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Der Israelit · 1909-07-29 · Heft 30 (29.7.1909) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 30 (29.7.1909)
Date
1909-07-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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20. Juli 1909. Der JSraelit. faßte er sogar eine allgemeine Literaturgeschichte". Mcht zu verwechseln mit seiner «Geschichte der jüdischen Literatur", die, ein kompilatorisches Werk und im Einzelnen fast auf Schritt und Tritt anfechtbar, doch den Meister des Stils verrät und da und dort — z. B. in der Charakteristik des Talmuds — Kabinettstücke erlesensten Geschmacks bietet. Ein schönes Buch auf diesem Gebiete seiner literarischen Tätigkeit ist auch seine „Zionsharfe", eine Anthologie neuhebräischer Dichtungen. Sein Werk sind auch, denn seiner Anregung entsprossen, die „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur", deren Wert sicherlich nicht allzu hoch einzufchätzen, die aber doch das Gute gewirkt haben, den einen oder andern erst wieder an sein Judentum zu erinnern. Nach dem Tode Ludwig Philippsons und dem Uebergang der „Allg. Ztg. d. Jdt." in den Mosse'schen Verlag wurde Karpeles deren Redakteur, und damit beginnt die letzte, wenigst erfreuliche Phase seines Lebens. Er übernahm ohne Rechtswohltat des Inventars damit das Erbe eines Mannes, dem die Bekämpfung des gesetzestreuen Judentums als Lebensaufgabe gegolten hatte/ und er stellte sich in den Dienst eines Zeitungsverlegers, der das Blatt nicht um Gelderwerhswillen, sondern um der äußersten Reform ein Organ zu erhallen, übernommen hatte. Auch energischere Naturen als Gustav Karpeles wären diesen Einflüffen erlegen/ um wieviel mehr er, der alles Andere eher als ein Kämpfer war, und der sich hier um so lieber schieben ließ, als die Richtung des Blattes seiner Lebensauffassung entgegenkam. In dieser Tätigkeit ist Gustav Karpeles immer weiter in das Fahrwasser der Reform hineingeraten, bis er „Sprecher" der Berliner „Reformgemeinde" und Wanderredner der „Liberalen Bereinigung" ward. Atmeten Anfangs seine Artikel Friedensliebe und suchten sie dem orthodoxen Gegner — dem Freund von ehedem — gerecht zu werden, so verloren sie von Jahr zu Jahr mehr diese Eigenschaften und gewann der Ton an Schärfe und Feindseligkeitstatt vieler Beispiele sei nur die Stellungnahme des Blatts im Badischen Gebetbuchstreit und — noch erst in den letzten Wochen — in der Badischen Religionsunterrichtsbüttelei angeführt! Und doch — während Karpeles so in seinem Privatleben wie in seiner redaktionellen Tätigkeit immer weiter sich von den Anschauungen seiner Jugend entfernte / während er zuweilen sogar mit kaum verhülltem Haß das glaubenstreue Judentum und seine Vertreter bekämpfte und dem „liberalen" Judentum Lobeshymnen sang/ so war in seinem Innern doch immer noch ein Plätzchen von alten Ideen und Idealen besetzt geblieben, die daraus durch alle fremden Einstüffe, vielleicht sogar durch seinen eigenen Willen nicht vertrieben werden konnten. Derselbe Mann, der in seinem Blatte das Festhalten am Ueberlieferten, nicht schroff genug verurteilen, den Obskurantismus der Orthodoxie nicht scharf genug bekämpfen konnte, war bereit für die russischen Jeschiboth mit Wort uud Tat einzutreten, wenn sie seine Hilfe in Anspruch nahmen! Unvermittelte Gegensätze, zwischen denen es weniger als zwischen Wasser urw Feuer eine Aussöhnung gibt, lagen in chm friedlich neben und bei einander, als mußte es so sein/ sie bewirkten, daß auch diejenigen, die ihm im Leben näher standen als wir, diese komplizierte Natur am Ende ihres Daseins schwerlich restlos zu erkennen und zu beurteilen vermochten! Heute fand auf dem Friedhof in Weißensee die Beerdigung seiner hierher überführten Leiche statt. Die Gedächtnisrede hielt der Predigerder Reformgemeinde Dr. Lewin. . Weitere Ansprachen hielt: Namens des „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur", Herr Professor Dr. P h i li p p s o n, Namens seiner Freunde Herr Chefredakteur Dr. Landau und im Aufträge der „Bnei Brißloge" Herr Sanitätsrat Dr. Maretz ki. Die Beisetzung erfolgte in der Ehrenreihe neben dem Grabe Prof. Oppers. Berlin, 27. Juli. Das Deutsche Bureau der Alliance Jsraelite