Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1909)
- Date
- 1909-07-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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»WWW 15. Juli 1909. Der Israelit. Re. M. Seite? Mitbürger die erforderlichen Mittel stiftete, nochmals vergrößert werden und im Jahre 1897 erhielt sie durch den Anbau einer Turnhalle eine weitere Ausdehnung. Die jetzige Verlegung der veralteten Räume, die schon längst nicht mehr den modernen Ansprüchen genügen und auch durch den verstärkten Andrang sich als zu klein erwiesen, entspricht einem schon seit langer Zeit empfundenen Bedürfnis. Auch ist die Lage der Schule schon lange nicht mehr so günstig, denn während um die Mitte des Jahres 1800 die Juden zum weitaus größten Teile in der Neustadt, speziell in der Gegend der Kohlhösen und Elbstraße ihr Domizil hatten, verließen sie in den letzten Jahrzehnten immer mehr und mehr diesen Stadtteil und siedelten sich vor dem Dammtor an. Polmer Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Posen, 4. Juli. Es hat lange Zeit nichts Ausführliches von unserer p'p im „Israelit" gestanden. Das hatte nicht etwa den inneren Grund, daß in der Gemeinde nichts Erwähnenswertes sich ereignete,- im Gegenteil, reger als je pulsiert das jüdische Leben in den letzten Jahren hier. Vielmehr waren für das Ausbleiben von Posener Berichten lediglich äußere Gründe maßgebend: Ihr langjähriger Korrespondent, der Lehrer I. G. Scherek, war geraume Zeit schwer leidend und ist nun am ersten Tag Chol hamoed NOL verschieden. Ihr neuer Korrespondent, selbst ein Schüler und Verehrer des Heimgegangenen, kann nur schwer der Versuchung widerstehen, seine Tätigkeit mit einer ausführlichen Würdigung des Heimgegangenen zu beginnen. Mich hindert einmal die Rücksicht auf die tiefe Bescheidenheit des Verblichenen selbst, der nicht viel Worte machte, während er in stillem, stetigem Wirken viel Segen stiftete. Dann aber konnte der ganze Wert dieser Persönlichkeit nur in längerem vertrautem Umgang voll gewürdigt, sein Kern nur in intimem Kontakt recht erkannt werden — und das eignet sich nicht zur Detaillierung auf den rasch verwehenden Blättern der Presse. Nur soviel sei gesagt: alle die in Posen das alte, unverfälschte Judentum lieben, alle die, welche wvV ntn' und min tidS noch zu schätzen wissen, waren tief schmerzlich bewegt bei dem Heimgang dieses Mannes und werden ihn oft vermissen. Doch auch von vielen, die längst andere Wege wandeln, ward der unbeugsame und doch so demutvolle Eifer für das Gesetz, die selbstlose Hingabe an seine Jünger, die Bescheidenheit und Charakterfestigkeit an diesem äußerlich so unscheinbaren, innerlich so kernhaften Menschen richtig gewürdigt worden. Wir haben in Posen nicht mehr viele solcher echten Jehudim vom alten Schlage zu verlieren! Um so schmerzlicher ist es, wenn der Tod nun auch in die Reihen des hoffnungsvollsten Nachwuchses tiefe Lücken reißt. Ein noch recht junger Mann, der trotz seiner Jugend sich schon reiche Verdienste um alle Interessen des gesetzestreuen Judentums erworben hatte, der einst ein tüchtiger Führer eines neuen Geschlechtes werden konnte, ward plötzlich unserer Gemeinde entrissen. EliasRzeszewski, der langjährige Vorsitzende des rührigen Lernvereins v'mv*? Mitbegründer der Ortsgruppe des Sabbatvereins und der Freien Vereinigung für die Interessen des o rthodoxen Judentums, Gründer und Spiritus rsoior des Verbandes gesetzestreuer Jugendvereine, war nicht nur selbst ein zielbewußter Jude streng orthodoxer Gesinnung; er diente auch unermüdlich der Arbeit und der Sorge um alle Angelegenheiten des gesetzestreuen Judentums, das ihm der Zentralpunkt alles Strebens und Wollens war. Er wird schwer zu ersetzen sein,- aber zum Glück hat er ist jungen Jahren schon beispielgebend gewirkt und hinterläßt die Hoffnung, datz er Nacheiferer finden w^d. i'p-tt -psV f?m. . Doch „die Toten preisen Dich