Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1909)
- Date
- 1909-07-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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m \ TJTTT'' IS. Juli 1909 „Stadtrabbinat Karlsruhe. Karlsruhe, 1. Juli 1900. Au die Redaktion des „Israelit", Frankfurt ß. M. Der Bericht in Nr. .25 des „Israelit" über die am IS. Juni erfolgte schöffengerichtliche Verhandlung gegen den Kaufmann Marschall, hier, wegen Entziehung feines Knaben von dem Religionsunterricht der Volksschule, entspricht, soweit er das Stadtrabbinat betrifft, nicht den Tatsachen. Das Stadtrabbinat ist von Herrn Marschall um Dispens vom Religionsunterricht überhaupt nicht angegangen, worden. Die zwangsweise Zuführung des Knaben in den von einem städtischen Hauptlehrer erteilten Religionsunterricht ist ebenso wie der Strafantrag nicht vom Stadtrabbinat, sondern von der Schulbehörde ausgegangen. Das Stadtrabbinat: Dr. A P P e l." Diese Berichtigung zu beleuchten wäre eine dankbare Aufgabe, die wir uns indeffen aus Gründen der Oekonomie ebenfalls für eine spätere eingehende Behandlung aufsparen müssen. Nur eine Frage und eine historische Reminiscenz sei daran geknüpft. Herr Marschall hat ja gar keinen Dispens verlangt, sagt Herr Dr. Appel; wir sollen also, wenn Worte einen Sinn haben, wohl annehmen, daß der Herr Stadtrabbiner einer höflichen Bitte um Dispensierung entsprochen haben würde! Wirklich, Herr Stadtrabbiner? Dann tun wir Ihnen und Ihrer Vorgesetzten Behörde feierlich Abbitte und ziehen den Vorwurf der Gewissensknechtung zurück. Dann aber der Hauptirumpf: Das Stadtrabbinat ist überhaupt unschuldig oder, wie der Oberrat höchstselbst in einem offiziösen Rechtfertigungsversuch in der Karlsruher Zeitung es eleganter ausdrückt: „Nachdem der Standpunkt des Oberrats . . „von dem Oberschulrat als gerechtfertigt anerkannt war, hat ein Eingreifen kirchlicher Organe überhaupt nicht mehr statt- „gefunden." Der einfache Leser greift sich an den Kopf und fragt erstaunt, wie es denn möglich ist, daß die orthodoxe Presse den unschuldigen Oberrat und das unschuldige Stadtrabbinat in so empörender Weise des „Eingreifens" in die Gewissensfreiheit beschuldigt. Man braucht nur ein paar Blätter in der Geschichte kirchlicher Zwangsorganisationen zurückzuschlagen, um des Rätsels Lösung zu finden. Wenn die heilige Inquisition ihre Urteile gefällt hatte, dann pflegte nämlich auch sie die Deliquenten der „Milde der weltlichen Gerechtigkeit" zu empfehlen, die dann schon wußte, was sie zu tun hatte, ohne daß irgendwelches „Eingreifen kirchlicher Organe" mehr stattzufinden brauchte! Es liegt uns Der JSmeltt. fern, der persönlichen Ehre der Mitglieder des badischen Oberrats oder der Karlsruher Stadtrabbiner irgendwie nahetreten zu wollen; es sind samt und sonders Männer, die im bürgerlichen Leben jeden Akt der Gewalt uud des Gewiffensdruckes weit von sich werfen würden, und die sicher subjektiv überzeugt sind, durch ihre Politik der Erhaltung desien, was sie unter jüdischer Religion verstehen, mit lauteren Mitteln zu dienen. Aber das ändert nichts daran, daß ihre Sache, daß ihrSystem ein System fluchwürdigen Gewissenszwanges darstellt, das als solches auch von hochstehenden nichtjüdischen Sachkennern — wie z. B. dem Geh. Oberschulrat Dr. Sallwürck selbst — verurteilt wird und das noch unerquicklicher wird durch das Gewebe von Ausreden und widerspruchsvollen juristischen Kniffen, mit denen Oberrat und Stadtrabbinat, so lange es geht, den illiberalen, unwürdigen Charakter ihres Systems vor dem Unwillen der eigenen Parteigänger zu verschleiern suchen. ouettreiderelen. Die Rabbinerversammlungen in Wilna und Warschau Halen gute Resultate gezeitigt. Die permanenten Ausschüffe arbeiten mit Eifer und Liebe unentwegt auf ihr Ziel los und ihre Bestrebungen sind von vielfachem Erfolge gekrönt. Diese Erfolge laffen aber die sogenannte Intelligenz-Partei, die anfänglich die „frommen Wünsche" der Rabbiner ganz ignorieren wollte, nicht schlafen, und sie beschloß nun, ihrerseits eigene Versammlungen einzuberufen und eine rege Arbeit zu entfalten. WaS die Herren „Intellektuellen" so bange macht, sind nicht so sehr die Erfolge der Rabbiner, die