Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1909)
- Date
- 1909-07-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 29. Juli 1909 »« gftcttitt Nr. 30 strengen Redlichkeit, die seinen Handel und Wandel auszeichnete, ein ganz außerordentlich hohes Ansehen. Von dieser Achtung wie von der Beliebheit, die der Zauber seiner Persönlichkeit ihm geschaffen hatte, legen u. a. die unzähligen Beileidsschreiben die täglich im Trauerhaus eintreffen, beredtes Zeugnis ab. Wer aber den Charakter Julius Hirschs ganz erfassen wollte, die ganze Größe seines Geistes, die Tiefe seines Gemütes, seine durch Thora und geistiges Vatererbe geläuterte ideale Welt- und Lebensanschauung, der mußte sein Innenleben kennen lernen, ihn in seinem Leben, Lehren und Lernen in seinem jüdischen Kreise beobachten. Von seinen Vorträgen über □'»Snn und rxyvTf die jedesmal dem Mekor-Chajim- Bereine neue begeisterte Freunde zusührten, war bereits die Rede. Aber auch sein Familienheim war eine erfolgreiche Lehrstätte von min und nmap. Der min widmete er jede freie Stunde seines Lebens, und sSa mi3p wie nnotr H1XD machten das Haus zu einem vpv anpo, zu einem Heiligtum, in dem die Kinder, Enkel, Schwiegerkmder, und selbst der entferntere Verwandtenkreis Erhebung und Erbauung suchten und fanden. Man mußte das vor Thorafreude glänzende Gesicht dieses Mannes sehen, um das aus dem Thoraleben ausstrahlende Glück so recht kennen zu lernen. Und nicht nur für seine lichtvollen Vorlesungen, die ihrer Natur nach einer eingehenden Vorbereitung bedurften, fand er Zeit, nicht nur für die Betätigung der niXö in und außer dem Hause, ohne Rücksicht auf die Opfer an Zeit, Geld und Kraft, die sie erheischten,' er fand auch Zeit für eine fruchtbare literarische Tätigkeit. Schon in früher Jugend trat er im Jeschurun mit mehreren durchaus gelungenen Versuchen auf, auch in der hebräischen Poesie, die er kannte und über alles liebte, betätigte er sich oft mit einer staunenswerten Gewandtheit. Sein Lebenswerk ist aber sein Kommentar zu myan, der sich zurzeit im Druck befindet und dem Kenner der Lehrweise des Verstorbenen und besonders seiner Art, gerade dieses Buch zu behandeln, in höchster Spannung entgegenharren. Heute, in der Zeit der strengen Arbeitsteilung, da man leider auch in jüdischen Kreisen vielfach das Studium der Thora der 3p)T nSnp naniö als Monopol der theologischen Fachgelehrten erachtet, ist die Zahl derer, die sich aus einer großen Zeit die Erkenntnis herübergerettet, daß die nun Gemeingut des ganzen Volkes ist und sein muß, nicht gerade zu groß. Er, Julius Hirsch, lebte dieser Erkenntnis und suchte sie zu verbreiten. Er war ein Schildträger dieser großen Zeit und er ist uns genommen worden. * * * fälscht werden, womöglich der ganze Warenbestand auf die Qualität untersucht werden müßte. Vor kurzem spielte sich vor einem deutschen Gericht ein Prozeß ab, in dem ein Koloniatwarenyändler wegen Verkaufs von verfälschtem Mehl angeklagt war. Der Händler hatte keine Ahnung, daß er verfälschte Ware verkaufte. Es stellte sich vielmehr heraus, daß das Mehl, das aus Ungarn stammte, schon verfälscht über die Grenze gekommen ivar, und daß wahrscheinlich Hunderte von Tetaillisten dieses verfälschte Produkt vertrieben, ohne eine Ahnung seiner Minderwertigkeit zu haben. Man ist in Deutschland immer der Meinung, die schlimmste Verfälschung der Nahrungsmittel werde in den Bereinigten Staaten von Amerika betrieben, aber für diese Behauptung gibt es durchaus keine schlagenden Beweise. Man kann vielmehr ruhig annehmen, daß das Geschäft der Verfälschung durchaus international ist und auch in