Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1909)
- Date
- 1909-07-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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- Malbim 1× ep/1002711
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Sette 20. Der JSraelit- 1. Full HM «9. Nr. L6 Die liidiscbe Bibliothek. Aus Lehrerkreisen wird uns geschrieben: Eine jüdische Zeitung darf nicht allein berichtigend, sondern muß auch, will sie ihren Zweck erfüllen und der Leserschaft gerecht werden, auch belehrend sein. Sie darf nicht mit ihren Ratschlägen und Lehren solange warten, bis das Uebel Wurzel geschlagen hat, sondern muß stets auf der Hut sein, das Hereinbrechen des Uebels zu verhüten. Darin sündigen sie aber am meisten. Es ist daher anerkennenswert und von hohem Werte, daß der jüdische „Volksfreund" da eingegriffen hat, und belehrend auf das jüdische Volk wirkt. Da möchte ich die Redaktion nun auf ein Gebiet verweisen, auf welchem nicht allein von den Laien, sondern auch von den Sachverständigen noch sehr viel hierzulande gesündigt wuid, nämlich in Bezug auf die jüdische Bibliothek. ZMwrend der Laie wie der Gebildete stets darauf MMebt sind, ihre Büchersammlung immer zu vsrM^rkl und keine Opfer scheuen, um sich die teuerstWKlassiker. Konversationslexikons u. a. m. anzuschafstn, fstwet man nur selten Käufer jüdischer Bücher. Ja, selbst der jüdischer Lehrer, der auch, wiw er sein hohes Amt richtig ausüben, unbedingt eine jüdische Bibliothek haben muß, — natürlich im jüdischen Sinne gemeint, denn matt verlangt ja jetzt nur in profanen Wissenschaften ausgebildere Religionslehrer — ist einer jüdischen Bibliothek bar und es fällt ihm gar r - nicht ein, eine sölche sich anzuschaffen. Weder der Talmud noch die Codices, ja nicht einmal den Pentateuch mit Kommentaren kann man bei dem jüdischen Religionslehrer vorfinden. Wie ist es denn unter solchen Umständen möglich zu lehren und zu lernen, ja wir fragen jüdisch zu leben? Will man wirklich etwas Positives mit der Verbreitung des jüdischen Wissens — nicht Wissenschaft — leisten, so muß von berufener Seite auf den Ankauf jüdischer Werke gedrängt werden, aber nicht Werke in Uebersetzungen, sondern in der heiligen Schrift. Dann kann man wenigstens bei den jüdischen Lehrern auf Erfolg und Verbreitung unseres alt überlieferten Judentums wieder rechnen. Soweit die Ausführungen der Zuschrift. Wir haben dazu zu bemerken, daß, soweit die Bemängelung die jüngeren Lehrer betrifft, es einfach wirtschaftliche Verhältnisse sind, die es nicht zulassen, bei den nicht zu reichlich bemessenen Gehältern auch noch Überschüsse zur Beschaffung einer größeren Bibliothek zu erzielen. Immerhin muß zugegeben werden, daß ein gewisser Bibliotheksbestand unumgänglich notwendig wäre. Denn die Bibliothek ist für den Lehrstand das Handwerkszeug. Aber es reizt nur dann, ein Handwerkszeug zu besitzen, wenn man es auch zu handhaben versteht. Sonst wird es als Luxus betrachtet. Nnd für Luxus haben die Herren freilich kein Geld übrig. Das hat der Herr Einsender, der noch aus der alten Schule stammt, übersehen. Er weiß mit dem Talmud etwas anzufangen,- er kann ihn lesen und lernen und lehren; er kann einen '"ttn piDB vortragen, daß seine Hörer etwas davon mit nach Hause nehmen. Aber er mag sich einmal nach dem Stand des Wissens bei dem jungen Nachwuchs umsehen. Wie viel sind es, die einen Vers Raschi richtig lesen, wie viel sind es, die „heute" damit noch zu belehren und zu „erbauen" wissen, die den modernen Anforderungen angepaßt, in modernem — nicht taurohfeindlichem — Sinne, auch für die heutige Zeit noch geltende Wahrheiten daraus zu schöpfen vermögen und ihre Zuhörer auch mit einem Raschiverse noch fesseln und befriedigen können? Was sollen sie — so denken sie — vollends mit Rarnban und Malbim und was gar mit dem Talmud an fangen? Zujüdische n Lehrern alten Schlages unsere „seminaristisch gebildeten" Lehrer auszubilden, bleibt den Seminarien bei