Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1909)
- Date
- 1909-07-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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22 Juli 1909 Der JSraelK No. 29. Seite 5. Es handelt sich nicht etwa darum, daß, um einen Ausdruck des Herausgebers der Geigerschen Briefe anzuwenden, in den' „augenblicklichen Aufwallungen eines zornfähigen, leidenschastsvollen Mannes" (A. Z. d. I. 1896 S. 52) scharfe, schiefe und ungerechte Urteile gefällt werden, die von dem ruhigen Betrachter als Produkte des Zornes und der Leidenschaft gewürdigt und begriffen werden müssen, sondern es handelt sich um die ganze Kampfeswelse Geigers, der in diesem Dokument einem tückischen Advokaten gleicht, auf die mangelnde Urteilsfähigkeit der Richter spekulierend, durch Manipulationen, die das Beweisthema verschieben, der durch falsches Zitieren der Worte des Gegners, durch allerhand Listen die Tatsachen auf den Kopf stellt. 1. Der Rabbiner von Posen, sowie die oberschlesischen Rabbiner hatten in der Annahme, daß Geiger an die Göttlichkeit wenigstens der schriftlichen Thora glaube und lediglich die mündliche Thora verwerfe, ihn als ein Karäer oder Sadduzäer bezeichnet, der „blos an die Echtheit der schriftlichen Thora (Pentateuch) als göttliches Gesetz glaubt, die Auslegung desselben nach Vorschrift des Talmuds blos als ein menschliches dem Wechsel unterworfenes Werk erachtet." (Darstellung S. 25). Die fromcken Rabbiner, in ihrer Unbefangenheit und Gläubigkeit, wußten es nicht, daß Geiger über den Standpunkt der Sadduzäer oder Karäer weit, weit hinaus war, und daß er auch den Pentateuch als ein menschliches Werk betrachtete. (Fortsetzung folgt.) orrespondenzen und Nachrichten. Deutsche« §teid?. Der Sali nTarschall und die liberale Tagespresse. Frankfurt a. M., 18. Juli. Wir haben bereits in Nr. 19 anläßlich des Prozesses Kayser unserer Meinurg Ausdruck Unterlicht . . . Das Welt- und das Menschenlicht . . . Wie sich die Geschicke der beiden gleichen! Ost verdunkelt und scheinbar trostlos verdüstert, geht sie stets von neuem auf, mit neuer Kraft, neuem Glanz, leuchtend und wärmend nach allen Setten ... So die Sonne der Welt und so auch die Sonne Israels . . . Damals ... Ja damals schien alles verloren . . . Doch es war nicht verloren — das unverwüstliche Sonnenlicht leuchtete und leuchtet auch hinter den Wolken, und es kommt, so wir es rufen und locken. Und wir rufen das himmlische Licht, so wir Zions gedenken — nicht allein durch die Trauer am 9. Ab, sondern durch ein Leben, das durchtränkt ist von der Lehre, die von Zion ausgeht, geleitet wird vom Worte Gottes, das in Jerusalem für alle Zeit gelehrt wurde . . .„ Der Kinder Gesichter strahlten, denn der Bater erklärte weiter und die Kinder verstanden alles, als fie jetzt noch zmn Schlüsse mit klangvoller Stimme beteten: „Erbarme dich Zions, wie du gesagt, und richte es auf, wie du versprochen hast . . ." Reisebriefe aus der Schweiz. III. St. Moritz bedeutet auch für die jüdische Hautevolee das rauschende Paris, wo die Pracht und Eleganz der Toiletten in glänzenden Soireen sich entfaltet. Zwar ist der reizende Höhepunkt durch die Schtenenstränge, welche raffinierte Technik auch dorthin führte, für poetisch veranlagte Naturen etwas seines idyllischen Zaubers entkleidet worden. Die alte Postkutsche, welche den schwierigen, kostspieligeren