Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1909)
- Date
- 1909-07-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 8 9tx.B0 Der Israeli». ‘ 9. IM 1909 Präsidenten Moritz Mezei hier eine Konferenz abgehalten. Aus dem offiziellen Berichte ist folgendes zu entnehmen: Die Versammlung war infolge der politischen Verhältnisse erst für den Herbst geplant, aber inzwischen sind die staatlichen Subventionen angelangt und das Interesse einzelner armer Gemeinden erforderte es, daß die Verteilung dieser Unterstützung keinen Aufschub erleide. Der Staat hat dieses Jahr für die Kongreß- Gemeinden 43,000 Kronen bewilligt. Nach eingehendem Gedankenaustausch hat die Versammlung beschlossen, die die vitalen Interessen der Konfession berührenden Fragen erst in den Herbstmonaten vorzunehmen. Die Kanzlei teilte der Versammlung mit, daß das Streben des Kultusministers und seines Staatssekretärs dahin gehe, daß die auf dem Gebiete der Verwaltung aufgetauchten und eben nicht aus politischen Gründen entstandenen Schwierigkeiten beseitigt werden und daß die jüdische Frage zur Zufriedenheit der gesamten Konfession ehestens gelöst werde. Ein, wenn auch bescheidenes Zeichen dafür, ist der Umstand, daß die für die jüdische Konfession festgesetzte Staatsunterstützung von 90,000 Kronen im Budget für das Jahr 1910 auf 120,000 Kronen erhöht werden wird. Hieran haben wir unsererseits folgendes zu bemerken. Auch die Orthodoxen würden sich ungeheuer freuen, wenn der Kultusminister die sogenannte „jüdische Frage" endgültig regeln wollte. Diese „Regelung" aber darf keine Verkürzung unserer Rechte in sich schließen, denn sonst geht auch diese von dem Herren Distriktspräsioenten angestrebte „Regelung" dem Schicksal entgegen, dem alle ihre früher unternommenen „Regelungs"versuche anheimfielen. Auch ist es ein himmelschreiendes Unrecht, daß die Orthodoxen, die doch an Zahl zweimal soviel als die Neologen sind, nur so viel Subvention erhalten, wie die Neologen, die noch dazu materiell bessergestellt sind als die orthodoxen Gemeinden. Wenn aber die Orthodoxen hierzu, wie schon so oft geduldig schweigen, dann hat man allerdings recht, wenn man im Kultusministerium dieses Mißverhältnis ewig bestehen läßt. * * * Mit großem Jubel verkündete vor zwei drei Wochen die neologe Presse, daß der Minister des Innern eine Entscheidung gefällt hat, wonach ein Teil eines größeren Legates, daS vor einigen Jahren der Neutra er orthodoxen Gemeinde zugefallen war, der dortfelbst voriges Jahr gegründeten neologen Gemeinde zugewiesen werden soll, da zur Zeit der Testierung jenes Legates die Mitglieder der neugegründeten neologen Gemeinde noch Mitglieder der orthodoxen Muttergemeinde waren und demzufolge der Stifter jenes Legates auch die Glieder der gegenwärtigen neologen Gemeinde seine Wohltaten wollte genießen lassen. Nun aber soll sich — nach Mitteilung des neologen Blattes —ähnliches auch in Arad ereignen. Nur daß hierorts, wo die neologe die Muttergemeinde ist, die Rollen vertauscht find. Die erst vor paar Wochen genehmigte orthodoxe Gemeinde fordert hier ihren Anteil, an dem vor kurzem der dortigen Muttergemeinde zugefallenen riesigen Spitzerschen Legate. Nun aber doziert der allerneueste poifi der neologen Presse, daß die Arader Orthodoxen kein Anrecht an jenes Legat hätten, weil sie schon seit Jahren aus der neologen Gemeinde austreten— wollten. Wie es scheint, gehört der „Mordechai Hajehudi" der Neologie zu den m '22, für welche allerdings rQtPHD rwyeD ist. Aber noch wahrscheinlicher ist es, daß dieser ganze Arader Erbschaftsstreit pure Erfindung ist, dazu ersonnen, den Orthodoxen in Arad, die vor kurzem erst nach jahrelangem Kampfe ihre Autonomie erhalten