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Der Israelit · 1909-07-15 · Heft 28 (15.7.1909) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 28 (15.7.1909)
Date
1909-07-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Der JSraeltt. 15. Juli 1000 Sette 8 Nr. 08 die einmütige Bestätigung einer jüngst statt gehabten, trotz der Jahreszeit ausgezeichnet be suchten Versammlung, zu der alle Wähler geladen Maren. Herr Dr. med. Calvary beleuchtete vom orthodoxen Standpunkt die Notwendigkeit de- Zusammenschlusses aller positiven Elemente gegenüber dem zersetzenden Radikalismus und der Intoleranz der liberalen Gruppe. Herr Dr.Kollenscher wies nach, daß der Zionismus nach einem Wort Herzl's „die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" be deuten müsse, daß die nationale Wiedergeburt auch die Stärkung des religiösen Judentums in Kultus und Erziehung zur Voraussetzung und wiederum zur Folge haben müsse. Herr K ar eski demonstrierte, wie wenig demokratisch in der Verwaltung und sozial in der Arbeit das liberale Regime sei, wieviel den Konservativen auch in diesen Dingen zu tun übrig bleibe und mit ihrer großzügigen Auffassung vom Judentum tatsächlich vereinbar sei. In der Diskussion griff ein Liberaler die „Schinkenorthodoxie" an, während ein anderer die Liberalen als gute Juden in Schutz nahm. Ihnen erwiderten schlagend die Herren P. Pleßner und Dr. Jerimiases sei, nach Erziehung und innerer Anlage, nicht jedem gegegeben, für sich selbst glauben-- und gesetzestreu zu seindennoch ehre eS nur solche Leute, wenn sie vor tausendjährigen Einrichtungen und Ueberlieferungen so viel Respekt besitzen, sie nicht individuellen Anschauungen oder kurzlebigen Zeitströmungen opfern zu wollen. Das sei kein Widerspruch, wohl aber, wenn eine Vereinigung, deren Vorsteher zum guten Teil Atheisten seien, daS Judentum stärken wolle. Die Geschichte lehre nur allzu deutlich, daß alle Reformversuche nicht zum Judentum zurück, sondern von ihm hinausgeführt hätten. Auch die weitere Diskussion lieferte sehr - treffende Argument« für den positiven Block, der denn auch die günstigste Aufnahme in der Versammlung fand. Der provisorische EinigungSäuSschuß wurde beauftragt, für die im kommenden November stattfindenden Repräsentantenwahlen ein Gemeindeprogramm und eine Kandidatenliste vorzubereiten. Auch bei dieser Versammlung fehlten fast alle konservativen Repräsentanten; dennoch haben bereits einige den Widerstand gegen den Blockgedanken ausgegeben, andere fürchten noch immer die ungewohnte Kampfstellung gegen die Liberalen und winseln bei diesen um Erneuerung des alten Kompromisses. Aber diese Schwächlinge sind nunmehr Generale ohne Heer und darum zur Einflußlofigkeit verurteilt, .für die Liberalen auch nicht mehr kompromißfähig. Wir haben von diesem Gegner im Rücken nichts mehr zu fürchten und gegen den Feind, den wir vor uns haben, werden wir uns mit Gottes Hilfe zu schützen wissen. DaS Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, und neues Leben blüht aus den Ruinen! Jwri. WefterveUty. Kegen Sie öroangsorganisaflon. (Von unserem Korrespondenten). Wien, 5. Juli. Am 20. Juni fand die Generalversammlung deS Vereins zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums statt. Vorsitzender Herr Bernhard Hofbauer läßt Kaffabericht und Bericht über die Tättgkett deS Vereins verlesen, die mit Akklamation genehmigt werden. AuS demselben ist hervorzuheben, daß der Vorstand wiederholt in Angelegenheit der Sonntagsarbeit vorstellig wurde und daß in zahlreichen Fallen mit Erfolg zum Schutze orthodoxer Minoritäten eingeschritten wurde. Der Verein hat die Errichtung eines Betpavillons im Krankenhause, das Uebereinkommen in der Mikwa- Angelegenheit gefördert und den Schomre Schabbos Verein gründen helfen. Auf dem Bundestage hat er scharf gegen die geplante Zwangsorganisation Stellung genommen. Zu diesem