Höbenweg mit den langweiligen Postgäulen erst nach Stunden zurücklegte, sorgte dafür, baß oaS die Eisenbahn bevölkernde Proletariat fernblieb und ermögltchre hier hie erwünschte Isolierung. So liebt eS gegeben, daß die liberale Blätter, wollten sie den demokratischen Grundprinzipien treu bleiben, zu der Zwangspolittk des „liberalen" badischen Oberrates nicht schweigen können. Die „Frkft. Ztg." hat lange geschwiegen. Nun aber brachte sie in ihrer Nummer vom 17. dieses einen Artikel zum Fall Marschall, der u. a. folgendes besagt: „Das badische Elementarunterrichtsgesetz und die int Vollzug desselben erlassene Verordnung des Großh. Oberrats der Israeliten schreiben vor, daß jedes Kind einen dreistündigen Religionsunterricht zu genießen und daß der Unterricht im Hebräischen einen wesentlichen Bestandteil dieses Religionsunterrichts zu bilden habe. Einen Dispens vom Religionsunterricht gibt es nach dem Gesetz nicht, da dieses — vorn Industrie- und Zeichenunterricht abgesehen — nur einen Dispens vom ganzen Bolksschulunterricht kennt, sofern ein vollwertiger Ersatz durch Privatunterricht nachgewiesen ist. Ebensowenig wie also ein Kind vom Geographie- oder Schreibunterricht befreit werden kann, ebensowenig kann es nach dein Gesetz vom Religionsunterricht befreit werden. Gleichwohl hat der Großh. Oberrat der Israeliten die Erlaubnis zum Privatunterricht allen denjenigen Israeliten gegeben, die ihre Kinder nicht orthodox unterrichten zu lassen wünschten. In der Regel wurden dabei Gesundheitsrücksichten vorgeschützt. Merkwürdigerweise konnten solche Kinder den ganzen übrigen Elementarunterricht genießen, litten aber an irgend welchen Krankheiten, wenn sie in den Religionsunterricht gehen sollten. Ebenso ungesetzlich tvie diese Befreiung vom offiziellen Religionsunterricht ist die Nichterteilung des hebräischen Unterrichts. Das Gesetz schreibt letzteren zwingend vor, und gleichwohl hat man erst neulich in Pforzheim diesen Unterricht für fakultativ erklärt. Die oberflächliche Begründung dazu führte an, das geschähe, „um Zwangsmaßregeln zu vermeiden." In Karlsruhe und Mannheim sei deshalb der hebräische Unterricht längst schon fakultativ. Man war aber auch offen genug, die wahren Gründe für dieses letztere Verhalten bekannt zu geben. Der Karlsruher Stadtrabbiner Dr. Appel, der zugleich Mitglied des Großh. Oberrats der Israeliten ist, hat in Pforzheim erklärt, „der Oberrat erteile Dispens, wenn zu befürchten sei, daß die Gesuchsteller bei Nichtgewährung aus der Landessynagogeausträien und dadurch der Gemeinde erhebliche Steuerkräfte verloren gingen." Das war der Standpunkt des Oberrats nach der einen Seite. Der orthodoxen Richtung gegenüber wurde aber bislang ein Dispens grundsätzlich verweigert. Den Angehörigen dieser Richtung mutet mau im Gegenteil leichthin zu, aus der Landessynagoge auszutreten. Diesen gegenüber greift man sogar zu Zwangsmaßregeln und scheut sich nicht, ihre Kinder durch polizeiliche Gewalt holen zu lassen, llnd dabei ist es doch ganz gleichgültig, ob der Herr Stadtrabbiner Dr. Appel selbst den Schutzmann damit beauftragt, oder wie es tatsächlich der Fall sein soll, den ihm unterstellten Religionslehrer anweist, ja daraus zu achten, daß das Kind zum Unterricht kommt und gegebenenfalls mit den schärfsten Maßregeln vorzugehen. Mag man auch dem Gegensatz zwischen Orthodoxie und Liberalismus gleichgültig