Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1909)
- Date
- 1909-07-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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v- WP® 9tb. 2K. Sette 19 manche Niederlage, manche grimmige Enttäuschung nicht erspart geblieben. Seinen zukunftsfrohen Optimismus hat er aber bis zum letzten Atemzuge sich bewahrt, und die Wankenden und Mutlosen durch sein Vorbild gestärkt. 8i fractus illabatur orbis, imparidom ferrent ruinae! Für ihn hatte das widrigste Schicksal, hatte auch der Tod keine Schrecken, oem er, als der Sensenmann nahte, mit philosophischer Ruhe ins Antlitz blickte. Paul Bourget hat einmal auf Grund seiner reichen Menschenkenntnis, die er freilich vor seiner letzten reaktionären Wandlung gewonnen, das Wort geprägt: „Selten tritt ein Mann in die Reihen der führenden Geister, ohne nach kurzer Zeit der „Komödiant seiner früheren Aufrichtigkeit zu werden." Grade dieses politische Komödiantentum war Barth, der selbst frei von jeder Pose war, in innerster Seele verhaßt. Er hat Freund wie Feind gegenüber immer die gleiche Wahrhaftigkeit bekundet. „Heuchelei ist nie meine schwache Seite gewesen," so schreibt er einmal auf einer Postkarte. Selbst der erbittertste Gegner des Verstorbenen wird die Ehrlichkeit seiner Ueberzeugung und seine unbestechliche Aufrichtigkeit nicht in Zweifel ziehen können. Kleine Augenblickserfolge, die vielleicht einen Verzicht auf die endgültige Durchführung politischer Grundforderungen involvierten oder wenigstens die Erreichung des Zieles in weite Ferne hinausgeschoben hätten, konnten ihn nicht reizen. Das ganze oder wenigstens eine respektable Abschlagszahlung auf das erstrebte große Ziel nlußte cs sein, wenn er mit dem Erreichten zufrieden sein sollte. Diesen Standpunkt hat er auch bei seinem unermüdlichen Kampfe um die Gleiberechtigung aller Konfessionen und Stände auf den Generalversammlungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus mit zäher Energie und in immer neuen glücklichen Ausdrucksformen' vertreten. Als er vor Jahresfrist an der Bahre Charles Hallgartens - Frankfurt a. M. dem langjährigen Mitstreiter in diesem Kampfe ein Abschiedswort widmete, rühmte er an dem Freunde, daß er auch dort, wo die staatsbürgerliche Gleichberechtigung ins Spiel kam, gegen opportunistische Erwägungen völlig taub gewesen sei und die Politik der Abschlagszahlungen, die seinen praktisch geschulten Geist sonst durchaus nicht abftieß, grundsätzlich mit Entschiedenheit abgelehnt habe. „Er war," so fuhr er fort, „durchdrungen von der einfachen Wahrheit, daß die Gerechtigkeit keine Summe ist, die man größer, kleiner besitzen kann, und immer doch besitzt, daß es bei der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit nur ein alles oder nichts gibt." Ein Volksfreund im edelsten Sinne des Wortes ist mit Th. Barth ins Grub gesunken. Nichts hat ihm, der für äußerliche Ehren absolut unempfänglich war, eine herzlichere Freude bereitet, als die Inschrift auf dem Diplom der Harward- Universität, die ihn vor 2 Jahren wegen seiner unermüdlichen Förderung der demokratischen Bewegung zum Ehrendoktor machte: „Amico populi“. Er selbst hatte sich bei einer Gelegenheit, als noch niemand und er selbst am wenigsten ahnte, daß der traurige Fall alsbald Ereignis werden sollte, die prunklose Inschrift gewünscht: „Dem Sämann demokratischer Ideen." Gegen persönliche Anwürfe und giftige Verläumdungen, die ihm wie jedem anderen Kämpfer für die 'sittliche und politische Gesundung des öffentlichen Lebens nicht erspart blieben, war Theodor Barth gänzlich unempfindlich; er tröstete sich mit dem Wort des Dichters: „Ueber das Niederträchtige keiner sich beklage, Denn es ist das Mächtige, was man dir auch sage." I Die trauender für Cbeodor Bartb. Schon daß am Grabe Theodor Barths sich noch Männer fandrn, die ebenso verständnisvoll als unerschrocken dem verklärten Manne Worte der Verehrung widmeten, mag Beruhigung genug sein, daß wenn auch im Großen Barths Erfolge noch nicht sichtbar sind, in kleinem Kreise doch sein Wort auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Je kleiner der Kreis der Redlichen, um so ehrlicher sein Wollen, um so reiner sein Streben, um so treuer sein Verharren, um so fester sein Bestand. Goldene Worte sind es, die da bei der Trauerfeier von Männern wahrer Gesinnung und auftichtiger Liebe gesprochen wurden, die wir unfern Lesern nicht