Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1909)
- Date
- 1909-07-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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"er Sette 8. 8h. 27. verbirgt? Die letzte Zuflucht aus irdischer Not war ehedem die Luft. Adlergleich erhob Gott verzweifelnde Menschenkinder auf schützendem Fittig hinauf in die Höh, und wenn das Ideal des Reinen und Wahren keine Stätte fand auf Erden, die Menschen ihm entfremdet waren, versunken in Lüge und Verrottung, dann entwich es als nsy nyJö/ als eine „fliegende Buchrolle" (Secharjah 5, 1 f.) in die Luft und harrte oben, in der Sphäre des ungefälschten Guten, bis ein neues Geschlecht ihm entgegenblühte. Wohin soll es heute fliehen, wenn es Entartung und Sünde aus der Welt verjagen? Wohin soll sich David wenden, wenn ihm sein bester Freund und Berater zum Feinde, zum Verräter wird? Wenn er ehedem sprach: N21PK 13K sn' 'v niDlPifl, wer gäbe mir Flügel wie die Taube, ich flöge davon und fände eine Ruhestatt — (Ps. 55, 7), was nützten ihm heute die Flügel — Absalon und Achitofel eilten ihm nach in die Luft und vertrieben ihn aus der Stätte seiner Sehnsucht. Und auch Maria nützten die eilenden Wolken, die Segler der Lüfte nichts mehr — hohnlachend wanderte und schiffte die grimmige Feindin ihr nach. Erweiterung des Gesichtskreises? Rascher Verkehr? SchnellererMustausch der Kulturen? Innigerer Kontakt, nachhaltigere Anfreundung der kontinentalen und überseeischen Weltmächte? Thoren! Zirkuliert denn nur frisches und gesundes Blut in den Adern der zivilisierten Menschheit? Sind denn alle Objekte jenes Austauschs so begehrenswerte Güter, daß eine Beschleunigung ihres Transports ein anzustrebender Segen wäre? Lasten Schienen und Kabel, Magnet und Drähte nicht schon Unheil genug über die Erde rollen und blitzen, daß die Eröffnung neuer Kanäle, durch welche der Fluch des einen Erdteils mit immer rascherem Tempo in das Herz des andern sickert, ein so begeistert zu bejubelnder Fortschritt wäre? Schon hat in bedrohlichem Umfang die ethische Amerikanisierung der alten Welt begonnen. Sie wird fürwahr nicht stille stehen, wenn die europäische Menschheit nicht Nachlassen wird, durch Erbauung immer strahlenderer Triumphbögen der Majestät des Dollars ihren Willkommgruß zu entbieten. Und doch — es lohnt sich in der Gegenwart zu leben. Bei aller Empfindung einer gewiffen mißtrauischen Kühle, die man nicht los wird, sobald man an den Würgengel denkt, der bisher noch immer an den Rockschößen des welterobernden Erfinders hing, kann sich doch wohl niemand des faszinierenden Eindrucks erwehren, daß der" beginnende Vogelflug der Menschheit etwas unsagbar großes, erstaunliches, unberechenbares ist. Er kann uns Unheil bringen und er wird uns Unheil bringen. Längst hat sich strategischer Calcül mit der Verwendung des Luftschiffes als militärischen Aufklärungskreuzers befaßt. Wird aber Jemand eine Lätitia schelten wollen, weil sie einen Napoleon gebar? Die Zeugungskraft des menschlichen Genies hat aber so gut ein Recht auf Betätigung, wie die des Leibes. Und wie im Ursprung seines Werdens und Erstehens rein das Kind und mit reiner Seele das Licht der Welt erblickt, so bedeutet auch die Mission, zu der das Werk einer genialen Intuition ins Dasein tritt, nur Heil. Gott ist's ja, der mit seinem d'oem ypi '22 rfSip' (Gen. 1,20) dem Vogel die Kunst des Fliegens verlieh, und Gott ist's auch, der — 12V3W O'om (Hiob 35,11) — den Vogel des Himmels dem gelehrigen Grafen zum Lehrmeister bestellte. Nickt schelten — wünschen wollen wir darum, daß der gute Geist der Menschheit die reine Gabe des Himmels nicht zu irdischem Fluch verderbe. Ein Symbol der Beschränkung in der Freiheit bedeutete dem Noach nach einem Worte unserer Weisen das bittere Olivenblatt im Munde feiner Taube. Nicht zielloses Planen und unersättliches Geizen möge der Menschheit das Ergebnis ihres Taubenflugs bedeuten, sondern ehrfürchtiges, andachtsvolles Belauschen der tiefsten Quellen ihrer Kraft. Je stolzer, je