Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1909)
- Date
- 1909-07-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. 22. Juli 1909._ der hebräischen Mittelschule in Jaffa angestrebt werden. Die seit dem 1. April d. I. bestehende Anstalt setzt das Werk, das einige weitschauende Privatleute hier am Platze vor 4 Jahren gegründet und unter schwierigen Verhältnissen und mit beschränkten Mitteln aus eigenen Kräften unterhalten haben, fort. Sie hat die ursprüngliche Tachkemoni-Schule nach modernen pädagogischen und schultechnischen Prinzipien neuorganisiert und plant einen weiteren systematischen Ausbau. Mit der Uebernahme des Tachkemoni knüpft sie nicht nur historisch an das Bestehende an, sondern gibt damit zugleich ihren eigenartigen Charakter, der sie von anderen Gründungen deutlich unterscheidet, zu erkennen. Sie will die zunächst zum Erziehungsgeschäft Verpflichteten, die Eltern und die Gemeinde nicht dieser Arbeit ganz entheben, sie nicht in dieser Hinsicht unter dem Vorgeben mangelnden Verständnisses vollständig entmündigenim Gegenteil, die junge Anstalt verlangt die ganze Mitarbeit der Bevölkerung, für welche sie Segen bringen will, sie sieht in der engen Fühlung mit den Einheimischen und dem beiderseitigen Vertrauen ihr erstes Ziel und einen wertvollen Bundesgenossen zur Erreichung ihrer hohen Zwecke. Denn vor allem will die Schule eine Bildungsstätte für die palästinensische Jugend seinsie erkennt daher auch in ihrer weiteren Entwickelung das Berechtigte der lokalen Anforderungen und Wünsche an und hat zu dem Zwecke dem geschäftsführenden Komitee in Frankfurt, in dem alle Kreise der Orthodoxie vertreten sind, ein Lokalkomitee, an dessen Spitze der Ortsrabbiner K u k steht, als wesentliche Ergänzung kordiniert. Es wird damit der Gefahr einer schablonenhaften Bildungsarbeit vorgebeugt: kein fertiger Lehrplan, der in der Regel nach westeuropäischem Vorbild gemodelt ist, wird der Anstalt aufgezwungen, nicht werden Eltern und Schüler zur Annahme von nie geforderten Wohltaten und Kulturgütern, die für sie wertlos sind, gedrängt, sondern die nur an Ort und Stelle durch Autopsie zu entscheidende Bedürfnisfrage, sowie die am Platze herrschende Schätzung und Bewertung der einzelnen Unterrichtsfächer haben im wesentlichen den Lehrplan mitbestimmt. Um nur Einzelnes aus dem Lehrplan mitzuteilen, so sei bemerkt, daß außer der in allen Stunden vorherrschenden hebräischen Unterrichtssprache das Arabische als Landessprache in vier Jahrgängen, das Französische als Fremdsprache in 3 Jahrgängen gepflegt wird, daß neben den im weitestenUmfange vertretenenttHp'*T)D7 auch Geschichte, Geographie und Naturkunde genügende Berücksichtigung gefunden haben. Wie sehr eine derarttge Schulgründung dem Bedürfnis der gesetzestreuen Bevölkerung entgegenkam und ihrem Sinne entsprach, zeigten in eindringlicher Weise die rührenden und aufrichtigen Glückwünsche, die bei der Eröffnung der Schule vou allen Seiten einliefenwelche Hoffnungen sich an die glückliche Weiterentwicklung des Tachkemonie knüpfen, davon zeugt das Interesse, mit dem man im engeren und weiteren Wirkungskreis alle einzelnen Stadien der Organisation und des Ausbaus verfolgt. Das Vertrauen, das die Anstalt schon jetzt durch ihr verständnisvolles Vorgehen gewonnen hat, dokumentiert sich äußerlich in