Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1909)
- Date
- 1909-07-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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8. Juli 1809 Der JSraeltt. No. 27 Seite 8 weil sie offenbar aus einer sehr genauen Kenntnis der Dinge heraus geschrieben ist, und die Sache unter einer neuen Beleuchtung zeigt. Ein Mitglied des ostpreußischen Religionslehrervereins schreibt uns: Gestatten Sie mir, verehrliche Redaktion, an den Vorsitzenden unseres ostpreußischen Religionslehrer- Vereins, Herrn Sturmann-Osterode, auf dessen Veröffentlichung in Nr. 25 Ihres geschätzten Blattes einige fragen zu richten. Wenn der ostpreußische Gemeindeverband in Wirklichkeit objektiv und unparteiisch „zum Segen der Gemeinden" wirken will, und nicht der äußersten Reform in die Hände zu arbeiten bemüht ist, wie Herr Sturmann zu glcmLen scheint, dann frage ich vor allem, warum z. B. Herr Rabbiner Dr. Lieber mann in Königsberg vom Verbände mit keiner Schulinspektion betraut wird? Fürchten die Herren vielleicht, Herr Dr. Liebermann könnte ne o - logen Geist in die Gemeinden tragen? Oder halten sie ihn nicht für befähigt und würdig, ein so hohes Ehrenamt zu bekleiden? Die Gemeinde N., die von dem Gemeindeverbande Subvention erhält, verlangte wiederholt, daß ihr neuer seminaristisch gebildeter Lehrer und Enitp sich von denl gleichen orthodoxen Rabbiner NVZV fein lassen möckte. Der betreffende VNW war auch bereit dazu und fuhr nach Königsberg. Aber die Herren Neologen in Königsberg erfuhren es und wußten den jungen Mann unter starkem Druck an der Ausführung seines Vorhabens zu hindern. Um Himmels Willen, nur nicht der böse Dr. Liebermann! Lieber zum Polnischen der otc vorgeschriebene Abhängigkeit der Gesetzestreuen von den „führenden" neologeu Machthabern besser markiert und sich leichter am Gängelband führen läßt. Sagen Sie doch, Herr Vorsitzender Sturmann, halten Sie dieses Verhalten für gerecht? Ist es nicht vielmehr blinder Parteihaß? Ich frage Herrn Sturmann weiter: „Ist es wirklich wahr, wie Sie angeben, daß der Gemeindeverband nur nach eingetretener Vakanz den Gemeinden einen seminaristisch geprüften Lehrer „empfiehlt?" Wie ist es mit den Gemeinden A., M., G. und anderen mehr? Wurden da nicht die Beamte,!, die teilweise über ein Vierteljahrhundert in ihren Gemeillden ehrenhaft wirkten, eins ach degradiert und den Gemeinden ein gemeinsamer Wanderlehrer a u f g e d r ä n g t? Die Herren wollen uns glauben machen, ihr Streben sei ein rein neutrales, ihnen liege die Erhaltung desjenigen Judentums an? Herzen, das unserer Väter und unser Judentum ist. Wenn dies wahr ist, warum haben denn die Herren nicht auch ein wenig Liebe und Wärme für die ,-sv'NV übrig. Es gibt in Ostpreußen, die sich in 20 Jahren nicht einmal zum siD) stellen. Können die Herren Rabbiner, die sehr dahinter find, daß nur Seminaristen als Religionslehrer zugelassen werden dürfen, nicht auch dafür Sorge tragen, daß jeder VN1V kontraktlich verpflichtet werde, sich ‘'ßb mindestens alle drei Jahre zum siD2 zu stellen? Es ist mir unbegreiflich, wie Herr Sturmann, der sich sonst zu den B'&fp zählt, es unternehmen kann, die Handlungsweise des Ostpreußischen Gemeindeverbandes zu rechtfertigen und zu bescheinigen. Ich erinnere mich noch ganz genau an eine vor Jahren in Königsberg stattgehabte Lehrerkonferenz, an der auch mehrere Herren