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Der Israelit · 1909-07-29 · Heft 30 (29.7.1909) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 30 (29.7.1909)
Date
1909-07-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette a. 9fr. 30. r--- rin rechtigten Argwohn des Deutschen, der im Glauben befangen ist, als werde jeder Aufschwung von Handel und Gewerbe nur den Juden zu Gute kommen, gescheitert ist. Freilich läßt sich eine Großindustrie nicht plötzlich aus dem Boden stampfen. Aber das Land hat natürliche Schätze in Hülle und Fülle, die es schlecht oder gar nicht verwertet. Es sei nur an den ungeheueren Waldreichtum in der Bukowina erinnert, der dazu verwendet wird, fremde Papierfabriken zu füttern, statt im Lande durch Juden, die sich oft genug vergebens darum bewerben, verwertet zu werden. Ebenso groß ist der Reichtum an Obst in diesem Lande, das in rohem Zustande nach dem Auslände ausgeführt wird, um dort als Material einer blühenden Konfekt-, Kompott- und Marmeladen- Jndustrie ganze Landstriche zu ernähren, während es im Lande selbst den Obftzüchtern und zumeist jüdischen Obsthändlern an allen Voraussetzungen fehlt, ihre Ware ergiebig zu verwerten. Es ist zweifellos, daß der Boden Galiziens Mineralschätze birgt, die, an den Tag gefördert und ausgenutzt, von ungeheurem Werte wären. Selbst die Konfektionsindustrie, die überall als Domäne der Juden gilt, ist hier durch die Ungunst der Verhältnisie auf einen Tiefstand gebracht, aus dem sie sich mit Hilfe des gewiß ardettsamen und erwerbsfrohen, aber wirtschafrlich schwachen Juden allein in absehbarer Zeit nicht erheben wird. Anstatt an das alles zu denken, erschöpfen sich die berufenen Leiter der Parteien, in der B u k 0 w i n a selbst die verantwortlichen Regierungsorgane, in einer Politik der Kleinlichkeit und Engherzigkeit, die in der Absicht, den Juden zu schaden, noch mehr das Land treffen und es um alle E ntw i ck l un g s m ö gl i chkeiten bringen. Nur auf dem Wege allgemeiner wirtschaftlicher Entfaltung kann die Judenfrage in Galizien einer friedlichen und gedeihlichen Lösung und zugleich auch das Land einer Zeit kultureller und wirtschaftlicher Blüte entgegengeführt werden. Nur durch die Zufuhr neuer intellektueller und wirtschaftlicher Kräfte durch die allezeit rege jüdische Bevölkerung werden besonders die Deutschen in den österreichischen Landen inmitten der sie umwogenden Stürme und Kämpfe sich halten können. Und wenn wir, dem Gedankengange Ehrlichs folgend, überzeugt sind, daß die Hilfe zu allernächst aus dem Lande der Not selbst erwachsen muß, so wollen wir uns doch andererseits der Erkenntnis nicht verschließen, daß auch den galizischen Hilfsvereinen in Westeuropa eine eminent große und schwierige Aufgabe nach dieser Richtung zufällt. Sie aber, deren Hauptaufgabe nicht in der Kulturarbeit für Galizien, sondern in der Hilfsarbeit für ihre notleidenden Brüder besteht, werden, wenn wie wir hoffen, die Jndustrieprojekte, auch dank ihr er Mitwirkung, bald zur Ausführung gelangen, ihr Augenmerk auch noch nach eiirer andern Seite lenken müssen, sie werden auf Schaffung jüdischer Lebens¬ und Erwerbsmöglichkeiten bei Zeiten bedacht sein müssen. Denn, verlangen wir nicht als Preis für die bessere Zeit, die wir alle für die notleidenden Brüder herbeiwünschen, das, was ihnen in Tagen der bittern Not Licht, Glück und Trost war, das reiche vom Thorageiste getragene Innenleben, wenn uns darum zu um ist. sie innerlich frei und glücklich zu machen. Und daran zu denken ist naturgemäß nicht Sache der Völker, die sich recht bald nicht gegen die Juden, sondern mit ihnen und durch sie zu Licht und Freiheit emporringen mögen, sondern die vornehmste Pflicht der macht- und hilfreichen Juden, die bei der zu leistenden Hilfsarbeit in erster Reihe den Glaubensbruder ins Auge zu fassen haben. Ty/.TV'' Mochenrmöschau. Huf der amerihanildien Einroanderungs- Infel. ,,Tu Geld in deinen Beutel" lautet der klassische Rat in Macbeth. Gewiß ein goldener Elfahrungssatz, den aber trotzdem gewisse Kreise immer noch nicht genügend beherzigen, so auch ein großerTeil der jüdischen Emigranten. Der neue