um jetzt mit Großmütterchen zu plaudern. . „Weil du jetzt so brav gelesen hast", begann die Großmutter, „wsil ich dir heute die Geschichte von der braven Else und dem Sonnenstrahl erzählen. Tie kleine Else war, wie ich dir schon sagte, ein sehr braves Mädchen. Sie folgte ihren Eltern und Lehrern und war gegen alles Lebende freundlich und gut. Jeden Tag streute sie für Tauben und Spätzlein Futter auf den Weg und oft kamen diese, wenn ihre kleine Gönnerin Zur Schule ging, von selbst aus sie zugeflogen, um ihre gewohnten Leckereien zu erhalten. Oft auch, wenn sie allein war, unterhielt sich das freundliche Mädchen mit ihren geflügelten Freunden und fragte sie, was sie gesehen. Aber freilich viel verstand sie nicht von dem, was die kleinen Schnäbelchen plapperten. Wie alle guten Menschen liebte sie auch das helle Gold der Sonne und stand jeden Tag mit frohem Gesicht auf, wenn sie die ersten Sonnenstrahlen weckten. Eines Nachts, als sich das liebe Mädchen frühzeitig zu Bette gelegt hatte, sah es einen sonderbaren Traum. Ein wunderschöner Sonnenstrahl, eben ein solcher, wie er jetzt hereinscheint, weckte klein Elschen aus dem Schlafe. „Wer hat diesen schönen Strahl zu uns hereingeschickt?" unterbrach die kleine Zuhörerin die Erzählerin. „Der liebe Gott", war die freundliche Antwort. „Er beherrscht alles. Er weist allen ihren Weg an. Sie folgen ihm. Menschen und Tiere, Sonne und Mond und alle Sterne." Die kleine Enkelin wußte wohl, daß ihr die Großmutter nie eine Antwort versagte. Darum fragte sie auch weiter, froh, nicht fürchten zu müssen, mit ihren Fragen, die die älteren Leute oft kindlich und dumm nannten, kurz abgefertigt zu werden. „Ist der liebe Gott mit dem Strahl hineingekommen, in dem so viele Pünktchen sind und der das Zimmer so schön gemacht hat?" forschte die kleine Frieda weiter. „Nein, liebes Kind, Gott ist überall und wartet nicht erst auf den Sonnenstrahl, um hercinzukommen." „Aber ist er auch immer bei mir, da neben mir? Oder, wenn ich mich in den Kasten sperre? Ist er da auch bei mir?" — „Auch da ist er bei dir. Tie Luit, von der du doch sicher glaubst, daß sie keine Gestalt hat, muß eine solche haben, da sie sich ja an viele Dinge, die für undurchdringlich sind, anschmiegt. Aber der Allmächtige kann durch nichts gehemmt werden, und hat keine Gestalt." „Großmütterchcn!" „Ja, mein Kind?" „Warunr sehen dann die Leute beim Beten so oft in die Höhe, wenn Gott überall ist?" „Manche tun es aus Unvernunft, weil sie glauben, der,-dessen Herrlichkeit doch die ganze Welt erfüllt, throne nur dort oben überm Sternenzelt. Biele aber wollen sich nur vom Menschlichen abwenden, dahin, wo nicht mehr der Erden Last und Sorge das Menschenherz bedrängt." In der Unterhaltung trat jetzt eine Panse ein. ^n dieser Stille hörte man das Ticken der Uhr an der Wand und das Schnurren der schwarzen Katze am Ofen. Die Erzählerin dachte nach, was das Kind gefragt hatte. Schon manches Kind, das aus seine Fragen keine Aufklärung erhalten, schämte sich weiter zu fragen und war später auf Abwege geführt, auf denen es, wie es glaubte, kein Zurück mehr gab. War es : da nicht besser, wenigstens nach Möglichkeit dem Kinde zu erklären? Die kleine Schülerin aber zögerte, weiter zu fragen. Es war ja so viel, was sie nicht verstand, und auch in Großnmttecs Erklärungen war ihr nicht alles klar. Bei ihr aber konnten kleine Mädchen wenigstens noch etwas erfahren und wurden nicht leicht abgefertigr, ivie mit, „das verstehst du noch nicht", oder, „später einmal" und ähnlichen Worten. Doch endlich siegte die Wißbegier. Die kleine Fragestellerin fuhr jetzt fort. „In der Geschichte von Terach, die ich vorhin als du geschlafen, las, sah ich, daß Terach, dessen Götzenbilder Abraham vernichtete, sich trotz der Wehrlosigkeit seiner Götter nicht von ihrer Ohnmacht überzeugen ließ." „Nur ganz wenig Menschen", antwortete die Gefragte, die nie über eine Antwort in Verlegenheit war, „hatten Gott damals schon erkannt, wie er ist. Alle Uebrigen sahen aber in ihren Göttern nur höhere Wesen als sie selbst, glaubten aber sonst, daß dieselben alle Eigenschaften mit ihnen teilten. Es gab bei ihnen also auch Götter des Diebstahls, des Raubes und des Krieges. Der Stärkere siegte über den Schwächeren, und der Sieger konnte dem Besiegten das Leben nehmen. Zwar glaubte Terach nicht, daß sich seine Götzen gegenseitig die Köpfe abgeschlagen, er glaubte aber, daß stärkere