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Der Israelit · 1909-07-15 · Heft 28 (15.7.1909) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 28 (15.7.1909)
Date
1909-07-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 28. 15 Juli 1909.__ die die Juden anläßlich der Poltawatage mit Wehmut erfüllt. Ihre Klagen und Wünsche bewegen sich in ganz anderer Richtung und ihr Ehrgeiz kann nach Lage der Dinge gewiß nicht auf dem Gebiete der russischen Soldateska seine Befriedigung suchen. Es ist vielmehr ein anderer Gedanke, der sich ihnen angesichts dieses rauschenden Nationalfestes quälend ausdrängt. Man feiert den Sieg über die Schweden, durch den Rußland eine Weltmacht, „ein moderner Staat" geworden ist. Und man entblödet sich doch andererseits nicht, in Bezug auf die Behandlung der Juden in den Ostseeprovinzen gar oft heute noch, vor dem schwedischen Geiste zu kapitulieren, nicht vor dem Geiste der Toleranz und der Gerechtigkeit, der heute im modernen Schweden die Politik beherrscht, sondern von dem Geiste, der dort vor Jahrhunderten, zur Zeit der Hexenverbrennung und der Folter gewaltet hatte. Ist es doch eine Spezialität vieler russischer Rechtsgelehrten und Historiker, in den Archiven nach alten vergilbten Judengesetzen aus der schwedischen Zeit zu stöbern, die überall da in Anwendung gebracht werden, wo die russischen Gesetze zur Bedrückung der. Juden sich als unzugänglich erweisen. Und da braucht man sich denn wahrlich nicht zu verwundern, daß sich bei manchem autonomen Vasallenstaat der Nationalstolz regt, der ihn veranlaßt, den Beweis zu liefern, daß er weder russisch noch schwedisch sei, sondern eigene staatliche Autorität besitze, — durch Ersinnen und Erlassen neuer Judengesetze, an die weder die alten Schweden noch die modernen echten Russen je gedacht haben. (Siehe Schächt verbot in Finnland.) Wir wollen hier nicht feststellen, ob und inwiefern das heutige Rußland Grund und Ursache hat, sich auch innerlich ganz als europäischer Kultur st aat zu fühlen. Unser Glückwunsch nach Poltawa aber lautet: Mehr Befreiung vom alten Schweden, dafür aber mehr Aneignung des modernen Geistes, von dem die innere Politik des modernen Kulturstaates Schweden geleitet ist. Italien. Florenz, 1. Juli. Herr Oberrabbiner Dr. S. H. Margulies, Vorsitzender des Pro Falascha-Comites schreibt uns: „Herr Dr. I. Fattlovitch ist vor einigen Tagen von seiner zweiten Reise in Abessinien, die zirka 15 Monate gedauert hat, zurückgekehrt. Aus seinen an mich gerichteten Briefen aus AodiS-Abeba, die auszügltch in Ihrem Blatte erschienen find, hat die jüdiche Welt bereits erfahren, daß er den größten Teil Abessiniens durchwandert und die meisten Niederlassungen der FalaschaS b sucht har. Er bringt ein reich S Material von überaus wichtigen Nachrichteu und Dokumenten mit, die über baS Leben, die sozialen Berhälmisfe und die religiösen Anschauungen und Gebräuche der abessinischen Juden neues Licht verbreiten, und die er in nächster Zeit in einem ausführlichen Berichte der Oeffentltchkett vorlegen wird. Er hat die angesehnsten Lehrer und Priester der FalaschaS persönlich kennen gelernt und mit ihnen längere und etngehenge Unterredungen gehabt. Sein in amharischer Sprache abgefaßreS Sendschreiben an die FalaschaS fHJK)' welches auch eine Ueberfetzung beS von dem Unterzeichneten verfaßten und von zahlreichen Rabbinern