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Der Israelit · 1909-07-22 · Heft 29 (22.7.1909) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 29 (22.7.1909)
Date
1909-07-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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SS. Juli 1909. Der JSraellt. Nr. 2S. Sette? Juden von besonderer Bedeutung gewesen, einen Vertreter zu haben, der im gegebenen Falle für die Rechte der Juden eingetreten wäre. Die Berichte des Ministeriums des Auswärtigen, des Kriegsministers und besonders des gemeinsamen Finanzministers, in dessen Verwaltung auch Bosnien und Herzogewina stehen, können leicht Debatten herausbeschwören, im Verlaufe deren wichtige Interessen der Judenschaft berührt werden. Am auffallendsten ist es wohl, daß selbst so große Parteien, wie die sozialdemokratische und der Polenklub, in dessen Mitte so einflußreiche Politiker, wie Dr. Löwenstein undDr.Kolischer sitzen, keines ihrer jüdischen Mitglieder in die Delegation wählen ließen. Ungarn. Mischehen in Budapest. (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 16. Juli. Die letzte Veröffentlichung des statistischen Amtes der ungarischen Hauptstadt zeugt von einer steten Zunahme der dottselbst geschloffenen Ehen zwischen Juden und Christen. Im Jahre 1906 wurden 1473 reinjüdische Ehebündniffe geschloffen und 258 Mifchehem Im Jahre 1907 1496 jüdische und 243 Mischehen. Im Jahre 1908 1564 jüdische und 318 Mischehen. Fürwahr ein trauriges Dokument für die Behauptung von der der Neologie innewohnenden jüdischen Erhaltungskraft. Hierzu kommt noch der Umstand, daß nur ein verschwindend geringer Bruchteil der aus Mischehen hervorgehenden Kinder auch nur formell dem Judentum angehört. * * * In der Ortschaft Döghe unweit von Kleinwardein wurde am Ende des vorigen Monats eine neue Kirche eingeweiht. Bei dieser Gelegenheit erschien eme Deputation der jüdischen Gemeinde von Kleinwardein, mit dem Rabbiner Moses Rosenbaum an der Spitze, vor dem zur Einweihungsfeier angelangten reformierten Superintendenten Ludwig Erös und begrüßte ihn mit einer Ansprache. Hierauf erwiderte der Bischof unter anderem, daß die ungarische Geschichte wohl viel Trauriges aus der Verganaenheit zu berichten, doch nichts davon zu erzählen weiß, daß je ein ungarischer Jude sein ungarisches Vaterland verraten hätte. Die ungarische Geschichte weiß aber auch nicht von Judenverfolgungen zu erzählen und darauf dürfen die ritterlichen Magyaren in der Tat sehr stolz sein. Umso bedauerlicher ist es, daß viele dieser Freiheit, das vom ungarischen Volke nie verlangte Opfer ihres Judentums bringen, wofür die obige Mischehe-Statistik einen traurigen Beweis liefert. RttManv. Die pnyenwren. Petersburg, 14. Juli. Zu den vielen Beschränkungen, denen die russischen Juden, die genau so wie andere Bürger ihre Steuern zahlen, ihre Wehrpflicht leisten und die übrigen Verpflichtungen dem Staate gegenüber haben, unterworfen sind, gehört auch die »Norm", der Prozentsatz der alljährlich in die Lehranstalten aufgenommenen Juden. Für die Juden ist diese Beschränkung begreiflicherweise mit eine der allerschwersten. Diese Norm betrug bisher 3 pCt. für die Residenzen, 5 pCt. für die Städte außerhalb des AnsiedelungSrayons und 10 pCt. für den Ansiedelungsrayon. Dabei wurde der Prozentsatz nach der Gesamtzahl der Schüler berechnet. Jetzt hat die „interdepartementale Beratung zur Regelung der Frage von der Aufnahme der Juden in die Lehranstalten" ihre Arbeiten, was die Mittelschulen anbetrifft, abgeschlossen und die Norm auf 5, 10 und 15 Prozent erhöht. Es fragte sich jetzt, ob dieser Satz nach der Gesamtzahl der Schüler oder nach der Zahl der Neueintretenden berechnet werden .olle. Stolypin selbst und andere Minister traten dafür ein, daß der Prozentsatz nach der Gesamtzahl der Schüler berechnet werde. Dagegen treten jedoch