Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-07-15 · Heft 28 (15.7.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 28 (15.7.1909)
Date
1909-07-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449381--65688-2508340
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gelte «. Jfct. 28 Der JSraeltt 15. Juli IW9 ein AnStrittsgefetz zu denken wagten, sondern sie in allzugroßer Bescheidenheit nur erst den Wunsch hatten in privaten Sepatatgemeinden sich ihren Kultus für sich nach den Vorschriften der Thorah emrichten zu können, ohne an diesem selbstverständlichen Recht durch die Gemeindeaewaltigen gehindert zu werden, den Gemeinoebund dahin zu bringen gewußt, daß er den Beschluß faßte, die Regierungen zu ersuchen, die Bildung orthodoxer Separatgemeinden nicht zu gestatten! Es ist gut in unseren Tagen, da überlaut die Friedensschalmeien ertönen und gerade in unseren Kreisen das Friedensbedürfnis so stark geworden ist, um in jedem, der nicht von heut zu morgen die Geschichte und ihre Lehren vergißt, einen „Negationspolitiker" und „Intransigenten" zu erblicken, an die Gehässigkeit zu erinnern, mit welcher vor einem knappen Menschenalter die Väter der Männer die Orthodoxie im kleinen wie im großen verfolgten, die heute in D JGB. und „Verband" das große Wort führen und — ginge es nach ihnen — morgen unser Schicksal in Händen hätten. Doch kehren wir zurück. „Drei volle Jahre hindurch hat diese Angelegenheit" (sc. das Austrittsgesetz) den Gemeindebund beschäftigt und jede andere j einer Bestrebungen in den Hintergrund gedrängt", so berichtet ein sicherlich Unbefangener, der Sekretär des DJGB. Jacobsohn in der oben zitierten Schrift. Und an einer anderen Stelle heißt's '(von Ko Huer): „Immer mehr nahm seine Tatkraft, kb und damit auch die Zahl der Bundesgemeinden; eine Stagnation trat ein, welche eine Auflösung des Gemeindebunds leicht zur Folge haben könnte". Was Wunder auch! Man hatte alle feine Kräfte an ein schlechtes Werk,, an die Bedrückung der Gewissen, an eine Hetze gegen Kreise und Männer gewenoet, die dem DJGB. nichts zu leide getan außer dem einen, daß sie ihre Religion und ihre religiösen Pflichten anders, erfaßten und betätigen wollten, als es den Lazarus, Emil Lehmann, Ludwig Philippfon e tntti quaDti gefiel; wo sollte da der Antrieb, woher sollten die Mittel zu einer Tätigkeit kommen, die dem Bunde Ehren eintragen und den Gemeinden zum Segen gereichen konnte?! So hatte der DJGB. am eignen Körper Gelegenheit die Erfahrung zu machen, die übrigens die Reform bis zu den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf allen Gebieten zu machen in die Lage kam, daß sie wohl imstande waren, das Alte niederzureißen und zu zerstören, aber ihre Kraft versiegen sahen, wenn es positive Arbeit galt. Das war's ja auch, was beim Hochkommen des Antisemitismus die Mäyner der Reform veranlaßte, die Orthodoxie so eifrig zu umwerben uud zur „Mitarbeit" heranzuziehen; daß es ihnen an den elementarsten Kenntnissen gebrach, um auch nur mit einiger Aussicht auf Erfolg den Rohling, Brimann,: Ecker üfw., die ihre vergifteten Waffen aus der Fälscherwerkstätte der jüdischen Literatur herholten, entgegenzutreten; daß sie, wie das liebe Brot, die früher verleumdeten und verachteten Orthodoxen brauchten, die für das Verteidigungswerk das nötige Rüstzeug in ihrem talmudischen und halachischen Wissen besaßen. Die Orthodoxie jener Tage, zusammengeschweißt und gestählt durch den Druck und die Drangsalierung von Seiten der Reform glich in ihrer gedrungenen Einigkeit und Einheit der stolzen Eiche, um die sich der Epheu der am Boden liegenden Reform schlang, mit dem gleichen. Erfolg wie in der bekannten Fabel, in der das Gastgewächs vom Wirt die Kräfte sog. Wenn heute das „liberale" Judentum, die Nachbeterin und verschlechterte Neuauflage der „Reform^ des vorigen Jahrhunderts so herausfordernd zum Kampfe ruft — nostra culpa; so haben wir, indem wir dem zerfallenden DJGB., dem desolaten Rabbinerverband, dem sonst totgebornen „Verband" usw. usw. von unserer Seite wahrlich nicht die schlechtesten Köpfe und Kräfte zuführten, die Geschäfte unserer erbittertsten Gegner besorgt! Das ist nun freilich eine Geschichtsauffassung, der man in der Philippsonschen — ich meine diesmal den