nicht", heißt es im Hallel. Wenden wir unseren Blick zu den Lebenden und ihrem Treiben! Die altehrwürdige Gemeinde, die der Sitz vieler weltberühmter Gelehrter einst war, die noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem Ruhm und Nachruhm eines Akiba ©ger V'xr glänzte, hatte in den folgenden Jahrzehnten manche traurige Veränderung erlitten. Wäh- ^d die Reform kühn und rücksichtslos sich immer mehr Boden erkämpfte, eine Orgelsynagoge, eine eigene Religionsschule, eine Zeit lang sogar eigene PiöVW sich schuf, wurden die Vertreter des überlieferten Judentums immer zaghafter und indiffe renter uno waren zuletzt, als die andere Richtung in der Gemeinde die Führung an sich gerissen hatte, damit zufrieden, daß man die offiziellen Institutionen in altem Stile weiterführte und der Orthodoxie eine Stellung sicherte, die ihr nicht mehr als den Schein von Macht ließ. So ward „Freden" in der Gemeinde, aber ein Frieden des dV)JJ N'2 war es! Man vergaß immer mehr und zuletzt ganz, daß das Judentum nicht ein bloßes Ensemble von Institutionen, sondern eine Meltau schauung und ein Lebensideal ist und der steten Pflege und Durchdringung im kleinen wie im großen Kreise bedarf, soll es sich nicht zu einem blutlosen Schatten verflüchtigen. So sank die Gemeinde, in der zumeist die Liberalen den Ton angeben, wie überall, wo diese das Szepter führen, zu einer geistlosen Verwaltungsmaschinerie herab, die als solche korrekt und gut funktionierte, doch irgendwelchen Interesses der Massen nicht bedurfte. Das wirkte in allen Kreisen, bis in die äußerste Rechte, demoralisierend, so daß zuletzt auch dort von wirklichen Gemeindeinteressen nicht mehr die Rede war. Vollends die zahlreichen Juden der Kleinstädte, die hierher zogen, fanden nirgends den Puls, geschweige denn die Wärme eines Gemeindelebens und gingen diesem um so eher vollends verloren, als sie ohnehin bei dem Uebergang in die Großstadt nur allzu sehr geneigt sind, den Jndifferentismus in jüdischen Dingen für ein notwendiges Kulturrequisit anzusehen. Kein Wunder, daß bei solchen Zuständen selbst die Repräsentantenwahlen jegliches Interesse verloren hatten. Wenn jeweils nach drei Jahren die Hälfte der Repräsentanten ausschied, traten die im Amt verbleibenden Herren als Wahlkomitee zusammen, und diese 7 bis 8 Herren, zu denen sich wenige Dutzend bestellte Wähler gesellten, wählten die neuen Repräsentanten, unter peinlicher „Wahrung des Besitzstandes" zwischen Liberalen und Orthodoxen. Wie sich bei diesem Modus allmählich Indifferente und Halbliberale unter die „Konservattven" machten, kann man sich vorstellen. Zuletzt gab es nur noch ganz vereinzelte Vertreter einer bewußten und aufrechten Orthodoxie, und auch diese wenigen hielten mit ihren Prinzipien schüchtern zurück, weil ihnen immer Schillers Wort vorschwebte: „gefährlich ist's, den Leu zu wecken." Da eines Tages erhob sich der liberale Löwe, den keine orthodoxe Mücke zu reizen gewagt hatte, von selbst — und ein liberaler Verein ward gegründet, der tapfer mit den Berliner Phrasen von „Lehre und Leben", weniger Hebräisch und Sonntaggottesdienst um sich warf und sich im ganzen so gebärdete, als ob die Liberalen hier den schwersten Gewissensdruck erduldeten. Dabei hatte sie niemand an immer neuen Reformen ihres liberalen Sondergottesdienstes gehindert, ja, die geduldigen Lämmer der konservattven Hauptgemeinde hatten nach dem kostspieligen Neubau ihres Gotteshauses dem liberalen Kultus einen erheblichen Zuschuß bewilligt. Niemals hatte selbst ein „Schwarzer" gewagt, den liberalen Repräsentanten vor den Wahlen ihren Weihuachtsbaum oder Jomkipperbraten vorzuhatten. Es war selbst den sanftesten Orthodoxen unter solchen Umständen klar, daß die Liberalen einen entscheidenden Schlag gegen das alte Judentum vorbereiteten und daß alle, denen die Wahrung des heiligen Gutes noch Sache des Herzens oder Verstandes, der Pietät oder Ueberzeugung war, sich auf