Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1909)
- Date
- 1909-07-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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vw gramp> 18. März 1838 mit, daß folgende Beschlüsse von ihm gefaßt worden seien: „1. Es soll baldmöglichst an unserer Gemeinde ein Rabbinatsaffeffor berufen werden, welcher außer den Funktionen eines Dajan das Abhalten deutscher Borträge übernimmt. 2. ES soll bei dieser Konkurrenz namentlich auf strenge Religiosität, gründliche talmudische Kenntnis und au' eine vollständige wissenschaftliche Bildung Rücksicht genommen werden. 3. Die amtliche Stellung des gegenwärtigen Oberrabbiners Herrn Ttktin soll durch die Berufung eines Neuen Dajan auf keinerlei Weise beschränkt ober beeinträchtigt werden." Geiger wurde berufen und gefiet glänzend. Um nun die Bedenken der altgläubigen Mitglieder der Wahlkommissiön zu beseitigen und eine möglichst einstimmige Wahl zu erzielen/ wurde vertraulich versichert, daß^) „der Titel eines Dajan in dem vorliegenden Falle blos nominell sei, um den Forderungen zu genügen, indem der Mann der Wahl mit gediegenen Kenntnisien und freier wiffenschaftlicher Einsicht aus eigenem Antriebe sich von der Ausübung veralteter, herkömmlicher Gebräuche und der dem Dajan zustehenden Amtsverrichtungen in rituellen Dingen fernhalten werde." Geiger wurde gewählt uud zwar mit der ausdrücklichen Beschränkung, daß er sich als Rabbinatsaffeffor aller Ritual-Entscheidungen zu enthalten habe.') In seine Bestallungsurkunde vom 2. Januar 1840 wurde der Passus hineingesetzt, daß er für die ersten zwei Jahre von allen Ritual-Entscheidungen befreit sei.^) Man glaubte durch diese vertragliche Bestimmung den Hauptanstoß, der zu Zwistigkeiten führen konnte, aus der Welt geschafft zu haben. Allein diese Bestimmung war sehr dehnbar, da verabsäumt worden war, sie zu interpretieren, insbesondere festzustellen, ob darunter auch die Vornahme jüdisch religiöser Akte zu verstehen sei, welche untrennbar von kasuistischen Ritualentscheidungen abhängig sind, wie z. B. Ehescheidung und Chaliza. Bei diesem Punkte brach nun der Kampf aus. Denn Tiktin weigerte sich, mit Geiger kollegial zu amtieren. Zwar lehnte er auch bei Trauungen ein gemeinsames Fungieren ab. Als etwa vier Wochen nach Geigers Amtsantritt eine Trauung stattfinden sollte, bei welcher der Wunsch von den Beteiligten ausgesprochen wurde, daß Tiktin den Trauakt vollziehen, Geiger aber die Trauredc halten möge, weigerte sich Tiktin mit Geiger gemeinsam zu amtieren. Diese Differenz wurde jedoch auf einfache Weise beseitigt, indem es in das Belieben der Gemeindemitglieder gestellt wurde, die Trauungen entweder von Geiger oder von Tiktin vollziehen zu lassen. 0 Entgegnung auf den Bericht S. 5. ') A. Z. d. I. 1842 S. 320. a) Leben in Br. S. HO. xiü. Schwieriger lag die Sache bei Ehescheidung und Chaliza. Für diese ist nach den Bestimmungen dös Religionsgesetzes im allgemeinen ein aus drei Mitgliedern bestehendes rabbinisches Kollegiuni notwendig. So selten diese Fälle auch waren, und so willkommen es Geiger hätte sein müssen, gerade von diesen Funktionen, bei denen eine Fülle von minutiösen Satzungen und Formen zu beachten war, dispensiert zu sein, so bestand er, um vor der Oeffentlichkeit seinen Rabbiner-Charakter zu dokumentieren, doch darauf, zu diesen Akten als rabbinischer Beisitzer hinzugezügen zu werden, obwohl ihm von vorneherein klar war, daß Titkin