gegenüberstehen, der Gedanke, daß hier mit zweierlei Matz gemessen wird, ist unabweisbar. Auf der einen Seite wird auf Wunsch gerne dispensiert, und auf der anderen Seite will man einen vierstündigen Unterder Mensch, auf dem Wege des Vergnügens, von Romantik umwebt, möglichst lange zu verweilen, und selbst Hindernisse erscheinen ihm dabet klein. Gilt es aber, den Weg der Pflicht zu beschretten, erwachsen auch kleine Hindernisse zu unüberwindlicher Größe. Die düstere, sonnenarme Zeit, welche diesmal gcmz den Charakter der drei Wochen rrägt, läßt auch in St. Moritz die sonst pünktlich und regelmäßig eintteffenden Gäste bis zur Stunde noch, vermissen. Ein nicht kleines Kontingent stellen für gewöhnlich die geistigen und geistlichen Führer unserer Gemeinden, die Rabbinen. Die nattonale Trauerzett der drei Wochen genießt man am behaglichsten dort oben in der freien, würzigen Lust der Berge, wo der gesunde Jodler Ttscho-Beaf-Stimmung nicht aufkommen läßt. Gar mancher von ihnen sieht auch gar nicht so sehr erholungsbedürftig aus, wenigstens sehen wir auf dem Antlitz jene charakteristische, wie Sonnenglanz leuchtende Inschrift: ,“6^1 Dl1 12 .Wm nicht gerade hervorstechend eingegrabendie besagte Pflicht, die ^112^21 einschließt, hat ja gegenüber den Sorgen und Forderungen des Tages an Größe und Bedeutung begreiflicherweise verloren. Dafür hat der Humor seine Geltung behauptet. Jedesmal, wenn ein gelungener Kalauer die Runde macht, erdröhnt der KonversattonSsaal von einer Lachsalve. Auch routinierte Bergsteiger find unter ihnen, die ihre Kunst nicht nur in dm Alpen praktizieren. Wenn es fich darum handelt, eine von der „bösen Orthodoxie" entsandte Berglawine aus dem Wege zu räumen, beweisen unsere neologm Brüder Meisterschaft, fie aus dem Wege zu räumen. Religiöse GewiffenSfkrupel find in unserer Zeit der Aufklärung ein überwundener Standpunkt. Wie baS Luftschiff dm blauen Aether durchquert, so wissen fie jede Richtung etnzuschlagm im LuftkretS ihres jüdischen Denkens! Und richt — der gesetzliche ist nur dreistündig — nicht als vollwertig anerkennen. Diesen Kindern mutet man sieben Religionsstunden in der Woche zu, indem man verlangt, daß sie überdies noch in den offiziellen dreistündigen Religionsunterricht gehen. Wo bleiben da die pädagogischen Rücksichten? Und wo bleibt der Geist, der die oberste kirchliche Behörde zu erfüllen hat, die nach dein Gesetz als oberstes Aufsichtsorgan berufen ist, über den Parteien zu stehen? Wo bleibt das Interesse an der Landessynagoge, wenn man den einen gegen das Gesetz alles erlaubt, damit sie ja nicht aus der Landessynagoge austreten, während man den andern, die ihren Kindern einen intensiveren Unterricht geben lassen, erklärt, sie mögen doch aus der Landessynagoge austreten; man wolle ihnen sogar, wenn sie austreten, Steuernachlaß gewähren. Im Interesse des badischen Judentums sei dem Großh. Oberrat der Israeliten der Rat gegeben, sich von der bislang eingeschlagenen Politik abzuwenden. Nicht von orthodoxer, sondern von liberaler Seite, kommt dieser Rat, und er wird unterstützt durch die Auffassung vieler rechtlich denkender badischer Israeliten. Möge er nicht zu spät kommen und so Veranlassung geben, daß die Synode sich mit dieser Angelegenheit nochmals befaßt." Es würde der Mühe lohnen, diese von wahrhaft demokratischem Geiste gettagenen Ausführungen, mit denen, welche sich die