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Der Israelit · 1909-07-22 · Heft 29 (22.7.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 29 (22.7.1909)
Date
1909-07-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 29 des „Israelit". euilleton Mut. Von Alessander Coen. (Aus dem Italienischen übersetzt von Emma Dessau-Goitein.) (Schluß.) „Ach, du fürchtest mich nicht," schrie Jakob wütend und stürzte vor. Mit der Schnelligkeit und Sicherheit einer Katze sprang Sachs zur Seite, sodaß Jakob in seiner blinden Wut gegen den Baum rannte. Wir Jungens konnten trotz unserer Ehrfurcht für Jakob nicht an uns halten und brachen in Lachen aus. „Feigling," schrie er außer sich, „du läufst fort, weil du Furcht Haft," und voll Verachtung fügte er hinzu: „natürlich, du bist ja ein Jude." „Ich laufe nicht davon," antwortete Sachs, „sondern nehme den Kampf mit dir auf, aber es muß ein ehrlicher Kampf sein." „Gut, so komme her." „Nein Jakob, du Haft mich Feigling genannt, und ich will dir beweisen, daß ich mehr Mut habe, als du, obgleich ich ein Jude bin." „In einem Ringkampf hast du als der Stärkere leichtes Spiel und die Freude gönne ich dir nicht, mich vor den Kameraden in den Sand zu werfen." „Was soll dies endlose Schwatzen? Du hast eben Angst, das ist alles." „Laß mich ausreden, dann wirst du mich verstehen. Ich habe dir deine körperliche Überlegenheit zugegeben, eine Ueberlegenheit, die vor allem darauf beruht, daß du älter bist als ich/ darum müssen wir nicht unsre Kraft messen, sondern unfern Mut." „Wie willst du das tun?" „Siehst du das Gäßchen dort hinten, das nach den Kellern führt? Es trennt zwei Gebäude und ist nur einen Meter breit. Für mich sowohl, wie auch für dich ist es eine Kleinigkeit, es zu überspringen." Jakob lachte aus vollem Halse: „und damit willst du deinen Mut beweisen, wirklich großartig!" „Gewiß, du. selbstverständlich wirst das Gäßchen hoch oben überspringen, von Dach zu Dach." Und Sachs zeigte nach den hohen Häusermauern, die den Hof einschlosseu. Jakob sah ihn überrascht an und zögerte einen Augenblick/ aber als er sah, daß wir alle um ihn versammelt waren und ihn ängstlich betrachteten, fürchtete er sein Ansehen zu verlieren und rief mit dreister Miene: „angenommen". Eine große Aufregung entstand unter uns Kindern bei dieser seltsamen Herausforderung. „Wie werdet ihr denn auf das Dach gelangen?" fragte Robert. „Eine Hintertreppe führt gerade hinauf," antwortete Sachs, „und die Türe zum Speicher steht immer offen. Es ist jedoch bester nicht zuviel Lärm zu machen und darum dürfen nicht alle mitkommen. Es genügen zwei Zeugen, die andern können von, Hofe aus zusehen. Ich wähle Robert zu meinem Sekundanten, und auch du Jakob mußt dir jetzt einen Sekundanten auswählen." Sachs sagte dies alles vollkommen ruhig mit, seiner schönen klangvollen Stimme, und in seinen schwarzen Augen brannte ein seltsames Feuer. Jakob war nachdenklich geworden, und bei der Aufforderung sich einen Sekundanten zu wählen, deutete er mit einer mechanischen Handbewegung auf mich. Ich kann dir nicht genau sagen, ob ich froh war der Erwählte zu sein/ ich glaube daß sich zur Furcht an dem unheimlichen Duelle teilnehmen zu müffen auch etwas wie Stolz gesellte und eine schaurige Wollust. Wir gingen nach der Türe zur Hintertreppe, während schon einige der Aengstlichsten eiligst ins Schulgebäude traten, weil sie fürchteten, die Sache könne ein tragisches Ende nehmen. Wir stiegen langsam und vorsichtig die Treppe empor und gelangten in den Speicher. Ein großes Fenster führte auf das Dach hinaus, und als wir es öffneten, floh eine große Maus schleunigst in ihr Loch. „Wer von euch springt zuerst?" fragte Robert. Das Los wird entscheiden. Ein Geldstück ward in die Höhe geworfen. „Kopf," sagte Jakob. Das Geldstück fiel auf die Kopfseite/ nun hatte Jakob das Recht zu wählen. „Ich werde als zweiter springen," sagte er. Wir stiegen auf das Dach. Die helle Sonne des Sommertags fiel mit goldenen Funken auf die Ziegel, die Welt lag festlich vor uns im Sonnenglanze. Die kleine Stadt breitete sich licht und weiß unter uns aus bis zum Flusse, und weit dahinter schimmerten fantastisch in blauender Ferne hohe Bäume. Das Freudengefühl, das ich unwillkürlich bei dem Anblick empfand, dauerte nicht lang, denn mein Blick fiel hinunter in den Hof und maß die schreckliche Höhe der Mauern. Die Kinder drunten erschienen mir, wie Liliputaner. Sachs kroch auf allen vieren zum Rand des Daches/ dort erhob er sich und sprang leicht, ohne sich nur einen Augenblick zu besinnen, auf das gegenüberliegende Dach, dort drehte er sich um und war mit einem zweiten Satz wieder bei uns. „Nun bist du an der Reihe Jakob," sagte er und sah ihm stolz in die Augen. Jakob antwortete nicht, er war leichenblaß. Er kroch zum Rand des Daches, erhob sich und streckte die Arme