Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1909)
- Date
- 1909-07-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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djeWarfi eraris Ut-fi. neue PalästinaEifcrahir. Von Sd. Trotzdem wir bereits über eine ansehnliche Paläftina-Reiseliteratur verfügen, fehlt es uns an wahrhaft ausgezeichneten Palästinabüchern, wie sie christliche Autoren geliefert haben. Schon an guten, rein touristischen Beschreibungen mangelt eseine jüdische Palästinaschrist indes, die entweder wissenschaftlichen, gleichviel ob mehr archäologischen oder mehr naturwissenschaftlichen Wert hätte, oder die durch Schärfe der Beobachtung und Trefflichkeit des fachmännisch geschulten Urteils imponierte, ja selbst eine solche rein schöngeistiger Darstellung ist bislang von Juden nicht geschrieben worden. Solch ein stanäarä worte von jüdischer Hand, aus dem der Gelehrte, der Praktiker, der Politiker, der Jude spricht, und das bei seiner Gediegenheit doch den Laien fesselt, ist uns dringend notwendig' In einer Beziehung bietet das vorliegende Buch von Kann*) einen Fortschritt. Es ist das erste geschmackvoll ausgestattete jüdische Pa. lästinabuch. In seinem Aeußeren reiht es sich würdig den früheren Erscheinungen deS jüdischen Verlags an, deren Ausstattung bekanntlich ausnahmslos einen wahrhaft gediegenen Geschmack verrät. So sind auch hier Format, Umschlag, Druck uyd Papier — wen bekümmerten früher derlei Aeußerlichkeiten eines jüdischen Buches? — durchaus vornehm. Der Umschlag trägt eine Bleistiftzeichnung unseres Altmeisters Josef Israels: eine junge Orientalin, den Krug auf der Schulter tragend, ein kleines Meisterwerk, das in wenigen Strichen eine einzig schöne Charakteristik gibt, eine Fülle edler Bewegung in den jugendlichen Gliedern, Licht in der Landschaft und schimmernden Glanz in der Perspektive. Versenken wir uns recht tief in die Schönheit dieser Skizze, denn das Innere des Buches soll uns weniger Freude bringen. Mit einem Satze kann man das Buch charakterisieren : es ist von naiver Anspruchslosigkeit. Das involviert Lob und Tadel. Lob: denn die Darstellung hält sich ftei von schwülstigen Uebertreibungen und affektierten, geschraubten Schwärmereien, sie ist nicht lehrhaft und nicht propagandistisch, sondern die Sprache ist nüchtern und wahr, und gerade diese Nüchternheit der Darstellung greift oft ans Herz, wirkt unmittelbar, vertrauenswürdig, intim, ernsthaft — selbst dort, wo die Gedanken recht spärlich stießen. «Ich bin — sagt der Verfasser — kein Schriftsteller, ich bin Bankier. Mein Zweck war, Palästina aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Ich bin nicht hingegangen wie die meisten Palästinareisenden, wie Geistliche und fromme Leute, die *) Erez Israel, das jüdische Land. Bon I. H. Kann. Köln, Jüdischer Verlag, 1909. als Pilger wandern, oder wie die Gelehrten und Touristen, die dorthin gehen wie in ein Museum. Ich bin als Kaufmann gegangen, um zu sehen und zu hören, ob es dort etwas für mein Volk zu erwerben gibt, das so arm ist an Freiheit, Glück, Ehre und ungestörter Lebensfteude." Das ist schlicht gesprochen. Und Kann versucht zu hallen, was er versprochen, er beschreibt, aber predigt nicht, er verfolgt ehrlich das Vorgesetzte Ziel und bemüht sich klar zu sehen. Aber es fehlt ihm an Wissen und Können, um das Ziel zu erreichen, um zu einem klaren, einwandsfteien Resultat zu gelangen, das er dem Leser präsentieren könnte. In diesem Sinne wird die „naive Anspruchslosigkeit" zum Tadel. Das Buch zerfällt in 3 Teile: eine Reiseschilderung „Das jüdische Land", eine Darstellung der Geschichte, des jetzigen Status und der Aussichten der jüdischen Kolonisation, und endlich eine Darstellung der zionistischen Idee. Der erste Teil ist der schwächste. Er ist ein in zusammenhängende Form gebrachtes Tagebuch, aber beileibe kein gutes. Ein mittelmäßiges Skizzenbuch. Naiven Lesern wird es wegen seiner Schlichtheit gefallen, und die große Armee der Nichtwiffer (eine unter den Juden, auch den gebildeten, nicht eben seltene Spezies) wird ohne geistige Ueberanstrengung und ohne heftige Gemütserschütterung vielerlei Neues und Wiffenswertes