Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1909)
- Date
- 1909-07-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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wenn es gilt die Führung der jüdischen Angelegenheiten dem jüdischen Gesetze und seinen Getreuen abzunehmen und sie in die Hände derer zu legen, die in Lehre und Leben es verneinen. Jeremias ist nicht durchgedrungen. Die Meinung der Fürsten und Großen, der Priester und der falschen Propheten obsiegte. Doch ihr Jerusalem liegt im selben Augenblick in Trümmern, das Volk dem Unglück preisgegeben. Jeremias Wort und seine Wahrheit lebt noch und wird uns doch zur sichern bessern Zukunft führen, die er mit den Worten schildert: „Sie werden einer den andern nicht mehr zu lehren brauchen, erkennet Gott, denn sie alle werden mich erkennen, von Klein bis Groß, spricht Gott." Dbeoaor Bartl). „Oeffnet die Tore, daß einziehe ein gerechtes Volk, das die Treue hält." „Daß Priester, Levite, Jsraelite einziehe, heißt es nicht" — so bemerkt der weitherzige universalistische Menschbeitssinn unserer Talmudweiseu zu diesem jesajanischen Wort — „sondern ein gerechtes Volk". Auch die Gerechten der anderen Völker haben Anteil an der Gestaltung und dem Genuß einer idealen Zukunft im Diesseits und im Jenseits. Und nirgendwo mehr fanden und finden die „Gerechten der Völker" Anerkennung und Würdigung als im jüdisch-menschlich denkenden Kreise der Juden; nirgendwo mehr dürften die Gerechten der Völker ein innigeres Verständnis für ihre Ideen antreffen, als im jüdisch lebend? n Kreise der Juden. Wird doch die Not der Zeit, die den Schmerzensschrei der edlen Geister auslöst, im jüdischen Kreise der Juden am schmerzlichsten empfunden und dreifach beklagt, für Judentum, Menschheit und die Anerkennung Gottes betrauert. Sind uns ja die wertvollen Ideen, die sie ausstreuen, längst alte liebe Freunde, mit denen wir uns so .gern in Thora und Propheten, in Talmud und Midrasch, in Codices und Gebeten unterhalten, die uns dort immer wieder begeistern und die Hoffnung auf eine schönere Zukunft in unfern Herzen nicht ersterben lassen. Wie freuen wir uns, wie atmen wir leichter ans, wenn wir sie Leben gewinnen sehen inr Munde zeitgenössischer „Gerechten der Völker". Ach, und wenn sie auch nach dem langen Starrkrampf, in dem sie lagen, dem Schlaf des Scheintodes, erst ihre Lippen bewegen und ihre Glieder lied) kaum sich regen, sich noch nicht zunr Geheu erheben und ihre Hände noch schlaff herunterhängen: sie beginnen wenigstens sich zu erholen, wir vernehmen schon verständlich ihrer: Laut, und freudestrahlend hoffen wir: „noch werden sie erstarken." Mag meine Berufspflichten auch nicht zu behaglicher Unterhaltung Raum bot, besonders da unsere Interessen auch so verschiedener Art waren. Nun kommt ein Vorwurf gegen mich selbst. Ich machte garnicht den Versuch, mich in ihre Interessen einzuleben, sondern verlangte nur ihre Teilnahme an den meinen. Eine kluge Frau wie Rosa ließ sich nicht nur an den Aeußerlichkeiten des Gesellschaftslebens genügen, den Toiletten, dem Klatsch, sondern interessierte sich auch für die geistigen Bestrebungen, die durch einzelne hervorragende Köpfe auch in diese Kreise hineingetragen wurden. Da hätten wir uns finden können, sie hätte mich dadurch abgelenkt von Berufssachen und meinen Geist außerhalb derselben angeregt. Damals war ich bereits zu verbittert gegen sie, es einzusehen, und wies alles ab, was aus den mir unsympathischen Kreisen kam. Damit trieb ich meine Frau immer mehr den Leuten zu, die mit wachsendem profanem Wissen den jüdischen Sinn abwarfen - sie kannten unsere Thora nicht genug, um zu wissen, daß mit ihr, dem Inbegriff der Weisheit, sich nichts messen kann, und daß das, was sie als „neue Bekenntnisse" priesen, im besten Falle Gedanken aus der jüdischen Lehre waren. War es nun ein Wunder, daß auch Rosa, die ohnehin nach der Art der dortigen Frauen wenig im