Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1909)
- Date
- 1909-07-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der Israelit Rr. SS Gelte 4 2, Juli »VS ein Ruf würbe laut : „Die orthodoxen Juden müssen alle gehängt werden." Es kam zu Püffen und Stößen, und Geiger mußte seine kaum begonnene Rede abbrechen und verließ die Halle Der Tumult wurde erst durch das Dazwischenireten der Polizei beendet. Wer war schuld an diesem unwürdigen Vorfall? Nun die äußere Veranlassung war der Fanatismus einzelner, später für ihr Vergehen mit Gefängnisstrafe') belegter Anhänger Tiktins. Als die tiefere Ursache aber darf die von der Menge als ostentativ und provokatorisch angesehene Art bezeichnet werden, in der Geiger auf dem Ruheplatz der Toten sein Recht geltend machte. Es muß das hervorgehoben werden, weil der Vorstand und Geiger die Schuld auf Tiktin zu schieben suchten, als ob er den Tumult „systematisch vorbereitet" habe. Der häßliche Auftritt, der an sich nur die Bedeutung eines lokalen Tagesskandals hatte, wurde durch die Anhänger Geigers gewaltig aufgebauscht. E» wurden spaltenlange Artikel darüber in die politischen Zeitungen lanciert, und der Vorfall wurde zu einer Haupt- und Staatsaktion erhoben Man hatte damals in Breslau den Ehrgeiz, sozusagen in Geschichte zu machen und diese interne jüdische Angelegenheit zum Fenster der Oeffentlichkeit hinaus zu betreiben. Die Geiger'sche Partei suchte aus dem Vorfall für die Reform Kapital zu schlagen und die Behörden zu beeinflussen, auf die Gestaltung des jüdischen Kultus in fortschrittlichem Sinne einzuwirken. In einem von den Gegnern Tiktins dem Breslauer Polizeipräsidenten 'eingeblasenen Berichte desselben an den Minister des Innern heißt es: „Zu den Talmud isten, deren Rabbiner sich lediglich um Beobachtung des Zeremonialgesetzes bekümmern, halten sich aus naheliegenden Gründen alle hiesigen jüdischen Wucherer, Diebe und Diebeshehler. Sie bilden das streitbare Heer der talmudischen Rabbiner und ihrer befangenen, zum Teil fanatischen Anhänger." (Ludwig Geiger. Aus den Kinderjahren der Reform. Monatsschrift: Liberales Judentum 1908 II S. 47.) Die Leipziger Allgem. Zeitung brachte u. a. einen von einem Parteifreund Geigers inspirierten Artikel, in welchem es heißt: „Wann wird endlich eine durchgreifende, höheren Orts konfirmierte Ordnung des gesamten jüdischen Kultus . . . dergleichen Entweihungen der Friedensstätte verhindern und den Jargon in Trauerreden und Predigten vernichten. Wann wird ein (besetz das Minimum des Fortschritts im jüdischen Gottesdienste feststellen. Um die Freunde des Guten zu ermuntern . ." (Abgedruckt „Orient" 1842 4tr. 19 Beilage.) ') In zweiter Instanz wurden dieselben a# formellen Gründen freigesprochen, tveil nur der Gottesdienst in g e s ch l o s s.e n e n Häusern als ein zu schützender angesehen wurde, die Leichenhalle aber ein offener Raum war. A. Z. d. I. 1843 S. 601. Bon welch unglaublicher Art die Zeitungspolemik gewesen sein muß, ist aus einem Bericht des „Orient" zu ersehen, in dem es heißt: „Wie die sogenannte Fortschrittspartei in Breslau den Kampf führt. — Die Anhänger Geigers suchen fortwährerrd in der Breslauer Zeitung den dortigen Rabbinatsstreit ins Gemeine herabzuziehen; es ist unglaubwürdig, mit welcher Niederträchtigkeit und Gemeinheit diese Partei in dieser Zeitung ihr Wesen treibt, und man bedauert allgemein, daß Herr Dr. G. selbst