Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-07-08 · Heft 27 (8.7.1909) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 27 (8.7.1909)
Date
1909-07-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449380--65672-2508323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

8. Juli 1909. 9fc. 27. Sette? Die ersten Taten des DJGB. schienen das Vertrauen, das man ihm nun entgegenbrachte, zu rechtfertigen. Der Ausschuß vermied esin die religiösen Streitfragen irgendwie einzugreifen und für oder gegen die eine oder die andere „Richtung" Partei zu ergreifen, sondern entfaltete außer eifriger Agitation für seine Ausbreitung auf gemeinnützigen und unumstrittenen Gebieten des Gemeindelebens eine rege Tätigkeit, die allgemeine Anerkennung fand. Allein dieses Bild änderte sich nur zu bald, als im Jahre 1873 Ed. Lasker im Preußischen Landtage jene bekannte Resolution durchzusetzten wußte, welche die Regierung aufforderte, einen Gesetzentwurf einzubringen, der es jeden Juden gestattete, ohne aus dem Judentum auszutreten, aus seiner Synagogengemeinde auszuscheiden. Unter dem Einflüsse Ludwig Philippsoris, der in diesem Falle den sonst objektiv denkenden Kohner völlig in das Netz seiner Anschauungen einzuspinnen wußte, unternahm es der Ausschuß dieser Entwickelung des Gemeindegedankens in den Arm zu fallen. Mit Hilfe einer gequälten und gekünstelten Deduktion verschaffte man sich die Legitimation für dieses Vorgehen. Durch das Austrittsgesetz, so deduzierte man, werden die Gemeinden der Gefahr der Zersetzung und Auflösung entgegengeführtdann wird aber das Substrat, auf dem der Bund ruht, angegriffen - ergo erwächst diesem das Recht und die Pflicht, Regierung, Parlament und Oeffentlichkeit „aufzuklären", d. h. der Agitation von Männern wie Samson, Raphael Hirsch V'T, Israel Hildesheimer V'r u. A. für ein Austrittsgesetz mit den Mitteln des Bundes entgegenzuwirken. Man vergaß bei dieser Deduktion aber und wollte es vergessen, daß, selbst zugegeben, daß die alten Gemeinden zersetzt werden sollten, an ihre Stelle ja neue, lebenskräftigere, in sich geschlossenere Gebilde treten mußten, die dem Bund zum besseren Fundament als die in sich gespaltenen, von Parteikämpfen zerrissenen zu werden verhießen. Eine die Auffassung des Bundes vertretende „Denkschrift" wurde im November 1873 dem Preußischen Staatsministerium und den beiden Häusern des Landtags unterbreitet und derselben die bekannte Philippsonsche Petition, eine Schrift Kohners „lieber die Gemeinde" und ein Brief des Abg. Ko sch beigegeben. Damit noch nicht genug, wandte sich Kohner an die Lehrerkollegien des Breslauer Seminars, der Berliner Hochschule und des Bet-Hamidrasch zu Wien mit der Bitte, sich zu der von S. R. Hirsch Vf aufgestellten These, daß der Abstand zwischen Orthodoxie und Ideologie im Judentum so groß wie zwischen Katholizismus und Protestantismus sei, zu äußernwobei er wohlweislich verschwieg, daß genau dasselbe mit gleichen Worten von einem Führer der Neologie, dem Vorsitzenden der Berliner Repräsentantenversammlung Hermann Mackower ausgesprochen worden war. Das bestellte Gutachten fiel natürlich nach Wunsch aus und wurde dem Präsidium des Abgeordnetenhauses schleunigst übermittelt. War schon das Eingreifen des D I G B. in dieser Frage an sich nicht rechtlich, mindestens nicht zweifelsfrei, so war dieser letztere Schritt, wie später sogar von dem Gemeindebund selbst zugegeben