Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1909)
- Date
- 1909-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449383--65717-2508371- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«fll Ein Centralorgan für das orthodoxe Judenftm IIII Begründet oon Dr. Lehmann in fflaim b&sss \\\ i 29 Juli 1909 SO. Jahrgans BSSI Sranhfurt a. M.. den M so II nb 5069 Hbomtement pro Vierteljahr r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.60, HestauSgabe dhmfibnid) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland l Rnb., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direst. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sech-gespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haas enst ein ».Vogler A.-G.. Frankfurt a. M., und deren Filialm. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: i Conto bei dem Postscheck-Amt Franksnrt a. M. R». 344. j Conto bei der K. ft. Postsparkasse Wie» Ro. 78 605. | Conto bei de« ft. Postsparkastenatnt Budapest 9t«. 18 424. | Conto bei der Rigaer Connnerzbank in Riga 1 und berat Filialen. 1 Her Nackdruck der Nttlkel und Correfponöenjen des „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fidi um größere Rufffifce j handelt, nur nach vorheriger Genehmigung geftattef. Die Zukunft Galiziens. Galizien, sagten wir jüngst in einem Artikel, in dem wir vorzugsweise die innerjüdische Lage in Galizien zu beleuchten suchten, hat sein eigenes Problem. Die Judenfrage in Galizien hat wohl viel gemeinsame Punkte mit der im Osten wie im Westen, ist aber im Grunde weder mit der einen noch mit der andern zu verwechseln. Im Besitze aller politischen Rechte und voller Bewegungsfreiheit, um die sie manche Westjuden beneiden könnten, ist doch das jüdische Galizien, nicht so sehr im Sinne des Prägers dieses Wortes, in kultureller, als vielmehr in sozialer und ökonomischer Beziehung Halbasien geblieben. Und bedürfte es noch einer Bestätigung für unsere wiederholt ausgesprochene Meinung, daß das jüdische Problem, besonders im Osten, eng und unauflösbar mit den vitalsten nationalen Fragen der christlichen Umwelt verwachsen ist, wir fänden sie auch hier. Die Schwierigkeiten, die der Lösung der Judenfrage in Galizien sich hindernd in den Weg stellen und die fast als unüberwindbar erscheinen, sind nicht im Ghetto gewachsen, sondern im Kultur- und Wirtschaftsleben des Volkes, richtiger der Völker und Nationen, deren widerstrebenden nationalen Interessen ihren Weg durch die Ghettomauern finden und dem dortigen Leben ihren Stempel aufdrücken — den vielgestaltigen Stempel des Golus. Es ist ein Glück, und man darf mit Recht darin das erste Sympton einer neuen Zeit, das Aufdämmern eines neuen Völker-Morgens sehen, daß sich heute überall einsichtige Männer finden, die im heißen Drange, ihrem Volke zu helfen und unausgesetzt nach den wahren Ursachen seiner Notlage, seines Tiefstandes und Niederganges forschend, ihren Blick nach dem Ghetto lenkten, nicht wie früher, eifersüchtig und argwöhnisch, sondern verstehend und erkennend, die nicht, wie es von gewissenloser Seite geschieht, in dem Verhalten, sondern in der Behandlung der Juden die Quellen der Not entdecken, die weder Erbarmen noch Gerechtigkeit für den Jaden erflehen, sondern die Völker auf die Nachteile Hinweisen, die sie sich selber bereiten, indem sie das beste Element von der Mitarbeit ausschalten, und so alle Hoffnungen auf eine Besserung ihrer eigenen Lage durch eine Politik des Hüffes und der Ausrottung selber zu nichte machen. Nicht im Namen der Toleranz, so lautet der Appell, sollt ihr euch der Juden annehmen, sondern in eurem Interesse, im Interesse einer gesunden und gedeihlichen Entwicklung eures gesamten Kultur- und Wirtschaftslebens sollt ihr die Rechte denen nicht vorenthalten, die derselben bedürfen, um euch neue Wege zu erschließen und euch in gemeinsamer Arbeit einer besseren Zukunft enrgegenzuführen. Und es ist gewiß kein bloßer Zufall, daß sich diese Stimmen, die sozusagen die Judenemanzipation aus Eigennutz predigen, in den drei Ländern der Not fast zur gleichen Zeit erhoben, in Rußland, Rumänien uno Galizien. Im Zarenreiche ist es Graf Iwan Tolstoi, dessen Werk wir neulich einer eingehenden Würdigung unterzogen haben, der