sich dazu nicht verstehen würde. Üeber die Gründe, die ihn davon abhielten, darauf zu verzichten, spricht sich Geiger folgendermaßen aus:^) „Ich bekenne frei und offen, daß ich in eine Berzichtleistung auf diese amtlichen Funktionen nicht hätte willigen können. Nach der Stellung der Rabbiner in Preußen, wo eine Bestätigung von der Behörde nicht stattfindet, Trauungen durch einen Juden vollzogen werden können, die Anfragen über rituelle Zweifel, die natürlich, ganz und gar dem Zutrauen der Einzelnen überlassen bleiben, die sich auch an Privatleute damit wenden können, ist die einzige Handlung, welche für die Gememöe den Rabbiner als solchen charakterisiert, eben die Bornahme dieser zwei Funktionen, und wenn ich diese ausgegeben hätte, so hätte ich selbst damit meinen Charakter als Rabbiner ausgehoben. Wäre es nun ein blos persönliches Opfer gewesen, das von mir in jener Aufgebung des Rechts verlangt worden wäre, ich hätte es gern dem Frieden der Gemeinde gebracht.Allein eben so im Interesse des ganzen, vollen ererbten Juden- 'ums, wie im Jnterefie für den Gemeindesrieden und die Vermeidung von Spaltungen, habe ich die Trennung der einzelnen geistigen Verrichtungen unter verschiedenen Perönen, einen Rabbiner und einen Prediger, für sehr nachteilig und für ein Auskunftsmittel und eine Halbbeit, deren Aufnahme einer früheren Periode, welche sich nicht anders zu Helsen wußte, angebört. Durch eine solche Teilung wird näntlich das religiöse Leben im Judentume geradezu in zwei Hälften gespcuten, in eine abgelebte, die vom Rabbiner, und eine lebendige und belebende, die tum Prediger repräsentiert wird, und eine solche Trennung muß natür ich dem Judentum in sein r Ganzheit die Achtung der eigenen Bekenner entziehen, sie ist geeignet, den Jndifferentismus zu verewigen un ■ den organischen Fortschritt zu Verbindern. In der Gemeinde muffen dacurv notwendig zwei Parteien erhalten werden: die eine, welche dem Rabbiner sich anschließt, betrachtet den Prediger als einen Ungläubigen, die Anhänger des Predigers betrachten den Rabbiner als einen unwiffenden Finsterling, woraus dann am Ende das innerlich aufgenommene Schisma ba d auch äußerlich sich bilden müßtewie kann da wahres Heil für das positive, geschichtliche Judentum erwartet werden?" Diese Darlegungen Geigers, in denen er vor der Oeffentlichkeit erklärt, daß seine innere Ueberzeugung von dem, was für das Heil des positiven geschichtlichen Judentums notwendig sei, es ihm verbiete, aus die Rabbinatsfunktionen bei der Chaliza und der Ehescheidung zu verzichten, 4) Ansprache an meine Gemeinde. Nachgel. Schr. S. 68 f. wirkten geradezu verblüffend. Sie müffen als durchaus unwahre bezeichnet werden. Das Gegenteil von dem, was er sagt, ist in Wirklichkeit der Fall. Wenn man seine mannigfachen, oben zitierten, absprechenden und feindlichen Aeußerungen über das Zeremonialgesetz vergleicht, so ergibt sich daraus für jeden objektiv oenknden der zwingende Schluß, daß seine religiöse Ueberzeugnng es ihm hätte verbieten müffen, sich an Amtshandlungen, wie Chaliza und Ehescheidung, in den herkömmlichen traditionellen Formen überhaupt zu betelligen. Er selbst hatte in einem Aufsatze über „Die Stellung des weiblichen Geschlechts in dem Judentum unserer Zeit" (W. Zeitschr. f. j. Th. 1837 S. 1 f.) für die Aufhebung der Chaliza plädiert, weil dieselbe „mit allen diese Zeremonie begleitenden widrigen Nebenumständen ganz ohne Sinn sei" (S. 10). Geltenden Gesetze