wurde, (vergl. Jacobsohn, der DJGB. nach Ablauf des ersten Dezenniums. S. 18), ein offenen Bruch seines Statuts § 11, denn damit hatte er sich einmal in eine rein theologische Frage gemischt und — was noch viel schlimmer war — völlig unberufener Weise eine wissenschaftliche Autorität im Judentum stabiliert, die ohne von dem Vertrauen der Parteien getragen und dazu befähigt zu sein, als letzte und höchste Instanz Lehrfragen des Judentums vor ihr Forum zog und entschied. Diese Machinationen hatten den Erfolg, daß die Regierung die Vorlage des gewünschten Austrittsgesetzes aufhob! Aber 'Kp N*? K">ptr! Schon im folgenden Jahre, 20. Mai 1874, wußte Lasker seine Resolution aufs Neue durchzusetzensie wurde der Staatsregierung nunmehr mit der dringlichen Aufforderung überreicht, baldigst im Sinne der Resolution eine Vorlage zu machen. Noch ein- __Der Israelit. _ mal ließ der DJGB. alle seine Minen springenlediglich kick hoc wurde ein ordentlicher Gemeindetag auf den 11. April 1875 nach Leipzig einberufen und von demselben eine Resolution, die das Blaue vom Himmel herunter an bösen Folgen für den Fall der Annahme des Austrittsgesetzes prophezeite, angenommen- Regierung und Parlament wurden mit aufklärenden Schriftstücken überschwemmt und auch hinter den Kouliffen alles getan, um das Zustandekommen des Gesetzes zu verhindern. Der Liebe Mühe war vergebens. Das Gesetz vom 28. Juli 1876 (Allstrittsgesetz) kam unter schweren Kämpfen doch zu Standedie Orthodoxie als Vertreterin der Gewissensfreiheit hatte einen wohlverdienten Sieg errungender DJGB. an Repitation so ziemlich alles eingebüßt, was er in den ersten Jahren sich erworben. (Schluß folgt.) Berlin, 28. Juni. In allgemeiner Erinnerung dürfte noch die Rede stehen, welche der Vorsitzende der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Unirerselle, Herr Geh. Kommerzienrat Goldberger vor einigen Wochen auf der Generalversammlung seines Vereins hielt, und die nicht nur durch die selbstbewußte Art, mit der darin die Verdienste der A. I. U. über den Klee gelobt, sondern mehr noch durch den absprechenden Ton, mit dem über die Leistungen anderer, Herrn Goldberger mißliebiger Organisationen abgeurteilt wurde, selbst weit in die Kreise der A. I. U. hinein unliebsames Aufsehen erregte. Eine seltsame Illustration zu dieser Rede liefert nun ein Brief aus Tanger, den die „Voss. Ztg." in Nr. 291 zu dem Thema Allianceschulen im Orient mit folgendem Brief aus Tanger liefert: ^,Aus Tanger wird uns geschrieben: Die neue deutsche Schule in Tanger besteht jetzt seit etwas mehr als vier Monaten. Die Zahl der deutsch sprechenden Kinder war bei der Ausnahme am 1. Februar sehr gering, und für unsere beiden Lehrerinnen war es eine schwere Ansgadr, den übrigen die ihnen ganz fremde Sprache beizubringen. Daß ihre Arbeit erfolgreich gewesen ist, und die Kinder sich schon heute im Deutschen sowohl mündlich als auch schriftlich sehr gut auszudrücken verstehen, geht aus den schriftlichen Arbeiten hervor, von denen einige mir von den Lehrerinnen in liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellt worden sind. Die eine der Damen ließ von ihrer Klasse ein Extemporale über naturwissenschaftliche Gegenstände schreiben, oie sie in den vorangegangenen Stunden mit den Kindern durchgesprochen hatte. Im Nachfolgenden mögen einige der Fragen und Antworten von Knaben und Mädchen von 10 bis 14 Jahren, die vorher kein Deutsch verstanden