über Palästina aus dem Tagebuche schöpfen können. So wird es für viele von Nutzen und Interesse sein, ohne jedoch irgend einen höheren Anspruch befriedigen zu können. Die nackten Tatsachen, oft genug so unwesentliche, daß sie selbst in einem dreibändigen Palästinawerke kaum Erwähnung verdienten, werden unvermittelt aneinandergereiht, so daß oft fundamental Wichtiges friedlich neben dem Bedeutungslosesten haust. Wenig Ordnung im Stoff, nirgends eine überragende Auffassung, nirgends eine Aeußerung, die besonderen Scharfblick oder fachmännisches Wissen verrät, nirgends eine neue, originelle Betrachtungsweise. Alles herkömmlich, gewöhnlich, flach, längst bekannt, und dabei reichlich mit Dilettantismus durchsetzt. Man mißverstehe uns uicht: dadurch wird das Buch noch nicht zu einem schlechten, und man muß ja nicht an eine solche Schrift, gleich allzu hohe Anforderungen stellen. Es kommt uns nur darauf an, festzustellen, daß das Buch zu der Palästina-Dutzendliteratur gehört, nicht schlechter, aber auch nicht besser als die vielen Reiseschriften, deren Veröffentlichung den Autoren als eine Pflicht gegenüber der Mitwelt erscheint- und wir legen auf diese Rubrizierung des Buches nur deshalb Wert, weil man bei der prächtigen Ausstattung des Buches und der Stellung seines Verfassers a priori geneigt wäre, die Anforderungen wesentlich höher zu spannen. Ein Muster wahrer Dürftigkeit ist die „Schilderung" Jerusalems, die an Armseligkeit das mtiste, was über diese Stadt geschrieben wurde, Überbietet. Am wertvollsten sind noch die gelegentlich eingeflochtenen Bemerkungen über die Kulturen und Methoden der palästmischen Landwirtschaft. Dagegen sind die archäologischen Einschiebsel reichlich naiv. Auf diesen schwächsten ersten Teil folgt der am meisten lesenswerte zweite, dessen Darstellung der Kolonisation stellenweise etwas reger u>d frischergehaltenist. Kann vertritt hier klare und vernünftige Ansichten, die mit alten, aber guten Argumenten gestützt werdendoch schaut auch hier zuwellen etwas Naivität heraus. Gut ist, was der Verfasser von der Oscherverwaltung und vom Landkauf, von Bank- und Kreditwesen und dem jüdischen Bauernstand, einseitig, was er über die Chaluka schreibt. Zur Beurteilung der U nterrichtsfragen hat er sich bei einem Haager Pädagogen Rat geholt, und in der Tat fühlt man hier Hand und Berstand eines Fachmannes heraus, der auch die spezielle Eigenart des jüdischen Bauernkindes in Palästina erfaßt hat und die notwendige völlige Umwälzung der Unterrichtsmethoden und der Lehrpläne richtig kennzeichnet. Mit Recht verlangt er die Ausschließung jener freigeistigen Richtung in der Lehrerschaft, die es den orthodoxen Eltern unmöglich macht, ihre 5kinder derartigen Schulen anzuvertrauen. Wenn sich aber Kann — oder der Haager Pädadoge? — zu der Forderung versteigt, sich auf den Unterricht in der Religionsgeschichte zu beschränken und den „in der Glaubenslehre und den übrigen Zeremonien" in der Schule nur als fakultativen zu gestalten, im übrigen aber alles den Eltern zu überlaffen, so verrät dieser Vorschlag ein solches Maß von Unkenntnis vom Inhalt, Charakter, von Bedeutung und Tendenz der jüdischen Lehre, daß es sich nicht lohnt, das schwere Geschütz des Protestes, der von unserem Standpunkte aus sonst notwendig wäre, dagegen aufzufahrendenn das hieße, mit Schrapnells nach Mücken schießen. Das Kapitel „Der Zionismus" ist durchaus nicht schlecht geschrieben, aber jeder Gedanke ist schon besser von anderen zionistischen Schriftstellern zum Ausdruck gebracht worden. Neue Gedanken wird man in diesem Kapitel vergeblich suchen, und wer die Alten kennen lernen will, hat in den zionistischen Schriften, in denen die Idee in allen Formen — von der programmatisch-lapidaren bis zur bellestritischen — dargesiellt worden ist, reichlich Gelegenheit, Belehrung zu finden. Die große zionistische Literatur ist um eine Schrift vermehrt, aber nicht bereichert worden. Die beiden an gefügten Karten sind genau und gut ausgeführt. Welchen Kreisen dieses Buch zu empfehlen ist, haben wir bereits dargelegt. Höherstehende werden immerhin auch hier und da ein Blümlein irtrtfi'iffinifMi-inii friir