üoer die Ehescheidung und die Chaliza hatte er darin als „abgestorbene, aber noch mit ihren Leichenhänden die Gegenwart umklammernde Anordnungen" (S. 10) bezeichnet. In derselben Zeitschrift hatte er einem Arttkel „Ueber die Leviratsehe" Aufnahme gewährt, in welchem der Berfaffer unter Berufung auf Geiger von der Chaltza sagt (IV. S. 61 f.): „Gewiß muß es daher der Wunsch eines jeden iSraelittschen Geistlichen fein, welcher für oie Ehre seiner Religion begeistert und von dem Wunsche beseelt ist, sie aus ihrer Versunkenheit gehoben zu sehen, daß eine Zeremonie, die keinen Sinn und keine Bedeutmrg mehr hat,. gänzlich abgeschafft werde " Ueber diesen Artikel hatte sich Geiger in einem Schreiben an Dernburg (6. Dezember 1837 A. Z. d. I. 1896 S. 237) ausgesprochen, in welchem er die Vorschläge, einzelne Gesetze abzuschaffen, übertrumpft und als nicht weitgehend genug beklagt: „. . . . Chaliza: aber lieber Himmel lcmter Einzelheit, die nichts nützt, es muß eine Totalumformung sein." Und um dieselbe Zeit, in der seine Ueberzeugung sich angeblich dagegen auflehnt, daß in Breslau religionsgesetzliche Akte ohne seine Mitwirkung vollzogen werden sollten, schreibt er an Dernburg: „Wohlan der Mann, der doch nicht blos Theoretiker, sondern prakttscher Geistlicher ist, der trete doch nun auf nnd schaffe die Schochtim ab, laffe die Mtkwes zuwerfen und dergl., was wird da für Geschrei sein, nicht blos bei seinen Pfarrkindern,.sondern auch bei den Gebildeten, die sich selbst darüber hinwegsetzen, aber in diesen Negationen nicht das Pofittve erkennen, jetten wahrhaft imponierenden, gewalttgen Geist der Wahrheit." (An Dernburg 22. Nov. 1840. A. Z. v. 1.1806. S. 283.) Wie unwahr ist es doch, wenn Geiger, der olche Gesinnung hegt, sich in der Oeffentlichkeit ruf seine Ueberzeugung beruft, die eS chm verbiete, dem Friesen das Opfer des Berzichtens aus die Ausübung der Chaliza zu bringen. (Fortsetzung folgt.) Ref$e-Brief aus der 5cbmir. ii. Heine, der geniale Spottvogel des deutschen Tirhterwaldes, beginnt die Schilderung seiner Italien- Reise mit einer milden Persiflage des philisterhaften Gesprächstones, der stets mit. der „schweren Witterung" eröffnet wird. Und doch must Ihr Korrespondent, selbst auf die Gefahr hin, des Philistertums geziehen zu werden, heute vom Wetter zu reden beginnen, denn es ist für die Jnnenschweiz während der Sommermonate geradezu eine Existenzfrage und bildet in der diesjährigen Saison das allgemeine Gesprächs- und Klage-Thema aller Touristen und Bergsteiger. In der Tat hat der Rigi selten 'ein so tieftviriterliches Gesicht gemacht, wie in den zurückliegenden Junitagen, so weit der Horizont reicht, eilt förmliches Schneegestöber, zwischendurch ergiebige Regengüsse und die elegische Stimmung macht sich allenthalben Luft: Ein erbärmliches Wetter! Ich sage zu meinem Reisegefährten, es ist sicher auch eine unserer Schwächen, daß jede Mistlaune der Natur oder des (Geschickes aus unsere Gemütsverfassung deprimierend eintvirkt. „Wissen Sie, warum wir gerade in den «unfreundlichen, schyee- und eisumstarrten Wintertagen das Frühling kündende 'VL2 '2*12 lesen, >vährend in der frohen, blühenden Sommerzeit die Sprüche der Väter unsere Lektüre bilden? Wenn die N a t u r schweigt, soll die Seele reden: Unsere heilige Lehre bietet auch im Winter so viele herrliche, unverwelkliche Geistesblumen, die kein Sturm entblättern, kein Frost töten kann, und die das Menschenherz veredeln und