Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1909)
- Date
- 1909-07-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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s. Jahrgang MB, üdiscbcr volRöfreund Monats-veilage zm „irraeltt" ▼erantwortllcbe Redaktion t Rabbiner Dr. B. (Qotf In Köln Camus. Wieder ist es Tamus wordenwieder stehen wir im Andenken an der schier geborstenen Säule einstiger Pracht. Jahrtausende zurück schweift unser geistig Auge. Von neuem fühlt unser Herz den Sommer, rastet das Leid, das Zeit und Verhältnisse auf uns gehäuft. Und noch wagen wir nicht die bange Frage: Was wird noch werden? Ein hilfloser König, der Sündenträger voraufgegangener Geschlechter, saß auf Davids Thron, als in seinem elften Regierungsjahr, am Neunten des vierten Monats, die Stadt Jerusalem in Feindeshände siel. Er wollte seine Unabhängigkeit gegen Vabel sich erstreiten und war doch so abhängig, so abhängig von der Hofgesellschaft der eigenen Umgebung, daß er nicht einmal wagte, sich offen mit dem Verteter der Wahrheit, dem Mittler des Gotteswortes Jeremias, dem Propheten, ins Benehmen zu setzen. Jeremias schmachtete in der Grube, in der er langsam aber sicher versinken sollte. Mundtot mußte dieses unbequeme jüdische Gewissen gemacht werden, das noch zu regen und zu wenden sich erdreistete. Und niemandes Zunge löste sich zur Verteidigung der verfolgten Wahrheit, zur Rettung des Gottesmannes. Alles zitterte vor der Macht und dem rücksichtslosen Gewaltmißbrauch der Gewalthaber und hatte nicht den Mut, dem Menschenunglück beizuspringen, wenn im wohlverstandenen Sraatsinreresse die Beseitigung des Menschen geboten schien. Nur ein fühlend Herz schlug noch unter den Larven. Ein Nichtjude war es, ein Kuschite, selbst unbequem wegen seiner Ehrlichkeit. Der Schwarze rettete den „Schwarzen". Und der König gab die Erlaubnis hierzu. Vielleicht hatte man das „Orakel" nochmals nötig. Im Geheimen ließ der König Jeremias kommen. Die Fürsten durften drum nicht wissen. Doch Jeremias meinte, was soll ich Dir raten? Du hörst ja doch nicht auf mein Wort. Da erfährt man, was des Königs Angst bewirkte. Er fürchtete, daß die Juden, welche den Feinden sich ergeben hatten, ihm nach dem Leben trachten könnten. Der Feige, der Abhängige, der Verständnislose. Als ob Jeremias, der „Staatsfeind" und der „Hochverräter" denn anderes geraten hätte, raten könnte. Gegen Babels Szepter ringen war nicht mehr möglich. Babel sich mit dem Körper ergeben und Sieger bleiben mit dem Geist — das wäre die einzige Rettung gewesen. Mit anderen Worten: Der Staat hatte seine jüdische Aufgabe, die ihm sekundär aus dem jüdischen Gesetz erwächst, nicht erfüllt. Welche Menschen unterdrückende, Recht beugende, Vergewaltigung er begangen, sollte ihm vor Augen treten, wenn erst ein gewaltiges Weltreich, das gleich ihm nicht auf dem verbrüdernden Gedanken der Gotteskindschoft aller Menschen aufgebaut war, die Herrschaft über ihn ausdehnte. Der jüdische Staat wäre gesühnt, gesühnt zumal, wenn unter dem Druck von außen um so bewußter das jüdische Gesetz in seiner Reinheit und Gradheit erkannt und anerkannt würde. So hatten die gedacht, die zum Feinde übergelaufen waren. Nicht der Staat, das Judentum, nicht der Fürsten Wunsch, das Gottesgesetz, nicht die politische Unabhängigkeit, die sittliche Freiheit, nicht der Körper, der Geist muß gerettet werde». Das war das klare logische, jüdische Ziel. Die Fürsten aber in ihrem Hochmutswahn, in ihrem Besitzesstolz und ihrer Amtswürde kannten nur die Faktoren des Lebens und Glückes, die auch „bei den Völkern ringsum" die Grundlagen des Daseins und der Freude ausmachten. Von denen, die dem Gotteswort an Jeremias folgend, sich in das unabänderliche Geschick fügten, hatte der König nichts zu fürchten. Sie waren nicht aus dem Holz geschnitzt, aus dem Königsmörder und Vaterlandsverräter geschnitzt werden. Aber man hatte sie beim Könige verleumdet. Dieselbe Erscheinung, wie später vor der Zerstörung des zweiten Tempels die Patrioten die Gefeierten waren, diejenigen aber, die zum Frieden und zur Unterwerfung rieten, Vaterlandsfeinde gescholten wurden, so hatte auch jetzt das Schlagwort, das die Maffen aufregt „Selbstbewußtsein", die Oberhand behalten — zum Unglück und zur Schmach. Die bescheidene Mahnung zum Pflichtbewußtsein muß verstummen. Die Hohlheit und der Schein, statt Wesen und Sein bestimmen die Richtung des Weges und tragen die Verantwortung für das- Mißgeschick