ja eingestandenermaßen auch ihnen zugute kommen würden, als vielmehr das Wachsen der rabbinifchen Autorität und mit ihr des Ansehens des rabbinischen Judentums überhaupt, das sie aus der erfolgreichen Aktion mit Recht erwarten. Dem muß natürlich mit aller Macht entgegengearbeitet werden, und ginge dabei auch die Sache zu Grunde. In Kowno wird demnächst, wie wir bereits mitgeteilt haben, eine von Herrn Rechtsanwalt Winawer in Petersburg einberufene Versammlung stattfinden, die über die Lage der jüdischen Gemeinden, über Fleisch-und Licht-Steuer, über die Reorganisation derTalmud-Thora- Schulen und der philantropischen Vereine usw. beraten wird, also lauter Punkte, die auch die Tagesordnung der Rabbinerversammlungen ausgefüllt haben. Die Rabbiner, sagen die Einberuser der neuen Versammlung, seien nicht als die wahren Vertreter der Gemeinden No. 28 Seite 8 | zu betrachten, wodurch neue Versammlung«! und neue Beschlüsse, die ebenfalls der Regierum unterbreitet würden, erforderlich wären. Da» heißt mit anderen Worten, weil man an den B« strebungen der Rabbiner nicht Mitarbeiten könnt» oder wollte, soll nun denselben diametral entß gegengearbeitet werden. Die Folgen dieser Gegenß aktion laffen sich jetzt schon mit Bestimmtheiß Voraussagen: Verwirrung, vollständige Lahmlegung, der auf dem besten Wege sich befindendes Arbeiten der Rabbiner und bittere Enttäuschung der nach Hunderttausenden zählenden Mafien, dH von der verheißungsvoll begonnenen Arbeit ihrer; rabbinischen Vertreter so ungemein vieles er-; hofften. \ Herr Winawer hat sich zwar als redegewandter Kadettenführer und Ver-' leidiger der Juden in der ersten Reichsduma bewährt, aber der jüdischen Welt im An- - siedelungsrayon mit ihrem jüdischen Innenleben,! ihrem Fühlen und Denken steht er, wie all seines Freunde im Petersburger Klub, der jüdischen^ „Hochintelligenz", vollständig ftemd und fern und ] so sieht er in den Rabbinern keine legalen Ver- * treterder jüdischen Gemeinden. Dieser Herren | Wünsche und Empfindungen bewegen sich ml einer dem Geistesleben des Volkes so entgegen-1 gesetzten Richtung, daß sie die Rabbiner als ihre \ Vertreter in der Tat nicht anerkennen können, i Tief bedauerlich ist es aber, daß auch ein Teil i der Nationalen, die doch bessere Fühlung mit den j jüdischen Mafien haben, und die innere wie die 1 äußere Lage genau kennen, es nicht verschmähen, \ aus purer Abneigung gegen das Rabbinertum; Assimilanten von der Art eines Herrn Winah wer, der seinerseits keine Gelegenheit versäumt, ] der zionistischen Partei die heftigsten Stöße zu j versetzen, Hilfsdienste zu leisten. Verfolgt man j die nationale neuhebräische Presse, die seinerzeit j so ungemein vieles an den Beratungen in 1 Wilna auszusetzen hatte und nun enthusiastisch j die angekündigte Versammlung in Kowno bez grüßt, so scheint der national-assimilatol rische Block contra Rabbinertum eine ausgej machte Sache. Wir meinen, daß es dieser aus persönlicher Eifersucht und unbegründetem Argj wohn geborenen Vereinigung vor dem Erfolge 1 ihres BegmnenS, dessen Kosten leicht der gesamten russischen Judenheit zur Last fallen können, doch etwas bange zu Mute werden müßte. Aus gern Lande der fremden. Unser rumänischer Korrespondent gab in seinem in letzter Nummer veröffentlichten Berichte die Ansichten des rumänischen Sozialistenführers Dr. Racowsky in der Pariser Zeitschrift „Courrier Europeen" über die Judenfrage Fackel, brmgt zur Vollendung, was längst gewetssagt war, wirst seine Fackel in das Gotteshaus, daS Haus de« Königs, und alle Häuser in Jeruschalojim und alle Häuser der Großen verbrennt er im Feuer. Und die Mauern brechen sie ab, entführen den le ten Rest deS Volkes, lassen nur die Äermsten als Winzer und Ackerleute zurück und nehmen alles hinweg, was an versunkene Größe mahntdie Säulen, die Töpfe, die Schaufeln, die Schalen.... Lichterloh brannten in der Kohlenpfanne die Fetzen der Megtllah. Die rauchenden Feuersäuren, die vom Tempel in die Höhe stiegen, bewiesen, wie töricht Jehojakim gehandelt, als er dir Wahrheit zu vernichten meinte, indem er ihren Trägern grollte. So war da« Verhängnis nicht avzuwenden. Die Verfolgung JtrmejahuS war nicht der Weg, daS babylonische