ungeahnter sie sich entfaltet, desto brausender müßte ihr Hallelujah sein, das sie an den Thron des Weltenschöpfers sendet. Denn „ist es nach deiner Einsicht, daß der Habicht sich schwingt, seine Flügel gen Osten spannt? Oder auf deinen Befehl sich der Adler erhebt und sein Nest hoch erbaut?" (Hiob 39,26 f.) Sie wissen es, wem sie ihre Flügelkunst verdanken. Darum, wenn Feuer und Hagel, Sturmwind und Schnee, Berge und Hügel, Fruchtbaum und Zeder mit rauschendem Tatenlob die Herrlichkeit ihres Schöpfers künden (Ps. 148), gesellt sich zum Tier und Gewürm auch der beschwingte Vogel und sagt sein Amen dazu. Und nur der beschwingte Mensch sollte schweigend beiseite stehen? Wenn irgendwo, so ist für das Ideal der Gotteshuldigung und Menschenverbrüderung in der Luft der gegebene Raum. Keine Grenzpfähle, nicht Meere und Berge spalten da oben die Völker auseinander. Auf neutralem, noch unentweihtem Gebiet können sie da oben den ewigen Frieden beraten. Von der Taube, die da friedlich kreist, mögen sie lernen. Ruhig fliegt sie dahin, und ihr Flügel wird vom Sonnenglanz beschienen (vgl. Comm. Ps. 68,14). Auch sie „die unkriegerische Taube — nicht nur der Adler — ist etwas in Silberglanz Gehülltes, und ihre Schwingen leuchten in scharfem Gold." Dagegen „Könige von Heeren weichen, weichen, und die Ä. 8. Juli 190» Hauses-Wohnerin verteilet Beute. (Das. B. 13. Vgl. Comm. das.) 0'N2V pa ok. O, daß auch ihr ruhig bleiben möchtet zwischen Gerätreihen! Daß der Sonne Strahl, der sich an euren Gondeln bricht, nur Werkzeuge des Friedens in Silber¬ und Goldglanz tauche! So laute der Willkomm, mit welchem wir die „Jla" grüßen. ochmrmt-scha«. ProiiinrlaloerbSnge unö Religionsunterricht. Daß wir es gewagt haben, unter rückhaltloser Anerkennung der sozialen Leistungen des ostpreußischen Gemeindeverbau des seine bedrohliche Wirksamkeit als Bollwerk des Reformjudentums inmitten einer zum guten Teil noch religiösen Bevölkerung zu kennzeichnen, hat im gegnerischen Lager ganz über Erwarten kräftig eingeschlagen. Ein wutschnaubender Artikel des als Anwalt der 'Lehrerinterreffen vereideten Bolkstribunen aus Magdeburg spendet uns dafür einige Liebenswürdigkeiten, die wir dankend quittieren. Wenn Herr Steinhardt den im Berliner Lehrerseminar waltenden Geist für nicht so radikal hält, wie wir „unterstellen, so ist das ein so wertvolles Zugeständnis, daß man den Duft einiger faulen Aepfel wohl dafür in den Kauf nehmen darf. Wer Lehrproben, die mit kühler Selbstverständlichkeit die Bibel zum Märchenbuch degradieren, und in der Kinderseele die Ueberzeugung von der Göttlichkeit des Judentums kalten Blutes vernichten, ohne ein Wort des Widerspruchs oder der Mißbilligung veröffentlicht, der wird über das, was religiös radikal ist, allerdings wesentlich anderer Meinung sein, wie die Vertreter des überlieferten Judentums. Mit Herrn Steinhardt also darüber zu rechten, ob ein von Zöglingen des Berliner Lehrerseminars erteilter Religionsunterricht noch jüdischer Religionsuntericht heißen darf, verlohnt sich wirklich der Mühe nicht. Wichtiger ist uns die spontane, lebhafte Zustimmung, die unsere Bemerkungen in Ostpreußen selbst gefunden haben. Aus den uns zugegangenen Zuschriften greifen wir für heute nur eine heraus,?i«cdar. Zum Wochenabschniit. Bon Rabbiner Dr. Samuel Daiches-London. In den ersten Versen der heutigen Sebrah klingt noch die Katastrophe nach, von der am Ende des vorwöchentlichen Wochenahschnittes erzählt wird. Auf den Segen folgte ein Fluch, dem Lobhymnus auf Israels Tugenden — eine Seuche. Noch tönt der Ruf: „Wie gut find deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel", und schon werden die Zelte entweiht und die Wohnungen zerstört. Wie konnte dies geschehen? Wie, ftagt man sich, konnte ein Volk, welches einem Feind Bewunderung entlockt, welches den segnen ließ, der zu fluchen kam, ein Volk, das Balaks Seher eine wirkliche „göttliche Vision", sehen ließ, wie konnte es so Plötzlich fallen? Und wir fühlen, daß wir den Grund gefunden