Deutschland in ziemlicher Blüte steht. Ta gibt es kein Nahrungs- und Genußmittel, das nicht ein Objekt für die Gewinnsucht der Verfälscher wäre: Milch, Mehl, Butter, Kaffee, Tee, Kakao, Wein, Fruchtsäfte, Wurstwaren usw. koinmen in großen Quantitäten fortgesetzt verfälscht in den Handel. Es ist bei der heutigen Kontrolle der reine Zufall, roenn ein Teil der verfälschten Menge dem Verkehr entzogen wird. Sind die Beimischungen und Zusätze nicht gesundheitsschädlich, so verteuern sie doch die Ware oft in unverhältnismäßiger Weise und setzen den Nährwert und Gehalt merklich herab. Vor allem wird das Kvnsumgebiet der Großstädte und Indnstriebezirke von minderrvertigen P.o.'.nkten überschwemmt, und je billi ger das Publikum einzukaufen gezwungen ist, desto mehr läuft es Gefahr, für sein gutes Geld solche verfälschte Ware zu erhalten. Die gleiche Ware wird immer nach Qualität verschieden abznstnfeu sein, auch Die Beerdigung fand Donnerstag, den 22. Juli, nachmittags 4 Uhr statt. Es war eine überaus zahlreiche Trauergemeinde, die bewegt und schmerzerfüllt den aus tiefster Seele kommenden Worten des Herrn Rabbiner Dr. Breuer, der auf die Kunde vom Tode seines Schwagers und Freundes von seinem Kuraufenthalte herbeigeeilt war, lauschte. Der Redner führte ungefähr folgendes aus: pKo ■’iar na npw Sin narr, ä« möchte ich mir irr meinem Innern verschaffen, doch mein Herz ist betrübt; denn siehe, das Wehgeschrei meines Volkes erschallt zu mir." Diese Worte ruft der klagende Prophet aus und wir sprechen sie ihm am Tischo beaw in wehmütiger Klage nach. In den schweren llnglückstagen hatte der Prophet mehr als . alle Andern zu leiden, gewaltig blutete ihm sein Herz; doch seinen persönlichen Schmerz hätte er überwinden können, allein den Klagen gegenüber, die aus der Mitte seines Volkes ertönten, konnte er sich nicht fassen, *n '2S 'bv py 'Sr 'mrSaa* Ich könnte mir in meinem Kummer schon Linderung verschaffen, soweit mein Herz in mir krank ist: allein dem Wehklagen der schwer betroffenen Gesamtheit gegenüber, da kann ich mir keine Linderung verschaffen, kirn Dich, mein teurer Bruder ist mir'S wehe, blutet stark mein Herz: verliere ich doch in Dir nicht nur den nahestehenden Verwandten, ich verliere den treuen Freund und Berater. Gegenüber den lauten Klagen, die ans weiter Ferne um des herben Verlustes willen ertönen, kann ich mir keine Linderung verschaffen, mich mein schwaches Wort zu trösten versuchen. Es gibt wohl einen Schmerz, der, je tiefer er ist, um so mehr die Öffentlichkeit scheut und fern von der Welt, sich answeint. Wenn der Tod in ein Haus cinkehrt und ein Einzelleben hinwegreißt, dann sehnt sich der Zurückgebliebene nach stiller Abgeschiedenheit, da geht er in sein Haus und weint. Was weiß der Fremde, was der Heimgegangene gewesen, ihm gewesen äst. Anders aber wenn ein Mensch aus dem irdischen Dasein geht, der als Mensch in jeder Lage der beglückenden Thora Wert erkannte, da, meinen unsere Weisen, stehen ihm alle nahe, yanp San flÖBT 2aN, da ist jedem ein Bruder gestorben, da weinen sie alle int Hause mit den Angehörigen. Wie hat er stets gelebt! Und wie er gelebt, so hat er gewirkt. Die Lehre seines Gottes war in seinen: Herzen, sie schwand nie aus seinem Herzen. Es gibt wohl viele, die lernen, die sogar aus innersten: Drang lernen: nur wird ihr Lernen d^rch ihr Leben widerlegt. Ihr Leben und Wirken steht nicht in: Einklang mit dem, was sie lernen mitPK npvn xS laSa VpSx mW/ die Lehre seines Gottes war in seinen: Herzen, sie ward nicht schwankend gemacht. Wenn es je im Leben Menschen gab, auf welche dieser Vers angewandt werden kam:, so zählt der