Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1909)
- Date
- 1909-07-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449382--65711-2508364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
33. Juli 1909. Der Israelit. Sette 13. Nr. 39 am Wege pflücken und sich wohl auch des leichten Spaziergangs — wenn sie ihn als solchen.auffassen — freuen können. Von gänzlich anderer Art ist Guthes*) Palästina-Buch, das uns weiter zur Besprechung vorliegt. Ein alter und angesehener Palästinaforscher, Prof. Hermann Guthe in Leipzig, hat uns hier ein Palästinabuch geschenkt, dessen Vorzug, die Vorführung einer reichen Fülle wissenschaftlichen Materials in gefälliger, flüssiger, zumeist populärer Darstellung, in dieser Vollkommenheit in den modernen Palästinabüchern noch nicht erreicht worden ist. Während die gut geschriebetten, populären Büchern ihre Leser meist in den ausgetretenen Bahnen der Reisebeschreibung, zuweilen auch in den ätherischen Gefilden der Poesie und — Phantasie spazieren führen, schlagen die wissenschaftlichen Bücher meist Pfade ein, auf denen ihnen der Durchschnittsleser nicht folgen kann. Selbst Otto Ankels „Landesnatur des Westjordanlandes", bisher noch immer eine der besten Monographien, wirkt durch seine Objektivität und Trockenheit ermüdend. Guthe, von Hause aus ein wissenschaftlicher Forscher, hat die wundervolle Gabe, ohne Schwärmerei und Uebertreibung, ohne Uebermalung und ohne Poesie den wissenschaftlichen Stoff, bei dessen Darstellung er offensichtlich aus dem Bollen schöpft, bei aller Objektivität so zu gestalten, daß, wer überhaupt an dem Thema Interesse nimmt, mit gespannter Aufmerksamkeit folgt und fast spielend in rein wissenschaftliche Fragen eindringt, obwohl Guthe keineswegs mit der Anführung von Einzeldaten kargt. Selbst so trockene Gebiete, wie die Geologie oder Meteorologie des Landes — Gebiete, die sich trotz ihrer fundamentalen Bedeutung für Politik und Leben, Wirtschaft und Kultur, Religion und Sitte des Landes einer ebenso totalen Nichtbeachtung von seiten der meisten Palästinaintereffenten erfreuen - werden fesselnd und leicht verständlich, und dabei knapp und übersichtlich abgehandelt. Belebend wirkt dabei die Heranziehung zahlreicher Bibelstellen, die, zu den klimatischen, landwirtschaftlichen und mineralogischen Ausführungen in Beziehung gebracht, in interessanter Beleuchtung erscheinen und außerdem geschickt zusammengeftellt, zur Klärung wichtiger, z. T. unentschiedener Fragen (Aenderung des Klimas, fortschreitende Austrocknung, Entwaldung usw.) beizutragen vermögen. Wenn das Buch christliche Baudenkmäler, Niederlassungen und heilige Stätten relativ mehr als die jüdischen berücksichtigt, so kann man einem christlichen Autor daraus keinen Vorwurf zu machen, wenngleich wir nach der gesamten Stellung der Juden in Palästina und ihren Leistungen etwas mehr Berücksichtigung am Platze gefunden hätten. Und so empfinden wir den Mangel guter jüdischer Palästinabücher selbst auf dem Gebiete der objektiven geographischen Darstellung. Die Bilder erfordern besonderes Lob. Zum Teil sind es die bekannten, in Palästina allenthalben käuflichen Bilder von Bonfils, doch scheinen hier die Reproduktionen ihre Originale zu übertreffen. In ihrer Schärfe, in der Beleuchtung der Landschaft, in der Komposition sind diese Bilder unseres Wissens das beste, was bisher in Büchern geboten wurde. Bilder wie die vom Hermon, vom Tabor, von Tiberias und vom Jordan, vom Felsendom, von menschlichen und pflanzlichen Typeil haben an sich rein künstlerischen Wert. So muß das Buch auch Fernerstehenden Interesse abringen, und auch der Nascher wird, wegen der Knappheit der Darstellung und der Trefflichkeit der Bilder, viel bei flüchtiger Durchsicht lernen; wieviel mehr aber derjenige, der das Buch systematisch durcharbeitet, um die Lücken seines Wissens auszufüllen oder sein Wissen durch neue Betrachtungsweise, neue Vergleiche, Ausblicke, Auffassungen zu bereichern. Nimmt man hinzu, daß der Preis des Buches kein *) Palästina, von Hermann Guihe. Land und Leute, Monographien zur Erdlunde, herausgegeben von Seobel. Bielefeld-Leipzig, Belhagm & Klasing, 1908. 