Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1909)
- Date
- 1909-07-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449380--65677-2508328- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gelten zu lassen, falls sie derjenigen von Tosaphot widerspreche. Gerade dieses letztere Gutachtens das Rabbi Mclr mit den Worten unterschreibt — wer kann sich der Wehmut enthalten, wenn er diesen Seufzer eines Großen in Israel liest — „was weiß ich Armer, schon drei und ein halb. Jahre weile ich in Finsternis und Todesschatten, vergessen von allem Guten" — und das also aus dem Jahre 1290 stammt, ist an Rabbi Ascher" gerichtet, der damals nach des Verfasiers Ansicht in dem hölzernen Hause bei der Synagoge in Basel wohnte. Wenn aber in dieser Anfrage von einem Manne berichtet wird, welcher dem Leichenzuge seiner Mutter außerhalb der Stadt bis zum Brunnen folgte, so scheint dieses Detail nicht auf Basel zu paffen, wo die Juden damals nach den Angaben des Verfassers den Friedhof in Arsclof,. also in der Stadt halten. Einen Anhaltspunkt für die Zeit der Abfaffung der Gutachten bietet der Umstand, daß sie meistens die Unterschrift tragen •p'Q i 'n tnd den Vater Rabbi Meir's also als lebend erwähnen, während der aus dem Gefängnis datierte Brief mit nV'Vf 71*0 V'a vko unterschrieben ist, der Vater aber gestorben ist, bevor das Unglück über seinen Sobn hereinbrach. Ach-rjHa«. Orthodoxie, von B. K. C. Hyperion. Verlag Hans von .-** Weder, München 1909. Preis: geh. 3,50 M., geb. 4,00 M. Das Buch behandelt die christliche Orthodorie, das apostolische Glaubensbekenntnis, wie es im christlichen Irreise aufgefaßt wird und wie eS sich in der christlichen Lebensführung äußert. Sein eigentlicher Gegenstand hat also mit der Tendenz dieses Blattes nichts zu tun. Aber gerade deshalb ist er auch für denkende jüdische Leser von ungemein aktuellem Interesse. — Mich persönlich hat zunächst die bloße Wahl des Titels angezogen und der Umstand, daß es anonym erschienen ist. Damit scheibet erfreulicherweise alles Persönlich-Gehässige und alle etwaige Voreingenommenheit zugunsten deö Autors aus, was sich sonst bei Behandlung tief eingreifender religiöser Streitfragen so leicht in die Diskussion mischt. Hier hält man fich nur an das Buch, sowie an die Gesichtspunkte und Gedanken, welche es bietet, was der richtigen Abschätzung der darin vertretenen Ansichten ungemein förderlich ist. — So grundsätzlich verschieden Judentum und Christentum, jüdische und christliche Orthodoxie auch sein mögen, durch Bücher wie das in Rede stehende wird man erfreulicherweise wieder an das viele Gemeinsame erinnert, das Mutter- und Tochterreltgton und ihre Bekenner trotzalledem verbindet. Optimismus und Pessimismus, Monismus, Pantheismus, Buddhismus, Stoizismus und eine ganze Reihe anderer Zettgötzentümer werden hier mit ihren Ver treten»; Nietzsche, Tolstoi, Huxley, Shaws, Hackel, Herbert Spencer u. a. in origineller, trefflicher und schlagfertiger Weise behandelt und ad absurdum geführt. Die erfolgreiche Bekämpfung dieser Jrrtümer kommt jeder positiven Religion zugute, mag sie nun Judentum oder Christentum heißen. Noch mehr als diese Bekämpfung spricht den Leser die elegante, verbindliche und doch so vernichtende Art und Weise an, mit der dieser Kampf geführt wird. Jüdischen Lesern beweist sogar die unerbittliche, zwingende Logik dieses Buches viel zu viel. Ihm ist z. B. die Erbsünde das einzige in der christlichen Theologie, das sich wirklich beweisen läßt! Die Dreieinigkeit, die von überzeugten, denkenden Christen, wie z. B. von Hilty, als ein Mysterium erklärt wird, an das man eben glauben muß, wird hier klipp und klar bewiesen! Das ist aber auch für den jüdischen Leser insofern von Jntereffe, als es ihn S alles, was heutzutage von unseren Philosophen, cforschern und Wissenschaftlern als bewiesen hinausgegeben wird, recht mißtrauisch zu machen geeignet ist. Die Beweise, die heutzutage billig wie Brombeeren find, hören auf zu imponieren und veranlassen