Einwanderungskommisfar im Hafen von Ellis Island, Herr Williams, verlangt aber von jedem Einwanderer die Vorweisung einer Summe von 25 Dollars,- und da wohl den wenigsten der Auswanderer nach Abzug der Reisekosten soviel beim Betreten des amerikanischen Bodens übrig bleibt, so werden ungefähr hundert Personen, die es wagten, ohne das nötige Bargeld ihre Lustreise über das große Wasser anzutreten, täglich zurückgeschickt. Bedenkt man, daß die Auswanderer, die keine blasse Ahnung von der neuen Verfügung hatten, in der Heimat ihr gesamtes Hab und Gut veräußert haben, um aus dem Erlöse die Reisekosten zu bestreiten und nun völlig mittellos in die unwirtliche Heimat zurückgejagt werden, einzig aus dem Grunde, weil sie außer der mitgebrachten Arbeitskraft und Arbeitswilligkeil kein weiteres klingendes Vermögen besitzen, so begreift man die Verzweiflung der 29. Kuli 190» Betroffenen und die Entrüstung der ausländischen Kolonie in Amerika, die sich in heftigen Protesten Luft macht. Geradezu ergreifend ist auch iin von den amerikanischen jüdischen Zeitungen veröffentlichter Brief der auf der Einwanderungsinsel zum Zwecke der Rücksendung zurückgehaltenen Emigranten. Das Schreiben lautet: „Wir, Ihre unglücklichen Brüder, die wir augenblicklich aus Ellis Island zur Deportation zurück gehalten 'werden, bitten Sie, unseren Brief zu veröffent liehen, damit unsere Brüder in Amerika erfahren, was wir hier zu leiden haben. Es sind hier Leute aller Nationalitäten, die meisten russische Juden. Biele können aus politischen Gründen nicht nach Rußland zurückkehren. Biele Familien haben auch ihr ganzem Hab und Gut in der alten Heimat verkauft, um damit die Ueberfahrt nach den Bereinigten Staaten zu zahlen. Sie sind jetzt ohne Mittel an ihren Gestaden gelandet in der Erwartung, daß Freunde ihnen helfen würden, das Leben irr diesem Lande neu zu beginnen. Niemand weiß besser als der russische Jude, welche Leiden der Einwanderer erdulden muß, bevor er den hiesigen Boden sicher betreten kann. Zunächst muß er unter steter Gefahr der Verhaftung und durch Bestechung sich über die Grenze schmuggeln. Dann gibt es noch einige Tage Elend in einer Hafenstadt, bevor er an Bord des Schiffes gehen kann. Die Leiden des unbemittelten Zwischendeckpassagiers sind zu bekannt, um einer Schilderung zu bedürfen. Und nun, im Begriffe hier zu landen, sehen wir uns nnerwar tet folgender Order gegenüber: 2ö Dollar in bar oder dahin zurück, woher Ihr gekommen! Hätten wir dies vorher gewußt, wir Hütten es wohl auf die eine oder andere Weise ermöglichen können, die verlangten 25 Dollar zusammenzuscharren. Die Lage in diesem unserm Gefängnis (auf Ellis Island)- zu beschreiben, ist beinahe unmöglich. Aber einiges müssen wir Ihnen doch mitteilen. Wir find alle zusammengepfercht rn einem Raume, der bestenfalls 20!> Menschen faßt. Augenblicklich sind so ziem lich 1000 darin unter gebracht. Es ist so eng, daß wir kaum Platz genug züm Niederlegen haben, um ein Weilchen der Ruhe zu pflegen. Der Fußboden ist feucht und ekelhaft schmutzig. Diejenigen, die anr lärrgsten hier sind, konnten nicht einmal ihre Wäsche wechseln, weil »vir nicht an unser Gepäck herankönnen. Irgendwo in dem Saal Hort man fort währendes Weinen. Das Weinen und Wehklagen der Frauen und Binder in deni benachbarten Raume können gewöhnliche Nerven kaum aushalten. Die derhafteten Väter können ihre Frauen und Ä'inder nur aus der Entfernung sehen. Untersteht sich jemand, rvährcnd der Mahlzeiten mit seinen Lieben zu sprechen, so erinnert ihn ein grober Befehl oder noch Schlimmeres, daß er noch immer ziemlichweit vom freien Amerika entfernt ist. Wir hatten am 4. Juli (dem Tage der Feier.der Unabhängigktzjt Amerikas. D. B.) einen Tag der Ruhe. Heute am 5. Juli werden wieder viele zur Schlachtbank geführt. Und wer weiß, wie viele Menschenleben das kosten wird? Eine ganze Anzahl hat offen erklärt, daß sie, sobald sie in sicherer Entfernung vom Lande sein werden, über Bord springen werden. Lieber den Tod auf See, als Tortur in Rußland." Es folgen dann 96 Namensunterschriften. Werden die praktischen Amerikaner nicht bald einsehen, daß nicht