diesem schmutzigen Geschreibe seiner Partei nicht durch Ermahnungen Einhalt tut, da dergleichen Gesinnungen seiner Anhänger keineswegs ehrenvoll für ihn sein können." (A. a. O. S. 232.) Am Tage nach dem Friedhofsskandal traf der Vorstand eine ebenso ungerechte, wie unbesonnene Maßnahme. Er beschloß, ohne erst in eine Untersuchung einzutreten, Tiktin von seinem Amte zn suspendieren und richtete folgendes Schreiben an ihn: „Ew. Ehrwürden haben den seit mehreren Jahren vielfach an Sie ergangenen Aufforderungen, den Ihnen obliegenden Pflichten? in ganzem Umfange zu genügen, nicht nur keine Folge gegeben, sondern' denselben zu unserem steten Bedauern die höchste Renitenz entgegengesetzt. Ew. Ehrw. haben sich ferner bemüht, anstatt der Ausübung Ihrer geistlichen Obliegenheit gemäß, den Frieden in der Gemeinde zu erhalten, denselben vielmehr zu untergraben, durch Ihre öffentlichen Borträge den Samen der Zwietracht auszustreuen, den Frieden in der Gemeinde zu stören, Parteiungen in derselben geflissentlich herbeizuführen und hierdurch endlich einen Zustand der Zerrissenheit zu erzeugen, der in seinen Folgen der Gemeinde nur Schmach bereitend und entwürdigend sein kann und Ereignisse herbeiführen muß, wie sich ein solches gestern in dem pöbelhaften Ausbruch des Zelotismus an geweihter Stätte kundgegeben. Der Unterzeichnete Bor- Bstand in Ausübung seiner Pflicht und im Bewußtsein, nichts unversucht gelassen zu haben. Sie von Ihrem bisherigen Verfahren abzuleiten, sieht sich in die betrübende Notwendigkeit versetzt, um Ihrer nachteiligen Wirksamkeit Schranken zu setzen, Sie hiermit von heute ab von alten Ihren amtlichen Funktionen zu sespendieren uud Sie gleichzeitig für alle Folgen verantwortlich zu machen', falls <-ie diesem Beschluß entgegenhandeln sollten. Breslau, 4. April 1842." Dieses Schreiben, beantwortete Tiktin. folgendermaßen : „Der Inhalt des Schreibens, welches ein löbl. Obervorsteherkollegiunr unter dem 4. d. Mts. an mich gerichtet Hut, ist nur ein Zeugnis von dem wahrlich nicht einsichtsvollen Eifer, mit welchem ich ans dem mir übertragenen Wirkungskreise verdrängt werden folt. Ich werde dagegen in demselben mit der Festigkeit und Liebe beharren, welche das Bewußtsein treuer Pflichterfüllung und die ungeheuchelte Liebe ejues — was einem löbl. Obervorsteherkollegium nicht unbekannt sein wird — großen Teils der Gemeinde einflößt. Dies meine Erklärung, deren es nicht bedurft hätte ,wenn ein wohllöbt. Obervorsteher-5ivllegium von dem .§ 67 der Statuten Kenntnis genommen und sich daran? belehrt haben würde, daß Wohldasselbe über ineiu Bleiben und Mchtbleiben in dem mir anvertrauten Amte zn verfügen nicht ermächtigt ist., Ans diesem Grunde behalte ich mir vor, die Mlitchuldigurigen, welche rein ersonnen sind und mich Weit tiefer wurzeln mit ihren Fühlen und Hoffen im jüdisch n Boden diejenigen, welche die nationale Idee auf ihren Schild erhoben. Indessen kann auch ihnen — und vielleicht gerade ihnen — das mahnende nicht erspart bleiben. Wohin? ruft eS sowohl den Realpolitikern zu, die in ihrem Bestreben, das jüdische Ideal in der Welt deS Stofflichen zu verkörpern, landhungerig nach Heimstätten für den jüdischen Volkskörper ausschauen, indessen fie die Sorge um eine gesicherte Heimstätte für den jüdischen Geist zur nebensächlichen Privatfache degradieren, als noch mehr den jungjüdtschen Idealisten, die von einer neuen