A. Z. d. I. in ihrer letzten Nummer über den gleichen Gegenstand an leitender Stelle leistete, zu vergleichen. Doch darüber ein anderes Mal. Berlin, 18. Juli. Wer über die Möglichkeit gelegentlicher antisemitischer Anwandlungen bei der sozialdemokratischen Presse noch im Zweifel war, der lese den Artikel „Zum Kanzlerwechsel" in der sozialdemokratischen „Chemnitzer Volksstimme". Das Organ des Reichstagsabgeordneten Noske sagt u. a.: „Bon allen gelobhudelt und von allen verachtet, verläßt Bülow, der Charakterlose, ras Haus in der Withelmstraße, und ein neuer, etwas älterer, kranker und ruhebedürftiger Mann zieht ein. Bethmann-Hcllneg, der jüdische Reichskanzler, hat fich durch den Kauf eines märkischen Rittergutes die Qualität zum Reichskanzler der Agrarier erworben." Die Entdeckung der jüdischen Herkunft des neuen Reichskanzlers ist übrigens dem „Berliner Tageblatt" zu verdanken, das nach Meyers Konservationslexikon und einem Auffatze des Abg. Hermann von Rath in der „Neuen Freien Presse" seinen Lesern über die Familie Bethmann erzählte, sie sei im 16. Jahrhundert ihres jüdischen Glaubens wegen aus den Niederlanden verttieben worden. In den angeführten „Quellen" heißt es aber nicht „ihres jüdischen Glaubens" sondern nur „wegenReligionsverfolgung". Religiösen Verfolgungen konnte aber damals gerade so gut eine urchristliche Familie unterworfen gewesen sein und einer solchen entstammt der neue Kanzler sicher. Immerhin darf vorausgesetzt werden, daß die Hoffnungen der Anttsemiten, die wuterfüllt über die Bemerkung des „Berl. Tageblattes" das ist ja der Jammer der ganzen Zeit. Mit fürchterlicher Anklage trifft fie das Tmmudwort, welches in diesen Tagen ihr Herz verwunden und — aufrütteln müßte. N7 1N'21N vbv S"2tt2 *6* tharn* N21N *6 n? DK- Wer bet der tadle d’hote die Herren fich etwas genauer anfieht und an ihren Diskussionen tetlnimmt, der sieht wie in einem Spiegel bas Bild der Gemeinde, die ihrer Wirksamkeit anvertraut ist. Da gewahrt man Physiognomien, die von der blitzenden Schneide des Rafierfäbels ihres schönsten Bartrahmens entkleidet ftn" und infolgedessen ganz pastoral anmuten, wie auch bcr Wirken und Handeln ganz pastoral und salbungsvoll ist Biele Worte, wenig Taten. In der Erbauung ihrer Schutzbefohlenen leisten fie allerdings großes durch die Predtgr. Wir bemerkten Herren, die wie Generalleutenants die Kanzel beherrschen, befehlend und ihre Getreuen mit scharfem Auge musterndandere spielten ausgezeichnet, mit wahrer Schauspielergewandtheit ihre Rolle, wenn die „Seelenseter" angesttmmt wird. „Ja", sagt mein Rachbar bedeutungsvoll, „diesen Mann sollten Sie bei der Seelenseter sehen. DaS ganze Auditorium ist in Tränen aufgelöst." „Ich habe mir die Sache auch angesehen", bemerke ich, „aber ich könnte nicht behaupten, daß ich von sonderlicher Wärme durchflutet worden wäre. Ich lasse mich von großm Worten nicht bestechen. Wer find diese Herren, welche die Gräber zu sprengen und die Gestatten der unvergeßlichen Dahingeschicdenen herauf zu beschwören suchen? Auch ich halte 711VV2 fH2tn für eines unserer innigsten und weihevollsten Gebete. Aber der geistige Führer der Gemeinde, der sich gedrungen fühlt, diesen Weiheakt rednerisch zu erklären, muß seinen Zuhörern sagen, daß das schönste Denkmal für teure Dahingeschtedme die Erfüllung göttlicher Pfltchtgebote ist 1V1 i.i'ili,-..-,-., . ... ■ .. - , iV ..y.a