der ganzen Welt unterschriebmen hebräischen Briefes an dieselben enthielt, wurde in mehr als tausmd Exemplaren rm Lande verbreitet und überall mit Jubel begrüßt. AlS Antwort darauf bringt Herr Dr. Faitlowttch einen ihm gelegentlich feiner Zusammenkunft mit ihnen an den Sukkethfeiertagen von den Häuptern der FalaschaS übergebenen neuen Brief an die Judenheir aller zivilisierten Länder mit, der die Unterschriften der Vertreter der meisten Falaschagemeinben trägt. Außerdem sind Herrn Dr. Faitlovitch währmd seines AufmthalteS in Abessinien viele Briefe von entfernten Gemeinden zugekommen, die er in seinem Berichte ebenfalls der Oeffentlichkrtt übergeben wird. In allen diesen Briefen kommt die große Freude der armen FalaschaS über Dr. FattlooitchS neum Besuch bei ihnen, i!,re wiedervelebte Hoffnung auf unsere baldige Hilfe und ihre tiefe Sehnsucht nach religiöser Belehrung in rührender Weise zum Ausdruck. ES klingt daraus wie der letzte Hilferuf emeS verfinkendm Bruderstammes zu ■ ns herüber und es wäre wahrlich eine unaustilgbare ' Schmach für die zeitgenöffische Judmheit, wenn auch dieser Hilferuf ungehvrt verhallte und wir nicht einmal die verhältnismäßig geringm Opfer zu bringen bereit wärm, die dazu nötig fmd, um dm Ueberrest eines jüdism Stammes, der immerhin noch nach vielm Tausenden zählt, den muh chm auSgestrecktm Armen der christ- _ Der JSraeltt._ _ lichm Mission zu mtreißen und dem Judmtum zu erhallen." Dem Schreiben liegt auch der von F. mitgebrachte Brief der Falaschagemeinde in französischer Ueberfetzung bei, der den Bericht über die Verhältnisse der FalaschaS, ihre Wünsche und Hoffnungen, in allen Teilen bestätigt. Rumänien. vesserung? Bukarest, 9. Juli. (Bon unserem Korrespondenten.) Zu meinem Berichte über den Zwischenfall bei dem jüdischen Leichenzu^ in Jassy ist noch ergänzend zu bemerken, dap wie ich jetzt in Erfahrung gebracht habe, der Führer der Trambahn entlassen wurde und die Direktion der Trambahngesellschaft sich bei der jüdischen Gemeinde entschuldigt hat. Zur Berichtigung der in der letzten Nummer ihres geschätzten Blattes gebrachte Notiz betr. Ausweisungen der Juden aus Rumänien ist mitzuteilen, daß ein Herr namens Lasar Lazar o witsch sofort beim Minister des Innern interveniert hat, worauf der Präfekt vom Bacauer Distrikt telegraphisch nach Bakurest gerufen wurde und dort den Befehl erhielt die Ausweisungen telegraphisch zurückzunehmen, was auch geschah. * ch * Der Prozeß gegen die Jaffyer jüdische Gastwirte hat nun seine endgiltige Erledigung, natürlich zu Ungunsten der Kläger, gefunden. Eine große Anzahl von Jaffyer jüdischen Gastwirten sind bekanntlich von den Geschworenen in V a s l u i zu bedeutenden Geldstrafen verurteilt worden, weil sie den Jaffyer städtischen Chemiker Dr. Schumuleanu in einer gedruckten Denkschrift und Eingabe an das Ministerium verleumdet hätten. Die Gastwirte erhoben gegen dieses Urteil die Nichtigkeitsbeschwerde, der Kassationshof wies alle die erhobenen Nichtigkeitsgründe zurück bis auf einen, bezüglich dessen unter den Mitgliedern des Gerichtshofes keine Einigung erfolgen konnte. In seiner letzten Sitzung wies der Kaffationshof auch diesen Nichtigkeilsgrund zurück, so daß das Urteil gegen die Gastwirte entgültig in Rechtskraft tritt. Arnerlkn. N e w - A o r k, 20. Juni. Der Parteitag der amerikanischen Zionisten, der am 13. Juni