haben, eins zu versetzen. ... —— i. . gfofflani». nusroeisunss-Poliflft. Petersburg, 20. Juli. Aus Armawir (Kubaner Bezirk) sind 12 jüdische Familien ausgewiesen worden. Ein von den Betroffenen an den Kriegsminister gerichtetes Gesuch um Aufhebung dieser Maßregel ist mit der Motivierung abschlägig beschieden worden, daß „die betreffenden Familien für die Ortsbevölkerung schädlich" seien. Wie sehr die Ausgewiesenen für ihre Mitbürger „schädlich" waren, geht daraus hervor, daß die Vorsteher der größten Bank- und Handelsfirmen in Armawir den Kriegsminister ersucht haben, den betreffenden 12 Familien den ferneren Aufenthalt in ihrer Stadt zu gestatten, da sie stetdem Handelsbetrieb im Orte großen Nutzen gebracht und mit der christlichen Einwohnerschaft im besten Einvernehmen gelebt haben. Aber auch dieses Gesuch ist erfolglos geblieben. Die Zentralregierung glaubt die Bedürfnisse und den Nutzen der örtlichen Bevölkerung besser zu verstehen als diese selbst! * Aus Wolog da schreibt man: Die hiesige Gouvernementsverwaltung hat siebzig Handwerksatteste, welche von der Innung an jüdische Handwerker ausgestellt waren, für ungültig erklärt. Diese siebzig Juden, denen dadurch das Ausenthaltsrecht entzogen ist, werden nun mit ihren Familien von hier ausgewiesen, und viele Werkstätten werden deswegen geschlossen werden müssen. * In Jalta hat der Generalgouverneur General Dumbadse eine Bestimmung erlassen, wonach die mit den Schiffen im dortigen Port ankommenden Juden in Zukunft nicht das Recht haben, an Land zu gehen. Zur Besorgung von Lebensmitteln und dem notwendigen Speisenvorrat dürfen sie sich nur für kurze Zeit mit Polizeibegleitung bis an die in der Nähe de- Hafens belegenen Geschäfte begeben. Die jüdischen Passagiere werden dabei von den Polizisten in der rohesten Weise behandelt und wie eine Herde gemeinsam vor sich hergetrieben. Warschau, 20. Juli. Der hefige jüdische Gemeindevorstand hat dem Genralgouverneur und Kreisschulinspektor einen Bericht überreicht über die jüdischen Volksschulen in welchem besonders darüber Klage geführt, wird daß die Stadtverwaltung für jüdische Bildungszw-cke nicht den geringsten Beitrag leistet, trotzdem die Juden mehr als die Hälfte der Gemeindesteuern bestreiten. Ferner wird daraus hingewiesen, daß die staatl'chen Volksschuleu für jüdische Kinder von Regierungsbeamten geleitet werden, während der jüdischen Gemeinde jeder Einfluß auf diese Schulen versagt wird, obgleich sie sämtliche Erhaltungskosten dieser Schulen selbst zu tragen habe. Schließlich protestiert die jüdische Gemeinde gegen den russischen Sprachzwang in den jüdischen Schulen. Finnland. Helsingsors, 20. Juli. Der finnische Senat hat wie bereits bekannt ein Gesetzesprojekt ausgearbeitet, wonach den in Finnland geborenen oder seit mindestens zehn Jahren wohnhaften Juden die bürgerliche Gleichberechtigung gewährt werden soll. Dieses Gesetzesprojekt ist aber von der russischen Regierung als zu liberal befunden worden, und der hiesige Generalgouverneur hat sich an den finnischen Senat mit der Forderung gewendet, Garantien dafür zu schaffen, daß sich nicht m viel Juden in Finnland niederlassen! Der Generalgouverneur protestierte auch gegen die Bestimmung, daß sich jeder russische Jude drei Monate in Finnland aufhalten darf. Er verlangt die Beschränkung des Termins auf höchstens 1 Monat, da die Juden in drei Monaten hier irgendwelche geschäftlichen Betriebe eröffnen könoten, wodurch ihre spätere Ausweisung erschwert würde. Wie vorsorglich und weitschauend ein russischer Regierungsvertreter in bezug auf Judenentrechtung doch sein kann! Das erwähnte Gesetzesprojekt gibt ferner jedem finnischen Gouverneur das Recht, ftemden Juden den