vorenthalten möchten. Wie des Propheten Jon« Worte in nichtjüdischem Kreise ihre Wirkung nicht verfehlten, so mögen diese Worte echter Menschlichkeit im Kreise des überlieferten Judentums nicht verhallen. Mögen sie uns im Tamus-Monat mahnen: „Zerreißet eure Herzen, aber nicht eure Kleider." Wir entnehmen die folgenden Reden gleichfalls der Barth-Nummer der „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus". Direktor Thorwart: „Th. Barth, der schon an der Gründung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismns zusanttnen mii Rickert. Gneist und »allgarten tätigen Anteil genommen, ist nach dem »inscheiden Rickerts im Jahre 190-2 freudig in die Bresche gesprungen und hat seitdem seine wertvollen politischen Kräfte dem Verein gewidmet. Warum übernahm er, der doch durch vielseitige Interessen wie wenige mit Arbeit überlastet war, noch diese neue Bürde? Weil die sittliche Pflicht ihn gegen eine Beivegung ins Feld rief, die Kaiser Friedrich mit Recht als eine Schmach des Jahrhunderts charakterisiert hat. Der heilige Zorn gegen Bestrebungen, die darauf abzieltcn, weite kreise unserer Volksgenossen um ihrer Konfession tvillen zu entrechten und sie zu Ltaatsbiirgcrn minderen Ranges zu machen. Für ihn galt als selbstverständliche Forderung: Gleiches Recht füralle, die ein menschliches Antlitz tragen. Tein unbestechliches Gerechtigkeitsgefühl trieb ihn an die Leite derer, die, obgleich Deutsche wie ihre Verfolger, um ihrer Abstainmung willen Gegenstand unerhörter Angriffe waren. Gr wurde nicht müde, in Wort und Schrift dein Haß und den niedrigen Motive«! heute in den Tönen aufrichtigster Entrüstung entgegenzntreten und morgen diese verwerfliche Kampfesweise init stets in das Mark treffenden! Spott .zu geißeln. Weder Haß noch Schmähungen haben ihn je wankend gemacht. „Wir sind", sagte Einmal, „gewohnt, angefeindet zu werden und nehmen das hin. Unsere Sache selbst ist zu gut, als daß wir nicht stolz 'auf sie sein könnten." Gr Hatzte die Ungerechtigkeit in jeglicher Gestalt, »veil er selbst ein Mann war und nicht wollte, das; andere zu Knechten wurden. Gr war ein glänzendes Vorbild für seine christlichen Glaubensgenossen, die er an ihre Pflicht mahnte, an der Abwehr von Angriffen teilzunehmen, die jedem sittlichen Empfinden Hohn sprechen. Es war sein Menschentum, das ihn zur Verteidigung seiner Mitmenschen trieb. Mehr als auf andere gilt auf ihn das Wort: Mensch und Kämpfer. In diefein von unserem Verein geführten Kamps ist er ein Sämann sittlicher Gedanke» gewesen. Nicht nutzlos ist die Saat ausgestreut: an uns wird es liegen, in seinem Geiste weiterznarbeiten. Ihm folgt der Dank derer nach, für die er gekämpft, und ebenso derer, die ihm in diesem Kampf gefolgt sind und denen er in nie verzagender Kampfesfrcude die Fahne des endlichen Sieges vorantrug. So ruhe, rastloser Kämpfer, in Frieden! Prof. Dr. Hugo P r e u ß - Berlin: „Nicht im Namen einer Partei oder politischen Organisation habe ich hier am Sarge dieses teuren Menschen zu sprechen: der Freund will dem Freunde ein Wort treuen Gedenkens aus schmerzbcwegtcm .Herzen weihen. Noch eben hofften wir, eine Anzahl seiner Freunde, ihm demnächst zu seinenr 60. Geburtstage durch eine Gabe nach seinen: Sinne den Beweis zu erbringen, das; in aller Bitternis dieser Zeiten und trotz mancher Entfremdung es nicht an Männern fehlt, die über augenblicklich trennende Schranken hinweg sich einig fühlen in dem Bewußtsein, was wir alle an Th. Barth besitzen! Es sollte nicht sein! Tränenden Auges können wir nur noch Zeugnis ablegen von dem, was er uns war! Der Freund dem Freunde; der Mann dem Manne! Freilich macht es gerade die eigenste Wesensart Barths unmöglich, den Mann vom Politiker zu trennen. Ihm war die Politik nicht eine Liebhaberei, eine Nebenbeschäftigung seiner Muße; der Kampf um die freiheitliche Gestaltung unseres öffentlichen Lebens in Wirtschaft und Recht, politisch und sozial, national und international, in Wissen und Glauben — es war sein Lebensodem, das Daimonion seiner Seele. Das drang bei ihm bis ins Innerste des Menschenherzens, ins Allerheiligste des Gemüts; und sein allernächster politischer Freund, sein verständnisvollster Kampfgenosse, — das war die Genossin seines Lebens, seine Frau. Nur so konnte sich bei diesem Manne die höchste und innigste Lebensgemeinschaft vollenden. Eine hohe und edle Gabe der schaffenden Natur, und doch für einen Deutschen eine