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Der Israelit · 1909-07-29 · Heft 30 (29.7.1909) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 30 (29.7.1909)
Date
1909-07-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. 3h. 30 Der Israelit 29. IM 1909 . auf die Dauer bestehen zu können, wenn er den Boden auf welchem er entstanden ist und auf dem er sich nährt, schwinden läßt und ihn ableugnet? Wenn er nämlich die Religion, die Thora, wewhe die jüdische Einheit und das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl gezeitigt hat und erhält, als unerheblich zur Seite läßt uno die r e l i g i ö s e n Mesßashoffnungen, welche den Antrieb zur Zukunstsarbeit ausmachen, verwirft? Er gleicht hier jenem Kinde, das auf der Schulter des Vaters stehend, glaubt, weil es hoch über alles Volk hervorragt, nun des Vaters und dessen Schultern entraten zu können. Wenn man aber einwenden sollte, daß der Zionismus doch das Selbstgefühl der Juden neu gehoben, vielleicht sogar den Nationalstolz erfunden ha e, so brauchen wir bloS darauf hinruweisen,daß jeder betende Jude des jüdischen Selbstgefühles voll ist, wenn er gleich früh morgens ausspricht: “joy linaK „Aber wir sind Söhne Abrahams, Isaaks und Jakobs" und daß er am Schluffe jedweden Tagesgebetes in Olena dem Stolze Ausdruck gibt, Glieo des von Gott erwählten, aufgeklärten und geheiligten Volkes zu sein. IV. Und die neu entstandene Kun st, die Ma lerei die Dichter Werke, find sie nicht Beweis dafür daß die Nationalidee neue Ideen geschaffen, neue Werte hervorgerufen hat? Auch dazu werden wir uns kritisch verhalten müssen. Daß die Kunst ihre Aufmerksamkeit auf jüdische Gegenstände gelenkt hat, ist nicht das Verdienst des Zionismus. Bon uralters her war die Bibel die unerschöpfliche Fundgrube für Gegenstände künstlerischer Darstellung sowohl in der Malerei und Skulptur, als auch in Musik und Dichtung. Mit inniger Liebe haben die Künstler aller Nationen sich gerade in die biblischen Personen und Vorgänge versenkt. Es war dies die Folge ihres religiösen Gefühles und wenn unsere heutigen jüdischen Künstler das moderne jüdische Leben, insbesondere das Getthojudentum darstellen und zwar oft in klassischer Vollendung, so sind ihre besten Bilder diejenigen, welche das religiöse Leben oder Milieu zum Gegenstände haben und das sie darum so vorzüglich verstehen, well sie ihre Jugend in demselben zugebracht und dadurch eine ihnen oft selbst nicht zum Bewußtsein gelangende Liebe dazu gefaßt haben. Was anders aber ist die Seele des Ghettolebens, als eben die Religion? Wie könnte man denn einen Kaftanjuden anders malen, denn als die Verkörperung der Gottesergebenheit? Anderseits ist nicht jede Ghettoschilderung jüdisch. Betrachten wir/ einmal die Gedichte von Morris Rosenfeld, die Jllustrattonen von Lilien dazu, sie schildern in rührendem Mitgefühl die Leiden des Golusjuden, sie beschreiben bis ins Einzelnste feine Mühsal, seine Entbehrungen, seine Qualen, und trotzdem sind sie nicht jüdisch: Denn sie atmen nur dumpfe Verzweiflung; Verzweiflung aber wäre das letzte, was Mische Art ist/ Hoffnung, Aussicht auf Licht und Erhebung vom Leide das ist jüdische unverwüstliche Art, eine Konsequenz der Religion, und weil diese in Rosenfelds Liedern nicht zum Ausdruck gelangen, wird auch der urteilsfähige Jude sie nicht als jüdisch anerkennen. So ist auch in der jüdischen Kunst die Religion die Seele aller Gestaltung. V. Aber noch eine Möglichkeit dürfte es geben. Gut, die Grundlage der jüdischen Nationalidee blldet die Religion mit allem, was zu ihr gehört - aber könnte der Nattonalismus, nachdem er nun einmal ins Leben getreten ist, nicht seiner Eltern entraten, wie jedes Lebewesen schließlich ohne Vater