den gesunden Menschenverstand, sie bet Licht zu betrachten und ein wenig kritisches Schetdewasser darauf zu gießen, was für sie dan» oft recht verhängnisvoll wird. — Ich bin kein genügender Kenner des Christentums, um über spezifisch christliche Fragen ein kompetentes Urteil abgeben zu können. Aber auch die bewährtesten Fachkundigen werden wohl auch nur der Ansicht sein, daß man bas Christentum weder verteidigen noch anklagen kann, ohne auf seinen jüdischen Ursprung zurückzugehen und vor allem ihn klarzustellen. Das hat der geistvolle Verfasser dieses prächtigen Buches unterlaffen und das scheint mir die sckwache Seite feiner Arbeit zu sein. Auf den 326 eiten seines Buches fertigt er ganz gegen Ende (Seite 215) diesen Punkt in fünf oder sechs Zeilen ab, sonst ist in dem ganzen Buche das Judentum mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt. Würbe der Verfasser baS jüdische Schrifttum so gut kennen, wie er in allen sonstigen Wissenschaften beschlagen ist, so würde er auch für viele seiner Ideen, die er alS christliche bezeichnet, dem Judentum das Prioritätsrecht zuerkennen müffen. Der Verfaffer befindet fich da übrigens in guter, zahlreicher Gesellschaft. Bon Leibnitz an, der bekanntlich in seiner Jnaugural-Rebe den Satz: „SieBe deinen Nächsten wie dich selbst" als ein spezifisch I christliches Postulat ausgegeben hat, obwohl fich diese 1 Wcrte bereits im alten Testament (II! b. M. Kap. 19 B. 18) firrben, bis herab auf unsere Tage stößt man allenthalben auf diese Eigentümlichkeit. Wir Juden find deren schon lange gewöhnt und fteuen uns, wenn die Lichtgebanken des Judentums, auch unter falscher Ettquette, Eingang in außerjüdische Kreise finden. Unser Talmrrd gibt uns die tröstliche Versicherung, daß diese so lange u»»d so hartnäckig versagte Anerkennung des Judentums ihm einst auch noch werden wird, baß jedes System, das die außerjüdische Welt uns entlehnt hat, uns einst von Gott wieder zuerkannt werden wird.*) — Durch diese Ausstellungen verliert das prächtige Buch für viele jüdische Leser nicht nur nichts von seinem aktuellen Jntereffe, es wirb sogar noch wesentlich erhöht. Es gibt ja leider bet uns noch immer große Kreise, die für jüdische Wahrheiten viel leichter zugänglich find, wenn sie ihnen als etwas Nichtjüdisches, und sogar als etwas spezifisch Christliches dargeboten werden. E. Fünf Borträge von der Limburger Generalversammlung. (Schmidt, Plaßmann, Ehses, Meyer, Wasmann.) Cöln, I. P. Bachem. 91 S Der Verfaffer der an erster Stelle genannten Schrift sucht die sogenannten Dauerlypen oder persistenten LebenLformen, d. h. die zahlreichen Gattungen, die sich ohne nennenswerte Veränderung vom Kan brium und Silur an bis auf die Jetztzeit erhalten haben, als Beweis gegen die Richtigkeit der Selektionslehre zu verwerten. Die Tatsachen selbst und die Konsequenzen, die fich daran knüpfen, sind in Fachkreisen natürlich längst bekannt, und es ist kein Zufall, daß gerade aus dem Kreise der Paläontologen in neuerer Zeit dem Darwinismus, ja sogar dem Gedanken der aufsteigenden Entwicklung, die größten Gegner erstanden sind. Der Verfaffer stellt indeffen das Material in übersichtlicher und doch gründlicher Weise und ohne alle Einseitigkeit zusammen, sodaß es zu apologetischen Zwecken, insbesondere auch für Religionslehrer an den Oberklassen höherer Lehranstalten gut benutzbar wird. — Die zweite Schrift enthält eine Auswahl der Borträge, die auf der letzten Generalversammlung der Görresgesellschaft gehalten würden. Der Schmtdtsche Bortrag weist für das Gebiet der Soziologie auf eine ähnliche Tendenzänderung der wissenschaftlichen Forschung hin, wie dies in der erstangezeiglen Schrift für die Biologie geschieht: anstelle der vermuteten und vielfach in die Dinge hineingesehenen Entwicklung aus dem Niedrigen, Tierischen zum Höheren enthüllt fich dem vorurteilslosen Blick vielfach die Tatsache, daß „gerade bei den primitivsten Völkersch.ften noch die wenn auch einfachen, so doch verhältnismäßig