167 S. Preis geb. 4 ML hoher ist, die Ausstattung aber eine durchaus vornehme — man kennt sie von den Künstlermonographieen des gleichen Berlages her —, und bedenkt man, daß uns ein auch nur annähernd vollkommenes und brauchbares Buch ans jüdischer Feder nicht zur Verfügung steht, so muß man dem Buche in jüdischen Kreisen eine weite Verbreitung wünschen; es eignet sich auch vorzüglich für Geschenkzwecke. Und doch müssen wir andererseits zur Vorsicht mahnen. Doch soll das folgende eben nur eine Mahnung an den Leser, nicht einen Vorwurf für den Verfasser in sich schließen. Es soll der Gedankeninhalt des Buches umgrenzt werden, um ben Leser vor Fehlschlüssen zu bewahren. Das Buch soll nur jn die Hände derer gelangen, die an dem Lande in irgend einer Beziehung (Geographie, Religion, Kolonisation, Archäologie usw.) bereits Interesse nehmen, die über Urteil und Vorkenntnisse verfügen, die aus dem Buche ihr Wissen ergänzen wollen. Dagegen kann es bei der großen Zahl derer, für die Palästina, als wirkliches Land mit guten und schlechten Eigenschaften, ein großes X darstellt, und die aus dem Buche erst ihre grundlegende Orientierung gewinnen wollen, — praktisch gesprochen — Schaden stiften. Das ist aber nicht Schuld des Buches; denn das Buch ist für den besagten Zweck nicht geschrieben worden und kehrt andere als hierfür erforderliche Gesichtspunkte hervor. (Schluß folgt.) Materie und Gedächtnis. Essays zur Besprechung zwischen Körper und Geist. Bon Henri Bergson, Jena 1908. Eugen Dietrich. Jn der großen geistigen Bewegung unserer Zeit, die dem Losringen aus der todbringenden Umarmung der mechanistischen Weltanschauung gilt, bilden die Arbeiten des französischen Philosophen Henri Bergson einen bedeutenden Markstein. Das vorliegende Buch, das von Wtnbelband etngelettet und das vorzüglich übersetzt ist, bildet das zweite in der Reihe der philosophischen Hauptwerke Bergsons und stellt an den Leser — es kann als solcher nur der an abstracktes Denken Gewohnte in Betracht kommen — nicht geringe Anforderungen. Bergson analysiert die reine Wahrnehmung, deren Wesen er in der durch das Bedürfnis des Handelns bedingten Auswahl aus der unendlichen Reihe der räumlichen Sinneseindrücke findet. Schon hierbei ist die Konstatierung wichtig, daß in der aufstrtgenden Stufenleiter der organischen Wesen die höhere Smfe durch die ,Zone der Unbestimmtheit" charakterisiert wird, die zwischen Reiz und Reaktion, zwischensensorischerund motorischer Nerventätigkeit ausgebrettet ist. Bet der organischen Materie folgt auf jeden Reiz sofort eine ganz bestimmte, eindeutige Reaktion, beim Menschen find die zentralen Nervenbahnen derart vervielfältigt und kompliziert, daß auf jeden Reiz eine unendliche Fülle von motorischen Antworten möglich ist. Hier ruht gleichsam die physiologische Basis der menschlichen Freiheit. Den Kern der Arbeit bilden jedoch die feinsinnigen, durch psychiatrisches Material gestützten Untersuchungen über das Gedächtnis. Daß die Erinnerungen in den Gehtrnbahnen lokalisiert, gleichsam aufgespeichert seien, wird als unmöglich erwiesen Die reine Erinnerung ist vielmehr das eigentliche Zeugnis deS durchaus unkvrperlichen Geistes. Das Wesen deS Geistes äußert sich — hier geht die U tersuchung von der Psychologie zur Metaphysik über —, wenn wir den Berfafler recht verstehen, in der Umwandlung des die Materie konstituierenden Zeitrhytmus, der 400 Billionen Schwingungen deS roten Lichtes z. B., in einem besonderen RhhtmuS des Bewußtse ns. Entgegen der parallelen Behandlung von Raum und Zeit im kantischen Sinne, ist für Bergson die Zeit, das eigentlich Unterscheidende zwischen Materie und Geist. Die Materie ist eine Aufeinanderfolge unendlich schneller Augenblicke, die sich aufeinander folgern lassen und deshalb gleichwertig find, der Geist dagegen, der schon in der Wahrnehmung Gedächtnis ist, bedeutet sozusagen ein Zustchkommen, ein Stillstehen deS Geschehens und macht damit einen Fortschritt, eine Entwicklung möglich. Man steht, wie das ganze Denkgebäude, dem diese flüchtigen Sttchworte natürlich nicht im entferntesten gerecht werden, sich schließlich ru einer Grundlage für die Freihettslehre formt. Abgesehen von der allgemeinen Bedeutung der Bergsonfchen Auseinandersetzungen für die religiöse Weltanschauung des Judentums, frappiert vom jüdisch-philosophischen Standpunkt die Analogie der grundlegenden Bergsonfchen Ideen von Reiz, Reaktion und sittlichem Handeln zu den