Universelle er hielt von ihrem Vertreter in Marokko folgendes Schreiben: Fez, 5. Juli. Im Laufe dieser Woche kam eine Anzahl armer israelitischer Arbeiter zu mir mit der Meldung, daß sie seit der Ankunft Mulay Hafids in Fez fast täglich zu Arbeiten an den Pulverdepots des Sultans und in den Ställen des Dar el Maghson herangezogen würden, ohne jemals Lohn dafür zu erhalten. Das ist die Rückkehr zum alten Frohndienst. Die Arbeit für den Sultan besteht darin, die Pulverkästen zur Waffenfabrik zu transportieren und dort zu öffnen, das Pulver abzuwiegen, sachgemäß zu behandeln, zu trocknen usw. Unter Abdul Asis gab es für jeden transportierten Kasten 0,75 Fr., sodaß sich der Tagesverdienst für den Mann auf 2 Fr. stellte. In den Ställen des Dar el Maghsan besteht die Arbeit in der Reinhaltung der Räume, in der Ueberführung der Tierkadaver weit hinaus aufs freie Feld, außerdem im Vergraben der Leichen der Tiere, die dem Sultan gehört haben oder von ihm bestiegen worden sind. Die israelitischen Arbeiter müssen den mühseligen Dienst tun, ohne daß sie dafür auch nur ein Stück Brot für sich und die ihrigen erhalten, sodaß sie auf Unterstützungen angewiesen sind. Einige versteckten sich, um der Frohnde zu entgehen: aber die auf ihre Spur ausgesandten Soldaten fanden sie bald und trieben sie mit Stockschlägen zur Arbeit zurück. Andere verlangten Lohn, wurden aber durch Drohung mit der Bastonnade zum Schweigen gebracht. Sofort, nachdyn ich von diesen Ungerechtigkeiten gehört hatte, begab ich mich zum Großvesir Si Madani el Glaui. Er empfing mich auf das liebenswürdigste, ließ mich vor allen marokkanischen Vornehmen, Paschas und Caids eintreten, die nun auf mich warten mußten. Ich legte ihm dar, wie ungerecht es sei, die Israeliten so zu behandeln. Ich erinnerte ihn an den durch Sir Moses Montefiore erlangten Firman, der ag^drücklich Frohndienst und Bastonnade abgeschafft; ich setzte ihm auseinander, daß man von Seiten der europäischen Juden nicht dulden werde, daß die marokkanischen Glaubensgenossen den alten Bedrückungen unterworfen würden, daß übrigens die Haltung der gegenwärtigen Regierung den Israeliten gegenüber in Europa den schlimmsten Eindruck mache, und daß es in seinem Interesse sei, jenen Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Da seine wohlwollende Gesinnung für die Israeliten, von der er oft Beweise gegeben, mir bekannt sei, hielte ich mich überzeugt, daß mein Verlangen sofort von Wirkung sein werde. Da es Abend war und im Augenblick nichts geschehen konnte, ersuchte mich der Großvesir, ihm anderen Tags die Arbeiter zu schicken, die Ansprüche an Dar el Maghsen hätten. Das tat ich und erfuhr, daß er nicht blos die' nötigen Befehle gegeben hat, daß den Arbeitern voll bezahlt werde, was ihnen zukommt, sondern überdies an den Pascha von Fez, El Dschedid, wen Urheber der Missetaten, entschiedene Vorstellungen gerichtet und ihn mit Ungnade bedroht hat, wenn er die Israeliten übel behandele. Si Mudani el Glaut hat mich aus eigenem Antrieb eingeladen, mich immer an ihn zu wenden, wenn die Israeliten über Versagung ihres Rechts oder über Ungerechtigkeiten von Seiten ihres Paschas sich zu beklagen hätten. Er gab mir die Versicherung, daß er für uns die freundlichste Gesinnung hege, daß er die Dienste anerkenne, die die Israeliten dem Lande leisten, und daß, wenn er erst an der Gewalt sein werde, wir uns niemals über Bedrückung seitens des Maghsens zu beklagen haben würden. Nachdem wir einige Minuten iU'er die Alliance und ihre Schulen gesprochen, verabschiedete ich mich von ihm nicht ohne daß er mich zu häufiger Wiederholung meines Besuchs eingeladen hätte. Den französischen Konsul Herrn Gaillard habe ich von den Vorkommnissen in Kenntnis gesetzt. Herr Gaillard hat mit dem Großvesir gesprochen, um meine Vorstellung zu unterstützen und hat mir versprochen, meine Klage vor den Sultan zu bringen. Straßburg,17.Juli. Diehies.Ortsgruppe des „Zentralverbandes der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands" macht weiter lustig im Antisemitismus. Donnerstag Abend hielt sie in der „Warenbörse" eine gutbesuchte Versammlung der Engros-Angestellten statt, um Stellung zu nehmen gegen das Gutachten, das die hiesige Handelskammer an das