reinen und hohen Formen eines sittlichen Monotheismus" sich finden. Es bedarf keiner Auseinandersetzung, daß diese Entdeckung vom Standpunkte der biblischen Weltanschauung sehr interessant ist. Plaßmann beschäftigt fich mit den neueren Anschauungen über „Nebelflecke und Milchstraße", während Dr. Hans Meyer den „Entwtcklungsbegrtff" in seiner Anwendung durch die Gebiere des Organischen (wachsendes Vordringen der Teleologie gegenüber der mechanistischen Anschauung), des Anorganischen, des Seelenlebens, des Sozialen verfolgt. Den Schluß macht Waßmann mit einer Studie „Zur Abstammung des Menschen". Den Leiern des „Israelit" ist Waßmanns Standpunkt bekannt. Er zeigt sich auch hier wieder als scharfer, kritischer Kopf, der mit den Verteidigern der tierischen Abstammung des Menschen und ihrcn Argumenten schonungslos ins Gericht geht. Waßmaitn hat im November 1908 einem Vortrage Hausers in Frankfurt a. M. beigewohnt, der in der Dordogne den dorn« primigenius entdeckt zu haben glaubt und seine Fundstücke in Frankfurt dorzeigte. Waßmann kommt zu dem Schluffe, daß auch dieser Schädel einem domo sapiens angehört haben muß, den man ebensowenig affenähnlich nennen kann wie den des heutigen Australiers. Die pietätvolle Bestattungsweise sowie die Feuerstein- Werkzeuge, die bei den Skeletteilen lagen, deuten vielmehr auf eine relativ hohe Stufe sittlicher und geistiger Entwicklung hin. Es bleibt somit dabei, daß die Paläontologie bis heute keine Ahnen des Menschen, sondern nur echte, körperlich und geistig so zu bezeichnmde Menschen kennt. rptpuan nrTn ■■»n -Dxv or ‘riiwnn nuvm pKirtr npr vikö jwin pbn (N. L. Danzig, Paris, 26. me des Francs-Bourgeois.) Eine nicht gerade leichte Aufgabe, der sich der Verfaffer mit viel Liebe und Geschick unterzogen hat, die Grundlagen des Wissens, die Schranken des Erkennens, insoweit sie fich aus der Lehrweise des Talmuds ergeben, zu bezeichnen. Der Autor macht gewiß keinen Anspruch darauf, diese Aufgabe ganz gelöst zu haben, aber sicher hat er einen neuen Weg gezeigt, auf dem sich zur Erforschung der tiefgründigen talmudischen Gedankenschätze ungemein viel erreichen läßt. Es handelt sich im vorliegenden, nur 37 Seiten starken Buche in der Hauptsache nur um Versuche, die aber große Beachtung verdienen. Die Art des Berfaffers, auf seinen Gegenstand etnzugeben, zeugt von gründlicher Kenntnis und fleißigem Studium aller einschlägigen Stellen. Kenner und Gönner der talmudischen Literatur, die aus derselben ihre gesamte Welt- »md Lebensanschauung zu schöpfen pflegen, werden ohne Zweifel diesem ersten. Versuche ernste Aufmerksamkeit schenken und Herrn Schesak die Möglichkeit verschaffen, bald den zweiten Teil folgen zu lassen. Sch. *) TalmudRosch Haschauah, Seite 23: ^2 n"apn Tnr d^witö mal* NLwi ♦prinnb I liebet Meyers Grobes KonverfationS- Lexikon, deffen ältere Auflagen, wie unsere Leser wtffen, auch einige antisemitisch angehauchte Abhandlungen enthalten (stehe „Israelit" Nr. 41, 1908), schreibt neuerdings die „Franks. Ztg." in einer Besprechung der neuesten (sechsten) Auflage: „Ein n etterer Umstand, der gegen die vorhandene Einrichtung des Lexikons spricht, ist der, daß die Richtigstellung der hervorgehobenen Fehler und die Nachholung der Bersäumniffe jahrelang auf sich wartm lassen müffen. Ich hatte z. B. im Jahre 1903 (Nr. 198 vom 19. Juli) gerügt, daß im Konversations-Lexikon die durch wchtS gerechtfertigte Unwahrheit steht: „sicherlich mag der Blutaberglaube auch zuweilen bet Juden zu Morden verführt haben". Wo in aller Welt hat der Verfaffer zu dieser scheußlichen Anklage gegen eine ganze Bevölkerung^klaffe die erforderliche Grundlage hergenommen? Selbst wenn die Redaktion des Lexikons den Willen haben sollte, hier btlligerweise die erforderliche Richtigstellung vorzunehmen — worüber übrigens dem Referenten trotz der fünf Jahre, die seither verfloffen sind, näheres nicht bekannt geworden ist —, so wird sie es doch erst in dem angekündigten Ergänzungsbande tun können. Bis dahin