Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1909)
- Date
- 1909-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der Isroeltt. Nr. 36 Seite 4 1. Juli 1909 _' _ Scheiden mit herzlichen Worten des Bedauerns bezeugt wird. Ferner trat kein Geringerer als Gabriel Rieß er, der damals in Bockenheim lebte und mit Geiger befreundet war, für ihn ein, indem er ein geharnischtes Schreiben an die A. Z. d. I. richtete und die Notiz als eine feige Verläumdung geißelte-) Er schrieb: „Der Unterzeichnete hat sich nach dem Vorgänge erkundigt und kann demgemäß dem Publikum die Versicherung geben, daß die Notiz eben nichts als eine reine, nackte Lüge ist. Es scheint allerdings, daß von einer Seite her der Versuch gemacht worden ist, einenr albernen Märchen von einer durch Dr. Geiger verschuldeten Verletzung d§s Sabbaths bei einigen Dummköpsen Eingang zu verschaffen, aber abgesehen davon, daß jenes Märchen bei keinem einzigen urteilsfähigen Menschen Glauben gefunden hat, so ist es gewiß und kann durch Aktenstücke vollständig erwiesen werden, daß dasselbe mit dem Rücktritte des Herrn Dr. Geiger von seinem früher in Wiesbaden verwalteten Amte auch nicht in der entferntesten Beziehung steht." Nach diesem Schreiben kann es nicht zweifelhast sein und darf als feststehend betrachtet werden, daß Geigers Amtsniederlegung eine freiwillige war. Dagegen bleibe dahingestellt, ob die Behauptung an sich, daß er sich der Verletzung des Sabbatsgebotes schuldig gemacht habe, eine unwahre gewesen ist, da es notorisch ist, daß Geiger später, als er älter und gereifter war, den Sabbath durch heimliches Tabakrauchen zu entweihen, kein Bedenken trug. XI. ' Im Juni 1838 erhielt Geiger durch die Vermittelung F r e u n d' s vom Breslauer Obervorsteher-Kollegium die Einladung, dort eine Gastpredigt zu halten. Er folgte derselben und kam am 18. Juli 1838 in Breslau an. Hier spielte er sich mit Ostentation in seinem äußeren Auftreten als einen Mann strengster skrupulöser orthodoxer Observanz auf, der mit penibelster Gewissenhaftigkeit die Religionssatzungen beachtet. s) Am Türpfosten der Gaststube, in der zx logierte, vermißte er die Mesusa und ordnete die Anbringung derselben an, obwohl nach dem Religionsgesetz für einen nur vorübergehend bewohnten Raum die M-susa-Pflicht nicht besteht. Er war eben skrupulöser als der Schulchan-Aruch. Er lehnte jede Einladung zum Essen ab, aus Furcht, daß das Kaschrus nicht einwandfrei sei. Das Samtkäppchen wich nicht von seinem Haupte. Es mußte ein Bartzwicker ausgetrieben werden, um den Bart nach ritueller Vorschrift abzunehmen. Er ging am Sabbath auf dem Wege von seinem Logis nach der Synagoge gleich einem alten orthodoxen Rabbi mit über den Kopf gezogenen Talis, um damit ostentativ zu bekun- -) Vgl. a. a. O. I S. 48. ') Sendschreiben der großen Mehrzahl. S. 2. — Deut s ch, Rücksprache mit allen Gläubigen. S. 3. den, wie ernst er es mit dem Verbote des Tragens am Sabbath nehme.4) Seine Predigt hatte einen durchschlagenden Erfolg. Sie liegt gedruckt vor (N. Schr. S. 356 f.'), ist eine gute homiletische Leistung und ein Meisterstück der Diplomatie. Geiger wurde fast einstimmig, mit 56 von 57 Stimmell gewählt. Doch mußte er erst die preußische Naturalisation erlangen, um anstellungsfähig zu sein. Es wurden für und gegen ihn Eingaben bei den Behörden gemacht, die öffentlichen Zeitungen in Anspruch genommen und die Flugblätter veröffentlicht. Er nahm in der Zwischenzeit, um seine Angelegenheit intensiver betreiben zu können, in Berlin seinen Wohnsitz und erlangte schließlich Ende 1839 die Naturalisation. Sein Amtsantritt erfolgte im Januar 1840 und wurde der Anlaß zu heftigen Fehden und Dielen Verwirrungen. Ehe ich auf diese eingehe, sei noch etwas vorausgeschickt. Geiger besaß ein stark potenziertes Sclbstbewußtsein und war überaus empfindlich, wenn daran gerührt wurde. Er war ein guter Hasser und wußte bei seinem leidenschaftlichen Temperament Person und Sache nicht von einander zu