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Der Israelit · 1909-07-08 · Heft 27 (8.7.1909) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 27 (8.7.1909)
Date
1909-07-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 27 des „Israelit". euilleton. Zscopo?orrs. Von Alessandro Coen. — Aus dem Italienischen übersetzt von Emma Dessau-Gottein. (Schluß). Was hatte doch Jeremias Corcos, begann er, für eine verwünschte Idee, als ihm einfiel, mir eine Frau zu verschaffen. Ich lebte doch so vergnügt mit meiner Mutter in einem alten Haus in Perugia. Mein Bater, gesegnet sei sein Andenken, war schon manches Jahr tot, und nun war ich der Eigentümer unsres großen Geschäfts von Kleiderstoffen. Wir verdienten gut, an Kunden war kein Mangel, und unser Tisch war stets reich besetzt. Meine Mutter stammte aus Ancona und damit ist schon gesagt, daß sie in der Kunst des Kochens Meisterin war. Wir lebten fast ganz isoliert. In Perugia gibt es nur wenig Juden und alle sind hochmütig und nicht fromm. Am Abend, sobald ich meinen Laden schließen konnte, ging ich nachhause, und nach dem Abendeffen blieben meine Mutter und ich einander zur Gesellschaft beisammen. Sie hatte eine große Liebe für alles Jüdische und erzählte mir immer viel Interessantes von den Ereignissen im Ghetto zu Ancona, und von den Wundertaten der beiden großen Rabbiner Az ul a i und Viranti. Ich hatte nie ans Heiraten gedacht, vor Frauen fürchtete ich mich beinahe/ da will nun das Schicksal, daß an einem verwünschten Abend, wie schon gesagt Jeremias Corcos zu uns kommt, der keine anderen Gedanken hat, als die Menschen zu verheiraten, nun mir eine „Partie" mit 50000 Lire vorzuschlagen. Das Mädchen sei aus Modena, einzige Tochter, und werde nach dem Tode ihres Vaters sogar erben. Die. große Mitgift lockte mich und meine Mutter allzusehr, und daraus kam dann unser ganzes Unglück. Jeremias verließ uns, nachdem er unsre volle Einwilligung gewonnen hatte. Als mir meine Mutter, wie sie es jeden Abend tat, gute Nacht wünschte, fügte sie hinzu: „Mein Sohn, ich werde doch schon recht alt, es ist gut, daß du eine Frau nimmst." Ich ging in mein Zimmer und auf das Bett gestürzt, indem ich soviele Nächte ruhigen Schlafes genossen hatte, weinte ich bitterlich. Jeremias hatte die Sache in wenigen Tagen abgemacht, und an einem Sonntag Morgen kam er zu mir in den Laden, um mir mitzuteilen, daß die „Begegnung" am nächsten Donnerstag in Bologna stattfinden werde. Mittwoch reisten wir ab. „Nur Mut", sagte meine Mutter und bewunderte mich in neuem Anzug, „es ist unmöglich, sich nicht in Dich zu verlieben." Wir kamen mit dem Schnellzug um Mitternacht in Bologna an, und Jeremias, der in solchen Dingen wohl bewandert war, hatte schon ein Zimmer mit zwei Betten, in einem nahe am Bahnhof gelegenen Hotel für uns bestellt. Die ganze Nacht hörte ich jem lautes Schnarchen, sodaß ich kein Auge schließen konnte. Ich weiß nicht, weshalb mich immer der eine Gedanke verfolgte, daß meine Mutter nun bald sterben werde, und dann hörte ich wieder die Sttmme meines Vaters, der mir Borwürfe machte, weil ich eines Abends spät nachhause gekommen war. Gegen Morgen schlief ich ein, und wurde erst von Jeremias geweckt, der mich kräftig rüttelte und dabei rief: „Schnell, schnell, zieh' Dich an und mache Dich schön, sie kommen." Ich blieb lange vor dem Spiegel beschäftigt, und schließlich mußte ich durch eine Nadel den niederträchtigen Knopf ersetzen, der gerade vom Hrmd abgesprungen war. Hastig tranken wir unfern Kaffee, stiegen die Treppe hinunter und ginge» auf dem großen Platz vor dem Bahnhof hin und her. Es war ein schöner Morgen und ich erinnere mich, daß mich nur die eine Frage beschäftigte, „ob sie blond sein wird?" Der Zug kam. Ich betrachtete die Menschenmenge, die aus den großen Toren des Bahngebändes herauskam, ohne etwas unterscheiden zu können/ plötzlich faßte Jeremias meinen Arm uud sagte: „Da sind sie." Ich sah zwei weibliche Gestalten näher kommen und suchend um sich schauen. Endlich entdeckte uns die Aeltere der beiden und führte nun ihre Gefährtin wohl zweimal um den Platz herum. Die Jüngere war hoch gewachsen und unter dem eleganten Reisehütchen drängte sich eine Fülle leuchtender blo.der Haare hervor. Mehr konnte ich nicht erkennen, aber der erste Eindruck war gut gewesen. „Nun?" sagte Jeremias. „Mir scheint es steht gut", antwortete ich ohne zu zögern. Die Frauen traten nach ihem Spaziergang vor dem Bahnhof wieder in denselben ein. Binnen kurzen! kanr die Aeltere ollem heraus und ging ohne zu zaudern mit schnellem Schritt auf uns zu. Als gewiegte „Schadchente" kannte sie den Jeremias schon lange, und so wußten sie schon, nachdem sie nur einen flüchtigen Blick gewechselt hatten, daß die Sache gelungen war. „Alles geht gut, bis auf eiue Kleinigkeit, von der ich Euch in der Eile nicht mehr schriftlich berichten