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Der Israelit · 1909-07-22 · Heft 29 (22.7.1909) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 29 (22.7.1909)
Date
1909-07-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Der JSraeltt. i 23. Juli 1909 h I l- £ %■ | Seite 8 Nr. 29 _ hoffentlich auch zu reicher, fruchtbarer, gemeinsamer Wirksamkeit getan. Diese Männer, besonders der Ljubowitzer Zaddik, find gerade wie von der Vorsehung auserkoren, diese hochwichtige Annäherung anzubahnen. Es ist ein Mann von tiefster, aufrichtigster Frömmigkeit, von unerschütterlicher Charakterfestigkeit, großem Takte und vornehmer Haltung. In letzter Hinsicht sticht er gar sehr von den gegenwärtig angesehensten Vertretern der Misnagdim auf der Konferenz — Rabbi Chajim Soloweitzik und R. David Friedmann ab, die, bei aller inneren Größe, auf ihre äußere Erscheinung, auf ihr Auftreten in der Gesellschaft nichts geben. Um so mehr zeichnen sich diese minn hw durch Schlichtheit, Grobheit, Offenheit, Herzlichkeit, heiligen Ernst, scharfes, logisches Denken und kolossales Thora-Wiffen aus. R. David Friedmann ragt unter den heutigen Rabbinen auch durch gute Kenntnisse profaner Natur, währeud er in seiner streng asketischen Lebensweise und in seinem Studieneifer mehr den DMHMnn Q'TDn sich nähert, dabei zeichnet er sich durch große Duldsamkeit aus, welche, in dieser Beziehung, ihn in einer Reihe mit dem Größten seiner Zeit Rabbi Jzchok Elchonon V'xr stellt. Solche Männer, als Vertreter der Chassidim und Misnagdim sind eben wie dazu geschaffen eine Annäherung und nach gewiffer Seite hin Bereinigung dieser beiden Richtungen anzubahnen. Das ist bereits auf der Wilnaer Rabbiner- Konferenz geschehen. Der nächste Schritt hierzu ist die Gründung eines gemeinsamen Vereins zur Wahrung und Kräftigung der religiösen Interessen der gesetzestreuen Juden, welche auf der besagten Konferenz beschlossen und demnächst in Angriff genommen wird. Von der Gestaltung der Tätigkeit dieses Vereins wird nun das Schicksal der oben bezeichneten Annäherung und Vereinigung und zum großen Teil auch das fernere Gedeihen der gesetzstreuen Judenheit Rußlands abhängen. Grrglanr». London, 2. Juli. In der Hauptstadt von Kanada, in Quebeck erscheint ein antisemitisches Blatt mit dem Namen „La Veritö". Der Inhalt des Blattes hat mit dem Titel nichts zu tun, denn das blutrünstige Blatt ist täglich voll mit antisemitischen Lügen gegen die Juden. Gegen dieses Lügenblatt führt das dortige jüdische Organ, „The Jewish Times" einen, heftigen Kampf. In einer der letzten Nummern erinnert das jüdische Blatt an den vor kurzem abgespielten Prozeß, den die „Jewish Times" gegen den Redakteur eines anderen antisemitischen Blattes Gasp. Robilliard geführt hatte Robilliard wurde wegen Verleumdung des Judentums angeklagt und verurteilt. Das Gericht hatte sich damals auf den Standpunkt gestellt, daß die Veröffentlichung antisemitischer Angriffe selbst wenn sie sich nicht gegen eine bestimmte Person richtet, sondern die Absicht verfolgt, das Judentum der Verachtung preiszugeben, eine strafbare Verleumdung darstellt. Dieser Robilliard hat sich der Strafe durch die Flucht ins Ausland entzogen. „Jewish Times" fordern daher das Gericht auf, auch gegen die „Berit«" ihre Pflicht zu erfüllen, da ja seit jener Zeit die Gerechtigkeit keine andere geworden sei.? Frankreich. f- Paris, 15. Juli. Die Jahresversammlung ■: der Jewih Colonisation Association < verlies in den üblichen Formen. NarciseLeven l erstattete den Geschäftsbericht, der eine befriedil aende Entwicklung der I C A-Unternehmungen in Argentinien, Brasilien, Canada und den östlichen > Ländern feststellt. Gut bewährt hat sich insbe- I sondere die Selbstverwaltung in den palästi- | nensischen Kolonien. Der Bericht spricht die Hoffnung aus, daß die in der Ackerbauschule in f: Jehuda ausgebildeten jüdischen jungen Leute I unter den neuen Regime nicht mehr wie bisher t auswandern müssen, um sich ihren Lebensunter- 8 halt zu verdienen, sondern ihre Erfahrung und H Tatkraft endlich im Lande selbst werden betätigen ...l ■ —.'