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Der Israelit · 1909-07-08 · Heft 27 (8.7.1909) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 27 (8.7.1909)
Date
1909-07-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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wm Seite 6. Nr. 27 5 er Israelit 8. Juli 1909 Korrespondenzen und Machrichten. Deutsches Deich. Frankfurt a. M., 4. Juli. Durch die jüdischen Blätter macht eine Notiz die Runde, wonach die LehrguLgesellschaft in Steinhorst bei Celle — Simon-Stiftung in Hannover — ihre Anstalt zur Ausbildung jüdischer junger Leute als Landwirte in aller Kürze eröffnen wird. Bis zur Eröffnung werde auch die rituelle Einrichtung sertiggestellt sein. Wir fühlen uns verpflichtet, Eltern und Vormünder, die ihre Pflegebefohlenen zu guten Juden erzogen sehen möchten, dringend davor zu warnen, sie der genannten Anstalt anzuvertrauen. Es ist nicht nur durchaus unbekannt, welche rabbinische Instanz die Verantwortung für das nvittO der Anstalt trägt, sondern wir müssen mit ttefem Schmerze auch erklären, daß die leitende Persönlichkeit die Absicht hat, jüdische Arbeiter zur Entweihung des Sabbaths anzuhalten und „in Notfällen" auch die jüdischen Lehrlinge zu Arbeiten am Sabbath heranzuziehen. Gegenüber dem leitenden Syndikus, der in der Befreiung jüdischer junger Leute von dem Ballast der Sawbathut gewiß ein verdienstvolles Kulturwerk erblickt, scheint das eigentliche Kuratorium der Anstalt überhaupt keinen Willen mehr zu haben. Bedanerlich bleibt, daß der „Hülfsverein der deutschen Juden", gewiß in Unkenntnis dieser traurigen Verhältnisse, das Unternehmen mit 5000 Mk. subventioniert hat, und daß auch sonst von gesetzestreuer Seite unter falschen Voraussetzungen Geld für die Gesellschaft hergegeben worden ist. Frankfurt a. M., 5. Juli. Man schreibt uns aus Berlin: „In dem hochnotpeinlichen Verfahren gegen dcn Kaufmann M a r s ch a l l in Karlsruhe i. B., der auf Beranlaffung des Oberrats der Israeliten nicht nur seinen Sohn wie einen Verbrecher durch die Straßen transportiert sah, sondern überdies auch noch Geldstrafe und Kosten zu tragen hat, ist auffallenderweise eine Tatsache gar nicht zur Sprache gekommen, die wohl geeignet gewesen wäre, die Stellung des OberratS zu dem Religionsunterricht der Karlsruher Religionsgesellschaft in einem neuen Lichte erscheinen zu lasien, und damit das Schckisal der Anklage in einem für den Herrn Marschall sicherlich günstigen Sinne zu beeinflussen. Ich meine die notorische Tatsache, daß das geistige Mitglied des Oberrats, oer Herr Geh. Regierungsrat Dr. Mayer, seine Söhne nicht den Religionsunterricht seiner Gemeinde, sondern die Religionsschule der Karlsruher Religionsgesellschaft hat besuchen lassen, ohne daraus die Folgerung zu ziehen, daß er oder wenigstens seine Kinder dann auch aus der Landessynagoge ausscheiden müßten, wie jetzt im Falle Marschall so üdkrauS geistvoll in der Auslassung der „Karlsr. Ztg." auLaeführt wird. Daß die Leistungen dieser Religionsschule sich in der Zwischenzeit verschlechtert haben sollten, wird auch der Oberrat nicht behaupten wollen, denn während damals zwei, unterrichten jetzt vier Lehrer an dieser Schule, und Überdies hat der Oberrat in angeborener Bescheidenheit und Zurückhaltung ja auch erklärt, daß er diesen Unterricht nicht kontrollieren könne. Ich darf auf diese Tatsache die öffentliche Aufmerksamkeit hinlenken, ohne befürchten zu muffen, durch diese nachträgliche Denunziation Herrn Geh. Reg-Rat Dr. Mayer Geldkosten und Strafe zu verursachen, da jene Uebertretung längst verjährt ist. Herrn Marschall aber wird sie, wenn sie zur Kenntnis der anzurufenden höheren Instanz gelangt, zweifellos zugute kommen, da der Gerichtshof nicht wird umhin können, auS einer Vernehmung des Herrn Geh. RatS Dr. Mayer als Zeugen