und Mutter sein Dasein führt? Gegen die Möglichkeit dieser Meinung sind zwei Gründe ins Feld zu führen. Sehen wir zunächst ab von der heutigen Lage, in welcher sich die Judenheit befindet. Da wird niemand leugnen, daß bei der Zerstreuung der einzelnen Teile des jüdischen Stammes, bei der Zersprengung seiner Glieder mitten in ganz anders geartete in übermächttger Mehrzahl vorhandene, fast unwiderstehliche Einflüsse ausübende Bevölkerungselemente auch das lebhafteste Nationalgefühl eS nicht hindern würde, daß die Juden nicht doch schließlich sich assimilierten und in die Mehrheit aufgingen. Davor kann nur das noch kräftigere Element, die Religion, behüten. Und nicht einmal jede beliebige Religion würde soviel Macht entfalten können. Nur die jüdische Religion, die Thora, ist dazu imstande und zwar infolge ihrer Gebote. Sabbat, Speiseesetze, Reinheitsgesetze usw., diese sind es welche as jüdische Volk erhalten und davor geschützt haben, in das Meer der Allgemeinheit zu versinken und darin zu verschwinden. Blicken wir doch einmal auf unsere Stammesgenossen, welche jene Panzer abgetan haben, sie unterscheiden sich kaum mehr von der sie umgebenden Mehrheit und die zweite oder dritte Generation tritt unwiderruflich laut- und rühmlos in die Reihen der Mehrheit, ist verloren ihrem Stamme. Da nützt selbst neben dem Nationalgefühl eine Nationalsprache nichts, wie wir es an unseren deutschen Landsleuten sehen, welche ausgewandert restlos in stemden Sprach- und Nattonalgebieten aufgegangen sind. Aber, wie gesagt, wir wollen davon absehen, daß unter den heutigen Verhältnissen ein jüdisches Nationalgefühl ohne Zutun der Religion und der religiösen Gebote sich, gar nicht bilden und tx*>\ halten kann. Denken wir uns das jüdische Volk plötzlich in das angestammte Land und in seine Volkswirtschaft versetzt, so ist es auch dort nicht so isoliert und vor allen fremden Einflüssen geschützt, daß nicht seine Eigenart ganz bedeutende Einbußen erleiden würde. Es würde sich schließlich ergeben, daß es so viele Bestandteile fremder Kulturen in sich aufnehmen würde, daß es sein gesondertes Dasein verlöre und zum Teil eines Völker- und Kulturmischmasches würde. Lehrt uns ja die Geschichte, daß jeder Teil des Volkes Israel, der sich von der Thora losgemacht hat, spurlos untergegangen ist. Da existierte einst das Teilreich Israel, es umfaßte neun Zehntel der Gesamtnation, zählte mehr denn 800.000 Seelen, es sagte sich los von dem Gotte, der in Jerusalem sich offenbarte und verehrt wurde. Es ging vollständia unter, keine Spur blieb von ihm übrig, kein Stein gibt Kunde von ihm. Lesen wir in den Büchern der Könige über diese Entwicklung nach, so finden wir nichts Außerordentliches und Wunderbares an seiner Geschichte, es ging den Weg aller Völker und alles Irdischen. Uno dies, trotzdem jedenfalls der National gedanke lebhaft entwickelt und alle Bedingungen nationaler Wohlfahrt vorhanden waren,- es fehlte aber die Hauptsache, die Thora. Diese war ausgemerzt worden. Ein sehr lehrreiches Beispiel bilden ferner die Sadduzäer, jene politische Partei in dem makkabaeischen Staate. Sie waren die Vertreter des Nationalstaates, welche ihren Staat ebenso verwalten wollten, wie die . übrigen Völker ihrer Zeit regiert wurden, ihnen gal/politische Macht als erstes Erfordernis des. Staates. Und so 'waren sie, hervorgegangen aus den ehemaligen Hellenisten, denjenigen, welchen die religiöse Eigenart, also das am allermeisten nationale Element im Volke, verhaßt war und das sie bekämpften und zu vernichten trachteten, wo sie die Macht dazu besaßen, während sie ausländische Art und Weise in ihre Nation offen und heimlich einführen wollten. Es schützt also nationalistische Gesinnung nicht vor