nach rückwärts, wie um den rechten Anlauf zu nehmen / aber plötzlich blieb er versteinert stehen/ er hatte erst jetzt den schaurigen Abgrund zu seinen Füßen erblickt. Hastig trat er zurück. „Nun, was tust du,"? fragte Sachs, während ein spöttisches Lächeln um seine schmalen Lippen spielte. Jakob sah dies Lächeln und wußte, daß sein Ansehn verloren, seine Herscherrolle ausgespielt war, wenn er den Sprung nicht wagen würde. Nochmals näherte er sich dem Rand des Daches und streckte die Arme nach rückwärts, ober dann ließ er sie kraft- und mutlos niedersinken. „Ich kann nicht, ich kann nicht," rief er aus. „Du erklärst dich also für besiegt," sagte Sachs. „Ja," antwortete Jacob tonlos. „So ward der König der Schuljugend gestürzt," schloß Herr Astrologo. Die Erzählung hatte mich interessiert, und und ich wollte nun meine Betrachtungen daran knüpfen und mit etwas gewundener Beweisführung zeigen, daß die Handlungsweise von Sachs so recht aus seiner Angehörigkeit zur jüdischen Rasse entspringe. „Ich weiß es nicht, sagte Herr Astrologo, ich jabe mich, schon einmal gerühmt, über diesen Punkt keine Ansichten zu haben. Ich Haffe alle Theorien und begnüge mich, das Leben zu schillern, wie ich es sehe. Wenn dieses verfluchte Zollbureau meinen Geist nicht so irr Fesseln gechlagen hätte, so wäre ein Schriftsteller aus nir geworden, und vielleicht wäre ich heute ein berühmter Mann." Der Schutz. Novelle beu 2, Luft, Mannheim. Die Landstraße, die durch das Dorf führte, machte an der Kirche eine starke, rechtwinklige Biegung. Nach der andern Seite lief ein wenig ansteigend eine kurze Dorfstraße, in der zu beiden Seiten je drei stattliche Bauernhäuser lagen, während im Hintergrund ein Haus im gleichen sächsischen Baustil die Straße abschloß. Bor jedem Hause an den Straßenseiten lag ein großer Dunghaufen, neben welchem ein verfahrener, kotiger Weg sich zur Hauseinfahrt hinzog/ aber der Platz vor dem Hause quer am Ertde der Straße war frei von Dunghaufen, und die ganze Straßenbreite vor demselben war mit Kies nett und säuberlich bestreut. Die Balken des Fachwerks waren mit heller, brauner Oelfarbe gestrichen, ebenso der Holzfries, der das Spitzdach einrahmte, und nur der geschnitzte Pferdekopf am Giebel war in dunkelbrauner Oelfarbe gehalten. Das Haus unterschied sich von den Nachbargebäuden auch dadurch, daß hinter den drei Fenstern des Erdgeschosses rechts vom Einfahrtstore und den sieben Fenstern des zweiten Stockes Gardinen blinkten, hell und weiß wie hinter den Fenstern des Pfarrhauses. Hinter den zwei Fenstern links der Einfahrt sah man allerlei Spezerei-, Kurz- und Ellenwaren ausgestellt. In diesem Hause wohnte Herr Jakob Jsenstein der einzige Kaufmann des Dorfes, zugleich der einzige jüdische Einwohner, denn die sonstige Bewohnerschaft gehörte ausnahmslos dem katholischen Bekenntnisse an. Trat man in das Haus, so sah man, wie in jedem andern, rechts die Wohnstube, dahinter die Küche, dann die Treppe zum obern Stock rtnd dahinter ein Zimmer, dessen Fenster auf den Garten gingen, aber zur Linken des Hausflurs waren anstatt der Kuh- und Pferdeställe, die jedes sächsische Haus aufweist, ein großer Laden und daran anstoßend ein Warenmagazin, worin die Oefen und Herde und die für die ländlichen Bewohner nötigen Eisen- Waren standen, denn der Kaufmann auf dem Lande muß alles führen, namentlich wenn er der einzige ist. Än einem kalten Wintertage im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts, als in der beginnenden Nacht vereinzelte Schneeflockon durch die Luft wirbelten, war das Wohnzimmer im Hause Jsenfteins vom großen Kachelofen angenehm erwärmt, und auf dem großen, viereckigen Eichentische brannte eine zum Auf- und Abschrauben eingerichtete Oellampe, deren Mesfinggestell glänzend hell geputzt war. Die Helligkeit wurde noch erhöht durch die Lichtchen eines auf dem Fenstersims stehenden kunstvoll gearbeiteten Leuchters, auf dem acht Flämmchen in einer Reihe in festgeschraubten Näpfchen und eines außer der Reihe in einem gleichen Näpfchen an aus- und einhängbarem Arme leuchteten. Diese Lichtlein erfüllten die Insassen des Zimmers mit der freudig weihevollen Stimmung, die das Chanukahfest seit Jahrhunderten in der weltverstreuten Judenheit auslöst bei der Erinnerung an eine glanzvolle nationale Betätigung und eine freudenreiche Wiedererftehung aus tiefster Not und Zerfallenheit. Die acht Lichter des letzten Chanukahtages leuchteten aber nicht nur hinein in das Haus, um die Herzen der Bewohner zn nationalem Stolze zu entflammen und zu religiöser Innigkeit zu erwärmen, sie verkündeten auch nach außen, daß da ein seinem Glauben treu anhängender Jude wohnte, denn bis zu der durch das Dorf führenden Landstraße tvinkte.der traute Schein d r kleinen Lichtchen. «Fortsetzung folgt.) 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