hatten, wiedergegeben werden. „Wo lebt das Wildschwein?" Ein kleiner Engländer von 14 Jahren, der die Schule erst seit kaum zwei Monaten besucht und vorher kein Wort Deutsch konnte, schreibt: „Das Wildschwein lebt in Europa und Nordafrica in den Wald, oft kommen sie aus den Wald in den Feld. In -Europa sind die Wildschwein die Besten." Ferner wurde geantwortet: „Das Wildschwein lebt in großen Wälder in Europea." „In Europa und Afrika in Wald." „Das Wildschwein lebt in Europa Africa und in Wälder." „Das Wildschwein lebt in Europa Africa und Asien." Auf die Frage: „Wie heißt das männliche Wildschwein?" antwortete ein Mädcs^n: „Kairo", ein anderes sagt ganz richtig: „Das mänliche Wildschwein Heist Keiler," andere wreder lassen die Frage unbeantwortet, weil sie das Wort Keiler vergessen haben, ebenso wissen sie nur noch teilweise, wieviele Hufe das Wildschwein hat und wie seine Haare heißen. Nur eine schreibt ausführlicher: „Die Haare das Wildschwein heißt Borsten." „Wodurch nützt das Dromedar dem Menschen?" heißt die nächste Frage. „Das Dromedar nütz durch Manchen weil, er gibt uns seinen Haar und tragt man von einen Land zu andere sehr schnell ohne Essen und trinken." — „Das Dromedar ist nützlich, weil er tragt viele waren und geht viel zeit und er gibt Wolle." — „Das Dromedar gibt Milch und Wolle." — „Weil er tragt auf der Wüste viele Sache, er gibt Wolle und viele andere Sache und er frißt wenige Futter." — „Das Dromedar ist hehr nuihisch (nützlich, warum er kannst sehr Weid gehen ind er Wußte und nicht drinken, er gibt er Milch, er tragt schwer laden (Lasten)." Unter dem, was der Igel frißt, finden wir Käffer, Mauser, Hausrecken (Heuschrecken) Schnecken, Würme, Kefer, Müuse (Mäuse), endlich noch Köffer und anderes; ein Mädchen schreibt sehr niedlich „Mäuse, Heuschrecke, Schnecken, Käfer und andere Jnseckten, Früchte und kleine Vögel." Er hält seinen Winterschlaf, „weil im Winter ist keine Nahrung für er", „weit er hat kein Futter", ilveil er fand kein' Nahrung", „Warum er finde nicht essen" usw. Die Waffen des Elefanten sind: „Die Rüssel, die Eckzähne, die 33teite" (Beine). Daneben finden wir als seine „Wasen" die große Zehnen und Büffel (Rüssel), doch im allgemeinen sin Rüssel, Zähne und Beine rrichtig geschrieben. Der Elefant frißt Hoi (Heu), Blatter. Bläter, Kartofel, Zucker u. a. Warum kann der Strauß nicht fliegen? „Weil er hat die Flügel sehr klein und ist zu schwer und er hat in die Knochen keine Luft, er hat Mark in die Knochen und die Federn der Flügel sind gebogen." „Weil er hat ein schwerd Körper und auch weil der Feder sind kurz lund er hat |u seiner Knoten Malt (Knochen Mark) und nicht Luft wie die andere Vögel." Endlich noch die Fledermaus. Frage: Warum leidet die Flughaut der Fledermaus beim Regen nicht? „Die Fledermaus hat am Nase ein kleine Beute (Beule/ und darin sitzt das Saft wan er Regnets sie fast auf die ganze Haut <und dann das Haut wird nicht naß." Oder: „Weil er hat tu jeder Augen eine Sach mit Oel, das er reit (reibt) in die Haut wenn ist Regnen." So komisch idie Sprache der Kleinen aber auch sein mag, man sieht doch, daß sie sich wenigstens schon verständlich machen können und daß in den kurzen vier Monaten seit Bestehen der Schule viel geleistet ift, so daß Kn hoffen >st, daß am Ende des ersten Schuljahres die kleine Gesellschaft die deutsche Sprache ziemlich beherrscht. In der deutschen Schule wird auch Französisch gelehrt, und es