teure Heimgegangene zu ihnen. Die Lehren, die gelernt und gelehrt, die waren in seinem Herzen, sie wurden nicht schwankend gemacht: sie standen in: Einklang mit all seinen: Tun. Wer könnte ihm je nur den kleinsten Widerspruch Nachweisen? Er schwankte nicht in allen wechselvollen Lebenslagen — /trotz der vielen herben Schicksalsschläge, die ihn betroffen. xiHIPai “jriaa PTD SDID Xinira Düa PjplT splT PjplT' so lehren unsere We sen. Wenn man in der ersten Brochvh der Scheinanne esre -p-,3 sagt, so neigt man das Haupt; man hebt es Zusätze sind häufig nicht zu umgehen. Ersatzstoffe, die sogenannten Surrogate, haben gleichfalls ihre Berechtigung. Es muß aber schon als Verfälschung bezeichnet werden, wenn Surrogate in die Naturprodukte, z. B. bei Butter, hineinverarbeitet werden und die gemischte Ware als Naturprodukt verkauft wird. Das Publikum wird getäuscht, übervorteilt, selbst wenn die verfälschte Ware etwas billiger ausgeboten wird. Und die Verkäufer reeller Ware werden geschädigt, da ihnen das kaufende Publikum entzogen wird. In Großstädten geht inan dazu über, durch städtische Untersnchungsänlter die INöglichkeit zu bieten, den Verfälschungen aus die ^-pur zu kommen. Wer so lange nicht die Kommunen große Geldopfer bringen, um die Kosten der Untersuchungen auf den Etat zu übernehmen, so lange wird es unmöglich sein, eine allgemeine und fortlaufende systematische Kontrolle der Nahrungsmittel zu sichern, ehe sie in den Konsum übergehen, wie dies z. B. bei Milchlieferungen für städtische Zwecke bereits geschieht. Tie Qualität dieser Milch hat sich zweifellos gehoben. Wer solche Teilerfolge zeigen eben, daß die ganze Frage in der Hauptsache eine Finanzsache ist, die von den Kommunen ernsthaft in Erwägung gezogen werden sollte." Für uns ist diese Frage natürlich noch ganz besonders von Bedeutung. Bedenkt man, wie und wodurch die Nahrungsmittelfälschungen Zustandekommen, so wird man es in jüdischen Kreisen, um sich vor dem Genuß von nS'HÖ ja D'lPOm D'XplP Su sichern, doppelt ernst mit einer zuverlässigen Aufsicht uehmen. jAus dem alten Mainz). Herr Aktuar i. P. Klein hat aus seiner Sammlung alter Schriften dieser Tage der Mainzer Stadtbibliothek eine Verkaufsurkunde vom 14. September 1765 übergeben, die wieder, wenn man den Namen Gottes nennt. Wie oft hat er sein Haupt geneigt, wenn herbes Leid ihn traf; er neigte es mit dem Worte "fl-Q und hob es wieder mit ö!Pn, indem er den Namen Gottes pries. Er war nicht nur n"lin p, er war auch Geschäftsmann; aber er war auch nicht nur tzieschäftsmann, er war auch nmnp- Daß und wie er beides in seinen: Leben vereinigte, das war das Große in seinem Leben. nnai nxwa minS dto npap vnx Str irn nSrin HJlÖXa? f° lehren unsere Weisen: An den Heimgegangenen werden vor Allen: diese zwei Fragen gerichtet: „Warst Du stets ehrlich im Geschäft, in Handel und Wandel" und ferner:, „Hast Du verstanden Dir Zeiten festzusetzen für die nSin?" Er, der teure Heimgegangene, kann sie bejahend beantworten; fein pl)2l XTPÖ bewegte sich im Leben treu nach den Grundsätzen der n31ÖX* Dieses Zeugnis wird ihm jeder ausstellen, der je mit ihm in Berührung kam. Er kannte keine krummen Wege, auch nicht den fernsten Schein einer Lüge. Zeiten hatte er sich festgesetzt für das Lernen. Jede freie Zeit hat er benutzt, um in den tiefen Born der rnin zu tauchen, und wie hat cr es so nreifterhaft verstanden, aus ihm kostbare Schätze hervorzuheben und in seiner Begeisterung seine Zuhörerschaft zu begeistern. Emunoh und Redlichkeit waren die Grundpfeiler seines Lebens, die Leiter seines Schaffens. 