—. ..... . .,— können. In Betreff Mesopatamiens bemerkt der Bericht kurz, die Möglichkeit agrikulturellen Besiedlung sei dort gegeben und die JCA. sei „geneigt den Versuch zu machen". Türkst. Chajim Rahoum bei der Arbeit. Konstantinopel, 12. Juli. Von einer dem Chacham-Baschi nahestehenden Seite wird gemeldet, daß dieser in seinem Memorandum über die Militärdienstpflicht der Juden lediglich dieDienstsreiheit der Rabbiner und Seminaristen, die Anstellung jüdischer Feldkaplane und Urlaub am Versöhnungstag, Neujahr und Pessach verlangt! Auf die Wahrung des Sabbaths und der Speisegesetze soll also frivoler Weise verzichtet werden, damit Herr Chajim Nahoum sich die Bürgerkrone des toleranten Affimilanten erwerben kann. Trifft die Nachricht zu, so liegt hier ein offener Verrat vitaler jüdischer Interessen vor, denn die vom Chachim-Baschi eingesetzte Kommission hatte bekanntlich ganz andere Forderungen (siehe Israelit Nr. 25) gestellt. Traurig genug, daß die westeuropäischen Autoritäten recht behalten, die in so eindringlichen Worten vor der Wahl des „modernen" Herrn Nahoum zu Chacham- Baschi gewarnt hatten. Auch die Zionisten dürften für ihr Liebäugeln mit Chajim Nahoum keinen Dank ernten, denn er tritt jetzt offen für die Verdrängung des Hebräischen als Unterrichtssprache ein. Palästina. Die Schulfrage in Palästina und-die Reorganisation der SadihomonHHitfelidiule in Jaffa. (Von unserem Korrespondenten.) Jaffa, 12. Juli 1909. Nirgends hat vielleicht der Satz „Wer die Schule hat, hat die Zukunft" gegenwärtig mehr Wahrheit als hier im hl. Lande, nirgends wird vielleicht um diesen hohen Preis mehr gehaßt und mehr geliebt, mehr gekämpft und mehr gesündigt als an den Stätten, welche die Schauplätze unserer hoffnungsreichen Zukunft werden sollen. Gewiß hat uns heutzutage die Einsicht, daß sich die Zukunft nicht nach einem beliebigen Rezept so oder so konstruieren läßt, dem obigen Satze gegenüber skeptisch gemacht, gewiß hat auch die sich Bahn brechende Ueberzeugung, daß die Entwickelung ihren eigenen Gesetzen folgt, — Gesetzen, deren unerfaßlicher Charakter uns zu dem Geständnis o^orn n« D'ny n:ttrn zwingt — dem stolzen Selbstvertrauen pädagogischer Kunst gegenüber bescheidener gemacht, ebenso gewiß ist aber auch, daß die Bedeutung unseres Zitates sinkt oder steigt mit den mehr oder weniger festen Kulturformen eines Landes, daß die Halbwahrheit des Satzes sich der tatsächlichen Wirklichkeit umsomehr annähert, je vielseitiger die Entwickelungsmöglichkeiten, je zerfahrener, verworrener und vielstimmiger die Wünsche und Anforderungen einer Zeit inbezug auf die Schule sind. Diese Bedingungen liegen aber jetzt in Palästina vor, und sie sind es, welche die Schulfrage im hl. Lande zu einem Kardinalpunkt für alle auf seine kulturelle Hebung bedachten Bestrebungen gemacht haben. Die allmähliche Entwicklung der Schulfrage, die rapide Steigerung ihrer Bedeutung in den letzten Jahren sind zur Genüge bekannt,' aufs engste mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes und der ökonomischen Lage seiner Bevölkerung verknüpft, wird sie von Tag zu Tag schwerwiegender durch die wachsende Einwohnerzahl, durch das Bedürfnis nach geeigneter Vorbereitung für den harten Existenzkampf und durch die immer tiefer eindringende westeuropäische Bildung, die, unvorbereitet, wie ein zersetzendes Gift auf das jüdische Pflichtenleben wirkt. Mochte auch das zeitgenössische einheimische Geschlecht sich zunächst den drängenden Anforderungen der veränderten Zeitkonstellation gegenüber verschließen und der lebhaft gefühlten Umwälzung mit gewaltsamer Ablehnung oder sogar