des jüdischen Volkes. Solche Abhängigkeit vom äußern Leben will sich die Unabhängigkeit erstreiten! Wer nicht gehorchen kann dem jüdischen Gesetze, kann über das jüdische Volk nicht gebieten. Wem wie Zidkijah die Kraft fehlt, gegen Einflüsterungen und Herrschergelüste, Selbstsuchtpolitik und Gesetzesverachtung der Großen Front zu machen und gegen sie die Wahrheit und ihren Träger zu schützen, der hat das Recht: verwirkt, den jüdischen Thron zu behaupten. Denn seine Stützen sind Wahrheit und Recht und Liebe. Der 9. und der 17. Tamus sind die Kronzeugen der Phropheten und ihr Eideshelfer ist die trübe, fast zweitausendjährige Geschichte des Goluß. Die Erinnerung daran muß uns leiten, Fe «illet »«. Um Haminkeiier. (Fortsetzung aus Nr. 5.) „In dieser Zeit lernte ich erst den schädlichen Einfluß der beschränkten Mutter auf meine Frau kennen. Anstatt der werdenden Mutter das Glück klarzumachen, das in dieser schönsten Erfüllung der Ehe liegt, jammerte sie ihr von den schweren Stunden vor, daß ich Mühe hatte, die kräftige junge Frau in ihrer Munterkeit zu erhalten. Als das Kind angekommen war und meine Frau, kaum geschwächt, den prächtigen Jungen in die Arme schloß, dachte ich, nun sei alles überwunden, und gemeinsam erziehen wir ihn zu einem tüchtigen Menschen. Bald genug war diese Illusion geschwunden. Schon die einfachste Mutterpflicht, das Nähren des Kindes, weigerte sich meine Frau entschieden zu übernehmen. Ihre Mutter fand meine diesbezügliche Zumutung empörend. Keine junge Frau aus ihrem Kreise strenge sich damit an, man werde schon eine gute Amme finden! Ich mußte mich schwer genug darin finden. Das echte, frohe Vaterglück war mir getrübt. Das Kind entwickelte sich gutmeine Frau putzte es aufs Schönste, zeigte es stolz ihren Bekannten, aber die Pflege wäre ganz und gar der Amme überlassen geblieben, wenn ich mich darum nicht gekümmert hätte, soweit es meine Zeit erlaubte. All die vor der Geburt des Kindes versäumten Vergnügungen mußten nachgeholt werden, und die unvernünftige Mutter unterstützte sie darin! Vergeblich bemühte ich mich, in meiner Gattin jetzt ein Interesse für das soziale Gebiet zu erweckengerade beim Anblick ihres sorgfältig gepflegten Knaben machte ich auf die furchtbare Not der Säuglinge aufmerksam — es half nichts. Sie muffen denken, die Mode verlangte es damals noch nicht wie heute, daß die feinen Damen an die Spitze der Wohltätigkeitsvereine treten, sonst hätte es meine dezente Rosa sicher auch getan", lachte Dorfzaun bitter. „Eben damals war es noch das altmodische Gemiluth Chessed, das unsere Frauen veranlaßte, armen Wöchnerinnen kräftige Suppen zu bringen und Milch für die Kleinen. Geld gab meine Frau gern, das hatte sie vor sich gesehen, ihre Mutter hatte ja so ein weil es Herzkein Bettler verließ unsere Türe ohne eine Gabe, so war cs den Mädchen angewiesen, aber Madame konnte das Elend nicht sehen. So fehlte mir auch tie Möglichkeit einer Aussprache, wenn ich erschöpft nach Hause kam, selbst wenn meine Frau zu Hause war. Mein Schwager und Kollege verbrachte die freien Abendstunden oft bei mir, er fühlte mit nlir und machte sich^ manchmal Vorwürfe, die Heirat veranlaßt zu haben. Sern Einfluß auf Mutter und Schwester war zu gering, um mir zu helfen. Unser Trost war Rosas große Jugend. „Laß sie jetzt die Vergnügungen auskosten, bald wird es einer so klugen Frau zu schal sein", pflegte er zu sagen. Und ich in meiner Liebe zu der bildschönen Frau glaubte ihm nur zu gern. Gab es doch Stunden, in denen sie sich zärtlich und hingebungsvoll gegen Gatten und Kind gab, daß ich mich den glücklichsten Menschen wähnte. Nach etwa Jahresfrist gebot die Erwartung des zweiten Kindes ihr ohnehin Schonung. Damit begann mein. Unglück. Sie empfand nicht die geringste Freude, sondern war außer sich über die Störung, die der gesunden jungen Frau wirklich nicht zu schwer war. Jetzt sah ich erst, wie äußerlich ihre ganze Mutterliebe waropferfähig war sie in keiner Weise. Mit Mühe nur zwang ich mich zu der Rücksicht, auf die sie jetzt Anspruch hattemeine Gefühle zu ihr erkalteten mehr und mehr, und selbst die Geburt des zweiten Knaben brachte uns nicht näher. Meine ganze Liebe wendete sich den Kindern zu, die fast ganz dcn Wärterinnen überlassen blieben. Meine Frau war ziemlich allabendlich aus dem Hause, eine gefeierte Gesellschaftsdame. Morgens stand sie spät auf. So kam es, daß wir uns hauptsächlich beim Mittagsmahl trafen, das aber durch