123Sa JIÖX “DIT). Das Psalmwort schließt zwei Erklärungen in sich: Die einen die den nax verkünden, deren Herz aber nicht dabei ist, sie tun es nicht; andere wieder wollen den nEX/ baden aber nicht den Mut, ihm das Wort zu reden. Er war 12aSa n)3X lall / er hat sich nie gescheut, der Wahrheit Geltung zu verschaffen, offen und frei für sie einzutreten! Auch als Mitglied unserer Gemeinde- Verwaltung hat der Heimgegangene sich bewährt und in deren Namen spreche ich ihm den tiefsten Dank für seine treue Hingabe ans. So hat er sich als würdiger, ebenbürtiger Sohn seines großen Vaters gezeigt. aro* /Oma« p pnr nnSin nSx pniT nx TSin An diesen Vers knüpfen unsere Weisen die Bemerkung: L?ON'n!3V D^a tP1 D.Taa Sp c'Dirnöip maxi arnmax, es gibt Eltern, die auf ihre Kinder stolz sind und Kinder, die es auf ihre Eltern sind. Er konnte auf seinen Vater stolz fein unb war es auch stets: aber auch sein Vater konnte auf ihn stolz sein. Er bewies gerade als Geschäftsmann, wie man auch als solcher nicht um eines Nagels Breite von dem abzuweichen braucht, was inan lernt, oder was man lehrt. Es ist eine besondere Fügung, daß gerade in diesen Trauertagen diese teure Hülle zur Erde bestattet wird. ’P’arcn oixi n’crpn dixi ’wonn 21X1 'P'ann MX Bpmx P imSnaS- Diese 4 Fasttage zählt der Prophet auf, und die Gemoroh wirft hierzu die Frage auf: Was hat der Fasttag des Siebenten mit den übrigen zu tun? Der Tod wahrhaft Pflichtgetreuer gleicht dem Verlust des Heiligtums, lyppx nB’IWa D’P'HX flffö nSptP Heißt es aber doch auch Q’pHX StP DplS'D 7NPp, der spurlose, ersatzlose Heimgang des p'IX ist schwer zu ertragen, doch hier ist das nicht der Fall: Hier ist ein Sobn der maxn ,1p~0 xnn »ft: hier sind Töchter und Sclnviegersöhne, die alle stolz waren auf ihren Vater, auf die auch er stolz war und sein konnte und die in seinen: Geiste fortleben und fortwirken, darin in mehr als einer Hinsicht das besondere Interesse aller derjenigen, die sich für Mainzer Geschichte interessieren, wachrufen dürfte. An dem genannten Tage würde das Haus „Zun: roten Ochsen", Ecke der Löwenhof- und Synagogenstraße, von den Erben. freä Kaiserlich König!. Hofjuden Josef S i m s o n WWrT - h ei mb e r, nämlich David Jose?, J saac Lipvm ann und Lea W e r t h e i m b e r, an die Witwe S intla oder Blümla des Schntzjuden und Mainzer Hoffaktors Zacharias Nathan H a m b u r - ger für 6000 Gulden verkauft. Josef S. Wertheimber, gemeinhin Samson Wertheimber genannt, war einer der berühmtesten Juden zu Ausgang des 17. und Beginn des 18. Jahrhunderts, er war in Worms 165:8 geboren und starb ist Wien 1721. Wertheimber war Kaiserl. Lesterr. Hofjude, Großfinanzier, Rabbi und Mäcen von Wissenschaft und Künsten. Seine Ausbildung erhielt er uns den Jeschiwöth zu Worms und Frankfurt (auch in Mainz bestand damals eine solche.) Unter Kaiser Josef l. war er der erste Finanzmann und Kreditgeber des Staates. Er hatte persönliche gute Beziehungen zu Prinz Eugen von Savoyen, dem er auch die 300 Gulden bezahlte, die ihn: Josef I versprochen hatte. Wertheimbers Nnfluß war ein sehr großer, weshalb er von seinen Zeitgenossen vielfach der „Judenkaiser" genannt wurde. Er besaß viele Paläste und Gärte:: in Wien und zahlreiche Grundstücke in Deutschland, u. A. in Frankfurt, Worms und anderen süddeutschen Städten. Eines der letzteren ist auch wohl das obengenannte Hans gewesen. Der „Rote Ochs" war, wie die meisten Häuser der Löwenstraße, damals ein Gasthaus, in dem ausschließlich Israeliten verkehrten. Auch die Familie des Mainzer Kurfürstlichen Hoffaktors Hamburger war eine sehr angesehene und der Rame Hamburg, Homburg, Homburger usw. kehrt in den Chroniken der jüdischen