all den Prüfungsanforderungen doch gar keine Zeit. Der Staatsstempel ist der Stolz des Zöglings und des Seminars, und das Zeugnis der Schulbehörde gilt auch den Gemeinden mehr, als der Nachweis jüdischen Wissens nnd jüdischen Lebens. Sind es nicht dieselben unglücklichen Erscheinungen, wie sie auch bei der Ausbildung der Rabbiner sich zum Schaden der Thauroh nnd der Emunoh offenbaren? Ersetzt nicht auch dort der „vr. phil." die „Morenu" häufig genug? Gibt es in Deutschland nicht Rabbinerpressendie — zum Glück — auf die Ausstellung der niOin mrn völlig Verzicht leisten und prinzipiell nur wissenschaftliche Eignungen prüfen, denen aber die „akademische Freiheit" zu heilig ist, als daß sie sie entweihen dürften durch die indiskrete Frage nach moralischer und jüdisch-religiöser Reife zur Bekleidung eines Rabbinerpostens? Wir kennen Rabbiner, die kein D"ty und keine Codices besitzen Was würde der Herr Einsender dazu sagen? Was er sagen würde? Wir glauben in seinem Sinn zu reden: Darum fasten wir noch immer am 17. Tamus. Ein wahres Wort, „Jerusalem sei zerstört worden, weil man den Segensspruch über die Thora nicht zuerst gesprochen habe. So lange Thora und ihre Zwecke, ihre Stärkung und ihre Mehrung, ihre Verbreitung und ihre Förderung nicht als erste und vornehmste Pflicht erkannt wird, so lange wird mit Absicht und bewußter Hartnäckigkeit die Bedingung nicht erfüllt, die eine Hebung unserer religiösen und moralischen, wirtschaftlichen und polischen Lage herbeizuführen einzig und allein imstande ist. Solange für alles andere Geld vorhanden ist, für Holz und Stein und Gold und Silber, — und sei es auch im Dienste des Judentums, im Dienste der Menschheit — doch für unscheinbare Thora, für rein Ideelles, für rein Abstraktes wird kein Verständnis, kein Opferwille betätigt, solange ist mit Nichten ein Heiligtum aufgerichtet, das dem Geist des Judentums entspricht und die Lebendigkeit des Judentums auch nur um Haaresbreite fördert. Wenngleich wir nun die notwendigste Bibliothek auch bei dem Lehrer voraussetzen müssen, wenn anders er seine ersten jüdischen und amtlichen Pflichten erfüllen will, so , können wir doch nur Opfer in dieser Hinsicht von Gesellschaftsklassen fordern, die in der Lage sind, sie zu bringen. Wie ein Silberschrank bei der Einrichtung eines halbwegs vermögenden Mannes nicht fehlt, so muß auch ein Schrank sich vorsinden. Und wie das Brot sollte bei ihm das geistige Brot zur Stelle sein. Wie Schiller und Goethe müssen der Talmud und die Propheten, die Mischnah und die Thora, die Codices und die Erklärer der hl. Schrift sein Heim zieren. Und wäre er unfähig darin zu lesen, er müßte sie besitzen, um die Literatur durch den Kauf der Bücher zu fördern, um der Sache der Thora willen muß er sie sich anschaffen. Die Refornr, die Neologie, hat, wie ihr Ahnherr weiland König Jehojakim Jeremias Bücher zerrissen und verbrannt, die Thora kritisch zerschnitten mb praktisch vernichtet, um dann im Größenwahne ihrer materiellen Macht der Freiheit und der Selbstbestimmung als Juden und Menschen den noch Juden Gebliebenen, noch wahre Juden sein Wollenden Stricke zu drehen, um den Rest des Judentums noch mit aller Gewalt zu erdrosseln. Wir wehren uns, so gut wir können. Aber wir dürfen nicht nur Lanzen zur Abwehr mit der Linken schmieden und schwingen, auch die Kelle darf der Rechten nicht fehlen. Wir müssen kämpfen und bauen zugleich, bauen, wenn sie zerstört haben, bauen, daß sie nicht mehr verwüsten können. Tauroh lernen und lehren, schreiben und drucken mögen die, die dazu befähigt,- kaufen und fördern ist die Pflicht derer, die die Mittel dazu besitzen. Jüdische Bibliotheken muß die Zierde unseres Heims, der Bildiingsstoff für unsere Kinder fein und bleiben. An das Volk hatte Jeremias mit seinem Buche seiner Reden sich gewandt. An das Volk müssen wir uns wieder wenden. Das Volk ist der Garant der Unsterblichkeit des Judentums, das Volk ist das Erbe der Thauro. Im Volk