jü ischen Kultur schwärmen, we che mit der alten, auf Sinai erblühten, nichts gemein bat. Aber nicht an gewisse Gruppen und Menschenklaffen, Berufs- oder Anschauungskreise erging das rD^g, sondern an d n schwachen Menschen als solchen, der, vom berauschenden Paradiesesleben verführt, von der Sünde gebrochen, in sriner Hilflosigkeit seine Scham zu verbergen suchte. Wir alle, gleichviel in welchem Milieu wir leben, welcher Richtung wie immer angehvren mögen, dürfen uns dieser groß n Ttscho-be-aw-Frage nicht entziehen. Uno wenn am 9. ab uns der Schmerz ob unseres nationalen Zusammenbruchs übermannt und uns zu Boden drückt, so folgen wir dem Beispiel unserer weisen Lehrer und lesen aus dem rD'g auch das ro?g heraus. Denn von der Art, wie wir d ese Frage vor dem Forum unseres Gewissens beantworterr können, wie wir denkend in uns schauen, um unser Inneres, dieses unzerstörbare Heiligtum auf das nsy* zu prüfen/ hängt unser Trost, unser Glück, unsere Zukunft ab, von der Art, wie wir, durch die Klage Veranlaßt, auch den Porten des Klagedichters gerecht werden: 'i nDW2i nirmi wn ntpsn:- K-i> eines Feuilleton. Ozcdob-b'rb. Bon I. Segall-Pofen. Das stille Morgengebet und die für diesen Tag vorgeschric denen T» auerlieder waren verklungen. Die Synagogvnbesucher verließen still und ernst das Gotteshaus, um die seit gestern unterbrochene Arbeit wieder auf uneh.men. Rabbi Jsroel, ein wegen seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit hoch angesehener Kaufmanü, hatte keine Eileer unterließ jegliche Arbeit an diesem Tage und blieb in Beshamidrosch zurück. Auf einer der Stufen, die zv.r heiligen Lade führen, nahm er Platzrings um ihn, er ig anernanderaedrängt, gruppierte sich bald seine Trauer» g ememde, Greise und Kinder, um aufmerksam seinen Bor t.rägen und Erzählungen aus Talmud und Midrasch, die die Zerstörung des Heiligtums betreffen, zu lauschen. RiÄbt Jsroel war ein Mann in den besten Jahren, Von vornehmem Aussehen. Eine weiche Traurigkeit lag in sein« tiefen Stimme, und fesselnd wuß e er all die Bilder . des Jammers, die einst unser Volk getroffen, darzuslelle *i. Mit hinreißender Plastik schilderte er die herangebror' ftne Katastrophe, und die Zuhörer sahen ganz deutlich d te Schreckensbtldcr jener Tage vor ihrem Getstesa ge vorüb er ziehen. Sie sahen die Henker und Mordgesell« rn, aber auch jüdische Helden, die für ihrm Gott und ihr Volk mutig in den Tod gingen. Sie sahen aufs tiefste Beleidigen, gehörigen Ortes zu rügen. Meine Funktionen stelle ich dagegen nicht ein, weil Wohldieselben darüber nicht gebieten oder dieselbe»: verbieten können. Breslau, den 5. April 1842." Gegen die Suspension erhob der größte Teil der Gemeinde Protest beim Vorstand. Es wurden Einigungsversuche unternommen, die aber alle an dem strittigen Punkte der Ehescheidung und Chaliza scheiterten. Der einfachste Ausweg, es bei diesen Zeremonien wie bei Trauungen jedem einzelnen Mitglied zu überlassen, von welchem Rabbiner es sie vollziehen lassen wolle, wurde von Geiger nach wie vorabgewiesen. Die Folge davon war, daß die Gemeinde sich in zwei Teile spaltete, von denen der eine unter dem Vorstande und Geiger verblieb, der andere, eine eigene Gemeinde bildend, sich um Tiktin schaarte. Es wurden Streitschriften veröffentlicht, welche den Fall beleuchteten. Der Vorstand publizierte einen Bericht über die Angelegenheit, in welchem er Tiktin heftig an