Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1909)
- Date
- 1909-07-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Rr. 97 Seite 4 8. Jult 1909__ sich auch mit der „Schmach des Jahrhunderts" als mit einer im gegenwärtigen Stand des Kulturlebens begründeten Erscheinung abzufinden weiß, durch diesen Badeantisemitismus keinen Schaden an seiner Selbstachtung und seinem Ehrgefühl nehmen kann. Und vielleicht wird mancher jüdische Badegast gerade durch diese Zeichen und Winke nicht nur gekräftigt am Körper, sondern auch gestärkt in seinem Zugehörigkeitsgefühle zum eigenen Stamme, vor allem in seinem jüdischen Empfinden heimkehren. Hbradam Seigrr'r religiöser Lbarairter. Bon Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. (Fortsetzung.) Um ein zweites Beispiel anzusühren: G r ä tz hatte ein wissenschaftliches Werk Geigers s a chl i ch rezensiert und mehrere w i s s e n s ch a f tliche Einwendungen gegen einzelne Punkte erhoben. Geiger schrieb nun dagegen eine ausführliche Antikritik, die mit dem Jnvektivcn schließt:8) 9fr. io. „Ich habe einen schrveren Weg durchgemacht, durch Kot und (Gestrüppe, und ich habe an den einsichtigen Leser dasselbe Verlangengestellt; es hat nrich lieber- Windung gekostet, auf jene verworrenen Aeußernngen der Nnwissenschaftlichkett, der vulgären Borniertheit und der böswilligen Verdrehung einzugehen, Heber- Windung gekostet, der Verachtung nicht vollen;){attm im Mlsdruck gut geben, welche mir der gänzliche Mangel an Gefühl für Wahrheit und Anstand, der Cynismus in Wort und Tat einflößt. Jenes Aufschuüffeln und Rapportieren, das Verschweigen und Entstellen, die ganze Art einer Rezension, eineni Buche von Leite zu Seite zu folgen, die Leistungen unberücksichtigt zu lassen, da, uw man einen Irrtum entdeckt zu haben wähnt, mit dem grenzenlosesten Hochmute, mit knabenhafter Anmaßung über den Verfasser herzufallen, den Leser zu blenden und die Fragen der Wissenschaft in den Kot zu ziehen. Dieses unsittliche Verfahren ist ekelhaft, und deshalb mochte ich nicht gern demselben begegnen. Aber ein Mal mußte es dennoch geschehen, es mußte einmal die ganze Gemeinheit und Hohlheit aufgedeckt werden, um dann für immer ihr aus dem Wege zu gehen. Mag der Rezensent nunmehr seine Bahn weiter verfolgen, mag er ferner die Wissenschaft mißbrauchen, um persönlicher Gehässigkeit zu sröhnen, mag er ferner als Wegelagerer lauern, um eine Schwäche zu erspähen und mit vergifteten Waffen anzudringen, mag er ferner darauf rechnen, daß Verläumdung und Verkleinerung bei dein unkundigen Leser nicht ganz ihres Zweckes verfehlen werde, daß die Klatschsüchtigen an dem Skandale sich ergötzen, mag er gm Schimpfen und in hämischen Verdächtigungen sein religiöses Ideal erblicken, ich Mn 8j Literaturblatt zum Jsr. d. 19. Jahrh. 1846. _Der Jsrarltt._ zu sehr von der höheren Würde der Religion und der Wissenschaft erfüllt, als daß, ich einem solchen Unwesen entgegentreten werde. Folge jeder seiner Natur. Es hat zu keiner Zeit an einem „Thersites" gefehlt." Ich habe diese Ausführungen vorweggenomnren und trotz ihrer Ausführlichkeit wörtlich zitiert, weil sie für Geigers leidenschaftlich persönliche Kampfesweise bezeichnend sind und ein ungefähres Bild für die rücksichtslose Art liefern können, wie Geiger dort auftrat, wo seine Person in Frage kam.9) XII. An der Spitze des Breslauer Rabbinats stand damals Salomon Abraham Tiktin, geb. 1789, ein Rabbiner alten Schlages, der ganz im rabbinischen