Jüdischen gelernt hatte, auch dem Judentum aller Jsraettt ' "^ auch der wüste Chor lärmenden Stimmengewirres das Gute übertönen wollen, es reist die Zeit und wird der Aussaat Mühe reichlich lohnen. Uns gellen noch die eynischen Worte in den Ohren, welche eine große sich liberal nennende Zeitung vor etwa Jahresfrist fand, um mit einem empörend höllischen Hohngelächter den Auszug Barths aus dem Parlament zu begleiten. Ein erbärmlicheres Armutszeugnis an Ehrgefühl und Wahrheitsliebe kann sich ein Mensch und wohl auch eine Zeitung nicht ausstellen, als dadurch, daß sie einen Mann wie Theodor Barth auspfeift in dem Augenblick, da er mit blutendem Herzen seinen Posten verläßt, an dem er dreißig Jahre für Recht und Wahrheit gekämpft hat, gekämpft nicht als Politiker, sondern als Mensch, in einem Augenblick, da ein unwahrer Partei-und Fraktionsliberalismus den aufrichtigen Mann anwidert, in einem Augenblick, der dazu geschaffen schien, den Satz zu beweisen, daß „Politik den Charakter verdirbt", in einem Augenblick, über den der späte Geschichtsschreiber entfett die Hände über dem Kopf zusammenschlagen wird, wenn er eine Zeit zu schildern hat, die an Charakterlosigkeit und Treulosigkeit, an Unbeständigkeit und Unaustichtigkeit, an Selbstsucht und Vergewaltigung, an Wahrheitshaß und Ehrlichkeitsverfolgung nur uoch der Zeit zu vergleichen ist, in der im Bewußtsein vergeblicher Mühe der Prophet Jeremias im verrotteten und verrohten jüdischen Staat wirkte. Im Parlament einer solchen Zeit duldete es einen Mann wie Theodor Barth nicht mehr. Natürlich, solche Berufspolitiker, die kalt bis ans Herz hinan aus äußeren Gründen sich mit dem öffentlichen Leben befassen, begreifen nicht, „wie man sich dabei aufregen kann". Ihnen ist der Lauf der Dinge völlig gleich. Sie können ebenso gut die Lüge wie die Wahrheit vertreten. Für sie ist die Wahrheit freilich viel unehrlicher, als ihr Gegenteil. Ein Mann aber, dem die Wahrheit und ihre Vertretung seines Lebens ganzen Inhalt ausmacht, dessen jegliche spontane Lebensäußerung ein Funke dieses Gottesfeuers ist, — jeder Zoll an ihm ein Mann, Charakter, Mensch, ausgeprägte Persönlichkeit, ein solcher Mann steht da und kann nicht anders. Traurig, wenn für solche Männer der kernigen, unbestechlichen Wahrheit, traurig, wenn für solche Männer logischer Folgerichtigkeit und unbeirrbarer Prinzip'ientreue kein Platz mehr da ist in Parlamenten oder sonst welchen Körperschaften — in außerjüdischen und jüdischen —; wenn die Wahrheit hinausgejohlt und Hinausgedonnert oder in Wahlmachen und dergleichen Dingen hinausgelogen und verleumdet wird. Wehe, dreimal wehe, wenn der Dreibund des himmelnd verdrehbaren Auges heuchlerischer Scheinheiligkeit mählich entfremdet wurde? Viel zu spät bemerkte ich es, unsere Ehe war längst so zerfallen, daß ich keinerlei Einfluß auf sie mehr ausüben konnte, nur überfiel mich die schreckliche Angst um unsere Kinderwas sollte aus ihnen werden bei dieser Mutter? Auch mein Schwager wußte keinen Rat. Er hatte sich ein bescheidenes, echt jüdisches Frauchen aus Deutschland geholt und führte mit ihr ein glückliches Leben. Das Haus war meine Zuflucht, dort fanden auch meine Kinder den Ersatz für die Mutter, wenn sie mit den Kindern spielen konnten, ohne Mademoiselle, die für die 4- und 5 jährigen Knaben engagiert war, unter den Augen der zärtlichen Mutter. Allmählich fing Rosa an, spöttische Bemerkungen über unsere Gebräuche zu machen - mit Mühe nur konnte ich es erreichen, daß sie die „Krone des jüdischen Weibes", die Bedeckung des Haares, nicht ablegte. Im Hause herrschte — glücklicherweise — die langjährige streng religiöse Köchin meiner Schwiegereltern, die Rosa gleich ins junge Heim begleitet^hatte. Ich weiß nicht, lieber Freund, ob Sie sich einen Begriff von der Hölle machen können, die darin liegt, wenn Gatten einander in den heiligsten Dingen mißtrauen müssen. In dieser schlimmen Zeit bekam