haben. Weil der Feind gesegnet hatte, ist Israel gefallen. Bileam kannte die Schwachen deS Volkes. Bileam wußte, daß da viele waren, deren ganzes Ziel im Leben war, von den Fremden gerühmt zu werden, von ihren Nachbarn als S'aster hingestellt zu werden. Bileam kannte den Unterschied zwisches MoseS und denen, die gleich ihm dachten, und vielen anderen, deren einziger Wunsch war, nach außen zu glänzen. Bileam wußte, daß Balaks Anschlag mißlingen mußte. Hätte er Israel geflucht, hätte er auf ihre Fehler hingewtesen, er würde die Hände von Moses und all denen gestärkt haben, die versuchten, Israel einem höheren Leben entgegen zu führen. Sie hätten gestehen müffen, daß fie Fehler hatten. Sogar der Fremde von Midjan fand ste nicht vollkommen. Bileam aber beschloß, fie zu segnen. Und er segnete und lobte und ging, und ließ Zerstörung hinter fich. Sind wir nicht ausgezeichnete Menschen? „Sind nicht unsere Zelte wunderschön, unsere Wohnungen herrlich? fragten die Schwachen. Gewiß, Bileam sagte so und wer wirb jes abstreiten? Aber Bileam schaute nur auf die Außenseite der Zelte. Er sah nicht und wollte nicht sehen den inneren Zustand der Zelte, den Geist, der in den Wohnungen herrschte. Es ist daher die äußere Erscheinung, die wir auftecht halten müffen, dachten Viele. Was in den Zelten ist, geht niemanden an." Aber fie vergaßen, daß eS Gott angeht, daß es Moses angeht, daß es daS Wesen JSrael betrifft. Aber es gab keine Niederlage, die ein Ende nachen könnte der Existenz Israels. Israel hatte stets Männer, welche eS aus seiner Not retteten. Und so auch dieses Mal. Ptnchas bot Einhalt der Zerstörung. Pinchas sah sofort, was geschehen war. Cr sah, daß Israel in der Gefahr war, fich und der Menschheit verloren zu gehen. Er sah die Mafien fallen und die Führer schwanken. Und ein göttliches Feuer war in ihm entbrannt und ein Eifer, der keine Grenzen kannte, erfaßte ihn. Und er vernichtete die Frevler und rettete die Na.ion. ES gab nichts, was ihn daran hindern konnte, seine Pflicht zu tun, nichts, das ihn davon abhalten konnte, das zu tun, was xr für recht und notwendig hielt. Und ein ewiges Denkmal ist ihm errichtet in der heutigen tdrah „Pinchas, der Sohn von Eliasar, der Sohn Arons, des Priesters, hat gewendet meinen Zorn von den Kindern Israel, weil er geeifert hat unter ihnen nur meinetwillen, und ich verzehrte nicht die Kinder Israel in meinem Eifer." Welch ein herrliches Zeugnis! Aber viele Leute werden sagen, Pinchas war ein Eiferer. Ja, wir brauchen solche Eiferer, wir brauchen solche Enthufiasten. Wir brauchen Männer, die imstande sein sollen, für eine Idee zu leben und zu sterben, welche imstande sein sollen, alles für ein Prinzip zu opfern. Wir brauchen Männer, fest wie Felsen, welche mit allem Eifer den Pfad gehen sollen, den fie zu gehen haben. Männer, welche fich nach allen Richtungen wenden; Männer, deren Führer der Wind >st, können einem Volke nichts Gutes tun. All d.e großen Ideen eines Volkes müffen in ihren großen Männern leben, und diese müffen bereit sein, aus fie zu achten und ste mit all ihrer Machtaustecht zu erhalten. Enthufiasten regieren die Welt und Enthufiasten haben alle Siege gewonnen. Und Glück und Frieden bringen sie, wahres Glück, wahren Frieden. Lesen wir nicht im folgenden Vers: „Daher sage, stehe, ich gebe ihm meinen Vund, Friede! " Pinchas brachte den Frieden. Und was war der Prophet Elijah, der Mann, welcher mit soviel Eifer und Eifersucht den Glauben an einen Gott verbreitet hat, der Mann, welcher solch eine große Rolle in Israels Vergangenheit spielte und deffen Name so unauslöschlich verbunden ist mit Israels glorreicher Zukunft? Ein Enthusiast, ein Eiferer wie Pinchas - ein Mann, deffen Leben im Leben für eine Idee bestand, welche ihn beherrschte. Unsere Traditton drück; es aus, indem fie sagt: „PinchaS, daS fit Elijah vM'S l.*T’TK Ns!" Elijah! Nur ein Pinchas konnte einem Bileam entgegenarbeiten, die Anschläge eines Balaks vereiteln, nur ein PinchaS kann Frieden bringen. Und was ein PtnchaS,