aus dem Llusschuß des Genieindeverbandes teilnahmen. In jener Versammlung sagte Herr Rechtsannwlt H. wörtlich: „Ich möchte den Herren Lehrern heute ans Herz legen, den Religionsunterricht so zu gestalten, daß dieser nicht mit der häuslichen Erziehung in krassem Widerspruche steht, daß die Kinder nicht in ihren Eltern die Sünder erblicken." Diese löbliche Anregung, die den Lehrer zum Leugnen und zum Heuchlen „anleitet", wurde damals, weder vom Vorsitzenden des Lehrervereins, noch von einer anderen Seite gerügt. Aus meine diesbezügliche Frage meinte Herr Sturmann: „Wer lieber Freund, lassen Sie doch Herrn H. sprechen, Sie brauchen ja nicht danach zu handeln!" — Ganz 'gewiß, Herr Sturmann, ich habe niemals danach gehandelt. Ich frage aber Herrn Sturmann, waren in jener Versammlung nicht auch jüngere, frischgebackene Seminaristen, die sich die Worte des Herrn Anwaltes zu Herzen nahmen und danach handelten? Solche und ähnliche Vorkommnisse im Gemeindeverbande sind nicht dazu geeignet, das Judentum zu stärken, sondern es zu schwächen und zu schädigen. — Das ist der neologe Geist, der in dem Gemein deoerbande herrscht und auch schon in dem Lehrerverein Platz gegriffen hat. Nur so läßt es sich erklären, daß es Vorkommen konnte, daß in öffentlicher Versammlung, an der auch viele gesetzestreue Kollegen teilnahmen, von einem seminaristisckr gebildeten Lehrer und Kantor hebräische Produktionen ’ftjU gehalten und der "117s ÜW an die Tafel geschrieben und abgelöscht werden konnte. Ich rufe daher jedem Gesinnungsbruder zu: en& prrv NPSJ “lÖltP Die hier mitgeteilten Tatsachen — die man?>um Teil als „Kleinigkeiten" bezeichnen wird — ind von symvtomatischer Bedeutung. Sie zeigen aufs neue die alte Wahrheit, daß überall wo neologe Männer — Geistliche oder Laien — in führender Stellung aus die religiösen Anliegen der Gesamtheit wirken, die unheilvollen Konsequenzen auf die Dauer niemals ausbleiben können. Hüten wir uns davor, diesen selben Kreisen, die ihren Einfiuß heute nur ihrem Gelbe und ihrer sozialen Stellung verdanken, auch noch die ungeheuren Machtmittel staatlicher Zwangsbefugnisse in die Hand zu drücken! 6esäiSk1saMsmM8MU8. Der Antisemitismus ist ein Modeartikel, nicht in dem Sinne, daß er in absehbarer Zeit aus der Mode käme, sondern dadurch, daß er je nach Zeit und Saison seine Form und Gestalt ändert, seine Methoden und Kampfesmittel wechselt. Um die Osterzeit pflegt hie und da das alberne Ritualmordmärchen aufzutauchen. Mit den Weihnachtsglocken erschallt der Ruf durch das Land, „Kauft nicht bei den Juden." Und wenn nach Pfingsten eine arbeitsmüde, nervenzerrüttete Menschheit sich auf den Bergen oder am Strande schaart, um neue Kräfte für des Lebens Bürde zu sammeln, dann erscheint alljährlich mit großer Pünktlichkeit die Liste der judenreinen Kurplätze und Hotels. Ihre Zahl ist auch dieses Jahr Legion und Kenner der Dinge können beim Durchgehen des endlosen Registers so manche intereffante Beobachtung machen. Biele Hotels, die früher an erster Stelle prangten, scheinen keine besonders guten Erfahrungen mit dem Ausschluß der Juden gemacht zu haben, und sind nun ganz aus der Reihe der antisemitischen Häuser verschwunden. Neue sind hinzugekommen, besonders ganz neue Unternehmen, die auf Grund ihrer Unerfahrenheit von den antisemitischen Agitatoren mit Leichtigkeit angeworben wurden. Auch die berühmte Antisemiteninsel Borkum