dem Anwachsen der Schülerzahl von 70 auf 105 und in den von verschiedenen Seiten an den Leiter der Schule gerichteten Anträge um Gründung einer ähnlichen Anstalt in Jerusalem, wo bei der hohen Bevölkerungszahl die Schulfrage noch schwerwiegender als in Jaffa ist. Wir stehen am Anfang unserer Arbeit. Es ist nicht gut, den Mund übervoll zu nehmen und markschreierische Reklame zu verbreiten. Die hoffentlich nicht ausbleibenden Erfolge und Leistungen der hingebungsvollen Arbeit des Lehrkörpers werden für die Sache selbst zeugen. Gewiß verhehlen wir uns nicht, daß erst in langjähriger mühevoller Arbeit nach manchen tastenden Versuchen ein Schulwerk, wie es den Anforderungen der Zeit mit Anpassungen an die speziell jüdi- __Der JSraeltt. schen Erziehungszwecke entspricht, geschaffen werden kann, daß erst allmählich bei Eltern und Schülern das Verständnis für eine moderne Bildung und ihre Verbindung mit dem Thorageist geweckt werden mußdoch der erste Grundstein ist gelegt und in edlem Wettstreit werden die begeisterten Lehrer den Bau aufführen helfen, dessen Fundamente Glaubenstreue und -Festigkeit bilden, deffen Träger und Stützen die Anerkennung und Pflege proftmen Wissens neben und in Durchdringung jüdischer Wissenschaften sind, und von deffen Höhe die alte Fahne ernsten jüdischen Pflichtenlebens wehen soll, um ihre Treuen auf dem heiß umstrittei en Erbe um sich zu scharen und das verlorene Gut schrittweise wieder zurückzuerobern. Amerika. Umerilmnifdie Stimmen über die ruffifdien Juden. New-Aork, 10. Juli. Das Staatsdepartement der Vereinigten Staaten von Nordamerika veröffentlicht soeben einen Bericht ihres hiesigen diplomatischen Vertreters, Mr. Spencer Eddy über die Lage der Juden in Rußland, der als erster in der zu eröffnenden Berichtserie über die Lage der Juden in allen Ländern, aus denen eine größere jüdische Auswanderung besteht, herausgegeben wurde. Aus dem äußerst intereffanten Berichte seien hier die Kapitel über die jüdischen Handwerker und Ackerbauer auszugsweise wiedergegeben: Der größte Teil der russischen Juden erhält sich durch ein Handwerk oder durch schwere Arbeit im Taglohn. Im Jahre 1897 waren in 1300 verschiedenen Gegenden 500 986 Juden, d. h. mehr als 13 Proz. der ganzen Bevölkerung dieser Gegenden, als Arbeiter registriert. Unter diesen waren 424 438 Männer und 76 548 Frauen. Andere Statistiken ergaben, daß auf jeden christlichen Schwerarbeiter 15 jüdische entfallen. Nehmen wir nun an, daß es in jeder jüdischen Familie zwei Arbeiter gibt und jede Familie aus 5 Personen besteht, so ergibt sich, daß 1400 000 oder 30 Proz. der jüdischen Bevölkerung im Ansiedlungsrayon von ihrer Hände Arbeit leben. Die Statistik der Stadt Mohilew ergibt, daß der durchschnittliche Verdienst eines jüdischen Handwerkers 500 Rubel per Jahr beträgt, während der durchschnittliche Jahresverdienst der Angestellten 240 Rubel ausmacht. Sie arbeiten 12 bis 15 Stunden täglich und die Tatsache, daß sie fast alle gut anssehen, mag als Beweis dafür gelten, daß die jüdische Rasse aus gesunden kräftigen Menschen besteht. Der größte Teil der jüdischen Arbeiter (nicht Handwerker von bestimmtein Fach) sind in häuslicher Arbeit beschäftigt. Es gibt 100 000 jüdische Taglöhner, von denen 32 000 als Steinklopfer und Fuhrmänner, 30000 als Lastträger und Dienstmänner. 