Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1909)
- Date
- 1909-07-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bll» Ein Eentralorqan lürdas orthodoxe Judentum IIII issssa Begründet oon Df. Lehmann in iriainz B&sa 15. Juli 1909. M 2«. 50. Jahrgang, esss SranMurta. IN.. den 26 Camus 5669. Abonnement pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Au-gabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Rub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. Der JSraelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler S.-G., Frankfurt a. M.» und deren Filialen. Zahlnnge» können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto bei de« Postscheck-Amt Frankfurt a. M. No. 344. Conto bei der ft. K. Postsparkasse Wie» No. 79605. Conto bei dem K. Postsparkaffenanrt Budapest No. 18424. Conto bei der Rigaer Commerzbank in Riga und deren Filialen. ver Nachdruck Ser flrtihei und Correfponflenjen des „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fleh um größere fluffäfce handelt, nur nach vorheriger Genehmigung gestattet. Politische Repräsentation. Die sommerliche Pause, bi$ später als sonst, mit der Erledigung der Reichsfinanzreform unsere Berufs-Politiker in die Ferien führt, gibt auch auf dem Gebiete der jüdischen inneren Politik den Blättern zu allerlei rückschauenden Betrachtungen Raum, die, zumeist ohne besonderen Wert, hie und da doch ein Körnlein — Wintervorrat für die bevorstehende Campagne enthalten. Der Gemeindetag in Berlin liegt den Parteien noch in allen Gliedern, — und wie verschieden auch die Gefühle sein mögen, mit denen der Einzelne auf diese merkwürdige Tagung mit ihrem dratnatischen Schlüsse zurückblickt, eines kommt in allen diesen Betrachtungen zum Ausdruck: der Versuch, das überwältigende Botum des Gemeindetags gegen eine Behördenorganisation mit zentraler Spitze durch allerlei künstliche Mittelchen aus der Welt zu — reden, muß an der Macht der Tatsachen scheitern. Will die Berliner Großgemeinde durch die Macht des von ihr repräsentierten Geldbeutels dennoch der preußischen Judenheit eine solche Behördenorganisation — wie es scheint — aufoktroteren, so mag sie sich offen zu dieser Politik der Gewalt bekennen und auf die Drapierung mit einem parlamentarischen Mäntelchen Verzicht leisten, das nur durch die Schneiderkünste offiziöser Abstimmungs- Dialektiker zusammengeflickt werden kann. Auf diesem Standpunkt steht auch eine ausführliche und geistvolle Besprechung des Gemetndetags, die Herr M. A. Klausner in Berlin in den beiden letzten Nummern seiner Zeitschrift „Ost und"Wft^^eröffentlicht hat, und die vielerlei Beachtenswertes, später noch zu Erörterndes enthält. Klausner gibt dem Gemeindebund eine außerordentlich schlechte Zensur. Wkit Recht weist er darauf hin, daß eine Gesetzmacherei, die in zwölf Jahren nicht einmal die allererste Grundlage jedes brauchbaren Judengesetzes: nämlich eine zuverlässige, auf steuerstatistischen Unterlagen beruhende Bedarfsberechnung geliefert hat, nicht eben Anspruch auf besonderen Respekt erheben kann. Dieses Manko selbst ist übrigens, nebenbei bemerkt, ein weiterer, unfreiwilliger Beweis dafür, daß es den Gemeindebundskreisen nicht in erster Reihe um den einzig berechtigten Zweck des Gesetzes:, die Versorgung der kleinen Gemeinden, sondern, wie oft hervorgehoben, um die Repräsentation der preußischen Judenheit zu tun ist, ein Ziel, WM Verwirklichung die absolute Erdrückung' des altüberlieferten Judentums durch den sozialen Glanz der Berliner Namenjuden zur unmittelbaren und notwendigen Folge haben würde. Wie sehr der ganze Begriff des Judentums in den Augen der Oeffentlichkeit nicht nur, sondern vor allen in den Kabinetten der Staatslenker durch die Persönlichkeit derer bestimmt wird, die dort als „Vertreter des Judentums" erscheinen, darüber weiß aber niemand bester Bescheid als — Herr M. A. Klausner. Den Eingeweihten ist es seit Jahren bekannt, daß Herr Klausner in den kleinen Zimmerchen der Herren Geheimräte sowohl als bei den Exzellenzen selbst ein- und ausgeht, daß er dort — woraus ihm subjektiv kein Vorwurf zu machen ist — mit dem ihm eigenen Pathos als Repräsentant des Judentums auftritt, daß er aber auch — und hier beginnt das Bedenkliche — mit besonderer Vorliebe den Schein erweckt, mit den Anschauungen und Bedürfnissen des orthodoxen Judentums durch die Bande innigster Zuneigung verknüpft zu sein. In dieser Hinsicht