Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1909)
- Date
- 1909-07-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Der Israel«. No. 88. Seite 5. 15. Juli 1909__ schen Gelehrten steht es frei, sechs unbesoldete Ehrenmitglieder zu ernennen, welche auf Begehren dem rabbinischen Kollegio assistieren können." Freilich wäre es Geiger schwer gefallen, ein Kollegium zu finden, da die hierzu Geeigneten auf orthodoxem Standpunkte standen und wahrscheinlich nicht hätten mit Geiger gemeinsam fungieren wollen. Allein das Prinzip der Gleichberechtigung beider Rabbiner wäre damit gewahrt und der Streitpunkt beigelegt worden. Aber es laa nicht im Sinne Geigers, auf solche Weise den Zwist m beenden, er wollte nicht nur vom Vorstand uno dem fortgeschrittenen Tell der Gemeinde als Rabbiner anerkannt werden, sondern auch die prinzipielle Anerkennung Tiktins erzwingen. Tiktin aber fühlte sich in seinem Gewissen gebunden. Er glaubte, daß er einen Mann nicht als Dajan anerkennen dürfe, der „im Widerspruch mit der religiösen Ueberzeugung fast der ganzen Gemeinde, sowie des seit Jahrtausenden faktisch bestehenden traditionellen Judentums, .... durch mündlich und schriftlich ausgesprochene Lehren und Grundsätze dasselbe ohne Rückhalt leugnet, und dessen Beruf und Mission es zu sein scheint, dasselbe mit der Wurzel auszurotten und für immer zu vernichten." (Tiktin, Darstellung S. 16.) Er schreibt ferner darüber: „Trotz dieser offenkundigen Ueberzeugung sucht der Obervvrstand mich zu einer Handlung zu zwingen, die ich, als von ihni selbst anerkannter Vertreter meines und fast der ganzen Judenheit religiösen Prinzips, ohne direkte Verletzung meines religiösen Gew's.sens nicht ausüben kann . . . . Soll ich es ruhig mit ansehen können, daß eben derselbe Mann, von dem die planmäßig und geschickt berechnete Vernichtung des traditionellen Judentums ausgeht, der ein solches Streben offen darlegt und kein Hehl daraus macht, daß eben derselbe Mann, vor sich nicht errötend und das Urteil selbst seiner eigenen Anhänger nicht scheuend, unausgesetzt dahin strebt, als Dajan und Rabbiner zu fungieren und sich für diese Funktionen anstellen zu lassen! Daß ein Mann, der die Tradition leugnet, die Prinzipien des Talmuds öffentlich verspottet, Funktionen ausüben will, deren richtige Ausübung lediglich aus traditionellen Bestimmungen beruht?" (A. a. O.) Tiktin gab daher auf das Schreiben des Vorstandes unterm 2. Februar 1840 den endgültig ablehnenden Bescheid: „Auf Ihre geehrte Zuschrift vom 26. v. M. kann ich nicht unterlassen. Ihnen hiermit zu bemerken, wie es mich äußerst befremdet, daß Sie meine frühere schriftlich und mündlich ausgesprochene Erklärung über die Unzulässigkeit Ihrer an mich gestellten Forderung ganz unbeachtet lassen konnten. Einem wohllöbl. Kollegin dürfte es überhaupt wohl bekannt sein, daß mein Ausspruch in der betreffenden Angelegenheit lediglich auf religiösen Grün- Herr beruht, die keine willkürliche Blenderung nach Zeit und Umständen gestatten. Mit Hochachtung zeichne ich usw. Breslau, den 2. Febr. 1840." Er rlchiere ferner einige Tage später ein Schreiben an den Vorstand, worin er gegen die Wahl Geigers protestierte und die Einstellung daß jeder von den zwanzig Anwesenden 1000 Rubel Abstandsgeld zahlen solle und man ließ durch den Mgesandten diese Summe dem Rabbi bieten. Dieser nahm sofort an und gab hem Ueberbringer 2000 Rubel, die er den Armen Warschaus zukommen lassen sollte. Das Verfahren begann und die Leute erhielten ihrem Wunsche entsprechend den Zuschlag. Ein Diener kam hierauf in den Saal und bat im Namen Seiner Ekzellenz den Rabbi Alexander zum Tee. „Nun Alexander Jchudowitsch, Du hast ja gar nicht mitgeboten," rief ihm lachend der General entgegen, „gelt, mit einem General zusammen in der Ehaise fahren, das ist schon so viel wert, da braucht man gar nicht weiter Geschäfte zu machen?" „Exzellenz, ich habe mich lange geweigert, aber es ging nicht anders." „Laß nur, ich weiß das aus langjähriger Erfahrung, sie lassen keinen