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Der Israelit · 1909-07-08 · Heft 27 (8.7.1909) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 27 (8.7.1909)
Date
1909-07-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Rr. 87 Der JSraelit. 8. Juli 1909 eines Gesetzes erfolge, daß weiter das bisherige Prinzip der Zwangsgemetnde aufrecht erhalten bleibe, daß aber für religiös Difsentierende die Möglichkeit bestehen solle, entweder eine neue Kultusgemeinde zu bilden, oder sich einer bereits bestehenden bayerischen Kultusgemeinde anzuschließen. Für die Bildung neuer bezw. die Auflösung bestehender Kultusaemeinden soll die Kompetenz der bisher damit betrauten staatlichen Behörden fortbestehen. Auch darüber bestand Uebereinstimmuna, daß jede Kultusgemeinde einem Rabbinatsbezirke zügeteilt werde. Eine Mehrheit von drei Stimmen sprach sich für den absolut zwingenden Charakter der Fürsorge für ritualmäßiges Fleisch und Ritualbad seitens der Kultusgemeinden aus. Dasselbe Stimmenverhältnis bestand hinsichtlich der Aufnahme der Ztff. M—E von 1863 in das neue Gesetz, wobei ausdrücklich festgestellt wurde, daß reine Verwaltungsfragen von der Konstielenz der Rabbiner ausgeschloffen bleiben. Auf Wunsch der rabbinischen Mitglieder der Kommission wurde bei der Beratung in Treuchtlingen die Frage der Fürsorge für ritualmäßiges Fleisch und Ritualbad nochmaW eingehend erörtert. Die zwei der Kommission angehvrende Herren Rabbiner erklärten, daß ihnen eine weitere Mitarbeit an der Kommission nur möglich sei, wenn sich die Kommission einstimmig auf den Standpunkt stelle, daß eine Kultusgemeinde ohne Fürsorge für ritualmäßiges Fleisch und Ritualbad nicht bestehen könne,- dies sei die einstimmige Ansicht der Rabbiner Bayerns. Sie verlangten ferner von den beiden Mitgliedern, welche bisher einen gegentellwen Standpunkt vertreten und sich dafür ausgesprochen hatten, daß die einzelnen Einrichtungen der Külttrsgemeinden im Gesetze nicht Aufnahme finden sollen, eine Erklärung des Inhalts, daß sie den erwähnten einstimmig zu fassenden Beschluß mit aller Energie vertreten würden. Nachdem über diesen Punkt eine Einigung nicht erzielt wurde, erklärten die rabbinischen Mitglieder der Kommission ihren Austritt aus derselben. Die gleiche Erklärung gab sodann ' as Mitglied der Komnüssion, Herr Fränkel, gemäß der in Würzburg gefaßten Resolution ab. Die noch der Kommission angehörenden Mitglieder faßten alsdann den Beschluß, die vom Ausschüsse des Landesdereins für israelitische Kultusgemeinden gewählten Ersatzmänner einzuverufen und mit diesen Beratungen fortzusetzen. Wir beglückwünschen die bayrische Orthodoxie zu diesem Ergebnis, das ihr volle Unabhängigkeit und innere Geschloffenheit sichert. Es scheint unS selbstverständlich, daß es sich bei den Ersatzmännern nur um neologe Herren handeln kann. Notwendig ist nun die sofortige Inangriffnahme des Revisionswerkes durch eine Kommission von orthodoxen Rabbinen und Laien; in den Dr. Straus'schen Thesen bietet sich dieser Kommission eine überaus wertvolle und brauchbare Grundlage, auf der nur weitergebaut zu werden braucht. eine Derurfeilung des Mackol'sctien 6nfonirfs. Posen, 2. Juli. Am L3. Mai hielt der Verband der Synagogen-Gemeinden des Regierungs- Berirks Posen, der mit einer Ausnahme alle größeren und die überwiegende Zahl der kleineren Gemeinden zu Mitgliedern zählt, seine General- Versammlung in Posen ab. Der Verband hat auch im abgelaufenen Geschäftsjahre wieder eine recht segensreiche Tätigkeit, die sich hauptsächlich auf die unter Leitung des Posener Gemeinde- Rabbiners Dr. Fellchenfeld stehende Kultusbeamten-AuSbildungsanstalt, auf Fürsorge und Beihllfe für Religions-Unterricht und Kultus in Kleingemeinden, sowie auf deren Anschluß an Rabbinate benachbarter Gemeinden erstreckt, entfaltet. Besonders hervorgehoben sei, daß der Verband dabei in die religiösen Angelegenheiten der Gemeinden nicht im Geringsten sich einmischt, sondern deren vollste Freiheit