begann, wurde mit einem Monstremeeting eingeleitet, das von Tausenden Personen besucht war und vorzugsweise dem Kampf gegen Zangwill und die Jto galt. Mr. Samuel Strauß von New-Iork „Globe", der die Versammlung leitete, eröffnete sie mit einer Ansprache, die in einer schaden Anklage gegen den „Schmelztiegel" (Smelting-Pot) und seinen Verfaffer gipfelte. Im Namen der Stadt New-Iork begrüßte die Konferenz im Aufträge des MayvrS Herr N. T a v i o r Philipps) Deputy , Controller der Stadt New-8)ork. Hierauf sprach der Präsident der Federation, Herr Dr. Friedenwald, über die Fortschritte der zionistischen Bewegung in Amerika. Auf der Konferenz wurden zunächst die Tätigkeitsberichte der verschiedenen Kommissionen vorgelegt. Für den Nationalfonds wurden in der Zeit vom 1. Juli 1908 bis 31. Mai 1909 37.135.75 K., für Palästinazwecke 9812.25 K., zusammen 46.948 K. abgeführt. Es wurden verschiedene die Palästinaarbeit betreffende Anträge gestellt, die aber zu keiner Beschlußfassung führten. Nach langem Redekampf wurde schließlich folgende Resolution Dr. Magnes angenommen: „Die zwölfteJahreskonferenz der„Federation ofAmerican Zionists" anerkennt die Ratsamkeit der Bildung solcher Organisationen, die jeden Juden in die Lage setzen, Land in Palästina zu erwerben und empfiehlt die Einsetzung eines fünfgliedrigen Komitees zum Zwecke der Ausarbeitung eines detaillierten praktischen Planes zu diesem Zwecke." ©rftff 9 Mülhause«, 12. Juli, lieber weitere Nachspiele zu dem Prozeß GrrSdvrf-Bloch müden die hiesigen Blätter: Der Wachtmeister Sögge, der unter Eid in Abrede stellte, baß er von dem Einjährigen jemals „geschmiert" worben sei, wird fich am 16. Juli wegm Meineids vor dem Kriegsgericht zu verantworten haben. Ferner ist der Gefreite Zcister, der bet der damaligen Verhandlung einm scharfen Zusammenstoß mit dem Rittmeister batte, wegen Achtungs Verletzung und Beleidigung eines Vorgesetzten angeklagt. Seine Sache ist auf den 21. Juli festgesetzt. Petersburg, 9. Jul. Das KriegSmintstertum schlug der Petersburger jüdischen Gemeinde vor, baS Andenken der im russisch-japanischen Kriege gefallenen Juden durch Anbringen eMer Marmortafel in der Synagoge zu verewigen und außerdem einen jährlichen vedenktag für sie festzusetzm Petersburg, n. Juli. Der Petersburger Stadthauprmann verurteilte das antisemitische Blatt „Rußkoje Znamja" wegen eines Artikels, der den Titel „Der Wert des russischen Blutes und der deS jüdischen Blutes" fübrt, zur Zahlrmg einer Geldstrafe von 3000 Rubeln. Die Konfiskation deS Artikels erfolgte zu einer Zett, als die betreffende Nummer bereUS in Händen der Leser war. Der Artikel ist, wie schon sein Titel beweist, so blutrünstig und aufwieglerisch, baß er selbst der russischen Zensur zu stark war. Odessa» 12. Juli. Hier ist eine Gruppe jüdischer Studenten aus Moskau eMgetroffen, die sich nach Palästina begeben, um dort die Sommerferien zuzubringen. Riga, 12. Juli. Im benachbarten DruSgentk ist eine Ferienkolonie für arme Mische Kinder auS Nordwest-Ruhland eröffnet worden. Die Mittel dazu haben einige jüdische Phtlantropen aus Moskau gespendet. New Uork,1. Juli. Die Zahl der jüdischen Einwanderer in Amerika betrug im Jahre 1899 : 37,415. 