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Der Israelit · 1909-07-29 · Heft 30 (29.7.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 30 (29.7.1909)
Date
1909-07-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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20. Jult 1909 Der JLvaeM liegt der wahrhafte Trost, der uns heute alle beruhigt und aufrichtet. Tief Lewegt nahm nun der Herr Rabbiner von dem teuern Toten Abschied, indem er ihm noch den Ehrenitel 3-,n 12'N1V erteilte und schloß mit der Bitte, er rnöge ein ->^1' für die Seinen und für die Gemeinde sein, daß D’arra \vxb "f2iV2 irrr nj?nni* Im Namen des Mekor-Chajim-Vereins, zu dessen ersolgreichsten Dozenten der Verstorbene, wie bereits erwähnt, gehörte, sprach Herr Sänger den Dank in herzlichen Worten aus. Im Trauerhause sprach dann auch noch im Namen der Familie Herr Rabbiner und Seminar- Direktor Dr. Carlebach aus Cöln. Die Zeichen der aufrichtigen Teilnahme, die den Trauernden täglich durch Wort und Schrift bewiesen werden, dürften sie im tröstenden Bewußtsein stärken, daß das Andenken des pnx wie der Segen, den er im Leben gestiftet, ein unauslöschlicher sein wird. row pnx "CT. Cbora-Judcntum. Von Rabbiner Dr. Knhu in Ehlingen. (Fortsetzung.) II. Sollte dies aber nur der Tbora und unserem Bekenntnis zu ihr zu verdanken sein? Kann nicht die Abstammung von denselben Urvätern schon allein das Nationalgefühl entwickeln? Bildet nicht das Bewußtsein, demselben Volksstamm anzugehören, schon ein genügend starkes Band, einander widerstrebender Elemente zusammenzuhalten und zu gemeinschaftlichem Wirken im Dienste der Gesamtheit zu vermögen? Darauf können wir ruhig Nein antworten. Wir sehen im täglichen Leben sowohl innerhalb der Familienqruppen als auch im Verkehre der Völker, daß die gemeinsame Herkunft noch keine Bürgschaft dafür leistet, daß Gleichartigkeit und eine gewisse Zusammengehö rigkeit das Uebergewicht über trennende Momente gewinnt. Insbesondere da, wo Verschiedenheit der Interessen vorwaltet, sucht man vergebens nach den Aeußerungen des gemeinsamen Geistes; es fehlt eben das innere, das geistige Band. Die Anhänger der reinen Nationalidee haben diesen Mangel auch wohl erkannt und suchen ihr Leben und Inhalt einzuhauchen, indem sie eine Anzahl großer und erhabener Ideale eng mit der Nationalidee verknüpfen. Also die Sammlung der Glieder dieser Nation, die Gewinnung eines Landes für sie, die Seßhoftmachung auf diesem Boden, die Entfaltung eines Kultur- und Volkslebens darauf; endlich die Pflege idealer Bestrebungen als da sind Wisienschaft, Literatur und Kunst, und als höchste Spitze politische Geschlosenheir und Selbständigkeit. Wenden wir diese Auseinandersetzung aus das jüdische Volk an, so versagt fie vollständig. Das Mische Volk hat keine gemeinsame Sprache. Wenn auch große Teile desselben Deutsch oder Jargon oder Spaniolisch sprechen, so gibt es immerhin so zahlreiche Gruppen, welche von einem dieser Idiome kein Verständnis besitzen, daß wir keinem derselben den Charakter der Nationalsprache zuerkennen dürfen. Aber die hebräische Sprache? Sie ist wohl die Gebetssprache, wohl die Sprache der Religion und der jüdischen Gelehrten, aber nicht die Volkssprache, nicht dir Muttersprache. Werden wir darum dem jüdischen Volke den Charakter einer Nation absprechen? Mit nichten. Aber es ist etwas anderes, was die Juden zur Nation, d. h. zu einem organisch zusammenhängenden Bolkskörper macht — die Religion, die Thora. Sie ist das Band, das alle nicht allein äußerlich umschlingt, sondern innerlich durchdringt. Dadurch ist eine Gleichartigkeit der Anschauungen, der Ueberzeugungen entstanden, eine Gleichartigkeit der Sitten und Gebräuche, ja sogar der Lebensführung hervorgebracht, wie wir sie bei keiner anderen Nation der Welt finden. Gewiß, so weit geht diese Gleichartigkeit wieder nicht, daß sie zur Einförmigkeit und Eintönigkeit einer Schafherde sich entwickelt hätte, aber dann wäre ja auch nichts Menschliches mehr dabei, denn gerade in der Differenzierung, in der Mannigfaltigkeit und Vielfachheit bei im Grunde genommenen oberster Gleichartigkeit zeigt sich die menschliche Art. Denken wir daran, daß sämtliche Juden an ein oberstes, höchstes Wesen glauben, an besten Einheit und Einzigkeit, daß sie seiner Lehre, Liebe, Ehrfurcht, Gehorsam zollen, daß sie an ein Fortleben nach dem Tode glauben, daß sie die Gesetze der