andere Mitglieder der Verwaltung auf, die darauf verwiesen, daß z. Z. der Minister der Bolksaufklärung I. I. Tolstoi und Kaufmann die „Norm" so gut wie gar nicht in Anwendung gekommen sei, infolgedessen die Zahl der jüdischen Mittelschüler jetzt einen wesentlichen Ueberschuß aufweist, der die Juden für Jahre hinaus vom Besuche der Mittelschulen ausschließen würde, wenn man bei der Berechnung des Prozentsatzes von der Gesamtzahl der Schüler ausgehen wollte. Nach langen Debatten neigte dann auch die Mehrheit dazu, in den nächsten 7 bis 8 Jahren (je nach dem Kursus der verschiedenen Mittelschulen) die „Norm" nach der Zahl der Neueintretenden zu berechnen, von da ab jedoch die Gesamtzahl der Mittelschüler als Ausgangspunkt zu betrachten. Was die Mittelschulen anbetrifft, so find Bureaukraten und Patrioten noch geneigt, den Juden „Gnade für Recht" angedeihen zu lassen, allein die Hochschule soll chnen nach Möglichkeit verschlossen bleiben. So ist einstweilen, trotz des nahenden Semesterbeginns, auch nicht davon die Rede gewesen, ob die „Norm" für die jüdischen Hochschüler erhöht werden wird. Einstweilen steht nur fest, daß aus denselben Gründen, wie für die Mittelschulen der Prozentsatz nach der Zahl der Neuimmatrikulierten berechnet werden soll. khassiöim und Misnagdim (Bon unserem Korrespondenten.) Wilna, den 17. Juli 1909. Auf der Wilnaer Rabbinerkonferenz hat sich Etwas zugetragen, was von unabsehbarer Bedeutung für die Zukunft werden dürfte, nämlich: die geeinigte und vereinte Tättgkeit der tonanebenden Wortführer der Chassidim und Misnagim. Ich bin weit entfernt, die Hoffnungen, ja Erwartungen so mancher Opttmisten zu teilen, daß die Wilnaer Annäherung der Vertreter der beiden herrschenden Richtungen der gesetzestreuen Juden, welche die letzteren bis jetzt gewissermaßen in feindliche und sich gegenseitig befehdende Lager teilte, zu einer religiösen Ausgleichung und Verschmelzung führen wird. Selbstverständlich sind solche Hoffnungen und Errvartungen illusorisch. Jeder, welcher den Geist des gesetzestreuen Juden kennt und weiß, wie sehr er seine religiösen Ueberzeugungen hoch und heilig hält, der wird einsehen, daß von einem religiösen Verschmelzen von Chassidim und Misnagdim, wenn auch in ferner Zukunft, gar nicht die Rede sein kann. Dies umsomehr, als daß zwischen Chassidim und Misnagdim auch eine unverkennbare Verschiedenheit in der prinzipiellen Auffassung des Wesens und Charakters der 'n rvrny und der gesetzlichen Normierung des religiösen Lebens obwaltet. Die Führer beider befugter Richtungen find Männer von unerschütterlicher Ueberzeugungstreue und wärmster, aufrichttger Religiösität und jeder von ihnen ist gar zu weit davon, aus welchen Rücksichten es auch immer sei, auf ein Jota seiner heiligen von Altvordern übernommenen Traditionen zu verzichten. ES ist mithin töricht, sich zu der Hoffnung zu versteigen, Chassidim und MiSgadim könnten eine Art Union bilden. Aber was man zuversichtlich erwarten darf, ist — daß der alte Bruderzwist, welcher unter einer dicken Schicht Asche noch immer glimmt und seinen adaequente n Ausdruck, wenn auch nicht mehr wie früher in feindseligem Zank und Hader, in gegenseitiger, geringschätziger Verhöhnung und Bespöttelung findet, daß dieser Bruderzwist mtt der Zeit aufhören wird und, daß sich diese beiden gesetzestreuen Richtungen vereinigen dürften zu eurem gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind — gegen den rapid um sich greifenden Zersetzungs¬ und Abbröcklungsprozeß, welcher gegenwärttg bei uns vorgeht. Wenn oie Führer beider Richtungen die Gefahr richtig erkennen, welche dem posittven Judentum in Rußland droht und mtt vereinigten Kräften auf Mittel und Wege sinnen, wie die große Gefahr zu überwinden und der historische Boden auch ferner zu behaupten fciA jo unterliegt es keinem Zweifel, daß sie noch Vieles, sehr