ich die Nachricht von der schweren Erkrankung meines Vaters. (Fortsetzung folgt.) mit stolzer Herrschsucht hochmütiger Rücksichtslosigkeit und grinsendem Gelächter mephistophelischer Falschheit die Zeit beherrscht, wenn nach dem Wort des Propheten „der* Gesetzlose die Kronen an den Pflichtgerechten zu vergeben hat." Dann kann die Wahrheit sich verkriechen — bis „der Gotteszorn vorüber ist". Das war die bittere Lebenserfahrung, die Theodor Barth gemacht hat und die typisch für unsere Zeit ist im allgemeinen und leider auch im jüdischen Leben bis hinein in die sich „orthodox" nennenden Kreise. Nicht weil Theodor Barth für die Rechte der Juden gekämpft hat, möchten wir ihm ein Ehrenblatt in dieser Zeitschrift widmen. Wir würden ihm zu nahe treten, wollten wir ihn, den Vorsitzenden des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, für uns in Anspruch nehmen. Sein Leben und Kämpfen ist typisch für die gesamte Zeitlage. Wir stiften das Ehrenblatt drum dem Menschen, dem Diener der Wahrheit, dem Vorkämpfer für Recht und Freiheit, dem Priester der Lauterkeit und Reinheit, dem hochsinnigen, feinfühlenden und großzügigen Manne, dem edlen Streiter Theodor Barth. Wir wüßten aber keine besseren Worte zur Schilderung seiner Persönlichkeit zu finden und keinen richtigeren Ton zu treffen, als es den „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" in Nr. 23 vom 10. Juni in einem Nachruf gelungen ist, aus dem wir einen Auszug folgen lassen. „Als die Revision des Falles Dreyfus durch Scheurer-Kestner eingeleitet wurde, lobte Theodor Barth, der allezeit treue Berater und Helfer der Unterdrückten die männliche Tat des französischen Senators also: „Für fremdes Leid sich zu interessieren, ist das Zeichen einer edlen und zugleich einer freien Gesinnung. Für unschuldig Verfolgte einzutreten, ist vielleicht die höchste Bürgertugend, die höchste, weil sie in der Regel die undankbarste ist, die höchste, weil der tiefste Gedanke des Rechtsstaats in ihr znm Ausdruck kommt." Für Anwandlungen opportunistischer Moral, die das Rechtsgefühl nur korrumpieren, die aber leider immer mehr auch in den liberalen Parteien Eingang gefunden haben, war Barth absolut unzugänglichdiese unbestechliche Neberzeugungstreue war es auch, die er an seinem Parteifreunde Heinrich Rickert so hoch schätzte und der er in seinem Nachrufe folgendermaßen Ausdruck gab: „Der moralische Mut, der dazu gehört, eine Sache nicht zu verlassen, die allen Kleinmütigen und allen Superklugen aussichtslos erscheint, ist selten. Rickert besaß gerade diesen Mut im höchsten Maße." Und noch ein anderes ausgezeichnetes Wort, das Dr. Barth in dem Gedächtnisartikel für Rickert schrieb, trifft auch auf ihn selbst in vielleicht noch verstärktem Maße zu nnd verdient als überaus zeitgemäße Mahnung wiederholt zu werden: „Wer da weiß, was es in der Politik heißt, die Satten und Faulen und Feigen zum Bekennen und nun gar zum Betätigen ihrer Ueberzeugung zu bringen, wer die tausend Ausflüchte kennt, mit denen der sogenannte gute Bürger sich um die Erfüllung der öffentlichen Pflichten herumzudrücken pflegt, der nur kann den Verlust eines Mannes voll würdigen, welcher niemals müde wurde, anzuregen und aufzumuntern, die Lässigen zu schelten, den Zaghaften Mut einzuflößen und immerfort durch sein eigenes Beispiel zu erhärten, daß es eine Schande sei, an dem endlichen Siege der als gut erkannten Sache zu verzweiflen." Auch für Theodor Barth gab es kein feiger Gedanken bängliches Schwanken. Die Vokabeln Mutlosigkeit und Verzagtheit waren in dem sonst so reichen Wortschatz des glänzenden Stilisten nicht zu finden. Rom war, wie er einmal mit Recht schrieb, nie größer als in jenen Tagen, da der Senat den aus entsetzlicher Niederlage heimkehrenden Feldherrn lobte, guock de ropublivs. non desperasset, weil er am Staate nicht verzweifelt hatte. Auch diesem universalen Geiste, dem die Politik aus allen Poren drang, ist