gedeiht, aus dem Volke blüht die Pflege des Thorageistes, „Gott, sein Gott ist mit ihm, wenn nur die Huldigung des Königs in ihm lebt." Zollen wir unsere Cocbter in die Grossstadt verheiratet!? Bon Dr. M. K irr L. (Fortsetzung.) Herr Levi nickteer hatte seinen Freund von jeher als gescheidten Mann geschätzt, aber daß er von Kunst und Kunstgenuß so viel verstand, das hatte er nicht gewußt. „Nnd was würdest Du zu meiner Frau sagen", frug er den Freund, „wenn sie Dich auf die Bequemlichkeit in der Haushaltung aufmerksam machen würde, wie Gas, Beleuchtung, Heizung?" Darauf sagte der Freund: „Das ist allerdings richtig, aber erstens kosten diese Dinge viel Geld, zweitens babt Ihr auf dem Lande diese Dinge nicht so nötig, wie wir in der Stadt, denn Ihr habt viel mehr Zeit, Euch ein anständiges Herdfeuer zu machen, als wir hastigeilenden Städter. Und drittens, wenn Ihr nicht so schwerfällig sein wolltet, könnet Ihr dieselben Bequemlichkeiten für billigeres Geld Euch verschaffen. In vielen Dörfern gibt es ja elektrische Kraftlaffet Euch solche Beleuchtung einrichten. Dann gibt es Acetylen, wodurch jeder Hausbesitzer, und das seid Ihr ja alle, sich selber sein Gas für Licht und Heizung bereiten kann, wenn er einmal die Sache eingerichtet hat. Du kannst Dir ja gerade in dieser Wirtschaft, wo wir hier sitzen, die Sache einmal ansehen und erklären lassen. Und was die übrigen Wohnungsverhältniffe betrifft, so befindet Ihr Euch in Eurem geräumigen Hause hier, das Ihr nach Eurem Bedürfnisse und Geschmack gestaltet habt, doch viel wohler und ungezwungener, als in einer Mietskaserne, wo Ihr weiter nichts seid als Mitbezahler der Hypothekenzinsen, und wo Ihr jahrelang mit dem Hausbesitzer zu kämpfen habt, bis er Euch etwas machen läßt. Ich könnte verschiedene Liedchen von den Leiden und Schmerzen eines Mieters singen. Und endlich die gute Luft und die Ruhe, die Ihr habt, und, wie es scheint, nicht in Anschlag bringet, während der Städter für nur vier Wochen solchen Genusses Tausende auszugeben direkt gezwungen ist in der Sommerfrische.' Wie gut haben es nur die kleinen Kinder und deren Mütter hier auf dem Lande. Kaum verstehen sie das Gehen, so könnt Ihr sie ruhig und sicher auf der Straße herumlaufen lassen, wo sie sich den ganzen Tag mit ihren Jugendgenossen tummeln können. In der Stadt sind die armen Wesen nur auf das enge Zimmer oder den dumpfen, halbdunklen Korridor angewiesen, sehen bleich aus, sind blutarm infolge Mangels an Luft und infolge des Mangels an Milch, die man blos für teures Geld und dennoch nicht so frisch erhalten kann. Nur alle paar Tage kommen in der Stadt die Kinder auf 1—2 Stunden in die „Anlagen", und da bedarf es umständlichen Anziehens und Herrichtens, bis die „Puppen" arrangiert sind für die Augen der kritischen Beobachter. Und auf den Spaziergängen müssen die armen Kleinen fein sittsam sich an der Hand führen lassen, denn überall saust „die Elektrische" vorbei, und müssen sich Zwang antun, um als „Musterkinder" zu erscheinen, und haben keine Gesellschaft an anderen Kindern, denn alles steht ihnen fremd gegenüber. Auf dem Lande aber können sie sich frei umhertummeln, dort herrscht Ungezwungenheit, und recht kindlicher Sinn und gesunde Kinderlust behalten die Oberhandda sind die Kindes dann auch nicht so altklug wie in der Stadt, und wenn sie erwachsen sind, sind sie körperlich und seelisch robuster und ausdauernder." Herr Levi mußte dies alles zugeben. Da erhob sich der Freund arts der Stadt und sagte: „Nun ists aber spät geworden, morgen ist wieder ein Tag. Ich muß morgen einen Abstecher in die Umgebung machen, und abends wollen wir über dieses Kapitel ein Weiteres sprechen." Briefkästen. fj. S. in Rheydt. Der Einzelne darf vor Eintritt der Nacht das Abendgebet nicht verrichten. Auch die Erleichterung, vor Eintritt der Nacht das Minchagebet mit dem Abendgebet zu verbinden, ist nur sü das Gemeindegeber getrosten morden, um die Gemeinde nicht zweimal Ul bemühen.