gemeinsamer Plattform sammeln mußten, um mit Erfolg den destrukttven Ten* denMr entgegenzutreten. Freilich war das Vorgehen der Liberalen nur ein letzteszum. Entschluß drängendes Moment in einer längeren Entwicklung der inneren Verhältnisse. Die ersten Störungen des alten Kompromißfriedens waren schon vor Jahren von einer neuen, ernst strebenden Gruppe ausgegangen, die sich langsam zwischen Konservattve und Liberale zu schieben begann und als Element der Gährung in diesem stagnierenden Mischmasch wirkte. Es waren die bösen Zionisten, die gleich vom Beginn ihres Auftretens mit unerhörter Dreistigkeit um alle Gemeindefragen sich zu kümmern wagten, im Vereins- und Gemeinoeleben das schneidige Seziermeffer scharfer und — was das schlimmste war — sachverständiger Kritik anlegten, gegen die Kliquenwirtschaft aufzutreten sich erkühnten und von Tag zu Tag mehr Unruhe in das Kahalidyll brachten. Diese Handvoll von Oppositionellen warf zum ersten Mal allerlei jüdische Fragen in die Diskussion öffentlicher Versammlungen, erlangte dann die Oeffentlichkeit der Repräsentantensitzungen, schuf zum Teil unter dem Widerstand der Gemeindekörperschasten Institutionen (Lesehalle, Fortbildungskurse), die diese selbst längst geschaffen haben könnten und müßten. Immer mehr Leben kam in die alte Bude, immer weitere Kreise wurden von solcher Akttvität mitfortgeriffen. So kam es vor zwei Jahren zur Gründung eines Vereins zur Pflege von Gemeindeinteressen, der zunächst alle Richtungen umfaßte, bis er sich kürzlich entschlossen aus konservativ-traditionellen Boden stellte. All das wirkte auf die eigentliche Orthodoxie natürlich ermuttgend und excitterend; namentlich die Jungorthodoxen, zumeist „Alte Herren" und „Aktive" des Lernvereins die ihren Lebenswagen noch nicht auf das tote Geleise der entmuttgten Konservativen geschoben hatten, richteten sich an der Courage und Verve, mit der sie hier die gesürchtetete Assimilatton angegriffen sahen, hoffend auf und ließen mehr und mehr die Zuversicht in sich reifen, daß der Kampf um jüdische Ideale auch heute noch Aussichten bietet, wenn er nur mit ehrlichem Enthusiasmus und ohne feige Rücksicht auf das Friedensidol geführt win>. Ueberdies wuchs aus der Erkenntnis allgemeiner wie örtlicher Verhältnisse die Ueberzeugung, daß gerade im Gemeindeleben die Prinzipien der nationalen Regeneratton und der religiösen Wiederbelebung sehr breite Berührungsflächen haben und die Devise „getrennt marschieren und vereint schlagen" hier die weitesten Perspekttven eröffnen konnte. So raffte man sich denn, nach manchem scheuen Zögern und Schwanken, zunächst zur Begründung einer Ortsgruppe der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" auf. Die konstituierende Versammlung war imposant und von großem Erfolge, — trotzdem die Alten und die konservattven Repräsentanten fast ausnahmslos ferngeblieben waren. Um so besser,- denn so siel die Führung der Ortsgruppe, dieses ersten Instruments einer organisierten und überzeugungstreuen Orthodoxie, in die Hände der kampfmuttgen Jungen. Und dennoch, wer weiß, ob das Feuer lange vorgehalten hätte, wäre nicht das liberale Wetterleuchten dazu gekommen, um die Szene hell zu beleuchten. Jetzt fand die Orthodoxie den Entschluß, sich offen von dem faulen Frieden loszumachen, der ein Menschenalter lähmend aus ihr gelastet hatte. Wollte man aber den Kampf gegen die Liberalen und gegen die, wenn auch stark zusammengeschmolzene Gruppe kompromißkranker Konservattven erfolgreich ausnehmen, so mußte man sich nach Bundesgenossen umsehen. Die wirkliche Gemeinschaft vieler Interessen, insbesondere Gemeindeintereffen, führte denn auch ohne viel Um* tände die Vertreter der orthodoxen Vereinigung, )es konservativen Gemeindevereins und der zionistischen Organisatton zusammen. In einem von diesen 3 Gruppen paritätisch zusammengesetzten Ausschuß wurde so der „positive Block" geschaffen, und dieses Bündnis fand 3