trennen. Er war trotz seiner genialen Begabung von einer kleinlichen Eitelkeit, die für Verfall sehr empfänglich war und ibn gern in seinen Briefen registrierte. Abfällige Kritik konnte er nicht vertragen und trat sachlichen und prinzipiellen Einwänden mit persönlichen Jirvetnven errtgegen. Diese Methode schlug er z. B. auch S. R. Hirsch gegenüber ein. Während er im Jahre 1836 dessen „Neunzehn Briefe" mit großer Achtung rezensiert und, obwohl er dem darin waltenden Geiste nicht beipslichtete, dennoch dem Auror hohe Anerkennung gezollt hatte,5) überschüttete er ihn im Jahre 1838 mit den gröblichsten Beschimpfungen, nachdem Hirsch ihm in seinen „Mitteilungen aus Naphtalis Briefwech- 4) Im „Israelit des 1t). Jahrh. 1846, S, 207, befindet sich in einer errmutlich von Geiger verfaßten oder inspirierten Korrespondenz zur Verteidigung dieses Verhaltens Geigers eine ausführliche Auseinandersetzung über die Begriffe Heuchelei und Pastoralklugheit. Demgegenüber ist aus die oben zitierten Ausführungen Geigers in W. Z. s. j. Th. I S. £97. III S. 822 zu verweisen, ferner aus eine zutreffende Bemerkung des Mitbegründers der Berliner Reformgemeinde S. Stern (Geschichte des Juventums S. 272): „Wenn es auf diesem Gebiete eine Klugheit gäbe, die in der Praxis gebietet, den Verhältnissen gegen die eigene Ueberzeugung Rechnung zu tragen, so würde dieselbe Klugheit gewiß auch gebieten, mit der Veröffentlichung der entgegengesetzten Theorien so lange zurückzuhalten, bis jene Hindernisse beseitigt sind; damit nicht in die Geister und Gemiiter eine unselige Verwirrung und ein verderbliches Mißtrauen hineingetragen werde." 5) W. Zeitschr. f. j. Th. 1836 S. 351 und 518. fei" entgegengetreten war. Er war Nämlich vorher der Ansicht, Hirsch werde gegen ihn und seine Gesinnungsgenossen keine Schritte tun, weil er zu ihm Zutrauen habe.«) Als er sich, aber in dieser Erwartung getäuscht sah, quittierte er die Gegnerschaft Hirsch's mit einer Rezension des „Horeb" und der „ersten Mitteilung aus Naphtalis Briefwechsel", die an Gehässigkeit ihresgleichen suchte) Die Rezension schließt mir dem Ausbruch: „Es hat sich hier das Innere des Mannes, so zum Entsetzen und Abscheu eines jeden Verständigen und Wohlgesinnten hcrvorgekehrt, daß man nur die Wahl hat, ob man ihn verachten oder bedauern will. In diesen Pfuhl von Trivialität, Gemeinheit itnb albernen Spässen, in welchem sich der Verfasser, der die fast unausbleibliche Metamorphose aus dem Phantasten in den Fanatiker nun durchgemacht, so selig wälzt, tiefer einzudringen, ist eines jeden gebildeten Menschen unwürdig. Muhte mich daher bei der ersteren Schrift (d. h. dem Horeb) der Spruch des Weisen, sprüchwörter 26. 5 („Antworte dem Thoren nach seiner Narrheit, daß er sich nicht weise dünke") zu einer Widerlegung veranlassen, so nruß mich bei der zweiten Schrift (d. h der „Ersten Mitteilung") der Grundsatz leiten Sprüchwörler 26. 4 („Antworte dem Thoren nicht nach seiner Narrheit, daß du nicht selbst dich ihm gleichstellest.") Dieser nnqualisizierbare Ausfall charakterisiert treffend die Art, iu der Geiger gegen seine Gegner kämpfte. (Fortsetzung folgt.) Lfc-Ci. orrespondenzen und M!«achrichten. Deutwse« XUid}. Berliner Brief. (Von unserem Korrespondenten.) E. B. 29. Juni. Der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde hat eine „Bekanntmachung" veröffentlicht, wonach er vom 1. April 1910 nur noch folgende Kategorien von Lehrkrä ten an den Religionss.chulen der jüdischen Gemeinde und den von ihr snbven- «) Leben in Br. S. 55. 