20 000 als Holzhacker und Hilfsarbeiter bei Bauten oder Straßenpslasterungen und 13 000 als Taglöhner bei Feldarbeiten ihr Leben fristen. Der Rest verteilt sich auf verschiedene Taglohnarbeiten. Die Feldarbeiter wohnen in den kleinen Städten und sinken in den umliegenden Landwirtschaften Arbeit. In Fabriken sind 50 000 Juden beschäftigt. Es gibt gewisse Handwerkszweige, die ganz in den Händen "der Juden liegen. Besonders ist dies mit den Tabakpflanzungen und der Zigarren- und Zigarettenfabrikation der Fall. Im Jahre 1899 waren in Rußland 3720 Personen mit Tabakhandel beschäftigt, davon 3431 Juden, d. h. also mehr als 92 Proz. In oiesem ErwerbszNwig sind Frauen und Kinder und nur wenige Männer beschäftigt. Im Grodnoer Gouvernement waren 74 Proz. und im Jekaterinoslawer Gouvernement sogar 91 Proz. der Tabakarbeiter Frauen und Kinder. Mit dem.Gesetze vom Jahre 1882 wurden die Juden aus der Landwirtschaft ausgeschlossen, nachdem ihnen das Gesetz die Erwerbung oder Pachtung von Landbesitz verbietet. Es gab jedoch Zeiten, da die Regierung selbst bestrebt war, die Juden zum Ackerbau heranzuziehen. Ein Gesetz aus dem Jahre 1804 gestattete den Juden den Ankauf oder die Pachtung Zärischen Bodenbesitzes. Es vurden den Juden verschiedene Erleichterungen behufs Ansiedlung auf dem flachen Lande gewährt. Im Jahre 1850 begann die Regierung die Kolonisierung der Juden systematisch zu organisieren. Aber der Boden, der den Juden überlassen wurde, war arm und unfruchtbar. Die Summe, welche dieser Hilfsaktion gewidmet wurde, reichte nicht aus, um die Juden zu selbständigen Landwirten zu machen. Die ersten jüdischen Kolonisten hatten sehr schwere Zeiten durchzumachen und konnten nicht zu sich kommen. Die Amnut in den jüdischen Kolonien ist schrecklich anzusehen. Ihre Nahrung besteht zumeist aus schwarzem Brot und Kraut in Wasser gekocht; Fleisch gehört dort zu den Seltenheiten. Es gibt Familien, die nicht 'mehr als ein Holzgeschirr für das ganze Hausgesinde besitzen. Ms ich zur Winterszeit im Schlitten durch die Kolonien fuhr, warf ich Sette 9 ein Stück Zeitungspapier fort, in welches ein kleines Paket eingewickelt war. Wir befanden uns gerade neben einem jüdischen Dorf und die Leute, die m der Nähe waren, griffen nach dem Papier, wie wenn es weiß Gott wie wertvoll wäre. Als ich sie fragte, wozu sie das Papier brauchten, sagten sie, sie würden es zur Einpackung der Zigaretten, die sie fabrizieren, verwenden und dadurch etwas ersparen. Meine persönlichen Erfahrungen erstrecken sich auf hundert Meilen im Umkreise von Petersburg und man versichert mir, daß in anderen Gegenden die Armut noch größer sei. In den jüdischen Kolonien innerhalb des Ansiedlungsrayons leben 13 000 jüdische Familien mit zusammen 76 000 Seelen. Sie verfügen insgesamt über 98 000 Desjatiu Boden, wovon jedoch blos 17 000 Desjatin Eigenttun der jüdischen Farmer sind,. der Rest ist Eigentum der Krone, welcher Pachtzins ent richtet werden muß. Afrika. Johannesburg,!. Juli. Im „South African JewishChronicle" ist folgende sehr bezeichnendeNotiz zu lesen: „EinJudevon hervorragender gesellschaftlicher Stellung, der ständig in Transvaal lebt, begleitete dieser Tage seine Familie, die eine Reise nach Europa unternahm, nach Cape Town. Als sie in Cape Town den Dampfer verließen, hatten sie ein Formular auszufüllen, auf