Fremden zu. Du hast Dein Geld ehrlich verdient, au der Lieferung hättest Du bedeutend mehr verdient. Im klebrigen komme ich nächste Woche zum Walser ~ und Du wirst von mir hören." Als der Rabbi nach Hause kam, frug ihn seine Frau: „Nun hast Du eingegeben?" „Nein," sprach er, „es ging nicht." Da wurde die Frau böse, beruhigte sich aber, als sie vom Verdienst der 18 000 Rubel hörte. Bald darauf erhielt R. Alexander ein kaiserliches Diplom, das ihn zum erblichen Ehrenbürger seiner Vaterstadt ernannte. Das Warschauer Geschäft war das einzige, das er in seinem Leben gemacht hatte. So gern ihn auch die Gattin noch öfters fortgeschickt hätte, er sagte stets: „Nicht immer tut Gott ein Wunder." der Predigten beantragte. Der Vorstand sandte ihm darauf eine Erwiderung, die mit den Worten schloß: „Indem wir Ihnen nun hiermit unsere definitive Erklärung abgeben, und Sie daraus entnehmen, daß wir Ihrem Anträge um Einstellung der Synagogenvorträge auf keine Weise stattgeben können, fordern wir Sie auf das genressenste auf, den, wie Sic es nennen, gestörten Frieden in der Gemeinde dadurch wiederherzustellen, daß Sie sich den Beschlüssen des Vorstandes nicht länger opponieren, der sich jederzeit bemühen wird, Ihr Bestes wahrzunehmen und auch gerne sieht, daß Sie das von Ihnen bekleidete Oberrabbinat noch ferner beibehalten." Trotz dieser, sicherlich aus aufrichtigem Herzen kommenden schmeichelhaften Anerkennung und Zusicherung, die gerade einen Mann von der persönlichen Liebenswürdigkeit Tiktins doppelt tief berühren mußte, blieb derselbe aus der Ueberzeugung seines Gewissenheraus bei seinem ablehnenden Verhalten. Die strittigen Funktionen konnten während dieser Zeit nicht in Breslau ausgeübt, sondern mußten in einer kleinen Nachbargemeinde vollzogen werden. Die Erregung in der Gemeinde wuchs und kam schließlich zu einem heftigen Ausbruch durch die Parteileidenschaft und Undiszipliniertheit einiger Heißsporne, die selbst an geweihter Stätte ihr Temperament nicht zügeln konnten, sowie durch die Unbesonnenheit des Vorstands und Geigers, die den Kampf auch auf der Stätte des Friedens, dem Ruheplatz der Toten, glaubten zum Austrag bringen z« sollen. Am 3. April 1842 fand nämlich die Beerdigung eines streng orthodoxen, in talmudischem Wissen bewanderten Kaufmannstatt, der in seinem Testament bestimmt hatte, daß zwei Dajanim seiner Leiche folgen und ein Honorar von soviel Thalern erhalten sollten, als der Zahlenwert des jüdischen Vornamens, Chajim (68) betrage. Die Hinterbliebenen wandten sich an Tikttn, und dieser bestimmte auch zwei Dajanim, welche gemäß der letztwilligen Verfügung an der Beerdigung teilnehmen sollten. Es konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß das im Sinne des Verstorbenen war, und daß es den Intentionen des Testators nicht entsprach, Geiger mit der Begleitung zu betrauen. Der Vorstand jedoch intervenierte und veranlaßte die Hinterbliebenen, Geiger die Testamentbestimmung schriftlich mitzuteilen und die entsprechende Summe auszuzahlen. Die Hinterbliebenen kamen in ihrem frischen Schmerze dieser Weisung mechanisch nach. Der Vorstand spielte auch bei der Leichenrede die Vermittlerrolle. Die Trauernden wollten sich offenbau nicht dazu verstehen, Geiger persönlich um eine Grabrede zu ersuchen. In seiner Darstellung des Sachverhalts (Nachg. Schr. 1, S. 73) drückt sich Geiger über diesen Punkt vorsichtig und unklar aus: „Ihrerseits Wichtige Kleinigkeiten. (Wahrnehmungen an einem Badeort.) Badebriese? Ich bitte ganz entschieden, mich solchen rückständigen Unternehmens nicht bezichtigen zu wollen. Wer liest sie noch? Und wer möchte sie schreiben? Ich nicht! Also fürchten Sie nichts, Herr Redakteur, und Ihre Leser können gleichfalls beruhigt sein, so naheliegend der Gedanke auch wäre, die manigfachen Eindrücke, die man an einem stark besuchten Badeort empfängt, festzuhalten und zu veranschaulichen. Namentlich als Jude bietet sich da ein außerordentlich reiches Beobachtungsfeld, ohne daß man auf das allgemeine Publikum