Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1909)
- Date
- 1909-07-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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.. " 9 '■ ■"■ ■■ Sette 2. Nr. M. und die preußWtzn Juden haben unseres Erachtens als preußische Steuerzahler und Staatsbürger ein gutes Recht daraus, eine Vertretung abzulehnen, die niemand ernannt und die niemand bevollmächtigt hat. Das gilt insbesondere für die Orthodoxie. Herr Klausner ist nämlich von seinem Berufe, die Interessen der Orthodoxie wahrzunehmen, felsenfest überzeugt, und er meint es darin ganz ehrlich/ er glaubt, die Forderungen der Orthodoxie nach „Ursprung und Bedeutung" genau zu verstehen und tadelt den Gemeindebund, weil dieser ohne solches Verständnis an sein Gesetzgebungs- Werk herangegangen sei! W i r würden nun, selbst wenn der alte jüdische Erfahrungssatz orpttny bsh 31D "idm onnoiW („Nur der Nebende hat das rechte Verständnis") seine Geltung verloren haben sollte, dennoch in der bloßen Vertretung jüdisch-religiöser Interessen durch Männer, die dem „orthodoxen" Judentum praktisch entfremdet sind, an sich eine sittliche Degradierung dieses letzteren erblicken und solche Vertreter schon darum unter allen Umständen ablehnen. Aber auch abgesehen von diesem prinzipiellen Standpunkte, zeigt Herr Klausner gerade da, wo er sein Verständnis für die innersten Grundgedanken des gesetzestreuen Judentums so recht schlagend beweisen will, wie wenig er z. B. die religiöse Bedeutung des Austrittsgesetzes erfaßt hat. Ihm ist dieses Gesetz nichts anderes als einepolittsche Waffe, um die äußere „Einheit" jüdischer Gemeinden durch einen bewaffneten Frieden aufrecht zu erhalten. Kalt und fremd aber steht er dem lebendigen religiösen Pulsschlag derer gegenüber, die in diesen seelenlosen Administrativ-Gemeinden den großen Jammer der Zeit erblicken und denen jede seb ständige, bewußt auf min und aufgebaute Gemeinde ein Heiligtum, ein Saatkorn der Zukunft ist. Das ist nur ein Beispiel und nur ein Beispiel dafür, zu welchen Ergebnissen es führt, wenn Leute, die auS der Atmosphäre des gesetzestreuen Judentums nun einmal herausgewachsen sind, den krankhaften und gefährlichen Ehrgeiz besitzen, sich partout als Vertreter dieses selben Judentums aufspielen zu wollen! Es fehlt den in der preußischen Judenheit vorhandenen religiösen Gegensätzen glücklicherweise nicht an einer organisierten Vertretung, und es ist bisher auch nicht bewiesen worden, daß diesen Vertretungen das genügende Verantwortungsgefühl mangle. Will die preußische Staatsregierung also darüber unterrichtet sein, wie die jüdischen Bürger über die Ordnung ihrer religiösen Verhältnisse denken, Kleines Feuilleton. Ulsgelieser. Vielleicht mehr als in irgend einem anderen Buche der Heiligen Schrift ist der Charakter des jüdischen Volkes im Buche der Klagelieder gezeichnet. Des Propheten SchmerzesauSbrüche gewähren einen tiefen Einblick in das innerste Wesen des Volkes, erzählen seine Letdesaeschichte und zeigen den Weg, der zur Erlösung führt. Die Klagelieder JirmijahS lesen, heißt denn auch, die Geschichte Israels lesen, die Summe seiner Hoffnungen, Klagen, Erwartungen und Verheißungen verstehen. Herr Dr. Raphael Breuer, Frankfurt a. M., zeigt es unS ln seinem jetzt im Verlage von A. I. Hofmann, Frankfurt a. M., erschienenen Buche „Die 5 Megilloth. III, Die Klagelieder", wie wir dieses Buch zu lesen und zu verstehen habm, um seine ganze hinreißende Gewalt auf uns einwirken zu lasten. Wer daS erste erschienene Büchlein dieser Serie, „Ruth", gelesen hat, und die Alt des Berfasters, sein Thema zu behandeln, kennt, für den bedarf eS wohl kaum noch einer weiteren Empfehlung deS neu erschienenen Werkes. Allein auch er dürfte über die hier erzielten Resultate gedankenreicher Tiefe und Schönheit überrascht sein. Es fällt förmlich schwer, auS dieser Fülle von Gedankenschätzen eine Auswahl zu treffen, um sie alS Musterpr< be dem Leser vorzuführen. Wir wollen uns daher nur auf die Wiedergabe der Einführung und der ersten fich an dieselbe anlehnenbe Sätze beschränken: Lichterloh brannten in der Kohlenpfanne die Fetzen der Megtllah. So dachte König Jehojaktm, Joschtjahuö w*if _,_ so bedarf sie