macht nur noch wenig von sich reden. Sie figuriert auf der Liste mit nur 3 Hotels, denn auch dort hat das Judenlied, wie man weiß, seine Zugkraft verloren, was aber einige spekulativ veranlagte Naturen nicht verhinderte, es auch nach Kissingen verpflanzen zu wollen. Allerdings, zum Glücke für dieses beliebte bayrische Bad, ohne Erfolg. Karlsbad, das jüdischen Kurgästen aus aller Herren Ländern seinen Aufschwung verdankt, ist mit mehr als 15 judenreinen Hotels und Restaurationen in der Liste vertreten. Und da kann es denn einem Juden aus Böhmen oder aus der Bukowina passieren, daß der Boykott, der letzten Endes seine Leiden verschuldet hat, ihm auch in den böhmischen Bädern, wo er Erholung und Gesundung zu finden hoffte, auf Schritt und Tritt begegnet. Unwillkürlich drängt sich da ein Vergleich auf mit den viel verschrieenen Verhältniffen im Zarenreiche. Dort hat es die Regierung den Juden verboten, sich zu Hellzwecken auf den Kurplätzen aufzuhalten, die Bevölkerung aber protestierte energisch, und vielfach mit Erfolg, gegen diese auch für sie, die Petenten, sehr drückende Maßregel. Hier in Westeuropa, in Reichsdeutschland und in Oesterreich, wo alle Bürger vor dem Gesetze gleich sind, und man keinem das Recht auf Heilung und Gesundung verkürzen darf, ist es nicht die Regierung, sondern ein Teil des freien zivilisierten" Bürgertums, der die Juden von den Heilquellen zurückdrängt. So gar frei mag allerdings dieser Teil der Bürger in seinem Handeln nicht sein. Das antisemitische Hotelwesen kann am allerwenigsten als eine Folge des freien Willens betrachtet werden. Handelt der eine auf Befehl des Partei- Diktators, so ist die Handlungsweise des anderen in allgemeinen antffemitischen Zwangsvorstellungen begründet, während der dritte es gar auf einen Geschäftstrick absieht, indem er durch das antisemitische Aushängeschild au* gewisse Arier Eindruck zu machen hofft. Es wäre aber ein müßig Unternehmen, nach den dunklen Gründen und psychologischen Leitmotiven antisemitischer Geschäftsspekulationen zu forschen. Wir meinen, daß der denkende Jude, der seine Zeit und ihre Strömungen kennt und was ein EUjah war für Israel, ist Israel für die Menschheit. Es hat zu leben für die edelsten Ideale, die die Menschen beseelen. ES hat heilig zu sein und Heiligkeit zu verbreiten, Sein Ziel im Leven ist gesetzt, gesetzt seit alten Tagen und wird für immer dauern. Unser Prophet Jeremtah sagt uns in drei Worten, was Israels Zweck im Leben ist": -ft t2Hp „Heiligkeit Gottes ist Israel." Kann es kürzer und schöner auSgedrückt werden? Und dieses war JSraelS Aufgabe von je her. Fest ohne Halten und Schwanken muß es seinen Pfad gehen. Es muß nicht vergessen, daß, wie Ptnchas, es „den Bund einer ewigen Priesterschaft" aufrecht zu erhalten hat. SS muß nicht irregesührt werden, weder von Bileam, noch von Balak, weder von Lobpreisungen, noch von Beleidigungen. Es muß halten und pflegen den Geist von PinchaS. In unseren Z lten muß wohnen der Geist Gottes, das- Bewußtsein, daß '"ft ttHp Und hat JSrael sich nicht als unbestegbar bewährt durch diesen Geist? Fragt die Pyramiden von Aegypten und die Denkmäler von Babylon. Unsere Nation wird größer und seine Aufgabe wirb größer, wenn wir auf diese alten Monumente schauen. Neueste Entdeckungen zeigen, daß Israeliten an Orten lebten, von welchen wir niemals vorher wußten, und in unbekanMe Regionen trugen ste