Ignorierung begegnen, wir verstehen und achten diese ängstliche VoHicht, die, bel-hrt und gewarnt durch die traurige Geschichte der Entwicklung in Westeuropa, für die heiligsten jüdischen Güter zittertewir wollen nicht einstimmen in die wohlfeile allgemeine Mißdeutung, die nur Kultur- und Bildungsfeindschaft dort erblickt, wo die Sorge um den Verlust des Höchsten zur Gegnerschaft zwang. Uns wiegt diese fromme Scheu mehr, uns ist dieses ängstliche Zurückziehen auf die ureigenen Kreise, dieses entschiedene Beschränken und innige Anklammern an die von jeher hoch bewerteten jüdischen Ideale teuer, uns bedeuten sie Opfer der Gewissenstreue und Thoraliebe, uns sind sie ein Denkmal jüdischer Entsagunaskraft, ein Sieg jüdischer Selbstentäußerung. War die geforderte zeitgemäße Reform der durch Alter und Glanz geheiligten rYQ'W nur mit einem Abbruch des Thorastudiums, nur mit einem Treubruch gegen die religiösen Satzungen zu erkaufen, war auch die Gefahr für beides vorhanden —, so brachte der seiner Pflicht getreue Jude ein neues schweres Opfer auf dem Alrar seiner religiösen Treue und.leistetefreiwillig und freudig Verzicht auf die Segnungen der Bildung, auf die Wohltaten der Kultur. Das Nichtverstehen und Nichtverstehenkönnen der ureigenen Ideale und Ziele der jüdischen Erziehung haben bewirkt, daß die unter Aufwendung von großen Geldmitteln und persönlicher Arbeit ins Werk gesetzten großen Erziehungsveranstaltungen die auf sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllten, das Nichtachtenwollen der eigenartigen, unvergleichbaren Endzwecke der jüdischen Jugendbildung hat berechtigtes Mißtrauen gegen die aus edelster Absicht fließenden Hülfsleistungen bei dem schwierigen Erziehungswerk gesät, die vermessene öffentliche Verachtung des Religionsgesetzes und das brutale Zerstörungswerk einiger maßlosen Stürmer endlich, die in rücksichtsloser Minierarbeit die feste Basis der jüdischen Tradition vernichten und auf den Trümmern dieses geistigen p"* pnn ein Geschlecht, das der Wiederherstellung der verlorenen einstigen Größe würdig und gewachsen sein soll, mit Phrasen großzieherr zu können vermeinen, haben in ihrer negativen Arbeit ein Zerrbild jüdischer Bildung geschaffen, zur Lösung der drängenden- Schulfrage nichts, dagegen neuen Zündstoff zu ihrer Verschärfung herbeigetragen. Sündigten diese Heißsporne unter dem Zeichen der nationalen Renaissance die „eine Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" zu sein versprochen hatte, so fühlte die gesetzestreue Fraktion innerhalb der zionistischen Partei, der Misrachi, sogleich die schwere Verpflichtung, den Fehler, wenn auch nicht gut zu machen, so doch zu paralysieren durch die Anregung ,-ur Gründung einer Schule in Jaffa, welche von der gesicherten Grundlage der Tradition aus der Heranwachsenden palästinensischen Jugend die Wege für eine Lebensführung weisen sollte, die aus dem Thoragesetz die Begeisterung für die weltumspannende jüdische Mission sog, die in der Verwebung des Thorastudiums mit der Pflege profanen Wissens dem Einzelnen die Mittel für die Lösung seine partiellen Aufgabe in seinem beschränkten Wirkungskreise an die Hand gab. Das Ideal ipK in oy min, das keine Kluft zwischen Lehren und Leben kennt, keine Abgründe zwischen dem überlieferten Thorawort und den Resultaten menschlichen Forschungseifers duldet, keine Mauer zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart aufrichtet, ein jüdisches Erziehungsideal, das ein Samson Raphael Hirsch mit unerreichbarer Genialität bis in seine letzten Ausstrahlungen verfolgt hatte, sollte auch auf die für ihr Heiligstes zitternden Gemüter seine Werbkraft ausüben und hier das Heranwachsende Geschlecht mit dem Beweißtsein seiner großen Aufgaben erfüllen. Dieses sind die allgemeinen Zielpunkte, die in

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