Polizeipräsidium abgab, und in dem die Widereinführung der Beschäftigung israelitischer Handelsangestellten am Sonntag empfohlen wurde, hesonders dann, wenn die Geschäfte am Samstag geschlossen haben. Herr Erne referierte über das Thema „Die Sonntagsruhe in den Straßburger Engros- Geschästen". Der Redner versuchte nachzuweisen, welche Schäden aus dem „hinterhältigen Vorgehen" einzelner Geschäftsinhaber der Sache der Sonntagsruhe entständen. Der sehr regen Diskussion folgte die einstimmige Annahme einer _ Nr. 80. Gelle 7 Resolution im Sinne des Referates, die die Erwartung ausspricht, daß „der völlig unberechtigten Bevorzugung jüdischer Geschäftsinhaber nicht statti gegeben wird." . | Hoffentlich wird diese antisemitische Tendenz- | mache nicht imstande sein, die auf besseren Er- | fahrungen und besserem Verständnisse für die J Bedürfnisse der Geschäftswelt beruhende Bemühung der Handelskammer ernstlich zu bedrohen. J Es ist auch die Hoffnung der einsichtsvollen 1 christlichen Kaufleute, die die Sache objektiv und | gerecht beurteilen. - Oesterreich. Lemberg, 20. IM. Aus verschiedenen Ge- > genden in Galizien kommen Klagen über daS ~ rohe antisemitische Verhalten der Soldaten gegenj über den Juden. So wird aus K r o s n o gefchrie-; ben, daß die Soldaten des 17. Landwehr - Regi- ' ments, die auf ihrer Marschübung in der Stcwt > übernachteten, trotzdem sie zumeist bei den Juden - einquatiert und vondenselben aufs gastfreundlichste ,] bewirtet wurden, die Juden vor ihren Borgesetz- 1 ten unablässig beschimpften und beleidigten. Sie zogen gruppenweise durch die Straßen uud sangen Z aufreizende antisemitische Lieder. Eine Beschwerde : bei den Vorgesetzten blieb erfolglos. Pisek, 16. Juli. Am 12. Juli fand bei dem hiesigen k. k. Bezirksgerichte die Schlußverhandlungen gegen den Stationsvorstand Karl Sputa in Vlastic bei Pisek wegen Ehrenbeleidtgung statt, begangen dadurch, daß er seinerzeit, wie berichtet, über Herrn Ludwig König, Geschäftsmann in Oslov, das Gerücht verbreitete, letzterer hätte auf dem Bahnhofe ein Paket mit blutbefleckten Kinderkleidern zurückaelaffen, welche höchstwahrscheinlich einem aus der Gemeinde Toplc verschwundenen fünfjährigen Knaben gehörten. Acht zu dieser Verhandlung erschienene Zeugen bestätigten unter Eid, daß Sputa sowohl im Gasthause, wie in seinem Amtsbureau die Verdächtigung gegen Herrn König äußerte, dieser wäre im Besitze der blutbefleckten Kleider des in Toplc verloren gegangenen Kindes. Sputa machte auch hiervon die Angeige bei der Gendarmerie in Zabor und Pisek und erzählte hiervon im Gasthause der Frau Vojtikovä. in Blastic, ebenso befragte er diesbezüglich den Theologieproftssor an der Lehrerbildungsanstalt in Sobeslau, Herrn Mathias Lhotsky, welcher sich zufällig am 9. Juni d. I. anläßlich eines Ausfluges auf die Burg Zvikov mit seinen Schülern kurze Zeit auf dem Bahnhofe in Blastic aufhielt, um Rat. Ueber den Umstand, wieso jene Kleider Blutflecke aufwiesen, gab der Buchbinder Johann Hosmann aus Pisek verläßliche und genaue Aufklärung. Er bestätigte, daß heuer am 9. Juni Herr König aus Oslov in seinem Geschäfte ein Paket Radiergummi kaufte und ihn außerdem ersuchte, zwei Pakete mit Fleisch und ein größeres Paket mit Kinderkleidern zu dem gekauften Pakete Gummi beizupacken. Der Zeuge entsprach diesem Wunsche und verpackte dieselbe in gewöhnlichem Packpapier zu einem einzigen Paket, welches dann einem Kofferchen ähnlich war. Bei dieser Gelegenheit bemerkte der Zeuge, daß aus der Umhüllung des Paketes, welches Rindflessch enthielt, Blut rieselte und die Kleidchen befleckte. Die Verhandlung währte den ganzen Vormittag, worauf der amtterende Bezirksrichter, Herr Zimmermann, das Urteil verkündete, nach welchem der Beklagte Karl Sputa des Vergehens gegen die Sicherheit der Ehre nach §§ 487 und 401 St.-G. schuldig erkannt und zu einer Geldstrafe von 100 Sftotten, bei deren eventuellen Uneinbringlichkeit zu 5 Tagen Arrest und Zahlung der Gerichtskosten verurteilt wurde. ■M k A j u Ä;S 3 1 Ungarn, dreierlei mag. (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 24. Juli. Die Distriktspräfidenten der Neologie haben dieser Tage nnter dem Vorsitze ihres Kanzlei-

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