Verkennung des eigentlichen Nattonal-Elementes und vor blindem zerstörendem Hasse gegen die National-Seele. Ja, noch deutlicher als das Schicksal des Zehnstämmereiches scheint die Geschichte der Sekten, die sich aus dem Judentume heraus entwickelt haben, unsere Darlegung zu bestätigen. Diese unterschieden sich ursprünglich nur in einigen wenigen Punkten von der offiziellen, allgemeinen, üdischen Lehre. Aber einmal von dem belebenlen Mittelpunkt losgelöst, sind sie samt und onders von der Judenheit abgerückt und bilden, oweit noch Spuren und Nachkommen von ihnen existieren, heute Teile der christlichen und mohammedanischen Welt. (Fortsetzung folgt.) und Machrichten. Deirtsrhes MeUtz. Berliner Brief. orrespondenzen (Bon unserem Korrespondenten.) E. B. Berlin, 26. Juli. In rüstigem Alter, erst sechszigjährig, ist am 21. d. Mts. in Bad Nauheim, wo er, wie er selbst einmal launig in einem Badebrief schrieb, ein BHn zb, Heilung für sein Herzleiden suchte, Gustav K'ärpeles jäh einem Schlaganfall erlegen. Es ist fürwahr keine alltägliche Erscheinung, die mit den Dahingegangenen aus dem öffentlichen Leben der Gegenwart, in dessen vorderster Reihe er länger als ein Menschenalter stand, unerwartet schnell geschieden istein Leben reich an Arbeiten, Erfolgen und Irrungen hat hier seinen Abschluß gefunden. Geboren am 11. November 1848 in einer Dorfgemeinde Mährens geriet der Jüngling, wie damals so viele Bachurim aus den österreichischen Kronländern, in den Bannkreis der überwältigenden Persönlichkeit Israel Hildesheimers V'2C?, der seit seinen Eisenstädter Tagen diesen nach vorwärts strebenden Elementen als das, leider nur für fast alle — so auch für Karpeles — unerreichbare und unerreichte Ideal der vollendetsten Verschmelzung von Menschtum mit Jisrole» wesen, von modernem Empfinden mit altjüdischer Art, von exakter Wissenschaft mit unbeirrtem Lamdonuß erscheinen mußte und erschien. Diese Verehrung für den „Rebbe" hat Karpels, auch als seine Wege auf allen Gebieten ihn weit und immer weiter von Israel Hildesheimer führten, sich zu wahren gewußt und dieser konstante Zug ist bis zum Ende einer der sympathischsten ln seinem wechselreichen Lebensbilde geblieben. In diese Periode fällt auch eine Tat, die in den Nekrologen, welche die Zeitungen seinem Andenken widmen, keine Erwähnung gefunden hat, trotzdem er bis zu seinem Tode sie sich als Verdienst anrechnetedas ist die Gründung der „Jüdischen Presse", die er unter den denkbarschwierigsten Umständen ins Leben rief, um dem damals, in den Tagesblättern wie in der Allg. Ztg. d. I. aufs heftigte geschmähten und angegriffenen „Rebbe" ein Organ der Abwehr zu schaffen, in welchem er seine Richtung zu Worte bringen könnte! Und dann kam auch für ihn sein Tag von Damaskus. Er ging nach Berlin, um dort das jüdisch-tbeologische Seminar zu besuchen und sich zum Rabbiner auszubildenan der dortigen Universität studierte er Orientalin und wurde auch zum Dr. promoviertaber sein Herz war nicht bei diesem Beruf und der mit ihm verbundenen Lebensauffassung und Lebensbetätigung. Er wurde freier Schriftsteller, war Miterbeiter der „Morgenzeitung" und Feuilletonredakteur der „Berl. Ztg.", schrieb ein sofort verschollenes Theaterstück (irre ich nicht, so hieß es „Die sieben Raben"), teilte sich seit 1878 mit Spielhagen in die Leitung von ,Mestermanns Monatsheften" und fand daneben Zeit die Literaturgeschichte mit zahlreichen gelehrten und populären Arbeiten zu bereichern. In erster Reihe galten seine Forschungen und Darbietungen seinem Lieblingsdichter Heineaber auch Goethe, Schiller, Grabbe u. A. boten ihm Stoff zu wertvollen biographischen Mitteilungen und schließlich ver-

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