welchem u. a. auch die Frage zu beantworten war: „Sind Sie Europäer, Jude oder Asiate?" Ist dies nun auch nicht so schlimm, als noch vor Kurzem befürchtet wurde, als das Gesetz betr-ffend die Ausschließung von Asiaten von der Einwanderung präsenttert wurde und die Regierung auf eine direkte Anfrage erklärte, die Juden würden nicht als Asiaten betrachtet werden, so bleibt es immerhin Tatsache, daß laut der Auffassung der stattstischen Aemter der Jude als inferior s Element der Bevölkerung betrachtet wird. llennlrcdier. Grötzmgen. 10. Juli. Auf der Landfchastsschule „Auguftenberg" bet Grötztngen fand ein Obst- und Gartenbaukurs statt, an welchem fich auch jüdische Lehrer und ein jüdischer Kaufmann beteiligten. Zwecks Ehrung der Leiter des Kur,es veranstalteten die Kursgenossen tm Kaiserhofe in Grötzingen eine gesellige Zusammenkunft, die in höchst animierter Weise verlief. Herr Lehrer Wertheimer, Hardheim, als Senior des Kurses brachte ein Hoch ans den Landesfürsten, Großherzog Friedrich U., aus. Haag, 1. Juli. Mit Bezug auf den Arttkel „Neutral" in Nr. 23 des „Israelit" stellt uns ein Freund unseres Blattes daS Original einer behördlichen Einladung, die an einen jüdischen Herrn im Haag ergangen ist, zur Verfügung. Die Einladung lautet in deutscher Uebersetzungs: „Gemeente Secretarie Afdeeling Algemeene Zaken. Gravenhagen, 4. Juni 1909. „Mit Gegenwärtigen beehre ich mich, Sie zu bitten, mir spätestens bis zum 9.6. cr. mttzutellen, ob Sie an dem Frühstück, das in einem der Stimmsäle stattfindet, teilzunehmen wünschen. Sollte dies der Fall sein, dann möchte ich gerne wissen, ob Sie auf ein rituelles Frühstück reflektieren?" Folgt Unterschrift des Chefs der obigen Gemeindebehörde. Der Verband jüdischer Jugendvereine, bemerkt der Einsender dazu, könnte aus diesem Briefe eine Lehre ziehen. Denn wenn Andersgläubige dafür sorgen, daß ein Jude nicht in die Lage kommt, Trefah zu effen, so dürfte man es gewiß erwarten, daß ein jüdischer Verein in allererster Reihe dafür sorgt, daß seinen Mitgliedern die Gelegenheit zu ritueller Verpflegung geboten wird. Wie«, 14. Juli. Baron Albert Rothschild hat anläßlich des auf so tragische Weise erfolgten Todes seines Sohnes Oskar für die Armen Wiens und für die israelitische KultuSgemeinüe je 10000 Kronen zur Verteilung in der Sterbewoche gestiftet. Außerdem bekommt der Unterstützungsverein der Studenten 100000 Kronen und weitere .00000 Kronen werden für eine mathematisch astronomische Stiftung verwendet, weil der Verstorbene Borliebe für diese Wissenschaften zeigte. Prag, 15. Juli. In den ersten Tagen dieses Monats wurden in vielen Synagogen, so in Kladno, Saaz, Leitmeritz und auch in Brüx Einbruchsdiebstähle verübt, deren Ausführung auf ein und denselben Täter schließen läßt. Der bisher unermittelte Dieb hatte eS. vor allem auf die Opferkaffen abgesehen, die er mit einem Stemmeisen erbrach und ihres Inhaltes beraubte. ES fielen ihm mitunter recht kostbare Gegenstände in die Hände. Konstautmopel, 17. Juli. Hier wird demnächst ein neues Wochenblatt erscheinen, daS den Namen „El Indes" führen und in spanischer und hebräischer Sprache jüdische Fragen behandeln soll. New-Aork, 9. Juli. Hermann Ehrenschaft und desien drei Geschwister, lauter arme Schneider, find infolge einer Erbschaft zu bedeutendem Vermögen gekommen, in-