Reinheit, Keuschheit, der Wohltätigkeit und Humanität anerkennen; daß, sobald der Sabbat, sobald der Feiertag dem Kreislauf der Sonne folgend, an einem Orte der Erde anlangt, sofort die Hände von der Arbeit lassen, Lichter sich entzünden, Freude und Frohsinn einkehrt. Denken Sie an die Folgen der Speisegesetze, der Ehegesetze und ähnliche Vorschriften. Wo in aller Welt finden Sie mehr Gemeinschaftliches? Senken wir den Blick in das Innere der Juden und forschen wir darnach, ob sie sich dieser Gemeinschaftlichkeit und Zusammengehörigkeit auch bewußt sind, so brauchen wir da keine längeren Darlegungen zu verschwenden. Gerade bei uns ist dieses Gefühl, auch wieder mehr als anderswo, zur höchsten Stufe des Sicheinsfühlens der Gesamtnation entwickelt. Es hat sich bis zur Höhe des ausgesprochen brüderlichen Mitsühlens gesteigert. Man sieht es an der unendlichen Hilfstätigkeit der Juden für einander, die Geschichte von Mainz sehr hänfig wieder. In der Familie Hamburger soll sich eine kostbare silberne Wiege aus Filigranarbeit befunden haben, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbte, schließlich aber, als eine Linie dieses Stammes verarmnte, unter den Hammer kam. Das alte Haus „Zum Roten Ochsen", ist in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts niedergebrannt. Besitzer war damals ein Goldarbeiter Namens Friedberg. Bei dem Wiederaufbau wurde ein Teil nach der Synagogenstraße abgetrennt und auf ihm ein besonderes Haus errichtet. (Eine Jndiancrgcfchichte.) Der „American Hebrew" enthält eine Sensation, die jetzt in Amerika viel von sich reden macht und trotz der unglaubwürdigen romantischen Färbung wahr sein soll. Der Verfasser des Artikels, Mr. Philipp Cowen, erzählt unter Anderem: „Der Jude, welchem beschieden war, der Herrscher eines' indianischen Stammes zu werden, stammte aus einer reichen jüdischen Familie in Deutschland, deren mehrere Mitglieder in der Newyorker großen Geschäftswelt eine hervorragende Stellung einnehmen. Es suchte für sich ein Tätigkeitsgebiet im Westen und siedelte sich auf einem der westlichen Territorien an. Durch seine Geschäfte kam er mit den Indianern in nahe Beziehungen: er gewann ihr Vertrauen und sie zollten ihm Lrebe und Achtung. Eines Tages bot das Oberhaupt des Stammes dem fremden Juden seine Tochter zur Frau an. Der Jude führte die Tochter des Indianerhäuptlings heim und wurde bald daraick mit Einwilligung seines Schwiegervaters zum Chef-Stellvertreter des Stammes proklamiert. Als der alte Häuptling sein Ende nahe fühlte, berief er die Häupter des Stammes und teilte ihnen mit, daß nach seinem Tode, sein Schwiegersohn sein Nachfolger werde. Diese Botschaft wurde mit großem Jubel ausgenommen und der aus Deutschland stammende Jude bekleidete seinen Herrscherposten viele Jahre hindurch. Der jüdische Indianerhäuptling war ein überzeugter Jude, gab schließlich seine Herrschaft auf und zog mit seinen Kindern, die er jüdisch erzog, wieder in eine Stadt, wo er unter Juden jüdisch leben kann . . ." Das klingt wie ein ersonnener Jndiancrroman, aber die Redaktion des Blattes behauptet den Namen des gewesenen jüdischen Indianerhäuptlings zu kennen, den Mr. Cowen nicht' nennen will, um nicht eine Person zu kompromittieren, welche die höchsten ethischen Prinzipien des jüdischen Lebens in einer Gruppe amerikanischer Indianer eingeführt hat. (Ein Richtjude über die Poesie des jüdische« Lebens.) Dem „Daheim" schreibt ein nichtjüdischer Mitarbeiter: „Fünfzig Jahre etwa schweifen die Gedanken zurück. Es ist das Milieu einer kleinen, alten, reindeutschen Stadt in der Provinz Posen. Die jüdische Gemeinde bestand aus ungefähr zweihundert Seelen. Es waren brave, fleißige Leute, die sich durch Handel und Gewerbe mühsam und ehrlich nährten. Selten nur störte ein Mißton das gute Einvernehmen zwischen christlichen und jüdischen Bewohnern. Unsere Nachbarn waren Juden, die Knaben gingen mit mir zur Schule, und ein reger Verkehr der Kinder von Haus zu Haus fand statt. Des Sonnabends bekam ich mein Teil vom „Challa" - Brote, und schon Wochen vor Ostern freute ich mick auf „Mazzot", das ungesäuerte Brot, das, mit Honig und Butter bestrichen, so prächtig schmeckte. Die eigenen Gebräuche beim Gottesdienste in der Synagoge und die strenge Regel der Sabbatfeier im Hause muteten den Knaben zwar anfangs fremdartig an, als aber der Blick gelernt hatte, mehr in die Tiefe zu gehen, machten die patriarchalische Innigkeit des Familienlebens und die tiefe, gottergebene Frömmigkeit einen nachhaltigen Eindruck 11 IimMIh'i'm I , R«. 