der ntt?2D zugrunde liegenden Voraussetzungen. Dort wird — 22^ und als innere und äußere Wahrnehmung gefaßt — der Widerstand gegen die unmittelbare Umsetzung der Wahrnehmung cmnri xSl) in Handlung durch die Einschiebung der Erinnerung, des Gedächtnisses 02212 |£lbb) als Voraussetzung der sittlichen Freiheit (v'V12p Ö2"iTl) gefordert und als pädagogisches Mittel hierzu 2'2t'2C 2IXÖ gereicht. Ist in Bergsons Denkarbeit ein starker Wahrheitsgehalt geborgen, dann mag es dem denkenden Juden nicht ohne Interesse sein, zu gewahren, wie auch hier ein Fünkchen spät zu erringender Menschen-Erkenntnis der Schöpfer in das Gefäß seiner ewigen Lehre niederlegt. ES bleibt bedauerlich genug, daß von einer lebendigen jüdischen Philosophie, die nicht Historie, sondern von Thora und Ueverlteferung befruchtetes Denken sein sollte, in unserem jüdischen Kreise noch immer so wentg zu merken ist. Die Zeit wäre für solche Arbett günstig. — Die Berlagshandlung würbe fich ein Verdienst erwerben, wenn fie auch Bergsons drittes größeres Werk die evolution crestrice, recht bald inS Deutsche übertragen ließe. — m — y*p "un '222 r"2öb m2i? naoin 2'X!22 px 222 pX "p2 2'XD 'nXD 22V2 D'ÖtfÖ "2 £"D ppl 22 2'2V b"l ptotr ON2S "2.2 ♦'132'Ö pp2 2"2X 202 tPX^p’Ö Das unter angegebenem Titel erscheinende Halbjahr- Heft deS Herrn Rabb. Meir Stein in Tirnau verdient unsere volle Sympathie. ES zeugt von emsigem Streben, verschiedenartige Gebiete unseres jüdischen Wissens zu bereichern. Die Anlage dieses Heftes ist derart, daß deren erster Teil nach alphabetischer Ordnung ein Namensregtster sämtlicher Rabbtnen, die in Angarn geweilt und deren Namen fich aus der jüdischen Literatur, aus Urkunden usw. ermitteln lassen, aufzustellen sucht, während der andere Teil Biographien hervorragender Rabbtnen, Responsen und Briefe verstorbener Gelehrten, haggadische und halachtsche Miscellen u. ä. enthalt. — Was bas NamenSregister der ungarischen Rabbiner '222 und die Angabe ihrer Geburtszeit, Todestage, Wtrksamketrsotte uno ähnliches betrifft, so ist es jedenfalls ein dankbares Feld, welches de. Verfasser zu bearbeiten begonnen und bildet seine diesbezügliche Arbeit gewiß freudig zu begrüßende Bausteine für eine spätere ausführliche Monographie der ungarischen Rabbinen. Diese Arbeit des Verfassers ligt in der früher vom Berfafler herausgegebenen ungarischen Monatsschrift „Magyar Rabbile" bereits vollendet vor. Jn dem uns vorliegenden h brätschen Heft wird schon mit dem Buchstaben 2 abgeschlossen. — Außerdem enthält noch vorliegendes Heft halachssre RZponsen von verschiedenen Rabbinen und dem Verfasser, darunter auch ein Schreiben von R. Aktba Eger u. a, eine ausführliche Biographie deS in Ungarn hochberühmt gewesenen R Ehajim Kitsee, Rabbiner in Aibertt Jrsa, von dem Rabbtnatsassessor in Erlau, Joel Margareten, Geschichte der Rabbinen in H.-Müd, von . braham Schwarz, Beiträge zur Geschichte d r jüdischen Gemeinde und Rabbtnen in Waitzen, von Rabb. L. Landesberger, kurze haggadische Erklärungen zu Pirke-Aboth aus dem Nachlasse des früheren RabbmerS in Tirnau, R. Simeon Sidon, kurze Abrisse zu 211022 ouS dem Nachlasse des R. PtnchaS Stein, '^ater des Herausgebers, und noch andere kleinere Beiträge. — Kurzum, jeder wird vorliegendes Doppelheft (3 und 3) mit Befriedigung aus der Hand legen. Der Preis derselben ist 3 Kronen. Ph. F—r. Altjüdische Sprache — Metrik — und Lunartheosophie. Teil II: Geschichte des Königs Htsakjahu, von B. Marr. Dux 1909. Der Verfasser hat in etwas waghalsigen Fantasien als Grundlage der altjüd schon Metrik eine „ «c ymbolik der Sunartrtse" konstruiert. In dem Auf- und Absteigen der einzelnen Mondphasen — „Hellphasen-, Gemischtphasen- und Dunkelphasenreihe" — glaubt er den Rhvtmus der altjüdischen Poefie gefunden zu haben, da die Beobachtung der Gestirne Gemeingut der allerfrühesten Menschheit ist. Die Geschichte — Berf. nennt eS das „Epos" — des Königs Htsakjahu (Jes. 38, 2. Kön. 18, II. Ehr. 29) „basiert auf dem wechselnden Kampfe zwischen dem Hellen und dunklen Prinzipe, wie er fich auf der Mondscheibe sichtbar absptelt und ist daher am geeignetsten zur Veranschaulichung seines lunartheosophischen Systems". Die Arbeit steht in keinem Verhältnisse zu der reichen Beschwenduug gediegenen Papteres und der Sorgfalt im Drucke selbst. X21p2 WH