griff. Tittin wiederum ließ eine „Darstellung des Sachverhältniffes" erscheinen, worin er in einer ruhigen und würdigen Form, die sehr sympathisch berührt, die ihm gemachten Vorwürfe zurückwies. Die Broschüre zerfällt in drei Abteilungen: Das Recht, die Wahrheit, der Friede, von welch letzterem es dort unter anderm heißt: „Ist es um einen solchen (wahrhaften) Frieden zu thun, dann will ich ihm jedes Opfer mit Ausnahme desjenigen meines religiösen Gewissens und meiner Ehre gern und freudig bringen." Der Broschüre sind drei Gutachten angeschlossen und zwar vom Rabbiner Sal. Eiger in Posen, vom Rabbinat in Lissa, sowie von neun oberschlesischen Rabbinern. XVI. Auf diese Broschüre Tiktins und auf eine weitere eines seiner Anhänger „Entgegnung auf den Bericht des Obervorsteherkollegiums" antwortete Geiger mit seiner bereits erwähnten, umfangreichen polemischen Schrift: „Ansprache an meine Gemeinde". Diese wollen wir nunmehr kurz beleuchten. Der erste Teil ist überschrieben „SachVerhältnis". Wir können diesen Teil, aus dem wir bereits eine charakteristische Probe gegeben haben, hier überschlagen, da das Sachverhältnis von uns ausführlich geschildert wurde, und wollen gleich zum zweiten Teil übergehen. Derselbe ist überschrieben: „Die religiöse Verschiedenheit". Er gewährt dem, der die Ausführungen objektiv und unbefangen prüft, einen klaren und deutlichen Einblick in die Art der Polemik des Verfassers. Das Urteil, das man daraus über die Wahrhaftigkeit gewinnt, mit der Geiger den Kampf führt, ist ein vernichtendes. Knaben und Mädchen, die sich entschlossen ins Feuer und Wasser stürzten, um den Versuchungen zu entgehen. Sie sahen und hörten alles, und ihre jüdische Seele erschauerte in letdvollem Empfinden und stolzer Bewunderung. In der späten Mittagsstunde war Rabbt Jsroel mit der Erzählung von der großen Zerstörung fertig Still und gebeugt gmg er nach Hause, um nach dem Befinden sein r Famtlie, die, wie er, an diesem Tage fastete, zu sehen. Frau und Kinder saßen im kleinen Obstgarte, und lasen halblaut aus dem Buche der Ztons-Lieder. Sie hatten fein Kommen nicht gemerkt und er ließ sich in einiger Entfernung ebinfalls auf das frische Gras nieder und lauschte den Gebet n der Seinen. Es waren Gebete aus reinem jüdischen Herzen, die ihn mit Wehmut aber zugleich auch mit Freude ob der Innigkeit, mit der ste von den sr.schni Kinderltppen ka neu, erfüllten. „Wer um Jerusalem trauert", zitierte er leise des Talmuds Wort, „wird des Trostes teilhaftig". Am fernen Horizont schwebten winzig graue Wölkchen, die den Glanz der Sonne zn verdunkeln sich vergebens abmühten und restlos zerrannen, sobald ste tn Berührung mit den sengenden Strahlen kamen. Und doch konnten diese Zwerge es nicht unterlassen, immer von neuem ihre Attacke gegen die hochstch nde Sonne zu untcrnehmen.. . Bon Süden wälzt sich jetzt mit gespannter Kraft eine kohlschwarze Riesenwoike und setzte aufbalisam ihren Weg fort. Aul kurze Zeit verhüllet fie die goldene Sonne, a er auch dieser Koloß zerfloß bald und löste sich in mächtige Tränen auf ... Wieder zetgre die Sonne ein heiteres Geficht und erstrahlte in Licht und Freude... Rabbi Jsroel beobachtete sehr aufmerksam die en himmlischen Borgang und erzählte seinen Lieben wird rum vom ewigen Volke und seinen wundersamen Geschicken .. . „Die Sonne und Israeli" sagte er in Anknüpfung an ein talmudtsches Bild. „DaS Oberlicht und daS