7) W. Z. s. j. Th. 1880. S. 355 s. eines 'euilleton. Lin interessanter Brief INevrr Bmrcdel Mscbild’s. Mitgeteilt von Lehrer Hormitz, Cassel. Nachstehender Brief erinnert an die Tätigkeit des ehemaligen hessischen Hofsaktors M. A. Rothschild: er wirft ein eigenartiges Licht aus die Behandlung der Hofbeamten und aus die vielfachen Beschränkungen. die den Israeliten damaliger Zeit auserlegt waren: „Hochwohl gebohrener Herr Jnsonders hochgeehrtester Herr Registrator! Ew. hochwohlgeboren sehr geehrteste schreiben habe richtig erhalten, nur Juden habe den Vergangne Freitage Feuertage gehabt. Da mir nicht schreibe dersen, dahero erstens heute die Ehre gehorsam zu Antworten, in "bedreff ein Frankfurter srey Passes ist Eigendlich hier der Gebrauch, daß kein Jude an fontage an de statt tohre In und aus die tohren Passiren dersen, ausgenommen welche von den hiesigen Magistrat Ein Pas bekumt, worein gesagt wird, daß derselbe am sonntage ohn Gehindert an alle gegend gehen derfe. Diese Passe Bekamen gemeiniglich Jude, welche durch ein schreibe für weise, daß sie an fremde Hesse Herschasftliche Handlungs gescheffte machen, und da ich, wie der Herr Land-Gras Sr. Hochfürstl. Durchlaucht mein Gnädigster Herr In Hanau Residirt haben, und in Hanau Viele Englische Wechsel abgegeben werden, und ich da mahl Viele Herschasftliche Englische geschaffte gemacht, so hat mir der Herr Regierungs Rat Wegener ein für schreiben gegeben, wie auf der anderen feite Bemerkt ist, daraus habe Jährlich ein Paß bekome, und endgich ist Herr Regierungs Rat Wegener gestorben, io habe Kein Bezeignis soriges Jahr. Brenge Kon, so habe auch das forige Jahr Lein Pas Bekome, dieses Jahr aber, wo der Herr Land Grass Hochsürstlichc Durchlaucht Kürtzlich in Hanau wahr, so "habe durch Herr v. Trempach welcher mit Smo gesproche widrum Neuer dings für gezeigt, daß ich noch Hoff Factor Bin, weill aber nicht Benennt ist daß ich noch Hochsürstlichc Handels geschaffte mache, so hatt mir der .Hochlob Magistrat allster ein Paß gebe wolle für Mein Eigen Persohn, aber nicht für Mein Sohn so habe Merklich Lieber Kein Paß genome und nicht Anders? habe Kone. Dieses ist alles, was ich in dieser sache sage Kann, in deso Behare und recomandire mich zu dero Aufträge mit Höchster Consideration und Respect Ew Hochwohl Gebohren Mein HochgeEhrteste Herr Registrator gehorsamster Diener Meyer Amschel Rotschild." Franksurth 17. April 1792. Der Adressat ist nicht genannt und war auch nicht zu ermitteln. (Ter Juvenfriedhof am Lido.) lieber diesen ältesten jüdischen Friedhof in Italien schreibt Herr Otto Kahn in der Franks. Ztg. u. o. : Aus einem verlassenen Weg längs der Lagune, der von der Landungsstätte der Dampfer bei Sta. Elisabeth« zum Fort Lt. Niccolo führt, und der von tauben Gräsern und Sauerampfer eingefaßt ist, ge langt man zu der alten Stätte. Sie bietet nicht mehr das Bild poetischer Verwilderung und Zerstörung; seit etwa fünfundzwanzig Jahren ist der größte Teil des Friedhofs ausgelassen, und die Grabsteine sind auf einem engen Raume neu angeordnet. In der Mitte erhebt sich eine aus den ältesten Grabsteinen zusammengesetzte Pyramide, die uns belehrt, daß der Friedhof rin Jahre 1880 angelegt worden ist. Damals war Venedig nach der Besiegung Genuas gerade zur Herriir des Mittelmecrs und des Levantehandels geworden. Was hat die stadt alles seitdem erlebt, lvie oft hat seitdem der Friedhof ans der einst verlassenen Düne sich den traurigen Zug nahen sehen: eine Gondel mit einem rohgezimmerten Brettersarg, über den ein einfaches, schwarzes Tuch gebreitet war, ohne Blumen und ohne Kränze, wie es die jüdische Religion vorschreibt, damit wenigstens im Tode die Menschen auch äußerlich gleich seien. Wie poetisch verwahrlost sah der Friedhis in seiner ursprünglichen Gestalt aus! Die Grabsteine waren von schweren fetten Gräsern, weißblühenden Zwergakazien und wilden Blumen überwuchert. Im Frühling blühten heitere goldene Narzissen, und in, Sommer trieb die wilde Rose ihre Schößlinge und sternförmigen Blumen über die verwitterten Steine. Insekten schwirrten umher, und Vögel sangen. Dicht beim alten liegt der neue Judenfriedhof, der viel Interessantes ans der langen Geschichte der Juden erzählt. Auch seine Grabsteine gehen bis ans die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Die ältesten sind mit braunem Moos bewachsen und werden von üppigem Gras mit rot leuchtendem Klatschmohn, dem