dazu keines einzelnen, niemanden verantwortlichen jüdischen Kabinetsrats, sondern es wird ihre Aufgabe sein, nach guter preußischer Tradition offen und ehrlich die vorhandenen, organisierten Interessenvertretungen der Judenheit als Ratgeber und Experten ins Auge zu fassen. Dem Staate gegenüber, das muß dabei betont werden, haben die preußischen Juden ausschließlich religiöse, konfessionelle Interessen zu vertreten, und eS gibt daher vom Standpunkte der Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit keinen anderen Weg, als daß jede religiöse Richtung mit offenem Visier der Gesetzgebung gegenüber diejenigen Forderungen vertritt, die ihrem Gewissen unerläßlich scheinen. Mögen darum auch unter dem Drucke des Antisemitismus in den letzten Jahrzehnten Verbände und Vereinigungen ins Leben getreten sein, die auf einem wenn auch menschlich - begreiflichen jüdischen Solidaritätsgefühl beruhen und deren Signum die religiöse Neutralität ist — gerade für die rein konfessionelle Organisationsfrage müßten diese scheinbar neutralen Verbände aus der politischen Arena sich zurückziehen. So lange z. B. der „Verband der deutschen Juden" nicht offen zugibt, daß er vermöge der Zusammensetzung seines Ausschuffes nicht auch das überlieferte Judentum, sondern — per majora — den religiösen Liberalismus vertritt, ist er als Faktor der Organisations-Bewegung mit denselben Gründen zu bekämpfen, wie Herr Klausner. Es ist unsinnig und im höheren Sinne unmoralisch, wie der „Verband" es von sich behauptet, zugleich Orthodoxie und Neologie, Konfessions- und Simultanschule, Gewissensfreiheit und Gewissenszwang vertreten zu wollen, und wenn die Leiter des Verbandes etwa die Absicht haben sollten, in Breslau mit größeren Gewinnchancen in Szene zu setzen, was an der volkstümlicheren Zusammensetzung des Gemeindetages in Berlin gescheitert ist, dann muß schon heute im Namen der Wahrhaftigkeit gegen diesen Versuch, das Glück zu korrigieren, mit aller Entschiedenheit protestiert werden. Selbständiges Ausleben, selbständige Organisation, selbständige Vertretung jeder religiösen Richtung, das sind die Vorbedingungen für eine zwar nicht von Kampf, aber von unnötiger Verbitterung freie Gestaltung des politischen Lebens im Innern der deutschen Judenheit. Und nur auf dem Untergründe einer solchen organischen Gliederung dessen, was man staatsrechtlich heute „jüdische Konfession" nennt, könnten sich freie Organisationsformen erheben, die nach außen allerdings nichts, nach innen aber die Einigung jüdischer Kräfte zu sozialer Hilfstätigkeit bedeuten könnten. Sohn, Jtrmejahus Mahnwort zu vernichten. Dieser hatte, dem göttlichen Aufttag zu entsprechen, Baruch, Nerijahus Sohn, zu fich entboten — er selbst war etngesperrt und vermochte darum nicht, im Hause GotteS zu erscheinen — und ihn htnauSgesandt mit jener Rolle, die mit der ganzen obsiegenden Gewalt deS göttlichen Zornes durch die „Ohren" des Volkes fich den Weg zu seinem Herzen bahnen sollte. Vielleicht wendete fich ihr Flehen wieoer dem himmlischen Gebieter zu und fand fich ein jeder zurück aus seiner Versunkenheit zu Gott. Er tat, wie er verlangte. Im neunten Monat war's, von rtngsher waren fie gekommen, um des Propheten Mahnwort anzuhören. Ein Zwischenträger hinterbringt eS dem hohen Adel von Jerusalem. Sie laffen Baruch sagen: Die Rolle, in der du gelesen hast vor den Ohren deS Volkes, nimm fie in deine Hand und komme. Baruch nimmt und kommt. Und wie sie die furchtbaren Worte hören, sehen sie einander ängstlich an und melden fie dem König. Aus der Rolle selbst läßt er sie fich abermals zum Vortrag bringen. Im neunten Monar war'S, im Winterhause, ringS um den König Jerusalems Grandezza, die wärmende Kohlenpfanne vor ihm angezündet. Teilweise nur war die Megtllah zum Borttag gebracht, drei bis vier Setten waren erst gelesen — zitternd beschwören die Granden ihren König, daS heilige Dokument zu schonen —, er aber zerreißt es mit dem Meffer und wirft es in daS Feuer .... Und immer noch war sein Zorn nicht verraucht. Er befiehlt, den unbequemen Mahner zu ergreifen. Der aber war in GotteS Schutz. Und wie einst Moses die zertrümmerten Tafeln durch neue ersetzte, so nahm Jtrmejahu auf GotteS Befehl eine andere Rolle, gab fie Baruch, dem Sohne Nerchchus, dem Schreiber, und dieser schrieb darauf auS dem Munde JirmejahuS all die Worte deS Buches, daS Jehojaktm, König von Jehuda, im Feuer verbrannt, und es waren noch hinzugegebm viele Worte, jenen gleich. Dem König IS. Juli 1s0» MochmruriZscha«. 