sich die Ueberzeugung zu verschaffen, daß auch der Oberrat in seinem einflußreichsten Mitglied den Religionsunterricht der Karlsruher Religionsgefellschaft trotz ihres Austritts aus der Landesshnagoge als mindestens gleichwertig mit dem normalgeaichten kennen gelernt und anerkannt hat. Dr. Ed. Biberfeld." Repräsenfanfensifjung. Berlin, 1. Juli 1909. E. Rs. Nach Zuwendung verschiedener Stiftungen zu Grabeserhaltungen u. f. d. Altersversorgungsanstalt fand die Einführung des zum Gemeindeältesten gewählten Herrn Leopold Bodt statt. Herr Louis Sachs begrüßte denselben mit ungefähr folgenden Worten: „Sie haben sich in verschiedenen Kommissionen unserer Gemeinde besonders als Vorsteher der Altersversorgungsanstalt auf das beste bewährt und wenn Sie jetzt die Stelle unseres unvergeßlichen W. Lachmann einnehmen, so haben wir Ihnen eine starke Vermehrung der Arbeit auferlegt, wir hegen aber das Vertrauen zu Ihnen, daß Sie sich auch diesem schweren Amte in Liebe unterziehen werden." — Durch die Zeitungen ging dieser Tage eine Notiz, daß die Charlottenburger Juden sich von der Berliner Gemeinde trennen wollen. Auf eine Interpellation an best Gemeindevorstand teilt Herr Netter mit, daß eine solche Absicht nicht bestehe. Was die Anlegung eines Friedhofes in Charlottenburg betrifft, so sei es der hiesige Gemeindevorstand, der mit Charlottenburg verhandelt habe, die Verhandlungen haben aber kein Resultat gehabt. In absehbarer Zeit würde aber in dortiger Gegend ein Terrain für diesen Zweck angekauft werden. Berlin, 1. Juli. Zum Nachfolger Dr. Barths als Vorsitzenden des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus ist durch Beschluß der Mitglieder des engeren Vorstandes der Reichstagsabgeordnete Bergrat a. D. Georg G o th ei n gewählt worden. E.ö. Berlin, 27. Juni. Heute vormittags 11 Uhr fand im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde, Rosenstr. 2—4 die General-Verlung (Delegiertentag) des Vereins „Esra" (zur Unterstützung ackerbautreibender Juden iu Palästina und Syrien) statt. Der Vorsitzende, Herr M. Dorn erstattete den Verwaltungsbericht des Centralkomitees, der konstatierte, daß auch im Berichtsjahre die Tätigkeit des Vereins sich in den alten Bahnen bewegt habe. Das Schmerzenskind des Vereins sei noch immer die Kolonie Ben Jehuda, wo es noch immer nicht gelungen sei, trotz fortgesetzter Bemühungen, die Auseinandersetzung der Besitztitel für das inr Gemenge mit Arabern liegende Terrain durchzuführen. Mehr Freude gewähre das Unternehmen in Kufersaba, wo für zunächst 4 Arbeiterhäuser je 2300 Frs. verausgabt wurden/ eine Aufgabe, die in der Zukunft den Verein noch lange beschäftigen werde und segensreiche Ergebnisse verheißen. Im Anschlüsse an diesen Bericht gibt Herr Dr. P. Schottländer Namens des von ihm verttetnen Schlesischen Lokalverbauds eine Erklärung zu Protokoll, daß nachdem 8 Jahre darüber hingegangen sind, ohne daß die Verhältnisse in Bnei Jebuda die versprochene Klärung gefunden, der Schlesische Lokalverband beschlossen habe, falls bis zur nächsten General- Versammlung diese Klärung nicht erfolgt sein sollte, aus dem „Esra" auszuscheiden und an eine gleichartige Organisation Anschluß zu suchen. Herr Consul Friedemann sucht demgegenüber nachzuweisen, daß das Centralkomitee in dieser Angelegenheit seine Pflicht getan habe, und daß die Verzögerung in den schwierigen Verhältnissen begründet sei. In gleicher Weise äußern sich die Herren Prof. Marburg, Turo st und Dr. H. Hildesheimer, welch letzterer gegenüber dem in der Debatte hervorgetretenen Vorschlag, Bnei Jehuda auszugeben, daran erinnert, daß der „Esra" nicht aus freier Entschließung s. Z. an die Bnei Jehuda-Angelegenheit herangetreten sei. Die Kolonie sei von den englischen „Chowewei- Zion" mit Juden aus Safed gegründet und von dieser Seite ein Kapital von