Judentum wurzelte und das Heil des Judentums in der genauesten Jnnehaltung des Religionsgesetzes und der althergebrachten Formen erblickte. Er war als eine talmudische Autorität anerkannt und genoß nicht nur bei seiner Gemeinde, sondern auch darüber hinaus das höchste Ansehen. Zu seiner Charakterisierung wird es genügen, das von der radikalen Reformzeitung: „Der Jsr. des 19. Jhrh." (1843 S. 64) über seine Persönlichkeit gefällte Urteil zu zitieren: „Er war ... mit großer Liebenswürdigkeit, mit Freundlichkeit gegen alle, die ihm nahten, aus' gestattet/ auch der geringste Gedanke von Eigennutz war seiner Seele fremd/ irdische Güter 9) In einer Artikelserie int „Jsr. d. 19. Jahrh." über „Breslauer Zustände" unterzeichnet von A. E., worin der Geiger-Tiktinsche Streit behandelt wird, heißt es zwar (1844, S. 160): „Daß in Geigers Persönlichkeit mrd persönlichem Verehr etwas Anschmiegendes, Versöhnliches, Konvenierendes liegt, darf Wohl bei aller Unparteilichkeit gesagt werden. Wer durch philosophisch-theologische Studien zur Selbst-Betrachtung wiederholentlich geführt wird, wer für das Abhalten von Predigten immer nur seine psychologische Beobachtungetr und zwar zunächst an sich selbst zu machen hat, die Mangelhaftigkeit des Menschen, so lange er losgerissen von Gott ist, tief zu erfassen gezwungen wird, ist es für den ein so großes Verdienst bescheiden und nachsichtig zu sein, daß die Anwendung dieser Eigenschaft von ihm nicht ausgesagt werden dürfte? Während er in der Wissenschaft nur als Schriftsteller keine Person beachtet, die Sache ins Auge faßt, gleichviel wie der Eine oder Andere davon berührt wird, ist ihm im lebendigen Verkehr die Person, mit der er gerade verkehrt, besonders wichtig, und es ist ihm die dringendste Aufgabe, soweit es nur irgend höhere Anforderungen gestatten, nicht zu verletzen." So weit der Anonymus A. E., der seine ll nparteilichkeit Geiger gegeniiber ausdrücklich hervorhebt und einige Ze'len weiter (S. 61) schreibt: „Ich muß gestehen, ich habe zuweilen ein recht inniges Mitleiden mit Geiger gehabt." Allein man wird noch einigermaßen verdutzt über die Unparteilichkeit von A. E., wenn man zufällig erfährt, daß dieser A. E. kein anderer ist' als Geiger selbst, der unter solcher Maske für sich selbst Stimmung machen will. Vgl. Led. i. Br. S. 175. Anmerk. waren ihm wertlos, und nur dem heiligen Glauben seiner Väter war sein ganzes Leben geweiht." Anfang des Jahres 1838 reichten hundert und zwanzig der angesehensten Mitglieder der Gemeinde beim Obervorsteher-Kollegium eine Petition ein, es möge ein den modernen Anforderungen entsprechender Prediger von der Gemeinde angestellt werden. Die treibende Kraft dieses Antrages war der bereits erwähnte Dr. Freund, welcher sein Augenmerk auf Geiger gerichtet hatte. Das Obervorsteher-Kollegium stimmte der Petition zu und richtete an Tiktin folgendes Schreiben: „Wohlgeborener, hochgeehrter Herr Oberrabtner! . . . Wir wiederholen und geloben unsrerseits auf das feierlichste, baß wir in unserer Berufstellung als Gemeindevorsteher der gegen die Gesamtgemeinde übernommenen Verpflichtung stets eingedenk bleiben wollen, in keiner Weise irgend eine Verletzung der Wesentlichkeit des bisher üblichen Gottesdienstes gestatten und bei der Anstellung des qusesl. Redners darauf sehen werden, baß die Wahl einen Mann tteffe, der durch seinen religiösen Lebenswandel der Zustimmung von Ew. Wohlgeboren sich zu erfteuen imstande sein bfirfie. In Erwartung, daß