die Größe der Baa^summe, sondern die menschlichen und beruflichen Eigen¬ Der tttöcbterruf auf den Crümmern Jerusalems. <Z« den Troftfavbaten.) Bon Rabbiner I. Nobel in Halterstadt. wpßn a^tprv "pmain by :(a"a 'wo a’Taion wn1 xb Tan n^n ^21 am bs btöw an naxan na« ’an .no« ’ko /BaS w bx 'n r\x |on3 an to"p D’Snn) jvx annn aipn nna : xb'v anpw (z*bp er) 'na^ttiT .1212 :ne« pnar na /H nna ’a ixb'v an na xan na« ,'na« nn ,,kb '■»bi .i"B mnaa (a"bp aw) atrial rn* }rxa *]x ]vaca 'n nna 'a na* nn anntp anip :'"vn nai^i a'naiw ni'.n^ ahnten bhw xzb Tnpb :?vaö 'n nna 'a „Auf deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter gestellt, den ganzen Tag und die ganze Nachtfie sollen nie schweigen, die Gott in Erinnerung bringen; Schweigen sei euch nicht gegönnt." Jes. 62. Wad rufen diese Wächter? Nach Rawa, Sohn R. Schilos: „Du wirst dich erheben und dich Zions erbarmen. (Ps. 120.) Nach R. Nachman, Sohn Iizchaks: „Der Erbauer Je usalems ist der Ewige." (Das. 132.) Und was hatten die bestellten Engel zu rufen, bevor Jerusalem zerstört worden? Hierauf antwortet Rawa: „Denn der Ewige erwählt Zion, er ersehnt es fich zum Sitze." (Ebendas.) „Und einst" — fügt Rascht erklärend hinzu — „werden die Engel wieder rufen: Der Ewige hat Zion erwählt und es sich zum Sitze ersehnt." (Mcnach. 87.) annn Blpn nn* Eintreten gegen schreiendes Unrecht und Erbarmen über schreiendes Elend — das ist's, was der erste Appellruf erbittet vom Gotte des Rechts und der Liebe. Tu wirst aufstehen und dich erbarmen! Die Engel rufen es auf ihrem Wachtposten auf den Mauern Jerusalems, und Israel ruft es, indem es schmerzbewegt auf diese Mauern htnblickt. Die zertrümmerten Mauern erregen das Staunen und Entsetzen der schauenden Besucherdoch die gebrochenen Herzen müssen das Erbarmen der Menscken erregen, und wenn die Menschen kein Erbarmen haben, so wirst Du es haben, der Du die Macht der Tyrannen beugst und die Nacht der Geknechteten erhellst. 'n nna* Erbauers Jerusalems ist Gott. Das ist der zweite Ruf der bestellt, n Wächter. Es ist die Gottesstadt, die in Trümmern liegt das Haus beS Ewigen, das zum Sitze der Gottesherrlichkeit gedient und dem Volke Israel seine Herrlichkeit verliehen, und diese Herrlichkeit kann nur durch Gott aus dem Staube erhoben, diese Stadt kann nur durch Gott erbaut werden. „Wenn Gott die Stadt nicht erbaut, wacht der Wächter vergeblich." Recht, Liebe und Gottes Wunderwtrken bilden die Macht, die Israels Ruhm und Größe aufs neue an die Zinnen der Davidsburg befestigt. „Zion wird durch Recht erlöst und die zu ihr Zurückkehrmd en durch Liebe/' (Jes. 1.) Auf die Frage, wie denn der Weckruf der Engelsscharen vor der Tempelzerstörung gelautet habe, gibt der Talmud die Antwort: '121 'H 1N2 '2 „Gott hat Zion erwählt und es fich zu seinem Sitze ersehnt." Nur aus solchem, vom göttlichen Namen umschwebten, vom Willen Gottes bestimmten und von seinem Wohlgefallen umhegten Grunde konnte das Haus des Ewigen erstehen inmitten des von Gott auf heiligen Boden gepflanzten Volkes. Und ebenso wie #npTB von Anfang an, so auch an der Zetten Ende, wenn glückliche Erfüllung zur Verheißung kommt, und Israel durch Recht und Erbarmen aus Aechtung und Knechtung heraus in sein neu auflebendes Nattonaldasein tritt und sich aufs neue die Pforten des gottgegründeten Hauses öffnen, auch in jener von Israels zersprengten Scharen erhofften, heiß ersehnten Zeit werden Engelscharen es verkünden: nna '2 lb attnab m« ivsa Dieses jahrtausendelange Sehnen da.f seine Erfüllung feiern, denn das erreichte Ziel war von Anfang von Gott gesetzt und von ihm 'JV ersehnt. Dieses neuverherrltchte Zion ist von Gott zu seinem Sitze würdig befunden. Der Sitz Gottes auf Erden, das bedeutet den Sitz, von dem nnm auSgeht; die Gottesstadt bedeutet die Stadt, von der aus daS Wort Gottes vernommen wird auf der ganzen Erdedieselbe nTlfl. dasselbe Wort das vom Sinai herab gelehrt, und gesprochen wurde für alle Zeiten. Ist )VX annn Blpn nn« die Brücke, die zu N212 'n a^tcnn*» führt, so ist *un si'2a 'n nna '2 der granitene Pfeiler, auf dem diese Brücke ruhen muß.

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