Aufenthalt in seinem Bezirk mit Zustimmung der Ortsverwaltung für 1 Jahr zu gestatten. Auch das erscheint dem Generalgouverneur zu „liberal" oder zu „gefährlich", und er wünscht auch hier eine Verkürzung der Frist auf 6 Monate. Was wird nun der finnische Senat auf alle diese echt-russischen Forderungen erwidern? Schon das elementarste Gefühl der Selbstachtung gegenüber den russischen Eingriffen müßte ihn bestimmen, sie mit Nachdruck abzulehnen. Aber es handelt sich ja hier „bloß um Juden"! England. Vom Infernafionalrafe der Ko. London, 18. Juli. Am 15. und 16. Juli fand in London eine vertrauliche Konferenz der Jnternationalräte der gto statt. Es waren 47 Delegierte aus England, esterreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Holland, Rußland, Südamerika und der Schweiz erschienen. Israel Zangwill begrüßte die Erschienenen und hob die Aktionen der britischen Sektion der Jto hervor, zu denen auch die Expedition nach Cyrenaiea gehört. Er, Zangwill selbst, hatte Unterredungen mit vier Ministerpräsidenten und zahlreichen Kabinetsministern und hervorragenden Männern der Geschäfts- und Finanzwelt, so, daß man in gewissem Sinne zum ersten male in der Geschichte ein wirklich klares Bild über die Lage des jüdischen Volkes erhalten habe. Am Schluffe seiner Rede wies Zangwill darauf hin, daß das Statut der Jto einen Wechsel im Präsidium nicht vorsehe, so daß es ihm selbst obliege, den demokratischen Prinzipien Rechnung zu tragen und seine Demission zu geben. Er riet die Demission auch aus anderen Gründen anzunehmen, erstens, weil es notwendig sei, eine so große Bewegung von einer Einzelperson unabhängig zu machen, besonders von einer Person, deren Rückzug vom politischen Leben von seinen Gegnern gefördert wird. Hieraus verlas Zangwill seine Berichte über 1. Mesopotamien und andere territoriale Möglichkeiten und 2. über die Cooperation der Jto mit anderen Organisationen. Zum ersten Punkt zählte Zangwill eine Liste von Territorien auf, die die Jto gründlich untersucht hat und andere, die noch der Untersuchung harren. Wenn die Jto ihre Aufmerksamkeit auf Mesopotamien konzentriert, so geschieht dies deshalb, weil dieses Land die größte Wahrscheinlichkeit für die Realisierung ihres Programmes bietet. Die Schaffung eines Territoriums müsse zwei Phasen durchmachen: 1. die finanzielle Phase, bezüglich welcher die zionistische Organisation den Beweis erbracht habe, daß die Massen keine wichtige Rolle spielen können. 2. die kolonisatorische Phase, in welcher die Massen die allerwichtigste Rolle spielen. Dies beweise die Notwendigkeit einer Cooperation mit anderen Organisationen oder Personen, besonders im ersten Stadium. Aber selbst müsse sie zwei Phasen durchmachen, denn selbst wenn sie auf autonomer Basis in einem konstitutionellen Lande durchgeführt würde, könnte eine politische Präponderanz in dem betreffenden Territorium nur im Wege einer langen konzentrierten Einwanderung der Juden erreicht werden. Hieraus wurde dem Präsidenten Israel Zangwill Dank und Vertrauen votiert und er einstimmig gebeten, seine Demission zurückzuziehen. Nachdem Jass inowsky im Namen der russischenJtoisten sich diesem Wunsche angeschlossen hatte, zog Zangwill seine Demission zurück. Auf eine Anfrage des Herrn Josseleff gab Zangwill Aufklärungen über die bisherigen politischen und anderen Verhandlungen betreffend Mesopotamiens. In der Diskussion wünschte Dr. Jeremias- Posen eine Aenderung der Statuten, durch welche mehr Gewicht auf das Jtoprogramm als eine Lösung der Emigrationsfrage gelegt werde. Nach eingehender Debatte wurde auf Antrag Professor S l o u sch beschlossen, Cyrenaiea in die Territorien behufs eingehenderem Studiums einzubeziehen.