garantiert. So konnte denn die Versammlung dem Berichte des Verbands-Vorstehers, Bankier Goldschmidt-Posen, nur in jeder Hinsicht Beifall zollen und die Re, gularten fanden schnellste Erledigung. Einen um so breiteren Raum nahm die auf der Tages-Ordnung stehende Aussprache über den 11. Deutsch- Israelitischen Gemeindetag ein. Nach einem Referate des Herrn Rabbiner Dr. Lewin-Wreschen und einem jwrreftrate des Herrn Silberberg-Posen entspann fick über den Organisations-Entwurf des GemeinoebundeS eine lebhafte Diskussion, an der sich von Seiten des Ausschusses der Verbands- Vorsteher, sowie die Herren Justizrat Mannheimer-Posen und Bankier Loewy-Rawttzsch, aus oer Mitte der Versammlung Rabbiner Dr. Königsberger-Pleschen und Dr. med. Calvary-Posen beteiligten. Einen warmen Verteidiger fand der Entwurf an keinem der Redner, die den verschiedensten Richtungen von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken angehören,- der Berbandsvorsteher allein erbat mildernde Umstände für den Entwurf, während sämtliche anderen genannten Herren ihn aufs Schärfste verurteilten. Schließlich fand eine Resolution, wonach der Posener Gemeinde-Verband den in Berlin angenommenen Antrag Fried mann, Glogau, billigt und ihn zu dem seinigen macht, einstimmige Annahme. Oer Posener Verbandstag darf den Ruhm beanspruchen, als erste, einen größeren Bezirk vertretende Körperschaft den Gemeindetag einer Kritik unterworfen zu haben und dabei zu der klaren Erkenntnis von der Schädlichkeit des Entwurfs des DJGB. gekommen zu sein. Vivant; seqaentes. Posen, 27. Juni. Heute fand im Sitzungszimmer der Gemeinde die 2. Ouartalssitzung der Vereinigung von Rabbiner der Provinz Posen zur Wahrung des überlieferten Judentums statt, an welcher die Herren Oberrabbiner Dr.Feilchenfeld-Posen, Rabbiner Dr. Cohn- Rawitsch, Friedmann- Grätz, Heppner- K ofchmin, K r a u s z- Schildberg, L e w i n - Wreschen Nobel Filehne, Silberberg-Schrimm, Thed o r-Bojanowo,W e y l -Czarnikau und Wreschner Samter teilnahmen. Nach einer Begrüßung verlas der Vorsitzende den Wortlaut des von der Kommission endgültig festgelegten -Zirkulars mit den dazu eingegangenen Unterschriften und teilte mit, daß dessen Drucklegung unverzüglich begonnen werden würde. Die Versendung soll in der von Dr. Friedmann-Grätz vorgeschlagenen Weise erfolgen. Ueber den Organisationsentwurf und den letzten Gemeindetag berichtete Herr Dr. Lewin-Wreschen, der die geäußerten Bedenken religiöser Art noch einmal hervorhob und aus manche Lücken hinwies, z. B. jegliche Darauf hielt Herr Rabbiner Dr. Werschner einenVortrag über mxon romzi deren Entstehungszeit, Anwendung und Formulierung, der zu lebhaften Diskussionen Anlaß gab. Zuletzt referierte Herr Dr. Cohn-Rawitsch über die Bildung von Bezirksrabbinaten in unserer Provinz und schlug unter allseitiger Zustimmung Maßregeln zur Förderung dieser Bestrebungen vor. Herr Professor Berlin erhalte diesmal die Teilnehmer zu besonderem Danke verpflichtet dadurch, daß er denselben eine Anzahl seiner geschätzten Werke in liebenswürdigster Weise zur Verfügung stellte. Die nächste Sitzung wurde auf den 12. Oktober festgesetzt. (fbefteweidj. Tarnopol, 5.Juli. In dem nahgelegenen Dorfe B u rka wurde dieser Tage ein frecher Mädchenraub verübt. Zwei Bauern ergriffen des Nachts die achtzehnjährige Tochter des dortigen jüdischen Insassen David Bleich und entführten sie gewaltsam in ein Tarnopoler Nonnenkloster. Der Vater des Mädchens verfolgte die Räuber, die jedoch im Dunkel dereNacht seinen Blicken entschwanden. Nach einigen Tagen erfuhr Bleich, daß seine Tochter sich im Ternopeler Kloster befindet, und begab sich dahin, um sein Kind zurückzufordern. Weinend bat er um Einlaß und wünschte seine Tochter zu sehen. Der arme Mann wurde barsch von der Klosterpforte gewiesen, indem ihm beschieden wurde, daß das Mädchen angeblich bereits nach Lemburg gebracht worden sei. Ungarn. kln neuer ministerieller kriass (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 1. Juli. Der Kultusminister entschied in einem an die orthodoxe Zentralkanzlei gerichteten Erlasse, daß die Gemeinden nicht berechtigt seien, die Annahme eines neuen Mitgliedes von der Entrechtung irgend einer Jnkorporierungstaxe abhängig zu machen. Des ferneren entschied er in demselben Erlasse n. Z. 47. 