sein Volk zu dieser einfachsten und besten Art von Selbsthilfe aufruft. In Rumänien bewegt sich jetzt der aufsehenerregende Kampf des Sozialistenführers Dr. Rakowski contra Jorga ebenfalls auf diesem Gedankengebiete, auf welches ihm auch glücklicherweise alle Edelgesinnten im Volke — es sind deren nicht gerade viele — gern folgen. Auch in Galizien besinnt man sich — auf sich selbst. Da ist es der Bukowiner Professor Dr. Eugen Ehrlich, der im Gegensatz zu den offiziellen Leitern der Politik in seiner engeren Heimat, die den Judenfresser Dr. Geßmann zum Minister hat, nicht den Ausschluß der Juden, sondern ihre Heranziehung zur Mitarbeit aus allen Gebieten des Staats-, Kultur- und Wirtschaftslebens als unabweisliche Pflicht der Selbsterhaltung für die galizischen Völker erkannt und empfiehlt.*) Ehrlich ist Deutscher, ob vollblütiger im Sinne unserer Rassentheoretiker wissen wir nicht, aber er ist Deutscher von Geburt und Christ von Konfession und er wendet sich zunächst an seine eigene Nation, an die Deutschen in Oesterreich, die dadurch, daß sie unentwegt den Haß gegen die Juden schüren, einen Mangel an historischem Sinn bekunden, der sich bereits am Deutschtum im Osten bitter gerächt hat. Der Mann, der einmal die Geschichte schreiben wird, wie Oesterreich aufgehört hat, ein deutscher Staat und ein Vorposten deutscher Kultur im Osten zu sein, der wird dem deutschen Antisemitismus einen längeren Abschnitt widmen müssen. Er ist es der das Deutschtum um ein Machtgebiet oder um mindestens eine Einflußsphäre gebracht hat, die einst vom Böhmerwalde bis Odessa gereicht hatte. Allerdings dürfte die Sttmmung *) „Die Ausgaben der Sozialpolitik im österreichischen Osten, insbesondere in der Bukowina, unter besonderer Berücksichtigung der Juden-- und Bauernfrage" von Prof. Dr. Eugen Ehrlich. Verlag Gutenberg, Czernowitz. bei den Deutschen bald Umschlägen, Anzeichen dafür mehren sich, nach den Wahrnehmungen Ehrlichs, mit jedem Tage, zumal bereits, die Wunden sichtbar hervortreten, die ihnen der Anttsemitsmus geschlagen hat. Zweifelhaft ist es aber immerhin, ob die Stimmung bei den Juden in absehbarer Zeit sich beeinflussen läßt und ob die nachträgliche Umkehr imstande sein wird, aus dem heute weltbewegenden Judenproblem das zu machen, was es ursprünglich war und heute nach seiner Natur noch hätte sein müssen: ein Teil der deutschen Frage im österreichischen O st e n. Wie aber die Dinge heute liegen, gehört die galizische Judenfrage zu der komplizierten chaotischen Judenfrage des europäischen Ostens, die mit der imaginären Judenfrage in Westeuropa nichts gemein hat. Was dem kulttvierten Westeuropa als Judenfrage erscheint, ist nur ein leises Fernbeben, das dem erschreckten Seismologen die grauenhaften Verwüstungen ankündet, die tausende Kilometer weit entfernt elementare Umwälzungen angerichtet haben. Und sieht man von der Progrom» politik der schwarzen Hunderten, die eine Spezialität Rußlands bleibt, ab, so ist die Lage der Juden im ganzen Osten Europas eine gleich elende und trostlose. Selbst das tiefste Lumpenproletariat in Italien und Spanien dürfte den Insassen der osteuropäischen Ghetto, zumal wenn man das günstigere Klima in Rechnung stellt, in Lebenshaltung und Einkommen nicht nachftehen. Die sprichwörtlichen Stätten des Elends in Süditalien vermögen den, der eine Judenstadt in Galizien oder in der Bukowina keunt, nicht zu schrecken. All diese jüdischen Halb- und Biertelexistenzen, alle diese Mäkler, Faktoren, Schänker, Handwerker, Tagelöhner verdienen kaum so viel als ein halbwegs geschickter Lumpenproletarier im Süden durch gelegentliche Arbeit oder Bettel im Westen verdientun d diese Zustände reichen hoch bis zum Jntelligenzproletariat hinauf. Da kann nur eine großzügige sozialpolitische Fürsorge helfen und zwar eine solche, die nicht den armen Ostjuden im Auge hat, sondern die mit historischem Sinne und politischem Verständnis vor allem die Hebung des ganzen Kulturniveaus und Wirtschaftslebens im Lande anstrebt. Was den Juden Galiziens und dem Lande überhaupt bitter not tut, ist, nach der. Ueberzeugung Ehrlichs, eine Großindustrie, deren Schaffung bisher an der stupiden Indolenz des slavischen Bauers und noch mehr an dem Wuzlich unbe- ..... »>.