Vieles retten, erhalten und von Neuem kräftigen können und altneue Wege für zukünftige Generattonen anbahnen können. Um die „Zaddikim" scharen sich noch immer große Massen ftommer Gläubiger, welche immer mtt Herz und Hand dabei sind, ihre, der Rabbis, Wünsche und Beschlüsse zu verwirklichen. Als Beweis dürste die große Jeschiba dienen, welche vor nngefähr 10 Jahren der Ljubawitzer Zaddik, Rabbi Scholem Deiw Schneersohn in seiner kleinen Residenz gegründet hat. Diese Jeschiba zählt gegenwärttg 265 Jünger und verfügt über ein Budget von etwa 40,000 Rubel, welche Summe geräuschlos nur von Chassidim seines Anhangs aufgetrieben wird. Es sind, wie mir versichert wird, einzelne reiche Chassidim, welche zu je 10,000 Rubel jährlich zu den vom befugten Zaddik gegründeten oder blos befürworteten edlen Sttftungen spenden. Die Ljubawitzer Jeschiba ist auch die einzige in ihrer Art. In keiner Jeschiba wird in so reichem Maße für die materiellen Bedürfnisse der Zöglinge gesorgt, wie gerade in der Ljubawitzer. Wie der Rabbi mir richtig erklärte: Der minn TQ3 erfordert es, daß die Thorabefliffenen Jünger aller materiellen Sorgen überhoben sind, daß sie die gesundeste Verpflegung genießen, und man es ihnen an Nützlichem und Heilsamem nicht mangeln läßt. Die Jünger sollen auch durch gewisse Vorteile an das Thora-Studium gefesselt werden, denn not?1? K3 nzv1? kW "pno, daher, vielleicht hat er auch den großen Erfolg — wie er behauptet — zu verzeichnen, daß keiner seiner Jünger von den in seiner Jeschiba herrschenden Prinzipien abgefallen ist. In dieser Hinsicht, nebenbei bemerkt, könnten sich die Spitzen der Misnagdim die Ljubawitzer Jeschiba zum Muster nehmen. Es werden bei uns bald hier, bald dort neue Jefchibots gegründet, aber nirgends wird so recht für das Unterkommen der Jünger gehörig gesorgt. Fast überall haben die letzteren mit sehr empfindlichen Entbehrungen zu kämpfen, erfahren auch nicht selten eine geringschätzige Behandlung von der Umgebung und ihr Herz wird nach und nach erfüllt mtt Bitterkeit und Erbitterung gegen die JeschibotS selbst und das Resultat ist oft ein sehr klägliches. Es darf mit Sicherheit behauptet werden, daß einzelne Bestandteile der dem posittven, traditionellen Judentum so abgeneigte Maskilim, sich aus den unzufriedenen Elementen der JeschibotS rekrutteren. Doch kehren wir zu unserem Thema zurück. Wenn auch nicht solchen Einfluß wie die Zaddikim, doch haben die großen Goanim der Misnagdim, wenigstens jeder in seiner Gemeinde, immerhin noch Einfluß genug und könnten somit, wenn sie durch Einheit und Einigkeit gekräfttgt, planmäßig vorgehend, und die Bedürfnisse der Zeit und des OrttB berücksichttgend, Großes bewirken. Zum Glück fthlt es gegenwärttg in beiden Richtungen nicht an tatkräftigen, einsichtsvollen Männern, wenn nicht gerade unter den Zaddikim und Gaonim selbst, so doch unter ihrem Laienanhang. Sie müßten sich nur über ihre Aufgaben und Ziele in der Gegenwart verständigen und gemeinsam Mittel ersinnen, wie diese Aufgaben zu lösen und die Ziele zu erreichen seien und auch gemeinsam Vorgehen. Einheit gibt Macht und über eine solche und zwar in möglichst großem Maßstabe, müssen die gesetzestreuen Juden in Rußland, angesichts der große» Gefahr, welche ihnen von Außen und von Innen, ja von Innen noch weit mehr als von Außen droht, verfügen, um ihre historische Stellung mitten in einer weithin sich ausbreitenden Umwälzung verschiedener Art zu behaupten. Bon diesem Standpunkte aus bettachtet dürfte die erste Visite, welche der Ljubawitzer und der Gurer Zaddik den Größen der Misnagdim: Rabbi Chajim Soloweitzik-Brest, Rabbi David Friedmann-Karlin und Rabbi Chajim Oser Grodsensky-Wilna abgestattet haben, von großer, historischer Bedeutung werden. Damit ist der erste Schritt zur Annäherung und somit

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