konnte, ach, eine ganze Kleinigkeit." „Was ist's damit?" ftug Jeremias. „Nun, Fräulein Ada gefällt der junge Mann recht gut, aber nicht sein Name." Jeremias und ich schauten uns starr vor Staunen an. „Ja, es ist nun einmal so, in unserer Zeit wollen auch die frömnlsten Juden — Fräulein Ada ist ganz im Sinne der Thora erzogen worden — keinen Namen mehr tragen, an dem man sie sofort als Juden erkennt." „Mit dein Namen ist's wie mit der Nase", sagte Jeremias, der ungeduldig zu werden begann, „ein jeder muß sich mit dem, was er hat. zufrieden geben." „Das ist gar nicht wahr, denn seinen Namen kann man ja ändern." „Wie, ändern?" rief ich aus. „Es ist die einfachste Sache von der Welt und das Gesetz erlaubt es", fuhr die Frau überredend fort, und in unserem Falle handelt es sich sogar nur um eine Uebersetzung, wie Chasan Limentani sagt, der doch ein gelehrter Mann ist. Jetzt ist also Ihr Name Jakob Beer", wandte sie sich an mich, „übersetzt würde das lauten: Jacopo Pazzo*). Das klingt besser nicht wahr?" Ich begann zu glauben, man wolle mich zum besten haben und schickte mich zum Weggehen an. Aber Jeremias, welcher die Sachlage schon begriffen hatte, und nun fürchten mußte, den erhofften Verdienst zu verlieren, hielt mich zurück. „So höre doch", sagte er, es handelt sich doch wirklich nur um eine Kleinigkeit, und jetzt fällt mir sogar ein, daß ähnliches schon vorge¬ *) Beer lies Be-er (hebr.) — Brunnen, Italien, pazzo kommen ist/ auch der Name Sacerdott ist nichts als eine Übersetzung von Coen. Ich bin von Natur schüchtern und hatte auch keine klare Vorstellung von der Tragweite dessen, was ich zu tun im Begriff stand Jeremias verfügt über eine große Beredsamkeit, und so gelang es ihm wirklich, mich zu überzeugen und ich ging auf alles ein. Nachdem meine Braut, die mich die ganze Zeit von oben bis unten betrachtet hatte, als ob sie eine Königin wäre, mit mir im Bahnhofsrestaurant einen Wermut getrunken hatte, trennten wir uns. Das junge Mädchen war nichts weniger als schön, aber ihr stolzes Wesen hatte mir gewalttg imponiert. Die notwen digen Schritte, die ich tun mußte, um meinen Namen wechseln zu dürfen, waren schnell gemacht, dank Jeremias eifrigem Bemühen. Ich hieß Jacopo Pazzo. Die alte und geachtete Finna meines Vaters Cousolo Beer wurde durch den neuen Nanien ersetzt. Selbstverständlich wurde in der Stadt viel darüber gesprochen und in meinem geschäftlichen Verkehr verursachte es mir die größten Unannehmlichkeiten. Nach der Hochzeit, die in Modena gefeiert wurde, kehne ich mit meiner jungen Frau gleich nach Perngia zurück, und schon in den ersten Tagen meiner Ehe wurde es mir klar, daß ich mich für mein ganzes Leben unglücklich gentacht hatte. Zuerst mußte ich das alte, liebe Haus, in dem ich geboren war, verlaffen, und in eine elegante Wohnung auf dem Eorso zu ziehen / dazu kim der tägliche Kampf, den meine Frau gegen alle unsere Gewohnheiten und gegen alle unsere Empfindungen führte. Ich litt doppelt für meine Mutter/ o die arme alte Frau! Ich hatte beim aristokratischsten Klub der Stadt Mitglied werden muffen, und schließlich, nachdem ich alle Demütigungen, die einer Aufnahme in denselben vorangehen, durchgekostet hatte, langweilte ich mich dort zum sterben. Dennoch ging ich jeden Abend hin, in der stillen Hoffnung, dadurch in der Achtung meiner Frau zu steigen. Wie glücklich war ich, wenn ich ihr beim Nachhausekommen sagen konnte: ich habe mit Marchese Spinelli Karten gespielt/ oder: der Sekretär Galasfi hat mich zu einem Beitrag für einen Wohltättgkeitsbazar aufgefordert." Ich suchte sie glauben zu machen, daß ich gern im Klub war, und daß ich dort viele Beziehungen hatte. In Wirklichkeit fühlt sich der Jude doch stets am Wohlsten in den vier Wänden seines Heims, und weh dem Unglückseligen, dem dort der Aufenthalt zur Qual gemacht wird. Jeden Mittwoch hatte meine Frau ihren Empfangstag und es kamen immer viele Damen, alles Aristokratinnen, wie meine Frau behauptete, die sie wer weiß wo kennen gelernt hatte. Dabei gab es Erfrischungen in verschwenderischer Fülle und zum jauswarten war noch besondere Hilfe nöttg. Meine Mutter entschloß sich endlich, ganz in ihrem Zimmer zu leben, ja sie nahm sogar dort ihre einsame Mahlzeiten zu sich. Wenn ich zu ihr kam, konnte sie nur mit Anstrengung ihre Tränen zurückhalten. Auch ich stand übrigens nicht mehr so innig mit meiner Mutter, wie einst. Ich fürchtete mich vor meiner Frau und nannte die schüchternen Klagen meiner Mutter übertrieben. Der Ertrag meiner Firma war durch die Aenderung der Firma erheblich gesunken und reichte bald trotz der Zinsen der Mitgift nicht mehr aus, um unsere Ausgaben zu decken, denn der ganze Haushalt war auf viel zu luxuriöser Basis eingerichtet. Die Sehnsucht meiner Frau war, was so recht zu ihrer Eitelkeit paßte, daß ich zunt

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