3um Projefj marfdiall In dem langwierigen Kampf gegen die Gewaltherrschaft des Badischen Oberrats über die Gewissen seiner Untertanen zeigen sich auf Setten der in ihrer Autorität angegriffenen Behörde die verschiedenartigsten Methoden der Abwehr. Offizieller „Berichtigungen" aus der Kanzlei des Oberrats auf Grund von § 11 des Preßgesetzes haben wir uns lange nicht zu erfreuen gehabt/ dagegen vertrat noch im vorigen Jahre der Karlsruher Stadtrabbiner seine Sache durch höfliche Privatbriefe an die Redaktion des „Israelit", die auch, wie man uns bezeugen wird, ebenso höflich behandelt wurden. Herr Stadtrabbiner Appel verwahrte sich damals mit Entrüstung dagegen, daß er Kinder von Mitgliedern der Religionsgesellschaft in seinen Unterricht zwinge, und er konstatierte, daß er bei Ablehnung des Dispensgesuches K a y s e r weder gewußt habe, daß dieser der Religionsgesellschaft angehöre, noch daß andere Gründe als Ueberbürdung für das Dispensgesuch Vorlagen. Er bestritt ferner, daß er dem Unterricht der Religionsgesellschaft die Anerkennung als vollwertigen Ersatzes des offiziellen Unterrichts versagt habe. (Siehe Journal des Stadtrabbinates Nr. 30, 1908/ Israelit 1908 Nr. 22 und 24). Damals verfügte denn auch der Oberschulrat, daß im Einverständnis mit dem Oberrat den Dispensgesuchen bei Nachweis vollwertigen Ersatzunterrichtes Folge zu geben sei. Inzwischen hat sich mancherlei ereignet, dessen Erörterung wir uns für den Beginn der Herbftsaison Vorbehalten/ die liberale Anwandlung des Oberrats erweist sich als „Mißverständnis", der wahrhaft humane und freiheitliche Geist des Oberschulrats muß vor dem gesetzlich gewährleisteten Polizeigeist des israelitischen Oberrats zurückweichen, Schutzmann und Gerichtsdiener erscheinen als Symbole des badischen Judentums auf der Bildfläche und — der Herr Stadtrabbiner Dr. Appel schreibt wiederum eine Berichtigung an die Adresse des Israelit — diesmal natürlich im Schutzmannsstile ohne die üblichen Höflichkeitsformeln, ohne Journalnummer und ohne § 11. Die Berichtigung lautet: aber mußte Jtrmejahu das drohende Verhängnis künden, von dem Racheschwerte Babels, das etnst schrecklich wüten werde in Judäa. In seiner armseligen Verblendung hatte Jehojaktm gewähnt, wenn er die Rolle zerschnitt und verbrannte, wenn er JirmejahuS Droh- und Klageworte in den Wind schlug, auch daS vorausverkündete Verhängnis von fich und seinem Volke abzuschütteln. Sr sah nicht, daß sein unglücklicher Zusammenstoß mit Nebuchadnezar, dem König von Babel, der ttaurige Anfang vom noch trauri» geren Ende war. Jehoiakim stirbt: Jehojachin, der würdige Sohn, ttitt in seine Spuren. Und wiederum zogen heran die Knechte Nevuchadnezars, des König« von Babel, und Jerusalems Belagerung begann. Bald liegen Salomos goldene Gefäße in Trümmern, und alle Schätze deS GotteS- und Königshauses folgen JehojachA, seiner Mutter, seinen Knechten, allen Oberen, allen Starken des Her res, allen Zimmerleuten und Schlaffem in die Verbannung. Nichts bleibt zurück als die Aermsten des gemeinen Volkes. Roch ist daS Maß nicht erfüllt. Der neue König, Zidkijahu, NebuchadnezarS Sheotur, erhebt sein Empörerhaupt gegen Babel. Und abermals zieht Nebuchadnezar heran, am zehnten deS zehnten Monats, lagert davor und baut Wälle ringsum. Da — an jenem neunten —, die Hungersnot wütet in der Stadt, dem gemeinen Volke fehlt es an Brot — wird die Stadt erbrochen, die Nacht zieht herauf — durch daS Tor an der Doppelmauer, die zum königlichen Gartm führt, suchen die Krtegsmänner daS Wette zu erreichen. Aber die KaSdim umzingeln die Stadt, nur die Ebene steht stet. Der König flieht, das Heer der KaSdim chm nach, bet Jericho erreichen fie ihn, fchl ppen den Meuterer zum König und blenden chm die Augen, nachdem diese den Tod der geschlachteten Prinzen geschaut. Und am strömten deS fünften MonatS kommt jener Knecht deS Königs von Babel, Nebusaradan, mit seinem Mordschwert und seiner