1900 : 60,764, 1901:58,098, 1902 : 57,688, 1903: 76,203, 1904:106,236, 1905:129,910, 1906:153,478, 1907: 14,9182, 1908: 103,387, 1909 (Juli 1908 bis Mar 1909): 43,862. Das amerikan sche Fiskaljahr läuft vom 1. Juli bis zum 30. Juni, die größten Zahlen entfallen also auf die Jahre 1905—1907. d i. die Zeit der russischen Wirren und der Progrome. In den letzten Monaten find die Auswanderungsziffern, die eine Zeitlang sehr niedrig waren, bekannt! ch bereits Wied r im Steigen begriffen, so daß für 1909 der Status von 1902 erreicht s in dürfte. 0erein$w$en. Hamburg, 7. Juli Die jüdische Bibliothek und Lesehalle konnte, Dank der verständnisvollen und wirft amen Förderung, die der Gemeindevorstand und die Reprä entanten der Idee der Gründung eines solchen Instituts angedeihen lassen, Sonntag mittag provisorisch eröffnet werben. Die offizielle Einweihung beS gesamten Instituts wird erst bei der Eröffnung der Bibliothek, die voraussichtlich Anfang Ottob r stallfinden wird, erfolgen. ES gibt sich bereits ein lebhaftes Interesse in der Gemeinde für baS Gedeihen dieser Neuschöpfung kund. Erfreulicherweise sind bereits von Gönnern wertvolle Werke der Bibliothek überwiesen worden. Auch passende Etnrichtungsgegenstänbe, so unter anderem moderne Bücherschränke von Herrn Dr. Plaut, schöne Beleuchtungskörper von Herrn Abby S. Marburg und anderes wurden berets gespendet. Die Räumlichkeiten deS LesefaaleS (Bteberstraße 4) find sehr einladend und das Zeitung-material, daS ausliegt, sehr reichhaltig. Der zahlreiche Besuch, der fich schon gleich am ersten Tage emstellte,hewies, daß einem tiefgefühlten Bedürfnis mit der Einrichvmg dieser Bibliothek und Lesehalle abgeholfen wurde. Hamburg, 8.Juli. Der Israelitische Verein zur Unterstützung armer Greise hielt seine diesjährige Generalversammlung unter Vorsitz beS Herrn Gemeindevorstehers Alfred Levy ab. Der Vorsitzende wteS darauf hin, daß der Verein auch in diesem ahre semen Zweck, erwerbsunfähigen allen Leuten durch iewähchmg emer Unterstützung den Lebensabend zu verschönern, in reichem Maße erfüllen konnte. ES wurden auS der BereinSkasse 32 Personen, und zwar 19 weibliche und 13 männliche mit insgesamt 5990 M. unterstützt; außerdem erhietten aus der Stiftung für alle Eheleut zwei Eheleute eine Beihülfe von insgesamt 504 M. An Mttgliederbeiträgen wurden 1770,70 M. vereinnahmt, während der Betrag der dem Verein ^gegangenen Geschenke 1601/44 M. betrug. Weitere Etnuawün waren an Legat-Renten 708,05 M. und an ZtnftN 3i 48,50 M. Die Abrechnung wurde als richtig anerkannt und dem Kassierer Decharge erteilt. Der Vorsitzende betonte, daß eS unbedingt notwendig fei, dem Verein weitere Mittel zur Verfügung zu stefien, da auch in diesem Jahre nicht weniger alS 76 Anmeldungen von bedürftigen Personen im Alter von 69 bis 88 Jahren bei dem Vorstand eingegangen seien, von denen bei den bejchräntten Mitteln deS Vereins kaum die Hälfte berückstchttgt werden könne. ES wurde dann auch auf die Statutenänderung hingewiesen, wonach diejenigen Personen, die einen einmaligen Beitrag von 5000 M. stiften, das Recht haben, bestimmte Personen zur Unterstützung vorzuschlagen. Esse«, 7. Juli. Der Verein für Fertenkolonteen, der in früheren Jahren seine Schutzbefohlenen nach dem israelitische > Hospiz in Duhnen an derRordfee sandte,wirb diesmal seine Kolonisten tu dem neuerbauten Kinderhosptz in Saffendorf unterbringen. Die feierliche Einweihung dezumeist aus freiwilligen Spenden mit allem Komfor.

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