Punkte entspinnt sich eine lebhafte Debatte, an der der Vorsitzende und die Herren I Dr. Reiniger, Fil. Hofbauer, Ardel, M. Klein, I. Klein, Neumann, Pappenheim und Andere teilnahmen. Folgende Resolution (Antrag Dr. Reiniger) wurde einstimmig angenommen: „Die Generalversammlung begrübt es mit besonderer Freude, daß eine Organisation geschaffen werden soll, die alle^Iuken Oesterreichs ohne irgend einen Unterschied der Freistellung umfassen kann, um die Interessen der BlauoenSgenoffen in politischer und wirtschaftlicher Richtung mit Nachdruck allerorten zu vertreten. Aus diesem Grunde bedauert sie aufs lebhafteste die vom Allgemeinen Israelitischen Bundestage geplante zwangsweise Zusauunenfaffung der KultuSgemeinden, denen selbstverständlich auch die Lösung von religiösen Fragen zukommen muß. Hierdurch wird daS ganze Werk illusorisch gemacht und muß Zwietracht in die Reihen ruhig nebeneinanderlebender Juden gebracht werden, da unvereinbare Gegensätze zufammengespannt werden' müßten. SS muß dies notwendig zu einer Vergewaltigung der Minoritäten führen, was der Billigkeit und Zweckmäßigkeit widerspricht. In Erwägung aller dieser Umstände spricht die Generalversammlung den galizischm Gemeinden und de« Vertretern der Orthodoxie auf dem Bundestage ihre volle Zustimmung und Anerkennung aus und ersucht dieselben, sowie dm Vorstand deS Vereins, auf dem eingeschlagenen Wege zu verharren und gegen die geplante ZwangSorganisation Stellung zu nehmen." Die Wahlen ergaben folgendes Resultat: Obmann Bernhard Hofbauer- StellvertreterAbr. Fischer, Jos. Schaalmann: Kassier Emil Kritzler- Schriftführer Wolf Pappenheim, Dr. Js. Reiniger- Kontrolleure D. Robitsek, Elias Weiß. Ferner: Ph. Back, S. Buchwald, Mor. Felsenburg, Sim. Hecht, Sam. Hirschl, Ph. Hofbauer, Dr. S. Korein, Ad. Leitner, Beruh. Schiff, Benj. Schreiber, Mor. Silberstein. Ungarn. Unsere Neologen wtS Ihre presse. (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 9. Juli DaS ungarische Reisebureau in Budapest versendet Prospekte, worin zur Teilnahme an einer im Oktober d. I. geplanten Paläftinafahrt aufgefordert wird. Erwähnt sei aber, daß der spiritua reotor dieser Veranstaltung der Redakteur des neologischen Wochenblattes ist, dem eine solche Reise zur willkommenen Gelegenheit für Abfassung tendenziöser Reiseberichte dient, und der erst in einer der letzten Nummern feines Blattes die kühne Aeußerung getan, daß jeder, der nur an einen Gott glaube, schon ein echter und rechter Jude sei, wobei er natürlich vergißt, daß auch der Glaube der Unitarier, Mohamedaner und Deisten auf Monotheismus beruht, trotzdem sich diese gewiß nicht zu den Juden zählen. Erwägt man dies, so darf man sich darüber nicht wundern, daß unter diesen „frommen Pilgern nach dem Lande der Väter" sich so wenige gesetzestreue Juden befinden werden. * * * Das neologeWochenb latt istübrigensjetzt ganz außer Rand und Band, weil ein orthodoxer Rabbiner aus der Provinz an einem in Budapest von einem Hilfsprediger der neologen Gemeinde getrauten Brautpaare — der Bräutigam war eben ein Bruder dieses orthodoxen Rabbiners — noch einmal pamp HD vorgenommen hat. Der brave Mann fragt voll Ironie, ob es denn der orthoxe Rabbiner nicht wisse, daß die pamp auch ohne jegliche Rabbinische Assistenz gültig sei, sobald der Bräutigam der Braut einen Ring (eS muß nicht einmal ein Ring sein, Herr Sziebolesy!) überreicht hat. Wie es scheint, weiß der Herr Sz. nicht, daß zu diesem Akte auch Dny gehören, worauf die aus dem Pester Seminar hervorgegangenen Rabbiner und ihre Gehilfen eben wenig Gewicht legen dürfen, da sie sonst in die traurige Lage kämen, auch ihre eigenen Seminarprofessoren und zumeist auch sich selbst nicht als Dny gelten zu lassen. Vertreter Ser laute unS Hllfdiehe In Ser Kulfusftube. Neutra, 30. Juni. Die Gemeinde-Wahlen sind hier im vergangenen Jahre sehr stürmisch verlaufen