Sohn! — Geschichtsklitterei gerade nicht begegnen wird; allein sie hat vor jener den Vorzug vor allcm mehr am Tatsächlichen zu haften. (Schluß folgt.) Berlin, 1. Juli. Der „N. I. K." wird aus Marokko geschrieben: Die politische Verworrenheit der hiesigen Verhältnisse hat für die Juden des Landes ganz besonders traurige Folgen. Alle Juden, die ihr Geschäft im Arabischen Viertel betreiben, bleiben heute im Mellah eingeschloffen. Man geht einer regelrechten Belagerung entgegen. Das Aufhören des Geschäftsbetriebes ist von weitgehenden Folgen für alle diejenigen, die tatsächlich von der Hand in den Mund leben. Die prachtvolle Ernte, die uns ein Jahr des Ueberfluffes versprach, ist zum größten Teil vom Feuer zerstört Worden. Der Preis für Weizen wurde sofort verdoppelt und wird wahrscheinlich noch mehr steigen. Eine ähnliche Teuerung hat auch alle anderen Cerealien betroffen. Wie dies immer der Fall ist, so ist auch diesmal das Judenviettel am meisten in Mitleidenschaft gezogen und wir fürchten eine Wiederkehr des Zustandes von vor zwei Jahren. M. Hamburg, 1. Juli. Die Bürgerschaft )at in ihrer gestrigen Sitzung dem Antrag des Senats auf Verkauf eines Staatsplatzes am .Bornplatz an die Talmud-Tyra Realschule Wecks Errichtung eines neuen Schulgebäudes zugestmunt. . Mit dem Bau; des neuen Gebäudes, für das bekanntlich der Präses des .Schulvorstandes, Herr Moritz Marburg, im vorigen Jahr anläßlich der Feier seiner 70. Geburtstages die Summe von 175.000 M. zur Verfügung stellte, soll bereits in allernächster Zeit begonnen werden und hofft man bereits zu Ostern 1911 das neue Schulhaus beziehen zu können. Aus der Geschichte der Schule, die auf eine 104 jährige ruhmreiche Vergangenheit zurückblicken kann, sei hier einiges mitgeteilt. , Im März des Jahres 1805 wurde sie auf energisches Betreiben von Menachen Mendel Frankfurter in der Elbstraße 122 in einem chrei fünfienstrige Stockwerke hohen Gebäude als Armenschule begründet und im Juli desselben Jahres mit 60 Knaben eröffnet. Jahre schwerer Kämpfe hatte die Schule zu überwinden, die ganz aus den Wohltätigkeitssinn der Gemeindemitglieder angewiesen war. Nur durch unerschütterliches Selbstvertrauen und unermüdliches Ringen aller Beteiligten konnte sich der Ausbau der Schule vollziehen, der langsam, aber stetig zunahm. Bei dem rastlosen Zusammenarbeiten bedeutender Männer konnte der Erfolg nicht ausbleiben, so daß sich neben den aufgenommenen Armenschülern noch eine Anzahl Knaben begüterter Eltern meldeten, die gegen Zahlung einer Summe in den Schulverband ausgenommen wurden. Hierdurch wurden die alten Schulräume, die 230 Knaben fassen konnten, zu klein, sodaß am 4. Juni 1850 S. Hertz seine Kollegen in der Schulkommission aufforderte, sich nach einem besser geeigneten Hause umzusehen. Ein gütiges Geschick kam auch hier wieder den Bedrängten zu Hülfe, denn der Bürgermeister Christian Dan. Ben ecke hatte der israelittschen Gemeinde testamentarisch eine bedeutende Summe vermacht, die einmüttg für den Bau eines neuen Schulhauses bestimmt wurde. Nach schwierigen Verhandlungen wurde endlich 1855 der Kauf eines Grundstücks an den Kohlhöfen 20 perfekt, so daß 1856 der Bau mit aller Energie gefördett und in der Mitte des folgenden Jahres gestellt war. Nach einigen Jahren wurde ein weiterer Ausbau der Schule dringend notwendig, damit sie auf gleicher Höhe mit anderen Instituten bleiben konnte. Der Vorstand beschloß, die Anstalt zu einer Elementarschule von drei und eine Realschule von sechs aufsteigenden Klassen auszugestalten. Damit hatte die Schule abermals eine bedeutende Erweiterung erfahren, die seitdem tausenden und abertausenden Schülern m hervorragender Weise zugut gekommen ist. Die Schule mußte dann 1872, da die bestehenden Räume nicht mehr ausreichten, durch den Anbau eines Flügels, der die Elementarschule aufnahm und für den ein hiesiger angesehener jüdischer des Herrn Theimer. Ich ignoriere beides und fahre unbeirrt und innerlich vergnügt fort: „Ich bin schon zwei Wochen hier und habe noch nicht ein einziges Mal wahrgenommen, daß diese Pollaken ihre Glaubensgenossen auf der Straße, aus den Promenaden. angesprochen oder belästigt haben. Noch weniger drängen sie sich den Christen auf. Im Gegenteil finde ich ihr Benehmen sehr zurückhaltend