ist entschieden bezeichnend für die hiesigen Schulen der Alliance Jsraslite, daß die Kinder, die dort bereits einige Jahre in französrscher Sprache unterrichtet worden sind, die Schriftsprache fast gar nicht beherrschen. In einem französischen Diktat kamen bei diesen Kindern folgende Fehler vor: statt mouchoir (Taschentuch) Muchua; statt: soeur (Schwester) Sere; statt soulier (Stiefel) Sulie. Die Lehrerinnen behaupten, daß unsere deutschen Kinder nach vier Monaten im Französischen bereits mehr leisten, als jene,dies chonjahrelangindie All ianeeschulen gingen, und der Beweis wird dadurch beigebracht, daß die Deutschen in den französischen Diktaten durchschnittlich 5, die alten Franzosen durchschnittlich 22 Fehler machten. Letztere hatten in der Allianceschule täglich sechs Unterrichtsstunden in französischer Sprache, bei uns durchschnittlich vier in deutscher Sprache bei drei französischen Stunden die Woche." Die Allianceleitung wird gegenüber dieser Kritik mit einigem Recht darauf Hinweisen können, daß es sich dabet um Aeußerungen von Konkurrenten handle, die ein begreifliches Jmereffe daran haben, die Leistungen des Mitbewerbers herabzusetzen. Das mag ebenso zutreffen wie daß vielleicht sogar auch noch antisemitische Institute bewußt oder unbewußt dabei ihr Spiel treiben. Aber immerhin wird man die Tatsachen, die in dem Briefe angeführt werden, nicht lediglich als Fabeln ansehen dürfen, und, Uebertreibungen schon abgezogen, bleibt immer noch genug übrig, um zu erhärten, was von orthodoxer jüdischer Seite schon so oft behauptet wurde, oaß das Schulwerk der A. I. ü. im Orient nicht nur in religiöser Beziehung alles, sondern auch in allgemein-pädagogischem Betracht vieles zu wünschen übrig läßt. Wenn sogar am grünen Holz des Französischunterrichts große Mängel hervortreten, so wird man wohl nicht unberechtigt sein zu schließen, daß in anderen, noch weniger favorisierten Fächern, vor allen in Religion, noch unzulänglicher erteilt wird. Oder sollte für das Schulwerk der A. I. U. drs Scherzwort gelten: „Religion gut, Kopfrechnen schlecht? Oder sollte der Französischunterricht etwa gar systematisch zurückgesetzt werden, um die Vorwürfe, die der A. I. U. zu Unrecht gemacht wurden, daß sie im Orient die polititischen Interessen Frankreichs besorge, ad absurdum zu führen? Nürnberg, 2. Juli. Der Vorsitzende der Landesvereins-Kommission für die Revision des Judenedikts, Justizrat Held, schreibt uns: Die von dem Landesverein für israelitische Kultusgemeinden in Bayern im vorigen Jahre eingesetzte Kommission zur Vorbereitung der Revision des Juoeneöikts von 1813 hielt bisher drei Sitzungen ab, am 1. November 1908 und 10. Juni 1909 in Nürnberg, am 27. Juni in Treuchtlingen. Die Kommission bestellte zu Referenten die Herren I ustizrat Dr. Frankenburger uno Rechtsanwalt Dr. StrauS aus München, die bis zur 2. Sitzung ihre Arbeiten erledigten, indem Herr Justizrat Dr. Frankenburger einen förmlichen Entwurf, Herr Rechlsanwalt Dr. Straus Grundsätze mit Motivenbericht der Kommission überreichten. Die Kommission kam bei ihren Beratungen einstimmig zu dem Ergebnisse, daß die Anerkennung der jüdischen Religionsgemeinschaft als einer öffentlichen Kirchengesellschafl mit Rücksicht auf die praktische Undurchftchrbarkert zurzeit nicht anzustreben ist, daß eine neue Regelung zweckmäßig unter Mitwirkung des Landtages durch Erlaß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.