überzugreifen nötig hätte. Schon in der Frühe am Brunnen. Vor uns wandeln drei Männer in langen Röcken, mit langen Bärten und Rudimenten von Schläfenlocken; nachlässig aber keineswegs unsauber gekleidet. Neben mir wandeln zwei Herren, deren Nationalität ich noch nicht kannte. Drutsche ohne Zweifel, ob Juden noch unentschieden. Gegenstand der Unterhaltung sind die drei russischen Juden in den langen, kaftanartigen Röcken. „.so zahlreich wie in Karlsbad treten sie hier noch nicht auf", sagt der eine der beiden Deutschen, die ich vorab nicht als Juden betrachte. „Die Badeverwaltung bietet auch ihr möglichstes auf, sie von hier fernzuhalten", berichtet der Andere, der, — wie ich der Unterhaltung entnehme — schon seit elf Jahren nach K. kommt und die alljährliche Zunahme dieser, angeblich von der königlichen Badekomniission ungern gesehene Gaste höchst ungern sieht. wurde der Wunsch durch den Vorstand Hinzuge, fügt, daß ich eine Leichenrede halten sollte." Geiger entsprach dem Wunsche. (Fortsetzung folgt.) I ■ä »* a \ orrespondenzen und WLachrichten. Deutsche« Metch. Der DJGB. n. Berlin, 12. Juli. Die enragierte Stellungnahme des DJGB. in der Austrittsfrage, welche damals, wie kaum eine zweite der Orthodoxie anSHerz griff, gegen die glaubenstreuen Wünsche, mußte aber naturgemäß auf seine Gesamtaussaffung des ihm vorgeschriebenen Verhaltengegenüber den Parteien im Judentum sehr stark abfärben. Man konnte nicht in einer Sache, die der Orthodoxie als Lebensfrage galt, als ihr erbittertster Gegner auftreten, ihre Absichten und Ziele verketzern und die Mittel des Bundes an . ihre Bemmpfung wenden — und auf der anderen Seite die statutenmäßig geforderte Objekttvttät gegenüber allen religiösen Richtungen, also auch der Orthodoxie gegenüber betätigen. Zudem sorgte der Mann, der vom ersten Tage an im Gemeindebund, wenn auch inoffiziell, den Ton angab und dem Borsitzenden Kohner als dieBenörperung seinejüdischen Ideals erschien, sorgte Ludwig Philipps»» schon dafür, daß die Kluft, die an einem Punkte sich aufgetan, sich zu einem breiten Spalt erweiterte, der die beiden Lager in ihrer ganzen Ausdehnung schied, und daß die BrüSkierung ihrer Interessen, welche die Orthodoxie bei dieser Gelegenheit vom DJGB. erfahren hatte, von ihr auch in voller Schärfe und Stärke empfunden wurde. Hatte er doch schon im Jahre 1872, also zu einer Zeit, wo wärer von der Resolutton Laster die Rede war, noch auch die kühnsten Träume der Orthodoxen je cm Die beiden Herren anerkennen und rechtfertigen dieses angebliche Bestreben der Badeverwaltung. Aber das Bad wird so stark von russischen, polnischen und galizischen Badegästen besucht, — sie machen die Hälfte aller Badegäste aus — daß ich denn doch nicht recht verstehe, mit welchen moralischen oder nichtmoralischen Mitteln sie gerade diese, kaum durch Zahl oder Sonderbenehme« auffallenden Russen von ihren modernisierten Landsleuten abgrenzen und fernhalten will. Zwei, drei Minuten später mache ich die Bekanntschaft der beiden Herren, wie es ja am Kurbrunnen nicht so schwer ist. Routinebekanntschaft. Gegenstand der Unterhaltung bleiben die Kuftanrusfen. „Wodurch machen sich denn diese Leute mißliebig?" frage ich in unschuldsvollem, verbindlichen Ton. „Weil sie lange Röcke tragen? Bollbärte tragen? Würden Armenier, Türken oder Altgriechen in ihrer von ihnen bevorzugten Tracht auch scheel angesehen werden?" , Die Herren schweigen. Herr Theimer, mein deutscher „Stammesgenosse" mit der gemeinsamen orientalischen Ahnenreihe sieht mich von der Seite argwöhnisch an. Ich fahre mit meinen unbeantwortet bleibenden Fragen fort: „Sieht man hier oder auch in Karlsbad, daß diese Russen und Pollaken sich unanständig bettagen? Wen belästigen sie? Wem bleiben sie ihr Essen und Trinken schuldig? oder ihre Kurtaxe, von der sie doch sicher nicht dispensiert werden? Bitte, meine Herren, was verlangt man denn ganz appartes von diesen Leuten?" Keine Antwort, nur ein verlegenes Lächeln des Herrn Zthal und eine peinlich mißvergnügte Miene