kann aber jene Unwahrheit in manchem Kopse Verwirrung angerichtet »md so Unheil gestiftet haben. (Der inzwischen erschienene „Einundzwanzigste Band: Ergänzungen und Nachträge" enthält keine Berichtigung der angefochtenen Behauptung in dem Artikel „Blutaberglauben". Dagegen kommen König Haakon. der Philosoph H. Cohen und Oskar Höcker, deren Uebergehurg im folgenden bemängelt wir', zu ihrem Recht. D. Red.) — So schwere Nachteile find zwar nicht zu fürchten, wenn die Uebergehung bedeutender Männer, wie z. B. des Marvurger Philosophen Hermann Cohen, des Jugendschriftstellers Oskar Höcker, des Biographen Schopenhauers, Gwinner, erst nach Jahren gutgemacht wird; oder wenn gewisse Verfaffer, die das Lexikon zur Ablagerungsstätte antisemitischer Anschauungen mißbrauchen — ich erinnere nur an die im zehnten Bande gerügte Behauptung von der Abneigung der Juden gegen körperliche Arbeit — sich erst nachträglich von ihren Vorurteilen befreien und davon erst im Ergänzungsbande Zeugnis ablegen. Immerhin können aber auch diese Tatsachen die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Einrichtung des Konversations-Lexikons erhärten." Zwei ßotizen aber $. R. ßirseb. In dem Literaturblatt des Orients 1810 Nr. 9 2. 143, schreibt der Herausgeber Julius Fürst: „Der bekannte Verfasser der neunzehn Briefe von Beu Usiel und des Choreb hat soeben seine Poststripta zu den unter dein Titel Choreb be-Zijvn erschienenen Briefen eines jüdischen Gelehrten und Rabbinen über das Werk „Choreb" in Altona herausgegcbcn. Als die letzte Gegenschrift iU diesem unerquicklichen, nutzlosen Streite habe ich sie mit besonderem Interesse gelesen und mit der Schrift des Herrn Fasset, Rabbiner in Proßnitz, zusammengehalten, da ich das Choreb sie - Zjson ohnehin noch nicht gelesen hatte: ich habe die zitierten Stellen nachgeschlagen, die Ansichten des Herr»» .Hirsch und seine Belege geprüft, und war nicht wenig erstaunt darüber, wie Herr .Hirsch es nur über sich gewinnen konnte, gegen einen solchen tief unter ihm stehenden unkundigen Gegner öffentlich auszutreten. Herr Hirsch hat von dem jüdisch-rabbinrschen Standpunkte aus, der doch einmal der Standpunkt eines Rabbinen sein muß, wenn er sonst, wie seine Gegner, gar keinen hat, so vollkommen Recht» daß man die Schreibsncht seiner Gegner und ihre Unwissenheit kaum begreift. Jeder unbefangene Leser wird mit Herrn Hirsch übereinstimmen, wenn er sagt: „Sämtliche Ausstellungen des Herrn Fasset sind nichts als Jrrtümer dieses Herrn, und nur ein bischen mehr Gelehrsamkeit und ein bischen »nehr rabbinisches Wissen, oder ein bischen sorgfältigeres Prüfen diesen» jüdischen Gelehrten und Rabbiner» Seufzer »md Bedauern und Kritiken erspart hätte. Möge Herr .Hirsch seine Tätigkeit nun dem Leben unserer Literatur zuwenden, wenn auch nur um die Erbärmlichkeit und Ignoranz seiner Gegner zu vergessen." In einer Rezension über eine Schrift von 2. R. Hirsch „Zweite Mitteilungen aus einem Briefwechsel über die neueste Literatur". Ein Fragment von Samson Raphael Hirsch, Landesrabbiner zu Cmden (gerichtet gegen Holdheims Schrift: über die Autonomie der Rabbiner und das Prinzip der jüdischen Che) schreibt Zacharias Frankes (Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judentums, 1844, S. 328!: „Herr Hirsch ist ein Ehrenmann, ein scharf ausgeprägter Charakter: er spricht daher in den obigen Mitteilungen seine tiefe Entrüstung über das unredliche Verfahren des Herr»» Holdheün aus: u»»d zweifelt nicht, daß ihn dasselbe Gefühl befallen haben würde, würde er aus einein anderen Gebiete der Wissenschaft und selbst aus einem ihm fremdem konfessionellen solches Treiben wahrgenommen haben, wenn auch die Rüge den Anderen, Näherstehenden zu überlassen gewesen wäre. Wir haben oben mehrere wichtige Bemerkungen des Herrn Hirsch angeführt, und bedauern nur, daß er, wie er selbst berichtet, durch die Zeit gedrängt, seinem Werke nicht die Vollendung geben und sich nicht über die ganze Schrift des Herrn H. verbreiten konnte."