Götter seinen Schwächeren das bestimmt hätten, was ihnen zugestoßen. Er machte sich nun neue Bilder und betete in ihnen die stärkeren an. Ter verblendete Götzendiener wußte nicht, daß der wahre Gott ewig und einzig ist." „Wieso weißt du es?" fragte das verständnisvoll lauschende Mädchen. „Gott selbst hat es am Sinai gesagt, während Blitz und Donner seine Worte begleiteten, und ivie könnte ein Gott gerecht sein und die späteren Geschlechter belohnen und bestrafen, wenn er nicht ewig währte? Und auch seinen Namen hat er nach dieser Eigenschaft benannt, die dem Erdensohn am meisten zeigt, daß er ein Nichts gegen den Weltregenten ist. Dieser heilige Name, den nur di.e Priester in Ehrfurcht aussprechen durften, bedeutet: „Er war, er ist, er wird sein." „Doch nun vom Sonnenstrahl", fuhr die Großmutter mit ihrer Erzählung fort: „An den schönen Farben des goldenen Himmelsboten, des Sonnenstrahls, hatte klein Elschen rechte Freude. Da, zu ihrem großen Erstaunen begann dieser plötzlich zu sprechen. „Schon viele Tage habe ich dich beobachtet und dein braves Benehmen hat mich recht gefreut. Denn du mußt wissen, nicht alle Kinder sind brav. Doch jetzt geht rnein Weg wieder weiter und da ich dir gerne eine Freude machen will, will ich dich auf meiner Reise mitnehmen, wo du viel Schönes sehen kannst." Spruchs und Plötzlich war Elschen ein Sonnenstäubchen, das sich leicht in die Lust hob und auch mit dem freundlichen Sonnenstrahl wunderte. Eine wunderbare. Reise wars? Ueber prächtige Paläste und armselige Hütten gings im Fluge dahin. Nur hie und da wurde ein kurzer Blick in diese Pracht, oder in dieses Elend geworfen. Dann kam die großartige Bergwelt. Riesige schneebedeckte Bergketten wechselten mit lieblichen sonnenbeschienenen Tälern ab, zu denen kein Lüftchen Zutritt hatte. .Wie große Bogen gelben Papiers breiteten sich da unten mächtige große Wüsten aus und lange schwarze Striche bewegten sich darüber hin, lange Karawanenzüge. Unendliche Meere dehnten sich aus und hoch wallten die Wogen auf unter dem Winde, der Elschen mit.Blitzesschnelle darüber hintrug. Die ganze Welt war jetzt ihre Bahn. Vom heißesten Süden, wo sich die Menschen nur mit dem nötigsten bekleiden, bis znm höchsten Norden, wo sich die Bewohner bis zur .Unkenntlichkeit in ihre Seehundsfelle emhüllen. So verschieden aber wie sie die Menschen und ihre Kleidungen sah, so verschieden sah die kleine Reisende auch ihre Gemüter. Mit Grausen mußte sie sehen, ivie sich die Menschen mit fürchterlichen Waffen bekämpften. Wie menschenunwürdige Verbrechen begangen und gerächt wurden. Durch des Strahles Fürsorge verhüllte hie und da eine gütige Wolke den Anblick des Gräßlichen, das sich da unten abspielte. Dann aber hatte das brave Kind wieder große Freude an guten Leuten. Da auf dem Schlachtfelde waren todesmutige Männer, die den dichtesten Kugelregen nicht scheuten, ihren verwundeten Brüdern beizustehen und sie aus dem Schlachtgetümmel hinwegzutragen. Dort erblickte sie mächtige Männer, die mit starker Hand die Schwachen vor schlechtem Gesindel schützten. Da allmählich kam denr Mädchen die Gegend wieder bekannt und bekannter vor und auf einmal — erwachte es. Es war schon spät am Tage und scharf sielen die goldenen Sonnenstrahlen der Langschläferin ins Gesicht. Ihr Haar aber war golden geworden, wie die Flut des Lichtes das zu ihr hereinstrahlte." Mit glänzenden Augen und roten 'Wänglein hatte die kleine Frieda auf die Erzählung der Großmutter getauscht, und hie und da mit liebevollen Blicken auf ihr eigenes goldenes Haar geschaut. Schon wollte sie die liebe Erzählerin um noch eine Geschichte bitten, da hörte man draußen Schritte, die Türe öffnete sich und herein traten Friedas Papa und Mama, um Großmütterchen und Töchterchen zum Schabbosnachnrittag-Spaziergang abzuholen. Unsere drei Namen ). Drei Namen jeder Mensch auf sich vereint. Der je auf diesem Erdenrund erscheint. Den Kosename aus Muttermunde, Der vielmals wechselt in jeder Stunde. Den Namen, der uns vor der Welt gegebeti, Und den wir führen unser ganzes Leben. Den Dritten, den wir uns selbst erwerben, Und einst auf unsre Kinder vererben. Bebräifdies Räffel. Mit tv ists dein inneres Licht,' Bewahrst Du es Dir gut und rein, So übest Du mit j? auch nicht. Mit n tritt sie nadj Trauer ein. *) Aus „Ewige Weisheit", Spruchpoesie des Talmud und der raboinischen Literatur von Max Weinberg. Verlag, Otto Hendel, Halle.