und würdevoll; sogar würdevoller und zurückhaltender wie das vieler deutschen Juden, gegenüber den christlichen Badegästen. Ich würde es unerhört finden, wenn "irgend eine deutsche Badeverwaltung sich auf den barbarischen Standpunkt Rußlands stellen und diese Leute nur ihrer Bärte und Röcke halber zurückweisen wollte. Dann wäre es nur ein Gebot der Selbstachtung allerübrig e n Juden, sofort einen Generalboykott über einen solchen Badeort zu verhängen." Die Herren schweigen. Im Stillen verwünschen sie sicherlich, meine angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben. „Sie sind wohl Ruße?" frug Herr Theimer ruhig. „Ich glaube noch weniger als Sie," antwortete ich verbindlich, „aber Jude; da ist's doch ziemlich gleich, wo man geboren ist." „Nun? entweder ist man aus Rußland oder nicht." Ich finde das geistreich und gebe nun freiwillig meine Personalien. Dabei stellt sich heraus, daß Herr Athal aus der Gegend von Insterburg, Herr Theimer aus Königsberg ist. Ich habe, —. geographisch gedacht —- gesiegt,. denn ich bin im Herzen Deutschlands geboren; russische Ascendenz bei mir entschieden am zweifellosesten. Und dennoch ein Parteigänger der Russen.' „Sonderbar; höchst sonderbar!" denken wohl mit Serenissimus die beiden neuen- „Bekannten", die jetzt zugänglicher und mitteilsamer werden. Bevor, wir uns trennen und als gebildete Mitteleuropäer die Hüte resp. Mützen hochachtungsvoll voreinander ziehen, fragt Herr Mhal leutselig: „Wo speisen Sie, Herr ....?" „Im Hotel N." antwortete ich nachdrücklich. „Also koscher?" frug Herr Theimer. „Ich bin eben Jude; würde mich freuen mit den' Herren bei Tisch die angenehme Bekanntschaft fortsetzen zu dürfen." „Also koscher!" Wir trafen uns tatsächlich bei Tisch im Koscher- Restaurant. Dort gab es andere Eindrücke, von denen ich Ihnen demnächst einige mitteilen will. ♦pa p Zwei Anekdoten aus dem Italienischen Bauernkrieg von irso Man schreibt uns: Die Feier des 50 jährigen Jubiläums der Befreiung Italiens von der österreichischen Herrschaft, erweckt in mir die Erinnerung an zwei Anekdoten aus jener Epoche, die mir von oem Helden selbst brieflich mitgeteilt wurden. Leone Weill-Schott, Bruder des sehr angesehenen Bankiers dieses Namens in Mailand, war bis dahin Privatgelehrter. Als sehr eifriger italienischer Patriot, meldete er sich bei Beginn des Befreiungskrieges zur regulären italienischen Armee als Freiwilliger. Durch seine großen Kenntnisse und seinen glühenden Patriotismus war er halb bis zum Adjutanten des Generals Menabrea avanciert. Von diesem wurde er mit geheimen Aufträgen in das Hauptquartier entsendet. Weill-Schott zog es, um den Weg abzukürzen, vor, bei Nacht über ein verlassenes Schlachtfeld zu reiten ungeachtet der Gefahren, die ein solcher Ritt mit sich bringen tonnte. Plötzlich tönte der Ruf an sein Ohr „Schema Israel, ich verschmachte". Die Pflicht verbot, sich bei einem Feinde aufzuhalten, aber Weill-Schott konnte sich doch nicht versagen, dem armen Verwundeten seine Feldflasche zuzuwerfen und er hörte im Davonreiten die Dankesworte des Erquickten. Weill-Schott wurde in die Abruzzen beordert und dort in einem Gebirgsdorse bei einem Pfarrer cinquartiert. Sein Wirt saß mit noch mehreren Geistlichen und dem einquartierten Offizier gemütlich bei Tisch, von allerlei plaudernd; da kam . das Gespräch auch auf die Juden. Weill-Schott bekannte sofort, daß er auch Jude sei. 4>ie Wirftrng dieser Erklärung war eine frappante. Die Herren sahen einander an, schüttelten die Köpfe, rückten aus ihren Stühlen herum, und sahen scheu unter den Tisch. Ans Befragen Weill- Schotts über die Bedeutung des veränderten Benehmens erwiderte nach verlegenem Räuspern der Herr des Hauses, sie hätten doch geglaubt, daß ein Jude mindestens einen Pferdefuß habe! Als sich der Offizier zur Ruhe begeben hatte, konnte er keinen Schlaf finden. Vor der Türe seines Schlafzimmers war ein beständiges Scharren und Murmeln zu hören. Er erhob sich endlich, um nach der Ursache des Geräusches zu forschen und siehe da: der Pfarrer mit seiner ganzen Hausgenossenschast lag auf den Knieen. Sie flehten inbrünstig zur heiligen Jungfrau, daß sie den Geist des Ketzers erleuchte und in den Schoß der Kirche führe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.