8121 daß Ausländer wohl steuerzahlende, nicht aber stimmberechtigte Mitglieder einer ungarisch-jüdischen Gemeinde sein können. Die erste Entscheidung wird hauptsächlich von der Pester neologen Großgemeinde äußerst übel empfunden werden, die hierdurch einen jährlichen Schaden von 60 bis 70,000 Kronen erleiden wird, da erwähnte Gemeinde trotz der gegenteiligen Bestimmung in dem neologen Kongreßstatute bisher Jnkorporierungsgebühren erhoben hat. Auch bediente sich erwähnte Gemeinde bisher dieses Mittels, um hiermit den ärmeren und konservativeren Elementen das Stimmrecht verweigern und so die Gemeinde ohne jegliche Hemmnisse im Fahrwasser der Neologie führen zu können. Während die zweite Entscheidung ihre Ursache in der, durch das wüste Treiben der Nationalitäten in Ungarn auf das Höchste gesteigerte Furchtsamkeit der ungarischen Regierung vor ftemden Elementen hat, die aber inbezug auf die aus dem Auslande stammenden Juden jedenfalls als eine übertriebene genannt werden kann, da sich diese gewiß nimmer zu den Feinden des ungarischen Staates gesellen werden. Dnjüflisches imVereinsleben. (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 2. Juli. Der „Ungarisch - i s r. Handwerkerverein", der zu den derartigen größten Anstalten gehört, versendet eben seinen Jahresbericht. Hieraus ersieht man, daß dieser Verein in rein humanitärer Beziehung Großes leistet. Ob aber eine Vereinigung, die all ihre hunderten Schützlinge ausnahmlos zum Chillul-Schabboß anhält und die Mehrzahl in nichtrituellen resp. christlichen Haushaltungen unterbringt, den Namen „israelitisch" verdient, ist eine Frage, auf die leider die Antwort allzuleicht ist. Ein konfessionelles Blatt berichtet sogar, daß in einem konkreten Falle, wo ein Mitglied des Vereines an ein Vorstandsmitglied mit der Bitte sich wandte, einen armen Knaben unter die Zöglinge aufzunehmen, für den es bereits einen Mdischen Meister gefunden, der rituellen Haushalt führe und bei dem er den Sabbath nicht entweihen müßte, und die charakteristische Antwort erhielt: „In unserem Vereine werden nur solche Zöglinge ausgenommen, die wir auf „unsere Plätze" plazieren können, und übrigens haben wir nicht die Aufgabe, orthodoxe Juden zu' erziehen, sondern Handwerker, die zum „modernen Zeitgeist" passen und sich emporbringen wollen." . . Nun, wir glauben, auch Antiochus Epiphanes hätte eine ähnliche Antwort gegeben. Ob er aber hierin den Titel: „israelitisch" auch in Anspruch genommen hätte, das wissen wir freilich nicht! Rußland. Petersburg, 4. Juli. Im vorigen Jahre hat das Handelsministerium eine spezielle Kommission zur Beratung über die Lage der russischen Emigranten eingesetzt. Diese Kommission, zu der auch Vertreter von anderen Ministerien zugezogen worden sind, hat sich jetzt u. a. auch an das hiesige Zentral-Komitee der JCA mit dem Ersuchen gewendet, ihr alle Materialien und Berichte über die Tätigkeit des jüdischen Emigrations-Bureaus zu überweisen. * -r- Wie aus Kokand (Turkestan) gemeldet wird, empfing am 16. Juni Graf Pa hl en, der mit der Revision der Regierungsanstalten in Turkestan betraut worden ist, eine vom Rabbiner Tagir geführte Deputation bucharischer Juden. Die Deputation ersuchte den Grafen, sich bei der Zentralregierung in Petersburg für die Widerrufung des bekannten Zirkulars zu verwenden, demzufolge den bucharischen Juden das Wohnrecht in Turkestan vom 1. Januar 1910 ab entzogen wird. Graf Pahlen sagte der Deputation: „Ich habe Erkundigungen über die bucharischen Juden eingezogen und dabei in Erfahrung gebracht, daß diese durchaus brave und ehrliche Leute sind.

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