Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-07-08 · Heft 27 (8.7.1909) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 27 (8.7.1909)
Date
1909-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449380--65666-2508317
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

50. Jahrgang. essa Sranhfurf a. M.. den ^sg^"^366g— BSSI JK 27. J*yjjjvupjp( r.-.a ^'»1 jgp^ppjji i Der Israelit Hllll Ein Centralorgan für das orthodoxe Judenfnm ((f)BD IHl zssaaBegründet doi Dr.Lefenann in ülainz bsss Ul Abonnement pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Lr., Rußland 1 Lud., England 2 ad., Amerika 50 eis.. Niederlande 1.20 0., Frankreich Fr«. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechSgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G.. Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer dirett an den Verlag erfolgen per: Conto bei de« Postscheck-Amt Frankfurt a. M. Ro. 344. Conto bei der «. «. Postsparkasse «Sie» Ro. 79605. Conto bei dem «. Postfparkaffenamt Budapest Ro. 18424. Conto bei der Rigaer Cournrerzbank in Riga und deren Filialen. ver Nachdruck Ser Artikel unS eorrelponSenren des „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fidi um größere Ftuffäbe handelt, nur nach vorheriger ßenehmigung gestattet. Der „JLA“ zum GruBe. Bon Dr. Raphael Breuer. Seit Napoleon mit kecker Hand die Ordnung des philiströsen Europa über den Haufen warf, seit im Spiegelsaal zu Versailles der eiserne Kanzler seinen königlichen Herrn mit der Kaiserkrone schmückte, war es keinem Sterblichen vergönnt, daß ungezählte Millionen mit ungeteiltem Interesse das Gedeihen seines Lebenswerks verfolgten. Das ist nun anders worden. So oft der Zauberer von Friedrichshafen sich zum Fluge über Berge und Städte erhebt, wendet sich ihm die Aufmerksamkeit der ganzen zivilisierten Menschheit zu, wo immer ratternde Motore das Nahen des Herrschers im Reich der Lüfte künden, ergreift sprachloses Erstaunen die unten — tief unten — wie Ameisengewimmel — zum Gaffen und Jubeln Versammelten — und still befriedigt fühlt sich der Chronist, daß es ihm endlich einmal vergönnt ist, ohne hyperbolischen Ueberschwang vom „Höhenflüge" des Genies zu reden. Und nun kommt die „Jla" und lädt uns ein, das Ereignis des Jahrhunderts uns aus der Nähe zu betrachten, damit die große Masse derjenigen, die den grandiosen Fortschritt der Technik nur aus der Ferne verfolgen, wenigstens in der Lage ist, sich mit dem ganzen beglückenden Bewußtsein ihrer „Zeitgenossenschast" zu durchdringen. Fahrzeuge der verschiedensten Systeme werden die Luft durchkreuzen, die sonst so stille Region, die hoch über irdisch? Hast und Kümmernis, das ruhige Heim des idyllischen Friedens ist, wird vom Rauschen der Gondeln, vom Jubel der Paffagiere in eine lärmbewegte Berkehrsftraße umwandelt werden, und aufgeschreckt aus träumerisch selbstverlorenem Fluge wird die Lerche die Amsel fragen, wer denn diese neuen Vögel seien, die so rücksichtslos, mit solch aufgeblähtem Stolz in ihre traute Heimat einzudringen wagen? Das ist der Gotteshauch, wird die Amsel erwidern, das sind keine Vögel, das ist der Gotteshauch, bei deffen Wehen jeder Flügel erlahmt und jedes Zwitschern verstummt. Eine neue Zeit ist im Werden. Hörst du das Rauschen und Lärmen? Gott rafft alle Reiche der Erde auf, und „keiner ist, der den Flügel dagegen bewegt und auftut den Mund zum Zwitschern." (Jes. 10,14) DaS vereinigte Israel ist's, das über die Schulter der Philister dahinfliegt nach dem Westen (Jes. 11, 14), die Töchter Moabs sind's, die da fliehen wie flüchtige Vögel (Jes. 16, 2), Tauben sind's — zarte, reuige Tauben, die sich am fremden Gestade verblutet, nachdem sie wie nimmerkehrende Wolken ausgeflogen in die Ferne und nun heimwärts ziehen zu ihrem Schlage (Jes. 60, 8). Siehst du nicht durch Benzin und Gas die Sonne der Gnade schimmern, die den Gottesfürchtigen Heilung trägt aus ihrem Fittig? (Maleachi 3, 20.) Ungläubig schüttelt die Lerche ihren Kopf. „Weit", spricht sie, „hältst du, meine Schwester! Keine Friedensbotschaft künden diese mächtigen Motore. Gottes Gegenwart glaubst du „auf den Fittigen des durch die Welt ziehenden bewegenden Hauchs schwebend" (Comm. Ps. 