enthält der erwähnte Aufsatz eine Reihe von Bekenntnissen, die durch ihre Veröffentlichung den Charakter des Vertraulichen verlieren und daher jetzt endlich einmal besprochen werden dürfen und müffen. Vor allem also: die ganze Idee einer Gesamtorganisation der preußischen Judenheit stammt nicht vom Gemeindebund, sondern ist durch Herrn M. A. Klausner den Ministern v. d. Recke, Dr. Bosse, Miquel im Jahre 1898 suggeriert und dann dem Gemeindebund überwiesen werden. Dafür tut Herr Klausner jetzt als reuiger Sünder Buße: „Ich bin es gewesen, der vor elf Jahren die konkurrierenden Minister — den Minister des Innern, Fretherrn von der Recke, den Kultusminister Dr. Bosse und den Finanzminister Dr. v. Miquel — für den Gedanken einer Gesamtorganisation der Judcn in Preußen gewonnen hatte. Mir wurde der Wunsch ausgesprochen, ich solle die Grundzüge für eine Vorlage ausarbetten. Ich hielt es für richtig, die Aufforderung an den Deutsch-Jsraelittschen Gemeinde-Bund weiter zu leiten, damit dieser Gelegenheit habe, sein Können an einer großen Aufgabe zu ervrvben. Ich war auch der Meinung, daß gerade der Deutsch-Israelitische Gemeinde-Bund die richtige Instanz sei, well die zu schaffende Gesamt organisation dazu dienen sollte, sein Scheindasein in Wirklichkeit zu verwandeln, seinem bloßen Namen Leben zu geben. Ich bin in argem Irrtum gewesen. Wenn eine große Gelegenhett versäumt worden ist, so trage ich einen wesentlichen Teil der Schuld, indem ich den Gemeinde-Bund mit der Angelegenheit befaßte, und Reue und Leid habe ich oft darum empfunden. Dem Deutsch-JSraeltttschen Gemeinde-Bund mache ich keine Borwürfe — denn er hat MAß getan, was er konnte —, nur mir mache ich sie, und MeseS öffentliche Schuldbekenntnis gehört zu meiner Buße." Dann aber weiter. Herr Klausner weiß auch, daß die Beschlüffe des Gemeindetags — wie sie auch ausfallen mochten — völlig pro nihilo gewesen wären, weil die Regierung für eine Gesamtorganisation derzeit überhaupt nicht zu haben sei. „Die Beschlüffe des Gemeindetages mochten ausfallen, wie sie wollten — fie wären unter allen Umständen prakttsch ohne jede Wirkung geblieben. Ich darf das sagen, weil ich eS weiß. Bon den drei Ministern, die im Jahre 1898 willig gewesen waren, der gegebenen Anregung freundlich zu folgen, find zwei nicht mehr am Leben, und der drMe ist nicht mehr Minister. Die aber heut am Ruder find, teilen nicht die Anfichten und kaum die wohlwollende Gefinnmig ihrer Amtsvorgänger, und einstwellen ist keine Ausficht vorhanden, baß Wirklichkeit wird, was so schön gedacht war, und was wir so bitter nötig brauchen. Und wäre auch die alte wohlwollende Gesinnung geblieben und das alte Verständnis — die Ausarbeitung des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-BundeS wäre doch pro nihilo gewesen, denn es ist ausgeschloffm, daß in Preußen etwas Gesetz wird, was der Vorlage des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bundes ähnelt! Für die Praxis waren die Beschlüffe des elftm Gemetnoetages völlig unerheb ich." Wir haben im Augenblick keine Veranlassung zu dem sachlichen Inhalte dieser „Enthüllungen" eines Mannes Stellung zu nehmen, der sich seiner intimen Beziehungen zur Regierung öffentlich rühmt, und der dabei gar nicht zu merken scheint, daß diese ohne jedes Mandat ausgeübte Vertretung der preußischen Judenheit von der Oeffentlichkeit mit sehr gemischten Gefühlen ausgenommen werden muß. ' Herr Klausner also wird von preußischen Ministern mit der Ausarbeitung eines Gesetzentwurfs — der Grundzüge wenigstens — beauftragt und ist zum Glück — es war vor zehn Jahren — noch so bescheiden, diese Auffaserung an eine von der Oeffentlichkeit kontrollierte/Behörde weiter zu leiten. Jetzt bereut er diesen Schritt, und er wird daher vermutlich in künftigen ähnlichen Fällen die raschere Arbeit seiner eigenen Feder dem schwerfälligen Jnstanzenzuge irgend einer Vereinsorganisation vorziehen. Dann wird es also lediglich von dem größeren oder geringeren „Wohlwollen" eines Ressortministers abhängen, ob eines Tages aus dem Kopfe des t Herrn Klausner Judengesetze oder Ministerialverordnungen geboren werden, die auch im ersteren Falle, schon von der Zustimmung einer maßgebenden Instanz getragen, ganz beträchtlichen legislatorischen Schaden anzurichten vermögen. Das ist — möge Herr Klausner die besten Absichten haben und der klügste Kopf sein — nach*j e d ejr Richtung ein unhaltbarer Zustand,