Ew. Wohlgeboren die Güte haben wollen, uns dero WillenSmemung wo möglich auf bas baldigste gefälligst zukommen zu lassen, verharren wir mit Hochachtung Ew. Wohlgeboren ergebmste - Das Obervorsteher-Kollegium der htefigen isr. Gemeinde. BreSlau, 33. Febr. 1838." Auf dieses Schreiben antwortete Tiktin: „Auf Ihre geehrte Zuschrift vom 33. beehre ich mich erg. zu erwidern, daß, wenn ich auch die edle Absicht der würdigen Herren Repräsentanten unserer Gesamtgemeinde nicht verkenne, kann ich dennoch in keiner Art einer Neuerung beistimmen, die sich mit den Prinzipien unserer Religion keineswegs verträgt, auch nicht geeignet ist, den Frieden der Gemeinde zu erhalten, vielmehr nach meiner durch einen Zeitraum von siebzehn Jahren meines RabbinatS gewonnenen festen Ueberzeugung eine Spaltung in derselben unvermeidlich Hervorbringen muß. Ich flehe zum Allmächtigen, daß er den seit kurzem bei einem Teil unserer Gemeinde rege gewordenen Religionsetfer zur Aufrechterhaltung des Wesentlichen unserer Religion lenken möge, damit solche von den leeren modernen Formen nicht verdrängt werde, und baß fie, wie sonst, genannt werde Stadt der Gerechtigkeit und Glaubenstreue. Mit vorzüglicher Hochachtung verharre ich uiw. Breslau, den 1. März 1833." Tiktin legte also gegen die Anstellung eines modernen Predigers Protest ein. Dieser Protest war, man mag objektiv darüber noch so absprechend urteilen, vom subjektiven Standpunkte. Tiktins aus der ehrliche Ausdruck einer aufrichtigen und lautern religiösen Ueberzeugung, die diesen Plan für eine dem Judentum gefährliche Neuerung hielt. Es muß übrigens auch bezweifelt werden, ob es ihm, wenn er sich dem Projekt des Vorstandes willfährig gezeigt hätte, möglich gewesen wäre, einen Einfluß auf die Wahl zu gewinnen und die Anstellung Geigers zu verhindern. Der Vorstand ging über den Protest zur Tagesordnung über und teilte Titkin unter dem R e w a c h wehazolo jaamaud mimokaum a c h e r." Da hals aber bei der energischen Frau keine Widerrede. Aach aus seine jüdischen Zitate wußte sie zu erwiedern. „Weißt Du nicht, was bei Josef steht? Waascher hu ausseh haschem mazliach.“ Wenn der Mensch nichts tut, dann kann ihm auch «nichts gelingen, also geliebter Mann, rüste Dich zur Reise." 3loch mancherlei Einrede hatte Rabbi Alexander, aber die kluge ltzefährdin tvußte sie alle zu widerlegen und so bekam der Rabbi 10 000 :Nubel in seinen Kaftan genäht, einen Osserterlbrief ließ die tapfere Frau durch einen christlichen Schreiber auf Russisch schreiben, der dort abgegeben werden mußte und in dem die Preise noch nicht ansgesüllt waren. Diese konnten sich ja je nach dem Umständen noch ändern. Alsdann wurde die Equuipage angespannt und fort ging es am frühen Morgen, bis man nach mehrmaligem Pferdewechsel abends spät in einer kaiserlichen Posthalterei Rast machte. Es war im Cheschwan, wurde also schon sehr früh Nacht und wie es in dortiger Gegend zu sein pflegt, war es auch schon recht kalt. Die.Posthalterei, die einsam an der Chaussee stand, und in der selten Gäste übernachteten, hatte zu diesem Zwecke nur ein, allerdings sehr großes und gut aus gestattetes Zimmer im Obergeschoß, das dem Rabbi zur Verfügung gestellt wurde. Der Posthatter, selbst ein Glaubensgenosse, hatte von Rabbi 4l)lexander und dessen Gelehrsamkeit schon gehört und er tat dem vornehmen Gaste alle Ehre an. Außer dem selbstverständlichen Samo Var brachte er auch noch an LeckerbissM Her- Her, alles was er irgendwo