18, 11) zu schauen? Ein fliehender Tagespfeil ist's, (Ps. 91, 5) der, wie die Pest, die im Dunkel schleicht, wie der Tod, der am Mittag rafft (das. V. 6), zu Krieg und Verderben nur neues Weh gesellt. Siehst du nicht, wie bedrohlich sie am Firmamente kreuzen? Sturmvögel sind's, die neues Unglück bringen. Nicht Cherubim, die auf ihren Flügeln die Gottesherrlichkeit tragen, sondern von des Verhängnisses Schnelle abgeschnittene, haltlos fliegende Wesen (Ps. 90, 10), fliegende Drachen (Jes. 14,29/ 30,6), Chaldäerreiter, die adlergleich zum Raube fliegen (Hab. 1, 8) und Aschurs Heere, die mit aufgespanntem Flügel das Land erfüllen (Jes. 8, 8). Noch rauschen nicht die Flügel, noch tosen nicht die Räder-" Gerade ist die Lerche im Begriff, im Anschluß an Ezech. 3, 12 ff. den Zustand des Weltalls zu schildern, wenn das Preisen der Gottesherrlichkeit die Lüfte erfüllt, da naht mit bedrohlichem Lärmen ein mächtiges Luftvehikel — und mit erschrockenem Zwitschern stieben die beiden auseinander. Weit entfernt, mich für das Eintreffen dieser Phantasie zu verbürgen, glaube ich dennoch zur Annahme berechtigt zu sein, daß, könnten die Vögel reden, könnten sie uns den Eindruck, falls sie derartiges haben, schildern, den die Besitznahme der Luft seitens der Menschen auf sie macht, ihr Urteil nicht so erfreulich lauten würde, wie es der Erdbewohner Eitelkeit verlangt. Nicht umsonst verlegt die chiliastische Sehnsucht des jüdischen Volkes ihr Heim in die Luft. Nicht umsonst sieht der Prophet den Seraph mit der glimmenden Kohle (Jes. 6, 6) mit aufgespannten Flügeln durch die Atmosphäre eilen, der Liederholde einherwandeln Gott auf des Windes Flügeln (Ps. 104,3) und wie auf Vogelschwingen dahineilen den Morgenstrahl von Ost nach West (Ps. 139, 9). Die Luft ist bester, reiner, unbefleckter als die Erde. Dort oben, wo die Wolken ziehen, wohnen keine Menschen, die sich morden und bestehlen, sich bedrücken und begeifern. Noch ist da oben kein Schrei eines zertretenen Menschenkindes je vernommen worden. Nur im letzten Gurgellaut eines armen zerschossenen Vogels trug bisher der Wind eine letzte verhauchende Spur menschlicher Bosheit in die Höhe, die sie als eine grausame Entweihung ihrer eigenen Reinheit empfand. Und nun kommt der Mensch und legt auch auf die Wolke die bezwingende Hand. Zu eng ist ihm die Erde, zu dürftig das Meer, seine Soldaten und Kanonen haben keinen Platz mehr zu Wasser und zu Lande. Nun atmet er auf. Das ntMD*»n rrn trn nra rni hat er längst erfüllt. Das Meer ist so gut sein Heim, wie das der Fische, und schneller als das Reh seine Füße tragen, sieht er sich vom Auto durch die Welt gefahren. Nur das D'DPn rpyai harrte noch seiner Erfüllung. Als Alleinherrscher glaubte sich der Vogel in der Luft. Von nun ab wird er sie mit dem Menschen teilen. Arme Vögel! Arme Menschen! Wer kann sagen, wer von beiden ärmer, wer bedauernswerter ist? Die Vögel, die den mächtigen Eindringling als gleichberechtigten Bewohner ihrer Heimat begrüßen müffen, oder die Menschen, die, je sicherer sie die Luft erobern, desto unwiederbringlicher ein wertvolles inneres Besitztum verlieren. Seitdem der Mensch seinen vielbejubelten Einzug hielt im Reich der Lüfte, hörten sie auf, für die menschliche Phantasie, für das menschliche Gemütsleben die Region des Besseren zu sein. Die Profanierung der Luft beginnt. Ehrgeiz und Ruhmsucht machen die Wolken zu ihrem Gespann, unter Böllerschüssen und Jubelgeschrei errichtet die Leidenschaft irdischen Handels und Wandels Filialen in der Luft. Schon starrt wie hypnotisiert der Kaufmann in die Höhe, berechnet ungeahnte Möglichkeiten des Versandes und Erwerbs, und wo ihn ehedem eine Schwalbenfahrt nach dem Süden für kurze Augenblicke aus der Schwermut seiner täglichen Frohne riß, sieht er schon den Vertreter seiner Branche durch die ernüchterte Atmosphäre queren. Entweiht, beschmutzt, vergiftet ist die Luft. Mit Herzklopfen verfolgen sie jenseits des Kanals die harmloseste Spazierfahrt einer deutschen Gondel. Ein Wolkenzug — ehedem von zarten Empfindungen eines schwärmenden Gemüts begleitet — wer weiß, welch furchtbare- Geschütz hinter jener Wolke sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.