verhängnisvolle Gabe. * Nichts ist so selten in unserem Volke, wie solch elementarer politischer Sinn, dem politisches Denken und Wirken Naturnotwendigkeit ist; und eben deshalb hat; kann: ein anderes Volk so geringes Verständnis für i seine politischen Geister. Darum liegt auf dem Wirken von ihnen allen — ohne Ausnahme — im ganzen Verlauf deutscher Geschichte ein Schatten ergreifender Tragik. Solch Schatten fällt auch auf Barths dreißigjähriges Wirken und Kämpfen. Uebcrschaut man dies 30 jährige Ringen vorn Anfang zum Ende, dann mag in aufwallender Bitterkeit das Freundesherz init den: Schicksal hadern: „Warum warfest du ihn hin In das Land der ewig Blinden mit dem aufgeschlossenen Sinn? Warum gabst du ihm zu sehen, Was er doch nicht wenden kann?!" Und fast möchte man einen leidigen Trost bei dem herben Verluste in der tvehmütigen Ueberzeugung finden, daß er dem teuren Manne neue Enttäuschungen erspart, keine Erfüllung seines Strebens vorenthsl- ' ten habe. „Auf diesem dürren Boden, blüht keine seiner Rosen mehr." llnd doch — neben schmerzlicher Bitterkeit er- : füllt ein Gefühl der Erhebung beim Rückblick auf dieses - Leben, reicher an Kämpfen als an Siegen. Wie hebt : sich aus allen Widrigkeiten dieses politischen Ringens < inmitten eines unpolitischen Volkes die wundervolle : Persönlichkeit des Mannes emporin ihrer gcschlosse- - neu Einheit, die Reinheit eines Charakters, sessen > unbeirrbare Lauterkeit sich gerade in der Politik, an dieser Politik erprobt. Das "war ein anderes, ein un- * verglcichlich höheres, als die landläufig'' Ehrlichkeit der Gesinnung: die eingeborene, die ünentrinnvllrr Selbsttreue einer vornehmen Seele, eines souveränen Geistes. Fremd war ihn: das eitle Pathos des Gei sinnungsmärttzrers, der sich seiner selbstlosen Opferf Willigkeit selbst bewußt ist. Nicht als Opfer konnte ' er empfinden, was das Lebenselement seiner freigeborenen Natur war; seine Selbständigkeit war edelster Egoismus. Und auf das Gehudel unter ihm blickte er herab bald mit beißendem Spott, bald mit gol- - digem .Humor. So ging ein Zauber von ihn: aus, der Wunder tat, das "Wunder, seinen Freunden »nse"e politische Arbeit nicht als verlorene Mühe erscheinen zu lassen. Für mich war sie es nicht, weil ich es ihr danke, Barths Freund gewesen zu sein. Mochte? die stahlharte Energie dieses rücksichtslosen Kämpen, seine glanzende Begabung, sein unerschütterlicher Mut ihn: die Bewunderung von Parteigenossen, die scheue Achtung der Gegner erzwingen, — vom Freunde erzwang er sich mehr, etwas, das gerade aus dem steinigen Boden unserer unfruchtbaren Politik gar selten erblüht: herzlichste Zuneigung, aufrichtige Liebe. « Ja, Irrungen und Fehler, die vielleicht den politischen Ers-olg beeinträchtigen, machten den Mann nur um so liebenswerter, weil f'e mit zwingender Kraft aus der reinen Wahrhastigke't seiner fest in sich selbst ruhenden freien Seele flössen. Das; für diesen geborenen Parlamentarier aus der .Höhe seiner Leistungsfähigkeit kein Platz im Parlamente war, ist eine der - Ungeheuerlichkeiten unseres deutschen politischen Lebens: aber niemals erschien mir Barth auch als politische Persönlichkeit größer und liebenswerter, als da der Vorkämpfer der Freiheit um seiner sittlichen Freiheit willen aus den Parlamenten schied. Verbindet uns Freundschaft mit solcher Vollnatur, ° so ist dies keine bloß äußerliche Berührung: sie wird ein Stück unseres eigenen Lebens, unserer eigenen Seele. Und so ist es ein Teil unseres eigenen Selbst, der heut hier zu Asche wird. „Den Lebenswürdigen könnt der Tod erbeuten!" Aber zugleich tragen wir alle, die wir seines Lebens Eigenart in wahlverwandten Seelen ausgenommen, seines Geistes einen Hauch mit uns fort ins fernere Leben. „Aber wenn du eins nicht hast: Dieses: Stirb, und Werde, Bist du nur ein trüber Gast Aus der dunklen Erde." Ob die Ziele, denen sein Leben rückhaltlos ge- 4 weiht war, in diesem Lande jemals Wirklichkeit werden, — eine Hossnnngssreudigkeit, stark wie die seine, , mag darauf vertrauen. Aber fortwirken wird in dem ' Leben der Nachlebenden der freie Adel dieses reinen Menschen, der seine befreiende Kraft am sprödesten Stoffe segensreich bewährt hat. In allem herben Schmerze bei seinen! jähen Verluste richtet uns das Bewußtsein auf, daß das Edelste unverlierbar ist, was Th. Barth seinen Freunden gewesen. „Nicht was wir glauben: W i e wir glauben, das nur überwindet." ’ m^hii »iwrinnfl