ca. 80000 Francs hineingesteckt worden. Als ihre Kräfte nicht mehr ausreichten, sei der „Esra", um das Geld zu retten, eingesprungen, und wenn er sich zurückzöge, seien nicht nur die von dem „Esra" hineingesteckten ca. 15000 Frcs., sondern auch jenes große Kapital verloren. Schließlich kam eine Uebereinstimmung dahin zustande, daß das Centralkomitee aufgefordert werden solle, die Angelegenheit mit aller Energie zu betreiben/ falls aber bis 1911 ein günstiges Ergebnis nicht erzielt sei, solle die Sache aufgegeben werden. — Der Kassenbericht, der mit M. 35 725.65 in Einnahmen und Ausgaben bei einem Bestand von von M. 9155.35 abschließt, wird, nach Berichterstattung durch Herrn I. H. Wagner namens der Revisoren genehmigt und Decharge erteilt. In das Centralkomitee werden die ausscheidenden Mitglieder Dr. V. Caspari, Barth, Israel, Willi b. Löwenthal, Dr. E. Mittwoch und Prof. Marburg und ebenso die Revisoren M. Apolant und Dr. H. Wagner einstimmig wiedergewählt. — Anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des Vereins wird Herr M. Dorn, der seit 20 Jahren in ihm den Vorsitz bekleidet, zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt. Mit Dankesworten schließt der Vorsitzende die Versammlung. vtt DJ6B. E. B. Berlin, 29. Juni. Mit dem heutigen Tage hat der Deutsch - JsraelitischeGemeindebund dasSchwabenalter erreicht / am 29. Juni 1869 trat in Leipzig der erste israelitische Gemeindetag zusammen, der nach Ablehnung eines Antrags Geiger auf Verschmelzung mit der gleichzeitig dort tagenden Synode eine selbständige Organisation der jüdischen Gemeinden Deutschlands — damals noch ein geographischer Begriff — beschloß und einen Ausschuß mit Moritz Kohner an der Spitze zur weiteren Behandlung der Angelegenheit einsetzte. — Ist auch ein vierzigster Geburtstag nach konventionellen Anschauungen nicht ein gegebenes Datum fürJubiläumsftimmungen und -refiexionen, so legt doch die verhängnisvolle Rolle, die in ttautem Verein mit seinem Rivalen, dem Verbände der deutschen Juden, der DJGB. gerade in der allerletzten Zeit im Leben der Preußischen Judenheit mit seinem Organisations-Entwurf spielte, den Gedanken nahe, auch diese Gelegenheit zu einer Rückschau auf seinen Werdegang zu verwerten. Der DJGB. hatte von vornherein gewiß keinen Anlaß, sich über die Aufnahme, die er in orthodoxen Kreisen fand, zu beklagen. In seiner Nr. 30 schrieb damals der „Israelit", das einzige Organ, über das derzeit die Orthodoxie verfügte, im Anschlüsse an das Gründungsprotokoll und nach einer Kritik gewisser Vorkommnisse auf dem ersten Gemeindetage folgende programmatischen Worte: „Wir haben im Prinzip nichts gegen die Gründung und Gestaltung eines jüdischen Gemeindeverbandes einzuwenden/ aber dieser Gemeindetag erfüllt uns mit gerechtem Mißtrauen. Sollte sich jedoch der Verein besser gestalten, als wir es befürchten, so werden wir gerne bereit sein, das Gute anzuerkennen." Und im nächsten Jahre schrieb dasselbe Blatt an der Spitze eines Berichtes vom zweiten Gemeindetage (Mai 1870) in Nr. 21 Folgendes: „Es scheint in der Tat, wie wenn der „Gemeinde- Tag" sich ernstlich fern von religiösen Fragen halten wollte .... Uns ist selten eine uneigennützigere und verdienstlichere Agitation (sc. als für den Gemeindebund) vorgekommen, und da dieses ebenso großartige und heilige als .ckwierige Werk schon in den ersten Tagen seines Entstehens nicht nur mit Gleichgiltigkeit, sondern sogar mit Verkennung und Enstellung seiner wahren Zwecke zu kämpfen hat, so ... . Diese Proben werden genügen, um zu beweisen, daß die Otthodoxie von Anfang an den DJGB. nicht nur nicht gegnerisch gegenübenstand, sondern sich gar zu seiner Verteidigung gegen Verkennung und Verketzerung berufen sah. *) Wegen Raummangels verspätet. Red.

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