BergeltungSschwert von Jerusalem fernzuhalten. Der Tempel ward verbrannt — der Tempel ist verbrannt, und alljährlich reicht unS der Väter Brauch JtrmejahuS Klagelieder, die nach einer Ueberlieferung auf jener Megtllah verzeichnet waren, die NerijahuS Sohn nach dm Worten JtrmejahuS ntederfchrieb, nachdem fie der König zam erstenmal mit trotziger Hand zerrissen und dem Feuer übergeben hatte, und knüpft so die Zeit nach de« Tempelbran.de sinnig an dieZett vor dem Tempelbrande, weil derselbe Weg, der damals in den Tagen JehojaktmS zum Heile hätte führen können, Rückkehr zu Gott und zu feinem im Gesetze offenbarten Willm, nach wie vor auch heute gangbar und noch hmte der einzige ist, der unS die Glanzzeit wtedervrinaen könnte. Und erbaute ein KrösuS die Zionsburg, und führte ein mächtiger Souverän JSraelS zersprengte Glieder in die DavtdSstadt zurück, und eS funkelten in aller erdenklichen Erdenpracht die kostbaren Geräte wieder, die einst der Babylonier in Scherben beuch, solange sich die Gesamtheit JSraelS ihrem Gotte nicht vermählt, tönt jeneS uralte wehklagmde Wort, mit welchem die Megtllah anhebt, durch die Häuser, durch die Staaten, durch Völker und Zetten: NI'X, wie liegt sie so einsam! V. 1. TsI'rt- Ein Ausdruck stagender Reflexion. In der Feme steht der verfolgte Emigrant und vor ihm breitet fich die rauschende Metropole von dazumal als ein Trümmerhaufen auentschwundener Zeit. In na’X brennt der gewaltigste Schmerz, flammt der verzehrendste Grimm und flüstert die heißeste, aber getäuschte und zu Tobe getroffene Liebe. Wo einst daS verkehrsreichst», wogende und drängende Großstadtleben gewaltet und ein ausgedehntes Beamtenheer in wohlgeordneter Verwaltung die öffentlichen Jnteressm wahrnahm und befriedigte — yrtbx 'n nx mar xb tox nnn nne pror* w nax (xan 'b) ‘p’ix nx man aaS aiam nnatra mina v'x-np emn aivat t*?x burw'b n"aprr errat xSir rtran nab xvx na^x (a’nan 's) td natn na^x a'xTp anx nn - wm# die Tochter ZtonS wie eine vereinsamte Witwe durch die Gaffen: waS braucht'- der Arbeitsteilung und des KräftediffermzterenS in einer Stadt, die der göttliche Fluch infolge der Entartung ihrer Bewohner getroffen, wo alle Arbeit zwecklos und alle Kraft geschwächt und jeder Funke Energie fich auflöst und verflüchtigt zu einem ohnmächtigen Seufzer der Verarmung und Verzweiflung: rO^X- Diese ruhigen Gaffen, der GrabeSftiede und die Friedhofsstille, die der auSgevttMderten Residenz ein unheimliches Gepräge verleihen, fie verwunden die Seele des Propheten und laffen Ihn die Tage mit heißer Inbrunst zurückwünsthen, -a Jerusalem die verkehrsreiche Metropole war, die Stadt des Fleißes und der Arbeit. Und diese Jnbrunst sst umso schmerzlicher, als er doch nur in Jemsa- .: lrms Schuld - nroin ]wb x^x na'x px - die Ursache von Jerusalems Fall erkennt. Die Ruhe, die über der Stadt gebreitet ist, ist eine Friedhofsruhe. rDV, in scheinbar gemächlicher Ruhe liegt fie da. Der Kampfeslärm konkurrierender, fich mühender und auftetbender Menschen schweigt. Allein die Pforten des Paradieses find längst geschloffen, schweißtriefende Arbeit ward längst zum einzig untrüglichen Zeichen eines gefundm Volkslebens, und wo die Arbeit mht, wo anstelle des Schweißes die Träne perlt, dort hat die Vergeltung eines strafenden Richters gesprochen. Als Jemfalem vom Feinde erstürmt und erobert war, Jemfalem, wo zum zweitmmale in verjüngter Weife, wie im Gartm Eden, Gottes beglückende Gegenwart sichtlich offenbar geworden, als der Babylonier, durch Jerusalems Verschulden herbetgelockt, Jemfalem zu Boden schleifte, da zog sich zum zweitenmale der Menschheil ZukunstShoffnung in eine neblige Feme zurück — da schloffen nch zum zweitenmale die Pforten deS Paradieses. (Bgl. Comm. Gen. 8,8- 3,3. 19.) ver RtdücMteit Eobn. (Eine wahre Begebenheit von L.) (Schluß.) Als am anderen Morgen die Weiterreise erfolgen sollte, — auch der General wollte nach Warschau — waren die beiden Herren schon so vertraut, er Rabbi es wagen konnte, seinem neuen Bekannten einen Platz in seiner Eauipage anzubieten, denn das Gefährt des Generals war ziemlich primitiver Natur. Ms die beiden bequem im Wagen saßen, des Generals vorzügliche Zigaretten rauchend, begann dieser zu dem Rabbi: ,1