sorgsam berschlossei'st J&tt. Rabbi Alexander machte es sich bequem. Mtchdenr er einige Glas heißen Tees und etwas Gebäck M sich genommen, ließ er durch feinen Diener den Handkoffer öffnen und eine kleine Gemoroh, einen Jan re Deoh usw. auf dem Tisch ausbrciten. Bald war er^ wieder in sein Studium versunken und alle ^ubmissioneit der Welt waren für ihn vom Erdboden verschwunden. Da ereignete sich etwas, was sonst in der Posthalterei nur alle Jahr höchstens einmal vorkam, ein zweiter Gast fuhr vor und verlangte ein Zimmer. Der Posthalter befand sich in der größten Verlegenheit, denn der neue Gast war kein geringerer, als ein russischer General. Der freundliche Leser, der in einem Lande ausgewachsen ist, in dem die französische Revolution und nach ihr der große Korse schon vor länger denn hundert Jahren alle mittelalterlichen Einrichtungen hinweggefegt, in dem wenigstens in der Hauptsache kein Unterschied gemacht wird, zwischen Mensch und Mensch, macht sich keinen Begriff, ivelcher Abstand noch vor 50 Jahren zwischen einenr Juden und einem General in Rußland bestand. Ein General konnte sich einem Juden gegenüber einfach alles erlauben und Straffreiheit war ihm von vorneherein gesichert. Trotz alledem konnte sich unser Posthalter nicht entschließen, dem energisch drängenden Offizier Folge zu leisten und seinen früheren Gast aus dem Zimmer zu vertreiben. Die Ächtung vor der Thora und ihren Trägern war in jenen Zeiten noch zu groß, sodaß der Wirt es für eine große Sünde gehalten hätte, wenn er dem „Talmid chochom" in irgend einer Weise zu nahe getreten luftre. Er bat also den General bei ihm unten in der Poststube zu verweilen. Da war aber der General nicht dafür zu haben. „Wenn Du den Juden nicht augenblicklich hinauswirfft, so hast Du die längste Zeit die.Post gehabt," rief es wütend. Das Drohen hals ihm aber nichts. Das einzige, zu dem der Jude sich herbeilassen 'wollte, war, daß er seinen Gast frug, ob er nichts dagegen chatte, wenn der Neuangekommene mit ihm das Zimmer teile. Rabbi Alexander sowohl wie der Offizier waren damit einverstanden und letzterer zog in die nunmehr gemeinsame Stube ein, tvo er den Rabbi höflich begrüßte und um die Erlaubnis bat, sich hier anfhalten zu dürfen. lieber die ganze Erscheinung des Rabbi, der da tiefgebeugt über seinen Büchern saß und „lernte" war der alte' Haudegen auf das angenehmste enttäuscht. Er glaubte irgend einen unsauberen Straßeuhändler vorzufindeu, der ohne Anstand laut schnarchend auf der Bank lag, und er traf einen Hielehrten rnii durchgeistigten feingeschnittenen Zügen, der zwar in der üblichen Tracht der Juden gekleidet, trotzdem mit seinem seidenen, langen Kaftan, init seiner Zobelmütze und seiner blendend weißen Wäsche eine gewisse Eleganz nicht vermissen ließ. Der General zögerte nicht, seinem neuen Stubengenossen sein Erstaunen kundzugeben, daß er sich den jüdischen Kaufmann so ganz anders gedacht habe. Bald waren die beiden in ein anregendes Gespräch gekommen, in dem der Offizier nicht nur in alle Verhältnisse des Rabbi eingeweiht wurde, in dem er sich vielmehr von dem gelehrten Manne in allen möglichen Fragen unterrichten ließ. Kriegsvorschriften im alten Judäa, Schlachtordnungen in jüdischen Kriegen, Feldzugspläne altjüdischer Helden, das alles wußte der Rabbi in so anziehender Form und so sehr mit allen Einzelheiten zu schildern, daß der hohe Militärbeamte bewundernd seinen Reden lauschte. (Schluß folgt.) > l *-<, ' 'II II I Alhül.