Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1909)
- Date
- 1909-07-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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8. JuN 1909. Der Israelit. Nr. 27. Sette 14. Cavaliere*) ernannt würde. Sie wußte nicht, daß man mir in der Stadt schon einen Ehrentitel gegeben hatte. Man nannte mich: den Juden zum goldenen Brunnen. Eines Tages stellte mir meine Frau einen eleganten Herrn vor, der nach ihrer Aussage seinen großen Einfluß dafür geltend machen wolle, mir den Titel Cavaliere zu verschaffen. Jener Herr, der ein abgefeimter Spitzbube war, wich nicht mehr von mir,- es gelang ihm mit Hilfe meiner Frau, mich dazu zu bewegen, meine Unterschrift unter Wechsel von hohem Betrag zu setzen/ und als die Termine herannahten, verschwand er spurlos. Damit war der Ruin meines Geschäfts, das schon durch die großen Ausgaben in eine gefährliche Lage gekommen war, besiegelt. Ich mußte mein Fallissement erklären und kein roter Heller blieb mir übrig. Meine Frau riefeinen Onkel zur Hilfe herbei, der mir über meine Unfähigkeit und Unkorrektheit im geschäftlichen Verhalten die schwersten Vorwürfe machte. Er *) In Italien ein häufiger Ehrentitel, den unteren Rangstufen unserer Crben entsprechend. klärte, seine Nichte mit sich nehmen zu wollen, um später die gesetzliche Trennung zu erlangen. Meine Frau reiste ab, ohne mir ein Wort des Abschieds zu sagen. Nun zog ich mit meiner Mutter in ein elendes Haus und versuchte, als Vermittler mein Brot zu verdienen. Da ich ganz unerfahren darin war, so verdiente ich so gut wie nichts, und zudem wagte ich mich kaum in der Stadt zu zeigen, wo mir die Gaffenbuben nachriefen: „Jude, was war im Brunnen?" Eines Abends, als ich nach Hause kam, lag meine Mutter im Sterben. Sie erkannte mich nicht mehr/ sie lag ausgestreckt auf ihrem Bett und hielt ein altes Tehillim-Büchlein in den Händen. Nach wenigen Minuten starb sie. Ich, der ich nie einem Menschen etwas Böses gewünscht hatte, verfluchte meine Frau und die unglückselige Stunde, in der Jeremias Corcos mein Haus betreten hatte. Nun erstrebte ich nichts mehr im Leben. Ganz allein, ohne den tröstenden. Zuspruch meiner alten, gütigen Mutter, verlor ich jeden Halt. Eines Tages verließ ich Parupia nnd begann ein ruheloses Wanderleben. Der Arme war mit seinen Erzählungen zu Ende, und ich sah, wie ihm eine Träne langsam die aufgedunsene Wange hinunterrollte. Ich dachte an die „Kreutzersonate", jenes schreckliche Buch von Tolstoi, das ich kurz vorher gelesen und mich damals in meiner pessimistischen Lebensauffassung so sehr bestärkt hatte. Wenn ich jetzt die Schilderung der Ehe des Pozduyscheff ihres philosophischen "Gehalts entkleidete und den Zauber des Stils zu vergessen suchte, so schien mir die kunstlose Erzählung, die ich aus dem Munde eines Unglücklichen selbst vernommen hatte, noch menschlicher und darum noch ergreifender. Die Sonne ging unter, als wir in Trasanni anlangten. Die schlanke Silhouette des Turmes von S. Francesco ragte über die Kuppeln und Dächer meiner Geburtsstadt empor/ und ich empfand ein egoistisches Wonnegefühl bei dem Gedanken an das Haus, das mich erwartete, beim Gedanken an meine Mutter, die mir entgegeneilen und mich in ihre Arme schließen würde. Warum schätzen wir, was wir besitzen, erst dann in seinem vollen Werte, wann das Leid anderer uns vor die Augen tritt? .... Fir ln imratapta« ist dl« Redaktion nfeht Tirantwortlleh; insbesondere ist es ausschliesslich Sache der Leser, die ln Inseratenteil —thiifii— R»pfahimtgen rltnellerVaren oder sonstlieAngahen rellglonsgesetzllchen Charakters anf ihre Zuverlässigkeit zn prüfen. W Telegramm-Adresse: Resop Frankfnrtmain. Telephon: Nr. 83. D Silberwarenfabrik. Modellier« e G e e und Ciselierwerkstatten i | Lazarus Posen HW,| Frankfurt a. AI Hoflieferant Berlin W. 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