ihm alle Unbilden der Witterung vergessen machen. Umgekehrt gemahnen die tiefsinnigen Sentenzen unserer großen Weisen ty') in einer Zeit hervordrängenden Natur- und Trieblebens an die im Anblick reick-blühender Vegetation schnell vergessene Wahrheit, daß „der Tag kurz, die Arbeit des Lebens aber groß ist." Sie sehen also, daß selbst unsere Liturgie dem gottesfürchtigen und andachtsvollen Beter des Lebens Zweck zu erklären sucht." In unserer Näl>e scheinen zwei junge Herren Zuhörer unserer Unterredung gewesen zu sein, denn sie bezeugen meiner Wetterbetrachtung ein offenbar spöttisches Lächeln. Die Ermittelung der Personalien bestätigte meine Vermutung: Russische jüdische Studenten, welche an der Alma Mater zu Bern immatrikuliert sind, um die eingesogene Weisheit nach der Heimat, welche ihren Bildungshunger nur prozentual befriedigt, zu importieren. Tie Schweizer Universitäten sind von ihnen noch ziemlich stark bevölkert, wiewohl in jüngster Zeit, um den fremdländischen Andrang zurückzudämmen, wieder erschwerende Aufnahmebedinlmgen gestellt wurden. Ein Glück für unser Judentum bedeuten diese Bildungsbeflissenen leider nicht. Ihre Legitimation ist ein spöttisches Lächeln, wenn ein jüdisches Thema eröffnet wird, eine Kvntraverse halten sie für überflüssig, und ihr Kamps gilt der Religion der Väter. Die Vertreter des unheilvollen „Bund" haben in ihnen ihre unentwegtesten Kämpen. Eine Illustration für die verheerenden Wirkungen dieses Kartells ist die Tatsache, daß die Mitglieder sogar von ihren Eltern sich losgesagt haben, weil letztere mit ihrem Denken und Fühlen noch ganz im jüdischen „Altertum" wurzeln. 4tur der Allgütige sieht die Tränen und Schmerzen dieser bedauernswerten Väter und Mütter. Woher dies kommt? Eine Ursache ist oie, daß auch in dem früher glaubenstreuen Rußland bei der jüngeren Generation ein Umschwmtg zum Modernismus mit seiner alle Autorität verleugnenden Tendenz sich vollzieht, der bei jenen jungen Herren in den Schweizer Hochschulen zum notorischen Atheismus sich gestaltet. Eine Reminiszenz ernärt mir die gekennzeichnete Wandlung in Geist und Gemüt mit restloser Gewißheit. Ich vergesse es nicht, wie ich einst im Hörsal im Kreise junger Theologen saß, und der Dozent in einem Kolleg über die Malmen seine Pfeile gegen den Rabbinismus niedersausen ließ. Jedes 2'?I21 ’Hp wurde als korrupter Text behandelt und die wunderbaren Erklärungen unserer Weisen verspottet und verlacht. Wie turmhoch stehen doch unsere unsterblichen Meister über solch öden und langweiligen Honorarprofessoren, die den Perlenglanz unseres jüdischen Heiligtums mit ihrer bioelkritischen Afterweisheit zu verdunkeln suchen. Uebrigens muß ich bei dieser Gelegenheit einer interessanten Episode gedenken, die meine Studienzett mir ins Gedächtnis zurückruft. Einer der Studierenden siel ganz besonders durch reiche Kenntnisse auf jüdischem Gebiete aus, im Talmud, Midrasch und der Bibel wußte cr in gleicher Weise gut Bescheid. Ich konnte mich nicht enthalten, zu fragen, wo die ergiebigen Quellen seiner Vielseitigkeit im Bereich des Hebräischen entsprangen, da er doch Christ sei. „Ja, antwortete er. mein Vater war Judenmissionar, um diese harten jüdischen Köpfe zu überzeugen, müsse man schon gut beschlagen sein." Ja, diese harten Kopfe der Juden, dachte ich, und dieses weite Gewissen der Missionare, welche aus so unmoralische Art, in jedem jüdischen Elcndviertel auch heute noch, Seelenfängerei treiben. F.