göttliche Heiligkeit. Jeder PaphruS und jeder Ziegel scheint zu erklären '*ft ttHp* Israel ist sicher sür ewig, ficher vor den Angriffen des Haffes und den Verlockungen mißverstandener Liebe. ES ist unseres Ptnchas' Geist, welchem wir unfern „ewigen Bund des Frieden-" verdanken. Und dieser Geist muß in uns leben. Daran müssen wir in diesen Tagm denken, an welrt en wir wieder unfern großen nationalen Verlust betrauern. Wenn wir während der „drei Wochen" über daS nachfinnen, was wir verloren haben, und fühlm, als wenn unsere LebenSbafis untergraben wäre, müsien wir an die Unzerstörbarkeit unserer Nation denken und die Versprechungen unseres großen Propheten. Israels Zukunft mutz groß sein, wenn eS bleiben soll. '"ft Israel muß leben, weil die Menschheit fortschreiten muß. Israel muß leben, weil sein Geist leben muß. Wir müssen uns deffen eingedenk sein. Wir müssen unserer eigenen Bedeutung eingedenk sein und in unseren Häusern den wahrm jüdischen Geist pflegen. Wir dürfen uns weder von Bileam verleiten, noch von Balak einschüchtern lassen. Der Geist deS Ptnchas muß in uns leben. Wir müsien Enthusiasten und Träumer heroorbringen, Träumer, die Israels große Visionen sckauen sollen. Dann wird die alte Idee verwirklicht, der längste Traum wahr werden, und die ganze Menschheit wird einsehen, daß '"ft ttHp Aleines Feuilleton. Der Redlichkeit Cobn. (Eine wahre Begebenheit) von L. Rabbi Alexander wohnte in einer kleinen Stadt Litauens. Sein Leben war Tag und Nacht dem Studium der Thora geweiht, während seine Gattin, eine ebenso energische, wie geschäftskundige Frau für den Unterhalt oer Familie sorgte. Sie befaßte sich in der Hauptsache mit Lieferungen an die Militärbehörde, denn das Städtchen war stark befestigt und die Bedürfnisse der dort liegenden Garnison nicht klein. Doch „wo das Glück ein Häus^ chen baut, der gelbe Neid durchs Fenster schaut", und siedelt sich daneben. Eines Tages ward ihnen die Eröffnung gemacht, daß ihnen sämtliche Lieferungen entzogen worden waren. Ein „guter Freund", der im Hause alles erkundschaften konnte, erbot sich der Behörde, die Waren in Zukunst bedeutend billiger zu liefern und man schenkte ihm und seinen rollenden Rubeln nur zu leicht Gehör. Obgleich die Alten recht wohlhabende Leute waren, so waren sie doch noch nicht so reich, ium behäbig von ihren Zinsen leben zu können. Man mußte sich also nach einem anderen Geschäfte Umsehen. In Warschau war damals eine große Lieferung von Eisen und janderen Metallen ausgeschrieben und da sie gute Beziehungen zu den ausländischen Hütten hatten, entschlossen sie sich, an der Submission zu beteiligen >um sich hierdurch vielleicht eine neue „Parnossoh" zu begründen. Sie ließen sich die Submissionsbedingungen kommen, nach ihnen mußten die Offerten persönlich übergeben werden und Frauen wurden dazu nicht zugelassen. „Da mußt Du also hinsahren, Alexander", sagte die Frau zu ihrem Gatten. Der Mann erschrack heftig. Gerade war er damit beschäftigt, seinen Schülern einen „harben" Rambam zu erklären und dabei ganz neue Gedanken zu entwickeln. In dem kleinen Kreise der Schüler herrschte große Spannung und nun sollte er sich um Dinge kümmern, „Diwre Holleles"", mit denen er sich me befaßt hatte. Er wehrte sich deshalb recht heftig. „Liebe Frau/" sagte er, „ich verstehe, wie Du weißt, von Geschäften nicht das Geringste, ich bitte Dich also, verschone mich damit.