30. Sttte A sich auf alle Gebiete der Lebensbetätigungen erstreckt. Es geht diesoweit, daß alle äußeren Umstände daneben verschwinden. Ich treffe, ich will nicht einmal sagen in der Synagoge, sondern irgendwo aus der Reise, in der Eisenbahn, einen Mann, besten Tracht eine ganz fremde, die arabische oder marokkanische ist, seine GeMtssarbe ist total verschieden von der europäischen, er zieht ein Brot aus seiner Tasche, geht an den Brunnen wäscht sich, murmelt einige Worte dabei, darnach sehe ich ihn in einem hebräischen Buche lesen. Ja, wird dieser wlldfremde, zu uns so plötzlich hereingewehte Mensch uns mcht im Augenblicke nahe stehen, manchmal vielleicht so nahe wie unser Nachbar, mit welchem wir womöglich ein Dutzend Jahre aus derselben Schulbank gesesten sind? Dabei haben wir noch kem Wort mit ihm gesprochen, er würde unS und wir seine Sprache nicht verstehen! Haben wir aber erst das Losungswort „Schema Jsroel" hören lasten, so ist die Zusammengehörigkeit auch äußerlich hergestellt. , Wem verdanken wir dies? Der Thora! Einzig und allein der Thora. III. Sind aber alle diese schönen und wirklich Begeisterung erweckenden Programmpunkte für sich allein im Stande, ohne Zuhilfenahme und Mitwirkung der Religion oder der Thora,Zaus die Dauer zu existieren und nachhaltige Wirkung auszuüben? Zuvörderst lasten Sie uns die Frage nach dem Ursprung der jüdischen Nationalidee erörtern. Ist sie plötzlich vor einigen Jahrzehnten von einem genialen Kopfe erfunden worden? Oder ist sie nicht vielmehr ein Teil unserer Religion, tritt sie nicht in jedem Kapitel der Thora, der Propheten, der Hagiographen, im Talmud und Midrasch und im gelammten Schrifttum auf? Ist nicht jeder religiös fühlende Jude, der weiter nichts kennt, als sein tägliches Gebet, von ihr durchdrungen? Hätte der Zionismus je so große Bewegung Hervorrufen, so große Hoffnungen erwecken, so große Ziele aufstellen können, wenn ihm nicht die messtanischen Prophezeiungen, die Einheit der Religion und das dadurch bedingte Zusammengehörigkeits- und Solidaritätsgefühl nicht allein vorgearbeitet, sondern im eigenllichen Grunde alles, rein alles, was er glaubte, geleistet und hervorgebracht zu haben, schon ferttg in die fände geliesett hätte? Ist nicht vielmehr der ionismus messianisches Ziel aber mit Weglassung des Messias, denn einen von Gott gesandten und inspirierten König kann er, sofern er eben unreligiös sein will, nicht brauchen. Und wie glaubt der Zionismus, die reine Nattonalidee, auf das Gemüt Lses Jünglings. Welche Menschenkenntnis sprach aus den guten Lehren, die mir gelegentlich einer der Alten erteilte, und wie erfahren waren sie in der Schrift. Mit Dankbarkeit gedenke ich noch des Rabbiners, der mir nach dem Talmud die Feinheiten des so schwierigen jüdischen Kalenders erklärte. Seitdem Haben sich die Menschen geändert. Auch in den kleinen Städten gibt es schon viele moderne Juden, die der alten Ueberlieserung nicht mehr treu sind — leider, denn was der Mensch ist, soll er ganz sein — nach wie vor aber bilden das Gesetz und das Heim die beiden Pole, um die sich das ganze jüdische Leben dreht." Der Verfasser schildert dann die für den Gottesdienst des Hauses gebrauchten Utensilien und einige synagogale Gegenstände. Uns interessiert hauptsächlich die offenbar Selbsterlebtes widerspiegelnde Einleitung. (Ein Museum für gefälschte Altertümer.) Im nächsten Oktober soll in Paris ein Museum eigener Art errichtet werden, ein Museum der Fälschungen. Ter Plan geht aus von Emile Guimet, dem Gründer und Direktor des Museums, das seinen Namen trägt. Im Laufe seiner langen Reisen in Egypten, Persien und Indien fielen Guimet zahllose Fälschungen auf, die dort an Ort und Stelle fabriziert wurden und die man ohne große Schwierigkeiten nicht nur reichen Touristen, die sich in die Gegend verirrt hatten, sondern auch Gelehrten, die vorsichtiger fein wollten, in die Hände zu spielen und gegen gutes Geld zu verkaufen verstand. Guimet will für solche Fälschungen in seinem Museum eine besondere Abteilung einrichten. Die Tiara des Saitafernes berühmten Angedenkens und die Necho-Skarabäen, die in den letzten Jahren viel erörtert wurden, sollen in diesem Museum einen Ehrenplatz erhalten.

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