und hatten zur Folge, daß 60 Mitglieder aus dem Verbände der Gemeinde austraten und unter dem Namen Congreß-Gemeinde eine eigene Gemeinde gründeten. Die Leiter der neuen Gemeinde fingen ihre Tätigkeit mit einer wilden Hetze gegen den Rabbiner an, den sie in allen Lokalblättern verleumdeten, well er das schädliche Element aus dem Gemeinde-Saale verdrängen wollte, selbst einige seiner Anhänger warfen ihm Rücksichtslosigkeit vor und wollten nicht einsehen, wie korrekt und zweckdienlich das Vorgehen des Rabbiners war. Diese Herren, die die Gemeinde-Vertretung erobern wollten, gründeten sich ihre eigene Gemeinde, ' und natürlich wurden sie auch als Führer derselben ernannt. Einer dieser Gemeinde-Väter feierte am 29. Juni das Hochzeitsfest seiner Tochter in einer römisch-katholischen Kirche, allerdings war der Bräutigam kein geborener Christ, sondern auch ein getaufter Jude, denn der Vertreter der Congreß-Gemeinde hält auf Rasse. (?) Natürlich war auch beim Trauungsakte die Repräsentanz der neologen Gemeinde, mit dem Präses an der Spitze, vollzählig vertreten. Sie waren dort übrigens nicht in ihrer Eigenschaft als Repräsentanten der Gemeinde, sondern blos als Verwandte (?) Aber zu bemerken ist noch, daß viele dieser Herren, die unbedingt die jüdische Gemeinde verwalten wollten, ihre Kinder der herrschenden Kirche bereits zugeführt haben. Nun wagte es der „unversöhnliche" Rabbiner, diese Leute, die d'e Schicksale der orth. Gemeinde leiten wollten, aus der Gemeindestube zu weisen. Daß er dies durchführte, daß es ihm gelungen ist, das jüdische Gemeindewesen zu erhalten, dafür mutz ihm gewiß rückhaltslos Dank und Anerkennung gezollt werden. E. Rußland. Eine russische Siegesleier. Poltawa, 10. Juli. Auf dem Schlachtfelde von Poltawa in der Ukraine feiert in diesen Tagen das offizielle Rußland den zweihundertjährigen Gedenktag der Schlacht, durch die aus dem kleinen Moskowiter Reich eine europäische Großmacht geworden ist. Die Ukraine ist kein unbekanntes Wort in der jüdischen Geschichte. Es gibt kaum noch irgendwo ein Fleckchen Erde, das von jüdischem Blute so durchtränkt worden ist wie das Ukrainegebiet in Südrußland. Doch das war viel früher, zur Zeit des edlen Kosakenführers Chmelnitzki, der 1646 die Provinz von den Polen für Rußland eroberte und seinen Sieg durch ein furchtbares Blutbad unter den vollständig neutralen, in der Stadt eingeschlossenen Juden feierte. Wie viel jüdisches Blut vor zweihundert Jahren bei der Schlacht, die mit dem großen Siege des Heeres des Zaren Peter über den Schwedenkönig Karl XII. endete, geflossen ist, läßt sich zahlenmäßig nicht feststellen. Jedenfalls haben die Juden auch damals ihre Blutsteuer auf irgend eine Weise vollauf entrichtet. Seitdem ist aber der Anteil der Juden am russische Heere ganz enorm. Durch ein System, das die Heerespflichtigen in konfessionelle Kategorien teilt, stellen bekanntlich die Juden ein .Militair-Kontingent, das in gar keinem Verhältnis zum Prozentsatz ihrer Bevölkerung steht. Die Garnisonen in den Ostprovinzen und im asiatischen Rußland, wohin die jüdischen Soldaten aus dem Ansiedlungsrayon, um ihr Schicksal noch grausamer zu gestalten, zumeist gesandt werden, bestehen oft zu 30 bis 40 Prozent aus Juden. Die Zahl der jüdischen Soldaten, die als japanisches Kanonenfutter auf den mandschurischen Feldern ihr Leben ausgehaucht haben, soll annähernd 20000 betragen. Von den mehr als 50000 jüdischen Kriegern ist nur ein geringer Teil wieder heimgekehrt. Dies alles hinderte aber die Leiter der russischen Polittk und Veranstalter des großen militärischenGedenkfestes in Poltawa nicht, die Juden als „an der Geschichte und den Geschicken des russischen Heeres Unbeteiligte und Uninteressierte," von den Feierlichkeiten vollständig auszuschließen. Indessen ist es gewiß nicht diese Zurücksetzung,

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